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Zukunft wird vor Ort entschieden
Ob Gewerbeflächen oder Genehmigungen, Verkehrswege, Energie- und Breitbandinfrastruktur, ob die Attraktivität der Innenstädte oder die Leistungsfähigkeit der Verwaltung: Viele Standortfaktoren, die Unternehmen unmittelbar betreffen, werden vor Ort beeinflusst. Umso wichtiger ist die Kommunalwahl am 13. September 2026.
In wenigen Tagen werden in Niedersachsen neue Stadt-, Gemeinde- und Samtgemeinderäte sowie Kreistage gewählt. Damit wird zugleich über die wirtschaftliche Zukunft unserer Region entschieden. Vor diesem Hintergrund hat unsere IHK gemeinsam mit Unternehmerinnen und Unternehmern kommunalpolitische Positionen erarbeitet. Die Positionen benennen die wichtigsten Handlungsfelder für die kommenden Jahre und bilden die Grundlage für den Austausch mit den Kandidierenden vor der Wahl sowie später, mit den neu gewählten Mandatsträgern. Im Kern geht es dabei um dieselbe Frage: Wie bleiben unsere Städte, Gemeinden und Landkreise attraktive Standorte für Unternehmen, Beschäftigte und Investitionen?
Wie eng kommunale Entscheidungen und wirtschaftliche Entwicklung zusammenhängen, zeigen drei Beispiele aus der Region.
Investitionen brauchen Raum
Im Industriegebiet Hesepe (Bramsche) investiert die Indulor Chemie GmbH derzeit mehr als 30 Mio. Euro in ihren Standort. Neue Hallen, zusätzliche Produktionskapazitäten und ein neues Technikum sollen die Wettbewerbsfähigkeit des Familienunternehmens langfristig stärken. Das Unternehmen entwickelt und produziert Spezialchemikalien für zahlreiche Industriezweige und ist weltweit tätig. Dennoch bleibt der Standort im Landkreis Osnabrück das Herzstück der Produktion. Die Millionen-Investition zeigt, dass auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten Unternehmen bereit sind, erhebliche Mittel in ihre Zukunft zu investieren. Voraussetzung dafür sind jedoch verlässliche Rahmenbedingungen vor Ort.
Das sagt Thomas Fengler, CEO der Indulor Gruppe: „Die Entscheidung, weiter auch in Hesepe zu investieren, spiegelt in erster Linie unsere Verbundenheit zur Region wider. Hesepe wird dauerhaft eine Hauptrolle in Bezug auf Forschung und Entwicklung spielen. Zudem bleibt Hesepe ein zentraler Standort für die Verwaltungsservices im Firmengruppenkontext. Im Gegensatz dazu sind die wirtschaftlichen und bürokratischen Rahmenbedingungen am Standort ´Europa´ dermaßen herausfordernd, dass bedauernswerterweise weitere weitaus umfangreichere Investitionen im Produktionsbereich in andere Weltregionen verlagert werden müssen, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu erhalten.“
Das Beispiel verdeutlicht, wie wichtig verfügbare Gewerbeflächen, Planungssicherheit und effiziente Genehmigungsverfahren für Investitionen sind. Gleichzeitig spielen weitere Faktoren eine wichtige Rolle: die Verfügbarkeit qualifizierter Fachkräfte, die Erreichbarkeit des Standorts und die Frage, wie schnell Unternehmen auf neue Marktanforderungen reagieren können.
Infrastruktur als Erfolgsfaktor
Dass Infrastruktur heute weit mehr bedeutet als Straßen und Autobahnen, zeigt Westerman Multimodal Logistics, ein Familienunternehmen, das seit fast 150 Jahren besteht und seinen Heimatstandort in Nieuwleusen in der niederländischen Provinz Overijssel hat. Eine Investition tätigt das Unternehmen derzeit in der Gemeinde Laar im Landkreis Grafschaft Bentheim direkt an der niederländischen Grenze. Im dortigen GVZ Europark entsteht ein neuer Logistik-Hub mit mehr als 55 000 qm Lagerfläche, eigenem Gleisanschluss und direkter Anbindung an internationale Warenströme.
Das Projekt steht beispielhaft für die Anforderungen moderner Wirtschaft. Denn: Unternehmen benötigen leistungsfähige Verkehrswege, zuverlässige Energienetze und eine Infrastruktur, die Wachstum ermöglicht. Gleichzeitig gewinnen Themen wie Nachhaltigkeit und die Verknüpfung verschiedener Verkehrsträger zunehmend an Bedeutung.
Rutger-Jan van Broekhoven ist Director Real Estate Development bei Borghese Logistics, Projektpartner von Westerman Multimodal Logistics, und sagt: „Unsere Kunden agieren zunehmend international. Gleichzeitig sehen wir in den Niederlanden zunehmende Einschränkungen aufgrund der Stickstoffthematik und Engpässen in den Stromnetzen. Gerade deshalb bietet die niederländisch-deutsche Grenzregion Chancen. Der Standort in Laar bietet neben der Verfügbarkeit von großen Flächen darüber hinaus einzigartige Möglichkeiten für den Schienenverkehr und passt somit hervorragend zu den strategischen Zielen von Westerman. Für Borghese stellt das Projekt einen logischen nächsten Schritt unserer internationalen Entwicklung entlang der Transportkorridore von Westerman zwischen Nieuwleusen, Laar, Malmö und Verona dar.“
Rutger-Jan van Broekhoven ist Director Real Estate Development bei Borhese Logistics.
