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Nr. 7189404
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Herausfordernde Zeiten im Handel

Kaum eine Branche wartet so sehnsüchtig auf eine konjunkturelle Wiederbelebung wie der Handel. Doch Verunsicherungen wie die Sorge um den Arbeitsplatz oder geopolitische Spannungen führen zu Konsumzurückhaltung. Weil auch politische Impulse auf sich warten lassen, gilt es, den dynamischen Veränderungsprozess selbst aktiv anzugehen.
Wie gedrückt die Stimmung in der Branche ist, zeigt ein Blick auf unsere aktuelle IHK-Konjunkturumfrage. Darin gaben zur Jahresmitte 2026 rund 44 % der Handelsunternehmen in der Region an, die aktuelle Lage sei schlecht – und nur 3,5 % bewerteten sie als gut. Auch für die Zukunft sahen die Händler keine Besserung: Über die Hälfte (51 %) erwarten eine Verschlechterung der Lage.

Baustellen als Belastungsprobe

Die Ursachen für den fehlenden Optimismus sind vielschichtig. Dazu gehören neben der Konsumzurückhaltung der Verbraucher insbesondere die steigenden Energiekosten oder auch der Fachkräftemangel. Kommen externe Effekte wie Baustellen hinzu, lassen sich betriebliche Konsequenzen kaum noch vermeiden. Diese Erfahrung musste auch Andre Kallmeyer machen, der den Edeka-Markt in Osnabrück-Lüstringen betreibt. Zwei Jahre sind für die Baustelle an der Mindener Straße veranschlagt. Mit dem Beginn Anfang Juli verschlechterte sich die Erreichbarkeit und ging der Umsatz um mehr als 20 % zurück.
Als wir Andre Kallmeyer im Sommer an einem späten Freitagvormittag besuchten, brauchte es nur eine geöffnete Kasse, um der Kundschaft gerecht zu werden. „Ohne die Baustelle wären jetzt, zur Haupteinkaufszeit für Hausfrauen, eigentlich vier Kassen geöffnet“, beschreibt der Unternehmer die indirekte Wirkung von Baumaßnahmen auf seinen Supermarkt. Hinzu kommt: Weil die Baustelle länger als ein Jahr dauert, wurde die beantragte Kurzarbeit abgelehnt. Konsequenz: Kallmeyer musste sich schweren Herzens von sämtlichen Aushilfen, zwei Teilzeit- und zwei Vollzeitkräften trennen. „Ich konnte so zwar die Personalkosten um etwa 20 % senken“, sagt er. Damit sei der Umsatzrückgang jedoch keineswegs kompensiert, denn alle anderen Betriebskosten fallen unabhängig vom Umsatz weiterhin an. „Darum sind die nächsten zwei Jahre für uns sehr herausfordernd. Zudem ist unklar, ob die bewährten Kräfte noch zur Verfügung stehen, wenn wir sie wieder brauchen. Auch ist unklar, ob die Kunden später wiederkommen, die sich baustellenbedingt auf andere Supermärkte umorientieren“, sagt der 49-Jährige, der den Edeka-Markt seit 2001 betreibt. Seine Erkenntnis: „Eine solche Baustelle erfordert eine frühzeitige Kommunikation seitens der Stadt und der ausführenden Unternehmen. Nur so können wir uns und unsere Kunden auf die Maßnahme vorbereiten. Natürlich wäre es hilfreich, wenn solche Baustellen schneller beendet, nicht unter Vollsperrung durchgeführt und Umleitungen möglichst kleinräumig eingerichtet werden. Zudem sind Hinweisschilder auf die Erreichbarkeit der Betriebe erforderlich.“

Überall Konsumzurückhaltung

Die Konsumzurückhaltung der Verbraucher trifft vor allem Sortimente des mittel- bis langfristigen Bedarfs. Also Produkte, die Kunden nicht so regelmäßig einkaufen und deren Anschaffungen auch mit höheren Kosten verbunden sind. Hierzu gehören neben Möbeln auch Uhren, Schmuck, Schuhe und Bekleidung. Und damit viele Sortimente, die vor allem in den Innenstädten angeboten werden.

Auch dort ist die Lage schwierig und wird verschärft durch strukturelle Veränderungen in den Städten. Ein Beispiel: Zwar haben sich die Passantenfrequenzen in vielen Zentren nach den Einschränkungen der Corona-Pandemie teilweise wieder erholt, das Niveau früherer Jahre wird jedoch häufig noch nicht erreicht. Gleichzeitig hat sich das Einkaufsverhalten der Kunden verändert. Der stationäre Handel konkurriert heute nicht nur mit anderen Geschäften, sondern zunehmend mit dem Onlinehandel, der rund um die Uhr verfügbar ist und eine hohe Preistransparenz bietet.

