"Klinge-Linge-Lingen": Eine Geschichte zum (Jubiläums-)Jahresabschluss
Wir wünschen Ihnen eine gute Adventszeit, ein frohes Weihnachtsfest und einen guten Jahreswechsel. In Lingen stand das zurückliegende Jahr 2025 ganz im Zeichen des großen Stadtjubiläums “1050 Jahre Lingen”. Im ihk-magazin haben wir darüber berichtet. Zum Abschluss des Festjahres haben wir hier noch eine Geschichte für Sie: “Klinge-Linge-Lingen”. Die spielt zwar nicht auf dem schönen Weihnachtsmarkt, aber direkt in der City.
Autorin der Geschichte ist IHK-Mitarbeiterin Dr. Beate Bößl. Sie sagt: “Mein Herz schlägt beruflich zu einem Drittel fürs Emsland. Dabei gab es schon viele schöne Begegnungen in Unternehmen, Stadt und Kultur. Vielleicht sogar genau 1050. Höchste Zeit, eine Geschichte daraus zu machen.”
Unser Tipp: Im Jubliäumsjahr gab es den Schreibwettbewerb “Lingener Feder”. Daraus entstand der Band “Es geschah in Lingen…”, der 20 weitere Kurzgeschichten enthält. Mehr Infos finden Sie am Textende.
In unserer Kurzgeschichte macht sich eine ungewöhnliche Minigruppe auf den Weg zu einer Stadtführung. Sie landet dabei auch auf dem Marktplatz. Der ist hier zu sehen als Bild aus dem schönen "Lingener Wimmelbuch", das eigens fürs Jubiläumsjahr herauskam.
Klinge-Linge-Lingen
Der eine war klein und pummelig. Der andere groß und schlank. Der Kleine sah mit Helm und Lanze wie aus einem mittelalterlichen Ritterspiel aus. Der Große, als sei er in unterschiedlichen Jahrhunderten eingekleidet worden: Bordeaux-grün glänzte sein Umhang, goldene Kordeln reflektierten das Licht. Am allermeisten sah er wie ein Bischof aus, könnte aber auch ein Kaiser sein, ein Graf oder meinetwegen auch der Häuptling Machurius höchstpersönlich. Es waren da aber auch noch ein Dritter und ein Vierter. Nummer 3 im Bunde zog eine Schnute wie Billy Idol, schüttelte mit dem Kopf herum und machte mit der Hand die Pommesgabel, während die Nummer 4… Also die Nummer 4 stand da in türkisfarbener Jacke und fächelte sich mit einer ausgefalteten Papierserviette Luft zu. Mein erster Eindruck? Nummer 4 schien trotzdem der einzig Normale im Quartett. Jedenfalls wäre er das gewesen, hätte er nicht ans Handgelenk eine Traube türkiser Heliumballons gebunden, als sei er gleich noch im Hähnchengrill verabredet.
Ich hatte zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung, was hier am Campus vor sich ging. Aber als ich nach einem Moment des Erstaunens vom Flur zur weit geöffneten Tür hereinkomme, unterbricht das Quartett seinen munteren Smalltalk. Vier Augenpaare richten sich auf mich. Der Kleine mit der braunen Pluderhose schlägt die Hacken seiner Lederstiefel zusammen, sieht mich streng an, stampft mit der Lanze auf und beginnt zu singen: „Der Bürgersohn als Kiveling / ist überall bekannt / die ganze Heimat von ihm singt / in Stadt und auf dem Land…“ Ich schaue den irritiert an. Und wäre der näher dran gestanden, hätte ich ihm gern den Kopf getätschelt. Was mich aber noch mehr umtreibt als mein Mitgefühl, ist die Frage: „Wollen die mich veräppeln?“
Ich reagiere deshalb fix und tue, als sei das hier so ein bekloppter Battle, so eine gestörte Challenge für Instagram oder TikTok. Ich mache ein albernes „Hey!“ und „Ho!“. Dazu fuchtele ich mit meinen Armen wie Joe Cocker 2002 auf der Meyer-Werft vor der Kulisse vom Kreuzfahrtschiff „Brillance of the Seas“. Dem Typ mit der Pommesgabel-Hand scheint das zu gefallen. Er ruft: „Energy Valley, Baby!“ Dabei zwinkert er mir zu, als wolle er nachher noch Wacken-Wacken-Feuerwehr mit mir spielen. Nun guckten die drei anderen besorgt auf uns zwei.
