"Erfolgreiche Gesundheitsversorgung braucht Vertrauen und Kooperation“

Die Niels-Stensen-Kliniken mit knapp 6 000 Mitarbeitenden sind der größte Gesundheitsverbund und ein bedeutender Arbeitgeber unserer Region. Die Verantwortung für eine gute Gesundheitsversorgung ist sehr hoch: Allein im Marienhospital Osnabrück mit 630 Betten werden 35 000 stationäre und über 70 000 ambulante Patienten pro Jahr behandelt. Wir sprachen mit Christina Jaax, Geschäftsführerin für „Unternehmensstrategie, Finanzen, Baumaßnahmen und Gremien“ über die aktuellen Herausforderungen der Klinikgruppe in einem sehr dynamischen Umfeld.
_ Sie sind seit Februar 2024 als Geschäftsführerin für die Niels-Stensen-Kliniken verantwortlich und blicken auf eine lange Karriere als Juristin zurück. Was hat Sie bewogen, diese Herausforderung anzunehmen?
Ich war vor meiner Tätigkeit bei den Niels-Stensen-Kliniken beim Bistum Osnabrück beschäftigt. Dort habe ich die Kirchengemeinden sowie Alten- und Tagespflegeeinrichtungen betreut. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit Bewohnerinnen und Bewohnern, Patientinnen und Patienten hat mich von Beginn an begeistert. Umso mehr freue ich mich, nun Teil des Niels-Stensen-Verbundes zu sein.
_ Was macht die Arbeit in bischöflicher Trägerschaft besonders?
Christliche Träger übernehmen – anders als private Anbieter – eine uneigennützige Verantwortung für die Menschen in der Region. Wir teilen christliche Werte und erfüllen den Versorgungsauftrag ohne Gewinnorientierung – das unterscheidet uns von privaten Trägern. Eine Trägervielfalt im Gesundheitssystem ist aus meiner Sicht sehr wertvoll – auch wenn der Wettbewerb mit öffentlichen und privaten Kliniken mitunter herausfordernd ist.
_ Zu Beginn Ihrer Tätigkeit ging es direkt darum, eine Insolvenz abzuwenden, Ihre Medizinstrategie 2028 umzusetzen und die Standorte Natruper Holz und Ostercappeln zu schließen. Das ist keine leichte Aufgabe. Was hat Sie motiviert?
Mein Antrieb ist es, die tagtäglich von unseren Mitarbeitenden geleistete wertvolle Arbeit für Patientinnen und Patienten sowie für die Menschen in der Region weiterzuentwickeln. Dabei geht es darum, aus den sehr herausfordernden Rahmenbedingungen das Beste zu machen – mit dem Ziel, langfristig wirtschaftlich tragfähige Lösungen zu schaffen.
_ Würden Sie die operative Umsetzung der Schließungen als erfolgreich bezeichnen?
Die Sanierung eines Verbundes braucht Zeit und ist auch nach der Umsetzung der Verlagerungen noch nicht abgeschlossen. Das derzeitige Gesundheitssystem funktioniert in dieser Form nicht mehr – bundesweit wird das gesamte Gesundheitswesen gerade grundlegend reformiert. Diese Entwicklung ist richtig und notwendig, wird aber auch unsere Region vor weitere Veränderungen stellen. Für diesen Wandel brauchen wir das Vertrauen der Belegschaft, viel Flexibilität und Veränderungsbereitschaft. Die letzten Monate haben gezeigt: Unsere Mitarbeitenden ziehen an einem Strang. Darauf bin ich sehr stolz.
_ Wenn Sie politische Herausforderungen nennen, welche sind das?
Die Krankenhausreform – das Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz (KHVVG) – befindet sich mitten in der Umsetzung und prägt die zukünftige Krankenhauslandschaft maßgeblich. Das Gesetz bringt unter anderem neue finanzielle Leitplanken und strukturelle Vorgaben für definierte Leistungsgruppen. Eine verlässliche, langfristige Planung ist unter diesen Bedingungen derzeit eine große Herausforderung.
_ Was bedeutet das KHVVG aktuell für Sie?
Das KHVVG setzt grundsätzlich die richtigen Impulse. Zukünftig sollen 60 % der Betriebskosten über eine sogenannte Vorhaltefinanzierung abgedeckt werden – die verbleibenden 40 % weiterhin über Fallpauschalen. Vorhaltefinanzierung und Leistungsgruppen sind dabei eng miteinander verknüpft. Nur Krankenhäuser, die die Qualitätsanforderungen ihrer jeweiligen Leistungsgruppen erfüllen, bekommen die Leistungsgruppe zugewiesen. Das Gesetz verpflichtet uns somit, in Osnabrück eine patientenorientierte und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähige Versorgungsstruktur gemeinsam zu gestalten.
