"Standortfaktor Gesundheit"

Die wirtschaftliche Bedeutung der Gesundheitswirtschaft in unserer Region ist beträchtlich: Unternehmen aus dieser Branche zählen zu den größten Arbeitgebern. Der Anteil der Beschäftigten hat in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich zugenommen. In Zahlen: Im Jahr 2014 waren bereits mehr als 55 000 Menschen in der Gesundheitswirtschaft beschäftigt. Bis zum Jahr 2024 hat sich diese Zahl auf mehr als 70 000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte erhöht. Das entspricht einem Anteil von rund 17 % aller Erwerbstätigen. Die Branche erweist sich damit als tragende Säule des Arbeitsmarktes und bietet Stabilität auch in Krisenzeiten.

Starker Hochschulstandort bringt Dynamik

Der Fachkräftemarkt profitiert dabei besonders von den starken Hochschulstandorten Osnabrücks: Rund 2 750 Studierende mit Bezug zum Thema Gesundheit sind an Universität und Hochschule eingeschrieben, insgesamt gibt es 19 Studiengänge mit direktem Bezug zur Gesundheit. Damit bildet die Region nicht nur den Nachwuchs aus, sondern stärkt auch ihr Profil als Forschungsstandort.

Startup-Szene mit Strahlkraft

Ein besonders dynamisches Element ist die Startup-Szene in der Region. Dessen Knotenpunkt ist der „Osnabrück Healthcare Accelerator“ (OHA), der seit 2021 innovative Ideen für die Gesundheitswirtschaft fördert. Als einer der bundesweit führenden Acceleratoren hat der OHA längst überregionale Strahlkraft entwickelt. Aus den knapp 250 Startup-Bewerbungen, die der OHA erhielt, wurden bisher 50 Teams ausgewählt und intensiv begleitet. 43 davon sind heute erfolgreich am Markt aktiv.

pheal GmbH entwickelt "Blutlabor am Arm"

Wie stark die Unterstützung durch eine gezielte Förderung wirken kann, das zeigt die Erfolgsgeschichte des Deep-Tech-Startups pheal. Dessen Idee: Ein sogenanntes Smart Patch, ein sensorbasiertes Pflaster, das ein kontinuierliches Monitoring zentraler Gesundheitsmarker in Echtzeit abbildet – eine Art „Blutlabor am Arm“. „Unser Ziel ist es, Gesundheit nicht erst dann in den Fokus zu rücken, wenn Krankheiten bereits da sind, sondern frühzeitig gegenzusteuern für mehr Prävention und Eigenverantwortung im Gesundheitswesen“, berichtet die Biomedizinerin Dr. Agnes Musiol. Die gebürtige Polin lebt seit mehr als 20 Jahren in Osnabrück und ist Mitgründerin der pheal GmbH.
Dass das Pflaster ein Mammutprojekt sein würde, war dem Gründerteam, zu dem auch Eike Kottkamp, studierter Mechatroniker aus der Nähe von Lübbecke, gehört, von Anfang an klar. Hohe Regulierungsdichte, lange Entwicklungszyklen und begrenzter Zugang zu Finanzierungsmöglichkeiten waren Hürden, die das Startup nur mit zielgerichteter Förderung und engen Kooperationen würde bewältigen können. Wegweisend war dabei die Unterstützung des OHA, der ihnen wichtige Hintergrundinformationen zu rechtlichen Fragen, zur Struktur und zu den Herausforderungen der Branche vermittelte. Zudem eröffnete der OHA dem Team den Zugang zu wertvollen Netzwerken, konkret: zu zentralen Stakeholdern der Gesundheitswirtschaft wie Kliniken, Unternehmen und Krankenkassen. „Unser Mut, Dinge neu zu denken, und die Beharrlichkeit, sie auch umzusetzen, gepaart mit der Unterstützung des OHA, waren für die Entwicklung unseres Unternehmens entscheidend“, beschreibt Dr. Agnes Musiol den Weg ihres Startups.

Mittelstand als starkes Rückgrat

Neben jungen Unternehmen bringen etablierte Mittelständler Stärke in die Gesundheitswirtschaft. Die Gesundheitswirtschaft umfasst nicht nur Krankenhäuser, Kliniken und Pflegeeinrichtungen, sondern auch alle Branchen, die darauf abzielen, Gesundheit, Teilhabe und Selbstständigkeit zu erhalten oder wiederherzustellen. Dazu gehören Medizin- und Therapiegeräte, Hilfsmittel, Rehabilitation, Prävention, Mobilitätshilfen, Assistenzsysteme und vieles mehr.