Es hätte sein können, dass wir alle Fünf im nächsten Moment schreiend Reißaus genommen hätten, um uns dann zeitgleich im Türrahmen zu verkeilen. Tatsächlich aber bricht der kleine, etwas pummelige Ritter die Stille, in dem er ein motziges „Civis, civis Civibus!“ ausruft. Dabei tritt er einen Schritt voran, schaut wieder zu mir hoch, stampft abermals mit der Lanze auf und mahnt forsch: „Ich möchte jetzt endlich mein schönes Lied weitersingen!“ Ich antworte ihm, mehr stakkato als melodiös: „Vielleicht später! Aber bitte nicht jetzt! Ich habe hier einen Bildungsauftrag!“ Und das ist nicht einmal gelogen. Der mit der feinen Kleidung aus dem Laden für christlichen Ornatsbedarf tritt ebenfalls heran, zeichnet ein Kreuz in die Luft und raunt: „Friede sei mit Euch!“ Der Kleine gibt trotzdem Widerworte: „Ich finde das alles doof!“ Wenn er jetzt schon hier sei, nach all den Jahrhunderten, dann wolle er nicht schweigen! Der Mann, der den Segen gesprochen hatte, nickt ihm bestärkend zu: „Das geht mir ganz genauso, werter Bürgersohn!“
Keine Ahnung, von was oder woher die angereist sind. Vielleicht sind das vier Restanten vom Karnevalsumzug. Oder aber… Oh, nein! Meine Güte! Auf einmal überkommt mich ein böser Verdacht. Was, wenn das Ausbrecher sind? Einen Knast hat diese Stadt ja auch noch! Was, wenn der eine den Gefängnisseelsorger und der andere den Psychologen um die Ecke gebracht hat… Mir wird ganz flau. Der Mann in der türkisfarbenen Jacke zieht plötzlich einen Stapel Zettel aus der Hosentasche, die für eine Rabattaktion werben: „2 x Drumsticks, eine große Pommes frites – 8 Euro 80!“ Worauf der Headbanger freudig mein „Hey!“ und „Ho!“ von vorhin imitiert. - Sollten die alle gemeinsam in der Gefängniskantine gearbeitet haben?
Der Türkismann legt die Coupons auf den Tisch und sagt: „Hier! Geschenk des Hauses!“ - Das Wort „Hier!“ ist mein persönliches Escape Room-Wort!
„Hier! Hier liebe Gruppe, sind wir am Campus-Labor für Künstliche Intelligenz, einem Satellitenstandort vom KI Park Berlin“, beginne ich meine Erklärungen, worauf der Türkise und der Metal-Mann sich verdutzt anschauen. Die zwei anderen raunen in seltsamer Synchronität: „Na, habe ich es doch geahnt!“ Ich wiederum nutze die Gunst der Stunde, endlich mit dem anzufangen, für das ich hier gebucht bin. Das heißt auch, die Formalitäten zu wahren. Also sage ich: „Guten Tag meine Herren. Es ist wunderbar, dass Sie heute im schönen Lingen an der Ems zu Gast sind. Für die nächsten gut eineinhalb Stunden bin ich Ihre Stadtführerin. Mein Name ist Ruth Clara Emma Elisabeth.“ Die Namen hatte ich mir auf der Netzseite der Stadt unter „Berühmte Frauen“ gegoogelt. Ich fand das gut, denn wenn ich mich hier blamieren würde, könnte ich mich immer noch sang- und klanglos vom Acker machen. „Wenn Sie mögen“, sage ich an die Gruppe gewandt, „dürfen Sie mich aber gern Theo nennen. Theo ist mein genderdiverser Künstlername!“ Dazu grinse ich breit, weil ich voraussetzte, der ein oder andere kenne die Infotafel an der nahen Bahnhofsunterführung. Aber: Falsch gedacht. Die Herrencombo schaut, als sei ich ein Exportartikel. Angereist nicht von der Wilhelmshöhe, sondern vom Gertrudenberg in Osnabrück.