_ Ist das am Standort Osnabrück eine Herausforderung?
Die Region Osnabrück verfügt über ein breites medizinisches Leistungsangebot. Eine vertiefte Zusammenarbeit der Krankenhäuser wird entscheidend sein, um dieses Niveau zu halten. Gemeinsam mit dem Klinikum Osnabrück arbeiten wir daran, die medizinischen Schwerpunkte künftig gezielter aufeinander abzustimmen. Die jüngst geschlossenen Kooperationsvereinbarungen zu den Leistungsgruppen Senologie, Urologie und Mund-­Kiefer-Gesichtschirurgie sowie die gerade unterzeichnete Absichtserklärung zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind. Dennoch sind die in diesem Abstimmungsprozess entstehenden He­rausforderungen vielschichtig und wir benötigen Vertrauen von allen, die an der Versorgung der ­Patienten beteiligt sind.
_Welche Rolle spielt das Land Niedersachsen dabei?
Dies ist nur in enger Abstimmung mit dem Land Niedersachsen möglich, das für die Krankenhausplanung verantwortlich ist. Von dort wird die Eigeninitiative der Träger für eine bessere Kooperation mit Wohlwollen betrachtet.
_ Das klingt sehr anspruchsvoll. Versteht die Öffentlichkeit, was Kliniken gerade leisten müssen?
Die Öffentlichkeit erwartet zu Recht die Sicherheit, dass Angehörige oder man selbst im Notfall jederzeit bestmöglich medizinisch versorgt werden. ­Damit dies gelingt, braucht es ein reibungsloses Zusammenspiel aller Beteiligten: die Krankenhausträger für die stationäre Versorgung, Stadt und Landkreis für den Rettungsdienst, das Land für Krankenhausplanung und Investitionen, Bund, Krankenkassen und weitere Kostenträger für die laufende Finanzierung. Nicht zuletzt spielt die enge Verzahnung mit den niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten eine zentrale Rolle. Denn durch medizinischen Fortschritt und Vorgaben der Kosten­träger werden stationäre Aufenthalte zunehmend kürzer oder entfallen zugunsten ambulanter Versorgung ganz.
_ Stichwort Transformation: Was müssen Patienten dabei lernen?
Es geht darum, die neuen Strukturen zu verstehen und – dort, wo es möglich ist – ihr Verhalten entsprechend anzupassen. Ein gutes Beispiel ist die Notaufnahme: Viele Menschen kommen mit kleineren Verletzungen oder Erkrankungen dorthin, etwa weil die Hausarztpraxis geschlossen ist. Doch die Mitarbeitenden in den Notaufnahmen sind für lebensbedrohliche Erkrankungen, schwere Verletzungen oder starke Schmerzen zuständig. Am Wochenende hilft der ambulante Bereitschaftsdienst bei kleineren Anliegen.
_ Ein wichtiger Garant sind gut ausgebildete ­Ärzte. Stadt und Landkreis Osnabrück planen eine private Hochschule für Humanmedizin. Ein Gewinn für Sie und die Region?
Wir begrüßen die Initiative. Die klinische Ausbildungsphase der zukünftigen Studierenden würde auch in unseren Einrichtungen stattfinden. Viele Studierende bleiben später an ihrem Studienort – dieser sogenannte „Klebeeffekt“ kann die Zahl der potenziell verfügbaren Ärztinnen und Ärzte in der Region deutlich erhöhen. In den kommenden Jahren kommt allerdings noch ein erheblicher Aufwand auf alle am Projekt Beteiligten zu.
_ Welche Wünsche haben Sie an die Politik?
Wir wünschen uns eine auskömmliche Finanzierung für die laufenden Kosten und für notwendige Investitionen. Und wir hoffen, dass der lang angekündigte Bürokratieabbau nun endlich konkret wird. Ärztinnen und Ärzte, Pflegekräfte und alle anderen Berufsgruppen könnten den Patientinnen und Patienten noch mehr Zeit widmen – wenn statt auf Dokumentation wieder mehr auf Vertrauen gesetzt würde.
_ Eine letzte Frage: Sie blicken in 10 Jahren auf unsere Region. Was sehen Sie?
Ich sehe ein starkes Netzwerk, in dem Patientinnen und Patienten individuell und situationsgerecht begleitet werden. Die Digitalisierung bietet uns dabei die Chance, uns besser zu vernetzen und gleichzeitig mehr Raum für persönliche Zuwendung zu schaffen. So rückt der Mensch noch stärker in den Fokus – und wir können im Krankenhaus, im MVZ oder in einer sektorenübergreifenden Einrichtung gezielter helfen als je zuvor.
Anke Schweda
Standortentwicklung, Innovation und Energie
Geschäftsbereichsleiterin, Mitglied der Geschäftsführung