pfautec GmbH sorgt für Mobilität

Ein Beispiel dafür ist die pfautec GmbH aus Quakenbrück, die seit 1999 Zwei-, Drei- und Vierräder für Menschen mit Mobilitäts­einschränkungen produziert. Ein Kernaspekt dabei ist die Frage, wie Mobilität bei körperlichen, psychischen oder auch sozialen Einschränkungen ermöglicht werden kann. „Hier spielen technische Hilfsmittel eine zentrale Rolle“, sagt Christian Westerkamp, Geschäftsführer von pfautec. „Mit Spezialrädern schließen wir die Lücke zwischen reinen Hilfsmitteln, wie z. B. Rollstühlen oder Rollatoren, und aktiver Mobilität. Wenn Menschen mobil bleiben, führt das zu besserer Genesung, mehr Teilhabe, geringerer Pflegebedürftigkeit und oft geringeren Kosten für das Gesundheitssystem.“
Als deutsches Unternehmen produziert pfautec „Made in Germany“ mit eigener Fertigung und Montage und legt dabei großen Wert auf Qualität und Sicherheit.
Die Geschäftsführung hat im Jahr 2021 einen Generationenwechsel vollzogen: Christian Westerkamp, zuvor langjähriger Mitarbeiter und Management-Assistent bei pfautec, übernahm Anfang 2021 die Geschäftsführung von Firmengründer Friedrich Schlüter. Gleichzeitig wurde Andre Stuckenberg, der bereits Verantwortung in der Produktentwicklung und -steuerung trug, als Prokurist eingesetzt und später ebenfalls in die Geschäftsführung berufen. Gemeinsam betonen sie: „Forschung, Kooperationen mit Hochschulen und gelebte Inklusion sind Teil unserer Unternehmensphilosophie. Daher gehören zu unserem Team aus 74 Mitarbeitenden neben vier Auszubildenden auch zwei Mitarbeiter aus der Inklusionsgruppe der Heilpädagogischen Hilfe, die in ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis übernommen wurde.“
Die Produkte aus dem Artland sind weltweit gefragt, der Absatz – u. a. über den Reha-Sanitätshandel und Fahrradfachhandel – erfolgt in 16 EU-Länder, die USA und Australien. „Der Markt entwickelt sich mit Blick auf die Altersstruktur und Akzeptanz von Dreirädern als Mobilitätslösung positiv. Die gesteigerte Lebenserwartung und die Zunahme älterer Bevölkerungsgruppen begünstigen die Nachfrage“, heißt es. Herausfordernd seien unsichere politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen wie zum Beispiel die US-Zollpolitik.

Diagnostik mit internationalem Fokus

Die Vielfalt zeigt sich auch an Unternehmen, die seit Jahrzehnten wissenschaftliche Präzision mit internationaler Reichweite verbinden. Während pheal und pfautec Maßstäbe in den Bereichen digitale Innovation und Mobilitätslösungen setzen, hat sich die LDN Labor Diagnostika Nord GmbH & Co. KG aus Nordhorn auf die Labordiagnostik spezialisiert. Das Familienunternehmen mit 39 Mitarbeitenden entwickelt und produziert in vitro Diagnostika für Klinik und Forschung und vertreibt sie in über 80 Länder weltweit.

„Was uns bremst und unsere internationale Wettbewerbsfähigkeit gefährdet ist eine ausufernde Bürokratie in Kombination mit einer im internationalen Vergleich viel zu hohen Regulierung und einer gleichzeitig vorherrschenden Rechtsunsicherheit bezüglich Zulassungsverfahren in Europa“, sagt LDN-Geschäftsführer Georg Manz. „Dabei beweisen wir mit unserem Vertrieb in über 80 Länder, dass Innovationen für die Gesundheitswirtschaft aus dem Mittelstand weltweit gefragt sind.“
Aktuell stelle dabei insbesondere die Zollpolitik der USA eine der größten Herausforderungen für das Geschäft dar. Aufgrund der internationalen Vertriebsstruktur und langjähriger Kooperationen mit Partnern ist die LDN breit aufgestellt und kann innovative Produkte schnell in ihr Netzwerk integrieren. Dr. Manz: „Kleine und mittelständische Unternehmen wie die LDN sind der Motor der Innovation in unserer Branche, da für Firmen unserer Größe auch Bereiche interessant sind, die für Großunternehmen wirtschaftlich nicht relevant sind. Dies betrifft vor allem die Spezialdiagnostik von seltenen Erkrankungen.“

Unser Resümee

Fassen wir es zusammen: Ob Startups wie pheal, ­Mittelständler wie pfautec oder international tätige Diagnostik­spezialisten wie LDN – die Gesundheitswirtschaft in unserer Region ist breit aufgestellt. Sie verbindet Stabilität am Arbeitsmarkt mit ­Innovationskraft, fördert Prävention und Teilhabe und stärkt durch Forschung und Kooperationen den Standort nachhaltig.
Katja Sierp
Standortentwicklung, Innovation und Energie
Projektleiterin für Tourismus und Gesundheitswirtschaft