Regionale Konjunktur steckt im Krisenmodus fest

Die Konjunktur in der Wirtschaftsregion Osnabrück-Emsland-Grafschaft Bentheim befindet sich weiter im Krisenmodus. Der IHK-Konjunkturklimaindex kann zwar zulegen, liegt mit 85 Punkten aber weiter deutlich unterhalb des langjährigen Durchschnitts von 106 Punkten. Diese Kernergebnisse ihrer aktuellen Konjunkturuntersuchungen stellten die IHK Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim und Creditreform Osnabrück/Nordhorn jetzt gemeinsam vor.
Zwar beurteilen die regionalen Unternehmen ihre aktuelle wirtschaftliche Lage zum Jahresende deutlich positiver als im Vorquartal: Per Saldo berichten 18 Prozent der Unternehmen von guten Geschäften (+ 16 Prozentpunkte ggü. Vorumfrage). Auch die Geschäftserwartungen mit Blick auf die kommenden Monate fallen freundlicher aus. Nach wie vor überwiegen allerdings mit per Saldo 38 Prozent die Unternehmen, die mit einer schlechteren Konjunktur rechnen (Vorquartal: 61 Prozent). „Die anhaltenden Probleme bei der Energieversorgung schweben wie ein Damoklesschwert über der konjunkturellen Entwicklung. Zwar haben sich wichtige Belastungsfaktoren wie die Gefahr einer Gasmangellage, die hohen Energie- und Rohstoffpreise sowie Materialengpässe zuletzt etwas entspannt. Komplett gebannt sind die Gefahren allerdings nicht“, erläutert IHK-Hauptgeschäftsführer Marco Graf.
KKI IV_2022
Die globalen Produktions- und Zuliefernetzwerke bleiben unvermindert anfällig für Störungen. Zudem wird die Kaufkraft der privaten Haushalte durch die anhaltend hohe Inflation geschmälert, was den privaten Konsum dämpft. Infolge der zahlreichen schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind die Investitionspläne der Unternehmen weiter im Keller: Per Saldo rechnen 13 Prozent der Betriebe mit einem niedrigeren Investitionsvolumen in den kommenden Monaten (Vorquartal: 19 Prozent).
„Wir können davon ausgehen, dass die Wirtschaft nach einem goldenen Jahrzehnt weiter in besonderer Bewegung sein wird und der Ausnahmezustand für viele Firmen anhalten wird. Wir stehen in der Wirtschaft vor vielen Erneuerungen mit auch teilweise radikalen Veränderungen – mit Gewinnern und Verlierern“, erklärt Creditreform-Prokurist Armin Trojahn. Aktuell ist die Lage der regionalen Wirtschaft mit Blick auf Forderungsausfälle besser als erwartet. „Es ist respektabel, was Unternehmer und Mitarbeiter angesichts der wirtschaftlichen Ausnahmesituation in den letzten Jahren geleistet haben – doch die Situation spreizt sich und mehr Unternehmen kommen in kritische Situationen oder fallen gar aus“, so Trojahn. Im IHK-Bezirk seien von den knapp 29.000 Unternehmen 278 Unternehmen ausgefallen. Die Ausfallquote hat sich damit mit einem Wert von 0,97 Prozent deutlich gegenüber dem Vorjahr (0,79 Prozent) verschlechtert. Dennoch liegt sie besser als der Bundeswert (1,17 Prozent).
Ein Blick in die Ergebnisse der einzelnen Branchen zeigt, dass der IHK-Konjunkturklimaindex in nahezu allen Branchen unterhalb des Vorjahreswertes liegt. Dies gilt insbesondere für die Bauwirtschaft, wo sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für die Unternehmen zuletzt wegen steigender Zinsen und hoher Baustoffpreise rapide verschlechtert haben. Für die kommenden Monate rechnen per Saldo 73 Prozent der Betriebe mit schlechteren Geschäften (Vorquartal: 59 Prozent). Zwar ist die Reichweite des Auftragsbestandes noch vergleichsweise hoch, allerdings berichtet per Saldo mehr als jedes zweite Unternehmen, dass die Auftragseingänge rückläufig sind. Kaum besser sieht die aktuelle Situation im Einzelhandel aus, wo jedes zweite Unternehmen mit einem rückläufigen Umsatz in den kommenden Monaten rechnet.
Die meisten Forderungsausfälle gab es mit jeweils 51 Ausfällen im Bereich Handel (Quote 0,97 Prozent) und Baugewerbe (Quote 1,55 Prozent). „Gerade im Bau sieht man die Auswirkungen der gestörten Lieferketten, volatilen Preise sowie den erhöhten Kreditkosten besonders“, so Trojahn. Hilfreich sei, dass viele Unternehmen im Baugewerbe, aber auch im Handel, die guten Jahre genutzt haben, um die Eigenkapitalausstattung deutlich zu erhöhen. Relativ gesehen ist die Ausfallquote mit 1,87 Prozent im Gastgewerbe am höchsten. In der Industrie sowie im Grundstücks- und Wohnungswesen hat sich die Ausfallquote mehr als verdoppelt (21 bzw. 15 Ausfälle, Quote 0,92 Prozent bzw. 0,94 Prozent). „Das Thema Risikomanagement rückt aufgrund vieler Unsicherheiten stark in den Fokus. Empfehlenswert ist eine aktive Finanzkommunikation, um am Markt Vertrauen zu schaffen“, so Trojahn.
Alles in allem bleibe die aktuelle Lage angespannt, so IHK und Creditreform. Problematisch sei, dass nach wie vor keine wirkliche Strategie erkennbar sei, wie Atomstrom und russisches Pipelinegas dauerhaft ersetzt werden könnten. „Flüssiggas ist auf dem Weltmarkt extrem teuer, Kohle gilt als besonders klimaschädlich, und der angestrebte Ausbau erneuerbarer Energien kommt nur schleppend voran“, sagen Graf und Trojahn, die von der Politik eine Investitions- und Umsetzungsoffensive fordern: „Es muss alles dafür getan werden, dass Unternehmen wieder Vertrauen fassen und hier in die Zukunft investieren.“ Dazu sollten nun die richtigen Themen beherzt angepackt werden, beispielsweise gezielte Maßnahmen in der Steuerpolitik oder ein Abbau von bürokratischen Vorschriften. Neben diesen Herausforderungen müssen sich die Unternehmen mehr und mehr den Themen Nachhaltigkeit und Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz stellen.
Hintergrund: Die IHK-Konjunkturumfrage zum 4. Quartal 2022 wurde vom 14. Dezember 2022 bis zum 12. Januar 2023 durchgeführt. 288 Unternehmen nahmen teil. Ergebnisse und Grafiken können dem IHK-Konjunkturbarometer (PDF-Datei · 250 KB) und dem  Regionen-Risiko-Check von Creditreform entnommen werden