„Theo-retisch…“ stottere ich, um zu retten, was zu retten war. „Theoretisch nennen Sie mich… – ach, nennen Sie mich doch wie Sie wollen, meinetwegen auch Klinge-Linge-Lingen.“ Wobei ich die letzten und adventlichen Satzteile gekonnt vernuschele. Weil niemand Lanzen stampft, Flyeralarm ausruft oder zum Headbanging ansetzt, ergänze ich lehrerinnenhaft: „Ich erkläre Ihnen das alles, weil dieses Jahr ein besonderes Jahr für uns alle ist!“ - Ich richte mich gerade auf und zitiere den goldigen Jubiläumsslogan 2025: „Damals. Morgen. Mit uns!“ Dazu strecke ich pommesgabel-esk meinen rechten Zeigefinger in die Luft. Während nun nicht mehr ich, sondern ganz offensichtlich die fremden Vier überlegen, was hier vor sich geht, tue ich es ihnen gleich. Ich besinne mich auf das, um das es hier für mich geht: Im städtisch höchst relevanten Festjahr dem Fachkräftemangel zu trotzen!
*
„Man tut, was man kann“, hatte ich daher heute um 8.30 Uhr in der Früh zur maximal freundlichen Frau vom Tourismusamt gesagt, die minimal kurzfristig eine Vertretung für eine Stadtführung gesucht hatte. „Klappt!“, hatte ich ihr ohne Umschweife geantwortet. Was ich ihr nicht verriet? Dass ich gar nicht die war, für die sie mich hielt. Nämlich nicht die resolute Frau Müller, die immer angerufen wurde, wenn die anderen Stadtführer mit Boßel- oder Radfahrgruppen versackt waren und sich von ihren Verpflichtungen abmeldeten. Die Frau Müller, das konnte die Frau vom Tourismusamt nicht wissen, die war verreist. Und da war deshalb nur ich, die etwa halb so alte Vetterin aus Dingsda, die zufällig schon früh zum Blumen gießen in die fremde Wohnung gekommen war. Und die einfach den Telefonhörer abgenommen hatte, der dort noch mit einem gedrehten Kabel an einem Plastikapparat hing.
„Ja“, hatte ich zur Frau vom Tourismusamt gesagt, „ich werde mit den Gästen wie Mary Poppins durch die Burgstraße schweben!“ Und: „Ja, auch schwierige touristische Fälle sind kein Problem für mich!“ Die freundliche Frau vom Tourismusamt jubelte: „Danke! Danke! Danke! Ich wusste es, die 1050 bringt mir Glück!“
Die 1050 war die Telefon-Durchwahl meiner Schwippschwager-irgendwas-Cousinentante und wohl überhaupt der Grund, warum diese vor noch nicht allzu langer Zeit in der 60000-Einwohnerstadt spontan im Tourismusamt vorgesprochen hatte: „Ich muss das unbedingt machen!“, hatte sie zu denen gesagt, und zu mir: „Du weißt, ich liebe Zahlenzufälle!“ Solch ein Zahlenzufall sei ganz gewiss das wundersame Doppel von Telefondurchwahl und Jubiläumszahl.
Aus dem Zahlendoppel hatte meine Schwippschwager-irgendwas-Cousinentante dann ihre ganz eigene, sagen wir: gästeführerische Performance entwickelt. Darin kam unter anderem vor, dass ihre Telefonnummer und die städtische 1050 zusammen die 2010 ergeben. 2010 wiederum war das Jahr, in dem in Lingen die erste Unternehmens-Kita im ganzen Landkreis eröffnete, während Bob Dylan dann sieben Jahre später und mit weit über 70 Jahren in der EmslandArena spielte... – Puh, wie oft hatte ich mir das anhören müssen! Doch meine sehr besondere Verwandte konnte diese Reihe der Zahlen und Zufälle endlos weiterspinnen, konnte gefühlt jedem Knotenpunkt im Radwegenetz ein kleineres oder größeres touristisches Highlight zuordnen.
