Im Titelinterview: Nils Fischer, Gymnasium In der Wüste
„Berufsorientierung muss Erlebnischarakter haben“
Seit 2018 leitet Nils Fischer das Osnabrücker Gymnasium „In der Wüste“. Neben langjähriger Berufserfahrung bringt er einen Master in Bildungs- und Wissenschaftsmanagement mit – eine Kombination, die ihn besonders für die Herausforderungen moderner Schulentwicklung qualifiziert. Ein Herzensthema: die Berufsorientierung.
_ Was hat Sie ursprünglich dazu bewogen, Schulleiter zu werden – und was begeistert Sie bis heute?
Mich hat von Beginn an gereizt, Verantwortung zu übernehmen und Schule aktiv zu gestalten. Leitung bedeutet für mich nicht nur Organisation, sondern vor allem Entwicklung: Zusammenarbeit fördern, wo sie sich nicht von selbst ergibt, Prozesse effizienter machen, Konflikte entscheiden und die Schule als Ganzes zukunftsfähig aufstellen. Natürlich sind die Spielräume für Schulleitungen begrenzt. Aber meine Erfahrung hat gezeigt, dass man auch mit kleinen Hebeln viel bewirken kann, und genau das motiviert mich bis heute. Entscheidend ist die Zusammenarbeit mit einem engagierten Kollegium. Das Umfeld, in dem ich arbeiten darf, ist Antrieb und Bestätigung zugleich.
_ Die Berufsorientierung spielt an Ihrer Schule eine zentrale Rolle. Welche konkreten Angebote machen Sie Ihren Schülerinnen und Schülern – auch im Hinblick auf die Berufsausbildung?
Berufsorientierung verfolgen wir seit Jahren systematisch. Zukunftstag, Bewerbungstraining, Profil-AC, Praktikum, Kooperation mit der Agentur für Arbeit und Besuche im Berufsinformationszentrum oder von Berufsmessen sind feste Bestandteile. Doch wir merken: Diese klassischen Formate erreichen Jugendliche immer weniger. Wer glaubt, Jugendliche ließen sich über E-Mails zu zweistündigen Online-Events oder einem langen Vortrag motivieren, verkennt ihre Lebenswelt. Berufsorientierung muss Erlebnischarakter haben und echte Praxiserfahrungen ermöglichen. Deshalb entwickeln wir unser Konzept in den kommenden Monaten grundlegend neu und setzen auf authentische Begegnungen und viel mehr Praxiserfahrungen, etwa mit der erneuten Fahrt zur IdeenExpo in 2026 mit der gesamten Schulgemeinschaft.
_ Ab wann beginnt die Berufsorientierung an Ihrer Schule – und warum halten Sie diesen Zeitpunkt für richtig?
Formal ab Klasse 5 mit der ersten Teilnahme am Zukunftstag. Entscheidend ist aber, dass wir Gymnasien ergebnisoffen vorbereiten. Nicht alle gehen bis zum Abitur, viele wählen bewusst eine Ausbildung. Bewusst provokant gesagt: Mindestens die Hälfte der Schülerinnen und Schüler ist am klassischen Gymnasium falsch aufgehoben – nicht wegen mangelnder Begabung, sondern weil das System an den Bedarfen vorbeibildet. Die Arbeitswelt wandelt sich rasant. Akademische Tätigkeiten geraten durch Künstliche Intelligenz unter Druck, handwerkliche Berufe bleiben gefragt. Ich halte es für sinnvoll, ab Klasse 9 wirklich in die Tiefe einzusteigen und vielfältige Praxiserfahrungen zu ermöglichen.
_ Wie gelingt es Ihnen, auch die Eltern aktiv in diesen Prozess einzubeziehen?
Eltern begleiten den Zukunftstag, informieren sich auf Elternabenden und bringen eigene Berufsfelder ein. Ihre Rolle ist wichtig, aber ambivalent: Häufig werden vertraute Wege wiederholt. Wertvoll ist, wenn Eltern Mut machen, Neues zu wagen und Durchhaltevermögen fördern. Wer Erfahrungen sammelt, trifft bessere Entscheidungen, dabei können Eltern entscheidend helfen.
_ Welche Rolle spielen Kooperationen mit Unternehmen, Hochschulen oder unserer IHK?