City-Attraktivität zählt

Für die Innenstädte bedeutet dies, dass die reine Versorgungsfunktion nicht mehr ausreicht, um Kunden anzuziehen. Wer heute Kundinnen und Kunden erreichen möchte, muss ihnen Aufenthaltsqualität bieten. Attraktive öffentliche Räume, eine ansprechende Gestaltung von Plätzen und Fußgängerzonen, Aufenthaltsbereiche, Gastronomieangebote sowie kulturelle Veranstaltungen tragen dazu bei, die Verweildauer zu erhöhen. Denn wo Menschen gerne Zeit verbringen, steigt auch die Wahrscheinlichkeit von Spontankäufen und damit für einen zusätzlichen Umsatz. Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit sind dabei die drei wesentlichen Aspekte, die die subjektive Wahrnehmung der Besucher prägen. Genau dieses Thema haben die niedersächsischen IHKs jüngst aufgegriffen und das Impuls-Papier „Zentren-SOS – Sicherheit, Ordnung und Sauberkeit als Standortfaktor für lebendige Innenstädte in Niedersachsen“ veröffentlicht.
Einen echten Mehrwert bringen zudem Einkaufserlebnisse, die zunehmend an Bedeutung gewinnen. Kunden erwarten heute Beratung, Service, Inspiration und persönliche Einkaufserlebnisse, die online nicht in gleicher Weise geboten werden. Insbesondere inhabergeführte Fachgeschäfte verfügen hier über große Stärken. Allerdings erfordert die Schaffung solcher Erlebnisse zusätzliche Investitionen in Personal, Ladenbau, Digitalisierung und Marketing. Viele Betriebe stehen damit vor der Herausforderung, einerseits ihre Kosten zu begrenzen und andererseits ihr Angebot weiterzuentwickeln. Um die Innenstädte als Handelsstandorte langfristig zu sichern, sind deshalb gemeinsame Anstrengungen von Kommunen, Immobilienbesitzern, Stadtmarketingorganisationen und den Händlern selbst erforderlich. Nur wenn Erreichbarkeit, Aufenthaltsqualität und Einkaufserlebnis zusammengedacht werden, können die Innenstädte auch künftig ihre Funktion als lebendige Wirtschafts- und Begegnungsräume erfüllen. Unsere IHK unterstützt die Unternehmen genau in diesen Punkten. Im Rahmen der politischen Interessenvertretung wird z.B. auf die Bedeutung einer guten Erreichbarkeit, Erleichterungen bei den verkaufsoffenen Sonntagen oder die Standortnachteile zusätzlicher kommunaler Steuern wie der Verpackungssteuer hingewirkt.

Unsere IHK bietet Unterstützung

Mit unseren Stellungnahmen zu großflächigen Ansiedlungsvorhaben sowie Einzelhandels- und Zentrenkonzepten setzen wir uns dafür ein, dass die Innenstädte attraktiv bleiben und die innerstädtischen Sortimente auch weiterhin ganz überwiegend in den Ortszentren angeboten werden. Damit die Innenstadt-Akteure voneinander lernen und sich besser vernetzen können, laden wir regelmäßig zu Cityrundgängen ein, zuletzt nach Haselünne (siehe Seite 34).
Im jährlichen Wechsel erstellt unsere IHK einen Handelsmonitor für die Stadt Osnabrück sowie den Mittelzentrenmonitor. Damit stellen wir Politik und Verwaltung detaillierte Analysen zu den wichtigsten Handelsstandorten in unserer Region zur Verfügung und ­diskutieren die Ergebnisse zudem intensiv mit den Bürgermeistern und Wirtschaftsförderern. Bei unserem ersten gemeinsamen IHK-Handelsforum mit dem Handels- und Dienstleistungs­verband Osnabrück-Emsland haben wir in diesem Jahr Unternehmenskonzepte vorgestellt, die sich im schwierigen Marktumfeld behaupten.

Anlass zur Zuversicht

Trotz aller Herausforderungen gibt es auch Anlass zur Zuversicht. Der stationäre Handel bleibt für viele Menschen weit mehr als ein Ort des Einkaufens. Persönliche Beratung, die Verfügbarkeit von Waren und das besondere Einkaufserlebnis vor Ort sind Stärken, die der Onlinehandel nicht ersetzen kann. Allerdings wird sich der Erfolg nicht von allein einstellen. „Wer darauf wartet, dass sich Konsumklima, Frequenzen und Umsätze wieder auf das Niveau vergangener Jahre entwickeln, dürfte enttäuscht werden. Gefragt sind vielmehr unternehmerischer Mut, die Bereitschaft zur Anpassung und neue Ideen, um Kunden zu begeistern und dauerhaft zu binden“, unterstreicht Carla Gundlach, Vorsitzende des IHK-Fachausschusses Handel. „Bei allen wirtschaftlichen Herausforderungen dürfen wir dabei eines nicht vergessen: Im Handel geht es immer um Menschen – um unsere Kunden, unsere Mitarbeiter und unsere Lieferanten. Wenn wir den Mensch in den Mittelpunkt stellen, entstehen Begegnungen, die in Erinnerung bleiben, und besondere Momente, die den Unterschied machen. Genau darin liegt für mich eine große Chance des Handels.“

Zugleich müssen Kommunen und Wirtschaftspartner ihren Beitrag leisten, die Rahmenbedingungen für attraktive Innenstädte und starke Handelsstandorte zu verbessern. Dort, wo Händler Kooperationen eingehen und ihre Stärken ausspielen, bestehen auch im anspruchsvollen Marktumfeld gute Chancen für den Erfolg. Denn der Handel befindet sich nicht am Ende eines Weges, sondern mitten im tiefgreifenden Wandel, den es aktiv zu gestalten gilt.
Gerhard Dallmöller
Standortentwicklung, Innovation und Energie
Projektleiter Handel und Stadtmarketing