Das alles tat heute Morgen allerdings wenig zur Sache. Viel wichtiger war: Nach dem Telefonat mit der Frau vom Tourismusamt kam ich mir wie eine Gewinnerin vor. Endlich würde ich alles an Wissen ausbreiten können, für das es bei Kaffee und Kuchen im Verwandtinnen-Wohnzimmer kein Entkommen gegeben hatte! Diese Notfall-Gästeführung, für die ich bereits zu 10.30 Uhr auf den Campus sein sollte, wollte ich zu meinem persönlichen Jubiläumsjahr-Top-Event machen. Doch nun? War ich nicht mehr sicher, ob das eine kluge Entscheidung gewesen war.
*
Um die Sache mit meiner Stadtführung halbwegs vernünftig zu Ende zu bringen, rufe ich: „Bitte folgen Sie mir!“ und beginne, noch während ich schnellen Schrittes durch die Campus-Halle Richtung Innenstadt eile, mit meinen Erklärungen: „Gebaut wurde das Ganze hier 1908 für die Werkstätten der Königlichen hannoverschen Westbahn. Die Stahltragwerk-Konstruktion der Hallen I/II ist 200 Meter lang, 56 Meter breit und 15 Meter hoch. Einst haben hier 2500 Leute gearbeitet. Heute lernen an diesem Außenstandort der Hochschule Osnabrück 2300 Studierende…“
Als ich weder ein Erstaunen darüber vernehme noch Schritte hinter mir höre, drehe ich mich um. Die vier von mir zu Betreuenden sind gute 10 Meter hinter mir stehen geblieben. Sie sehen mich mit großen Augen an. Als wolle er alle aus einer Trance holen, sticht der Kiveling mit einem Mal mit seiner Lanze in die Luftballons! Der Geistliche schüttelt sich vor Schreck. Der Türkise zuckt zusammen. Einzig der Heavy Metal-Typ zeigt keine Regung, weil er wohlmöglich kein Trommelfell mehr hat.
„Machen wir es kurz“, nutzt der Geistliche die Gunst der Sekunde und klingt, als habe er ein Geständnis zu machen: „Ich sage es nicht gern, aber ich vermute, ich bin das Ergebnis von Künstlicher Intelligenz. Emsländischer Künstlicher Intelligenz, die einen schlechten Tag hatte!“ Dann erklärt er, er habe keine Ahnung wie er auf das Gelände der Hochschule und ins KI-Labor gelangt seien könne, ja, nicht einmal eine einzige Erinnerung habe er an seine Anreise! Mit einem Mal, da sei er einfach so dagestanden. Er schaut ratlos in die Runde: „Ich vermute, ich bin ein Avatar. Zusammengesetzt aus der Geschichte Lingens wie sie auf der Webseite der Stadt steht. In mir steckt vermutlich die ganze krude Historie – beginnend im Jahr 975 mit Bischof Liudolf von Osnabrück, der sich mit Kaiser Otto den Zweiten traf… und so weiter und so fort! Lest das mal lieber selbst nach!“, fordert er uns auf. „Da sind so viele Namen und Verwicklungen drin! Es ist zum verrückt werden! Die KI hat einfach alles in mich hineingepackt und ich fühle mich total… - überfuttert!“
Der bunte Rittergesell mischt sich überraschend lautstark ein: „Na, da geht mir ein Licht auf! Ich fühle mich auch ganz internetzig! Ich vermute mich hat die Künstliche Intelligenz aus der Seite kivelinge.de generiert. Und das Lied, das verfolgt mich!“ Er spitzt die Lippen, als wolle er direkt wieder zu singen beginnen. Stattdessen schließt er mit einem: „Oh, je!“ In diesem Moment mischt sich der mit den Ballons - es waren nur noch zwei übrig - ein: „Das gibts nicht! Ich habe mich schon gewundert, was hier los ist. Ich sollte eigentlich den Studenten etwas aus unserem Unternehmen erzählen. Die müssen mir den falschen Raum gesagt haben!“ Worauf die Nummer 3 hinzufügt: „Mir auch! Von mir wollten die etwas über unsere Musik-Sachen wissen, den Onlineversand und all das…“