Ohne Partner ist gute Berufsorientierung nicht möglich. Lehrkräfte bringen pädagogische Expertise mit, doch oft fehlt der direkte Blick in die Wirtschaft. Unternehmen, Hochschulen und Verbände wie die IHK öffnen Türen, schaffen Praxisnähe und geben Orientierung. Die IHK spielt dabei eine Schlüsselfunktion als Netzwerkerin und Ideenentwicklerin. Sie bringt Schulen und Betriebe zusammen und unterstützt vor Ort mit Programmen wie den Ausbildungsbotschaftern.
_ Gibt es ein Projekt oder eine Zusammenarbeit, auf die Sie besonders stolz sind?
Besonders stolz sind wir auf die Verankerung von Unternehmertum in unserer Berufsorientierung. Mit der breiten Teilnahme an der „MACHAcademy“ der Coppenrath-Stiftung und Programmen wie „Zukunft. Unternehmen.“ der Bohnenkamp-Stiftung fördern wir unternehmerisches Denken von der Idee über Finanzierung und Marketing bis zur Umsetzung. Schülerinnen und Schüler lernen, Verantwortung zu übernehmen, kreativ zu arbeiten, Probleme zu lösen. Unternehmertum ist in einer Gesellschaft zentral, denn es sind Unternehmerinnen und Unternehmer, die Mehrwert schaffen, Risiken eingehen, Innovationen vorantreiben, Ideen und neue Technologien zusammenführen.
_ Was sind aus Ihrer Sicht die größten Herausforderungen, wenn es darum geht, Schule und Arbeitswelt enger zu verzahnen?
Die größte Hürde liegt im System Schule selbst. Während sich Unternehmen ständig neu erfinden, verharren Schulen in Strukturen des 19. Jahrhunderts. Sie arbeiten in Jahrgängen, Klassen und Fächern, alle im gleichen Takt, unabhängig von Tempo oder Talent. Doch Berufsorientierung ist individuell. Sie braucht Freiräume, flexible Zeitfenster und Prioritätenverschiebung. Solange Schule starr bleibt, bleibt Berufsorientierung ein Anhängsel. Wir brauchen individuelle Lernpfade, adaptive Prüfungen und die Anerkennung externer Leistungen. Schulen müssen Teil eines Bildungsnetzwerks werden. Ich plädiere für eine Bildungspflicht statt Schulpflicht, die man über den Besuch öffentlich-rechtlicher und privatwirtschaftlicher Lernorte und der Vielzahl an analogen und digitalen Angeboten auf dem Bildungsmarkt erfüllen kann.
_ Wenn Sie einen Wunsch an Unternehmen formulieren könnten – was sollte sich verbessern?
Unternehmen sollten sich bildungspolitisch stärker einbringen und Anforderungen klar artikulieren, ganz konkret vor Ort über die Schulträger oder auch landesweit über Kontakte in die Schulaufsicht und Kultusbürokratie. Bildung darf nicht allein der öffentlichen Verwaltung oder sonstigen Lobbygruppen überlassen werden. Öffentliche Schulen brauchen datengebundenes Management, Kostenbewusstsein, Zielvorgaben, auf jeden Fall auch marktwirtschaftliche Impulse. Für all dies liegt die Kernkompetenz bei Unternehmen. Diese sollten nicht warten, wen Schulen ´liefern´, sondern mitgestalten, damit das System zukunftsfähig bleibt.
_ Welche Empfehlungen geben Sie Ihren Kollegen, die sich im Bereich Berufsorientierung stärker positionieren wollen?
Ich sehe große Chancen, die neuen Freiräume des Landes Niedersachsen mutig zu nutzen. Die modernisierte Erlasslage auch im Bereich Berufsorientierung schafft Sicherheit und fördert Innovation. Niedersachsen ist derzeit eines der fortschrittlichsten Bundesländer im Bildungsbereich. Basiskompetenzen stehen im Fokus, Gestaltungsspielräume werden deutlich erweitert. Entscheidend ist, Grenzen zu überschreiten und externe Partner einzubeziehen. Die IHK in Osnabrück bietet hier beispielhaft Unterstützung. Wenn wir unsere Stärken mit externen Partnern verbinden, wird Berufsorientierung zu einem zentralen Pfeiler moderner Schulentwicklung.
Kontakt
Juliane Hünefeld-Linkermann
Aus- und Weiterbildung
Stv. Hauptgeschäftsführerin, Geschäftsbereichsleiterin