Gerade in einer exportorientierten Region wie Osnabrück - Emsland - Grafschaft Bentheim sind leistungsfähige Verkehrs-, Energie- und Datennetze entscheidende Standortfaktoren. Sie beeinflussen Investitionsentscheidungen ebenso wie die Wettbewerbsfähigkeit bestehender Betriebe.
Dazu sagt Rutger-Jan van Broekhoven: „Das Genehmigungsverfahren erfolgte in enger Abstimmung mit den örtlichen Behörden, eine wichtige Voraussetzung für den eng gesetzten Bauzeitenplan, damit das neue Logistikzentrum Ende 2026 in Betrieb genommen werden kann. Westerman und Borghese sehen in dem Standort im GVZ Europark weitere Entwicklungspotentiale für nachhaltigen Güterverkehr auf der Schiene mit ihrem eigenen Gleisanschluss.
Im GVZ Europark baut die Westerman Multimodal Logistics einen Logistik-Hub mit 55 000 qm Lagerfläche
In Bramsche-Hesepe ist die Indulor Chemie GmbH auf Wachstumskurs, investiert mehr als 30 Mio. Euro in neue Hallen, zusätzliche Produktionskapazitäten und ein neues Technikum.
Attraktive Städte stärken die Wirtschaft
Standortqualität endet jedoch nicht am Werkstor. Immer mehr Unternehmen berichten, dass Fachkräfte bei ihrer Arbeitsplatzwahl auch auf Lebensqualität, Freizeitangebote und das Umfeld achten
Ein Beispiel dafür ist der neue Stadthafen in Nordhorn. Mit dem Projekt soll die Innenstadt weiter aufgewertet werden. Geplant ist u. a. ein modernes Welcome Center, in das langfristig auch der VVV Stadt- und Citymarketing Nordhorn einziehen wird. Die Entwicklung erfolgt vor dem Hintergrund eines anhaltenden touristischen Aufschwungs. Nordhorn überschritt 2024 erstmals die Marke von 100 000 Übernachtungen pro Jahr. Gleichzeitig profitieren Einzelhandel, Gastronomie und Dienstleister von einer lebendigen Innenstadt und steigenden Besucherzahlen.
Für den VVV ist der Stadthafen deshalb weit mehr als ein touristisches Projekt. Das sagt Dr. Nils Kramer, Vorsitzender VVV Stadt- und Citymarketing Nordhorn: „Für eine lebenswerte Stadt ist ein lebendiges Stadtzentrum unerlässlich. Das gelingt nicht nur über ansprechende Aktionen und Veranstaltungen des Stadtmarketings, sondern auch durch eine attraktive Infrastruktur mit Aufenthaltscharakter. Der Stadthafen wird Nordhorn nochmal komplett anders erlebbar machen und ist daher eine echte Zukunftsinvestition. Durch die Umsetzung wird die Attraktivität für Handel, Gastronomie und Tourismus deutlich gesteigert. Gerade angesichts des zunehmenden Onlinehandels bleibt die Innenstadt anziehend und wird Shopping zum Erlebnis. Auch darf man den positiven Einfluss auf die Gewinnung von Fachkräften im ländlichen Raum nicht unterschätzen. Denn oftmals entscheiden gerade die sogenannten weichen Standortfaktoren, ob ein Jobangebot angenommen wird oder nicht.“
Attraktive Stadtzentren entscheiden mit über den Erfolg einer ganzen Region. In Nordhorn laufen derzeit die Bauarbeiten für den neuen Stadthafen in Nordhorn.
Kommunalpolitik ist Standortpolitik
Die Beispiele aus Hesepe, Laar und Nordhorn zeigen, wie unterschiedlich kommunale Standortpolitik wirken kann: über Gewerbeflächen, Infrastruktur oder die Attraktivität von Städten und Gemeinden. Gleichzeitig stehen viele Kommunen vor großen Herausforderungen (S. 17). Unternehmen berichten von langen Genehmigungsprozessen und sehen Nachholbedarf bei digitalen Verwaltungsleistungen. Viele Städte und Gemeinden wiederum kämpfen mit steigenden Ausgaben und sinkenden finanziellen Spielräumen. Hinzu kommen Fragen der Fachkräftesicherung, der Infrastrukturfinanzierung und der Wettbewerbsfähigkeit kommunaler Abgaben und Hebesätze. Umso wichtiger ist ein konstruktiver Dialog zwischen Wirtschaft, Politik und Verwaltung. Die Themen liegen auf dem Tisch. Nun kommt es darauf an, die richtigen Prioritäten zu setzen. Die Kommunalwahl bietet eine wichtige Gelegenheit. Denn ob Unternehmen investieren, Arbeitsplätze schaffen und sich langfristig am Standort engagieren: Vor Ort wird über die Zukunft entschieden.
Das historische Rathaus in Lingen, Emsland.
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Christian Weßling
Öffentlichkeitsarbeit, Wirtschaftspolitik, International
Projektleiter Wirtschaftspolitik und -statistik