Ich sehe mich hilfesuchend um, als von der anderen Seite der Halle aus, vermutlich angelockt durch den Ballon-Rabatz, eine Kleingruppe von sieben, acht Personen auf uns zu eilt. Forsch voran: eine genervte Frau. „Wir warten auf unsere Stadtführerin!“, meckert sie drauflos – „seit 20 Minuten! Was ist hier denn bloß los? Ich dachte, die sollen hier alle so emsig sein!“ Und ich denke: „Alle, aber bitte, bitte nicht die…“
„Die Führung fällt heute aus, gute Frau!“, sage ich freundlich, aber bestimmt. „Gehen Sie am besten geradeaus, dann links durch den Tunnel und geradeaus in die Stadt. Am Rathaus rechts machen Sie sich eine schöne Zeit in der ´Alten Posthalterei´! Sie werden es nicht bereuen. – Und: Tschüss!“ Die Frau ist so perplex, dass sie auf dem Absatz umdreht und lautstark meckert: „Das darf doch nicht wahr sein! Wir sind extra aus Münster und Osnabrück angereist!“ - „Retour!“ – ruft sie ihrer Gruppe zu. Und zieht von dannen.
„Sie haben die Angreifer in die Flucht geschlagen!“, jubelt der Kiveling, „Sie sind eine von uns!“ Die anderen drei machen große Augen, bevor der Türkismann sagt: „Braucht hier noch wer dringend einen Kaffee? Oder hat wer Hunger? Ich hätte da eine Idee…“
Auf dem Weg in die Innenstadt versuche ich bildungstechnisch zu retten, was zu retten ist. Ich zeige dazu beim Überqueren der Straße auf einen LKW-Auflieger, sage: „Der ist von hier!“ Und danach auf einen E-Roller: „Der auch!“ Ich zeige außerdem Richtung Wasserturm, Richtung Kunsthalle, Richtung stillgelegtem AKW, Richtung Raffinerie und Richtung Emslandmuseum. Als wir nach links zu den Geschäften ins Lookentor abbiegen, übernimmt unser Kiveling die Ko-Moderation und erklärt, dass der Name sehr viel mit ihm zu tun habe. Der Türkise zeigt uns wenige Meter weiter sein Restaurant, sagt: „Um die Ecke, da ist noch eines!“ Dort sitzen wir sehr nett bei Kaffee und Cola und sind zu Hähnchennuggets und Burgern eingeladen, während er uns berichtet, was eigentlich für die Studierenden vorbereitet war: die Geschichte von der Gründung in den 1960ern, die Story von der Zeit, als serbische Bohnensuppe der Imbiss-Renner war und, dass die Firmenfarbe 1993 von Rot auf Türkis gewechselt war. Zum Abschluss band er mir meine eigene Ballontraube ans Handgelenk und schenkte mir zwei bunte Serviertabletts. Was mich richtig stolz machte.
Einige Meter die Straße herunter, tut es ihm dann der Musikmann in Sachen Firmenführung gleich, sagt: „Herein spaziert!“ – und schwupps stehen wir direkt in seinem pickepacke vollen Store! Den schauten wir uns an und dürfen uns alle ein T-Shirt aussuchen. Unser Bischofs-Kaiser blickte peinlich berührt, aber sehr interessiert auf die krassen Motive. Und unser Kiveling bittet auszurechnen, wieviel Pferdekutschen man wohl für die sehr, sehr vielen Pakete benötigen würde, von deren Versand unser dritter Mann ganz begeistert zu erzählen weiß.
„Was für ein schönes, schlaues Leben einem die Stadtführungen bescheren!“, sage ich glücklich, während wir, wie ich es der Frau vom Tourismusamt versprochen hatte, kurz einige Altstadt-Gassen erkunden, bevor wir zum Abschluss auf der Rathaustreppe stehen. Es ist Mittag. Über uns drehen sich die Figuren vom Glockenspiel, als der Kiveling akutes Heimweh bekommt. „Ich liebe Euch sehr, aber ich muss zurück!“, sagt er, schaut zu uns hoch, stampft die Lanze auf, spricht: „Wir sehen uns Pfingsten 2027! Dann singe ich alle 137 Strophen von meinem schönen Lied für Euch.“ Er hatte sich schon umgedreht, da ruft ihm der Geistliche nach: „Warte, lass uns zusammen gehen!“ Er bedankt sich rasch bei uns Dreien, lächelt und bekreuzigt sich abermals: „Vielleicht bekommen wir ja einen Direktflug ab St. Bonifatius!“
Von den Stufen der Rathaustreppe aus können wir sehen, wie beide lachen und uns ein letztes Mal zuwinken. Bevor sie auf Nimmerwiedersehen verschwinden.
Aus dem Augenwinkel sehe ich jedoch noch etwas… Die Frau mit ihrer Gruppe aus Münster und Osnabrück! Sie steht vor der ´Alten Posthalterei´, zeigt fröhlich auf uns und macht mit den Armen große, runde Bewegungen, ruft schrill: „Huhu! Hier sind wir!“ – Ohne Frage: Sie möchte, dass wir rüberkommen!
Der letzte Satz meiner ersten Stadtführung ist dann viel rascher gesprochen als gedacht: „Es war sehr, sehr schön mit Ihnen!“, sage ich, „aber jetzt müssen sich unsere Wege trennen! Ich zähle bis Drei – wir laufen die Treppe herunter und verteilen uns in drei Richtungen! Okay?“
Die Flucht glückte. Aber zugleich hatte sich unsere sehr besondere Gruppe damit so zufällig aufgelöst, wie sie vor gut eineinhalb Stunden zusammengefunden hatte.
*
Als ich zwei Tage später bei meiner Verwandten klingele, sagt sie, noch bevor ich zu Wort komme: „Ich habe etwas Tolles entdeckt! Wenn man die letzten Zahlen der 0591-Vorwahl von Lingen addiert, ergibt das die 0510. Daraus kann man die Jubiläumszahl bauen!“ Sie klatscht vor Freude in die Hände. - „Verrückt!“, sage ich, „aber nicht so verrückt wie das, was mir passiert ist!“ Dann gestehe ich ihr alles: dass ich an ihr Telefon gegangen bin, meine Hilfe in Sachen Gästeführung und auch, wem alles ich auf dem Campus begegnet war.
Meine Tante glaubt mir kein Wort. „Doch“, sage ich wehmütig, „genauso war es!“ – Als sie sagt: „Das kann doch nicht sein!“ und „Das gibts doch gar nicht!“, da greife ich, als müsse ich mich selbst bestätigen, mit der Hand zur Fensterbank, auf der eine Yucca-Palme steht. Ich greife um den Stängel der Yucca-Palme und stampfte den Topf leicht auf, als sei ich der kleine, etwas pummelige Bürgersohn. Ich schlage ich unter dem Tisch meine Schuhe zusammen und sage: „Das alles geschah in Lingen! An einem einzigen Vormittag!“ Danach stelle ich den Blumentopf wieder ab, machte mit der Hand mein neues Lieblingszeichen und sagte zum Abschluss sehr feierlich zu meiner Schwippschwager-irgendwas-Cousinentante: „Ich schwöre auf die 1050, dass es ganz, ganz genauso war!“
(von Beate Bößl, 2025)
Sie möchten noch mehr Lingen-Geschichten? Das geht! Denn im Jubliäumsjahr gab es den Schreibwettbewerb “Lingener Feder”. Daraus entstand der Band “Es geschah in Lingen…”, der 20 weitere Kurzgeschichten enthält. Das Buch ist erhältlich Lingen Wirtschaft + Tourismus wie bei Kunst & Buch Blanke und Thalia Clubstraße in Lingen Auf der Seite “Lingener Feder” sind außerdem Geschichten zum Anhören eingestellt.