Wirtschaft unter Druck

Konjunkturbericht Niederrhein

Dreimal im Jahr befragt die Niederrheinische IHK ihre Mitgliedsunternehmen nach ihrem Befinden: Im Fokus stehen Geschäftslage, Zukunftsaussichten, Auftragseingänge, Auslandsgeschäfte, Investitionen, Beschäftigung und Risiken für die wirtschaftliche Entwicklung. Befragt werden alle Branchen: Industrie-, Groß- und Einzelhandel sowie die Dienstleister. Damit liefert die IHK die einzige Gesamtschau dafür, wie sich die Wirtschaft in der Region entwickelt.

Frühsommer 2022: Krieg und Corona-Folgen lassen Wirtschaft straucheln

Der Konjunkturklimaindex für den Niederrhein, der Lage und Erwartungen zusammenfassend darstellt, sinkt gegenüber dem Jahresbeginn von 111 auf 99 Punkte.
Die Unternehmen am Niederrhein sind besorgt: Gestörte Lieferketten, hohe Rohstoffpreise und die unsichere Energieversorgung wirken sich immer stärker auf ihren Alltag aus. Zwar beurteilen 30 % der Betriebe ihre Lage als gut (Jahresbeginn: 37 %) und nur 10 % berichten von schlechten Geschäften. Hier wirken die Industrie und der Handel aktuell noch als Konjunkturstütze. Aber der Wind dreht sich: Vielerorts stockt die Produktion und die Lager sind überfüllt. Die Zuversicht der Betriebe schwindet merklich.
Jedes dritte Unternehmen am Niederrhein (34 %) rechnet mit schlechter werdenden Geschäften, Tendenz steigend. Ähnlich schlechte Werte gab es in der Vergangenheit nur zu Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 und zur Finanzkrise 2009. Als Folge investieren die Betriebe zurückhaltender und oft kurzfristig. Vor allem der Handel sieht schwere Zeiten auf sich zukommen. 40 % der Betriebe rechnen mit schlechteren Geschäften. Auch die Industrie korrigiert ihre Erwartungen dramatisch nach unten: 34 % gehen nun von Einbußen aus (Jahresbeginn: 14 %). Die weiter steigende Inflation dämpft die Erwartungen an die kommenden Monate. Unternehmen und Konsumenten halten ihr Geld fest.
Die Energie- und Rohstoffpreise führen die Liste der größten Wirtschaftsrisiken zum vierten Mal in Folge an. Mit 83 %* betroffener Unternehmen wird ein historischer Höchstwert erreicht (Jahresbeginn: 75 %*). Die Preisentwicklung gefährdet damit die Konjunktur über alle Branchen hinweg. Nahezu jedes Industrieunternehmen sieht hierdurch seine wirtschaftliche Zukunft gefährdet (99 %*, Jahresbeginn: 92 %*). Während gesamtwirtschaftlich die Energiepreise als größeres Risiko (73 %*) wahrgenommen werden als die Rohstoffpreise (65 %*), fürchtet die Industrie vor allem die Preisentwicklung auf dem Rohstoffmarkt (82 %*).
Angesichts von Krieg, Sanktionen und Inflation wächst der Einfluss wirtschaftspolitischer Rahmenbedingungen (60 %*, Jahresbeginn: 47 %*) auf den Geschäftsverlauf. Die starken Preissteigerungen treiben zudem die Arbeitskosten in die Höhe, die Inlandsnachfrage gibt deutlich nach (jeweils 46 %*). Trotz wirtschaftlicher Ungewissheit bleibt der Fachkräftemangel ein Top-Risiko (58 %*). Gerade im Logistiksektor schränkt der Personalmangel (72 %*) die Transportkapazitäten weiter ein und belastet die ohnehin gestörten Lieferketten zusätzlich.
* Mehrfachnennungen möglich.

Die Ergebnisse stammen aus der Konjunkturbefragung der Niederrheinischen IHK, an der sich 300 Unternehmen aus den Branchen Industrie, Handel und Dienstleistungen mit rund 45.000 Beschäftigten beteiligt haben. Diese Ergebnisse fließen auch in die jeweils aktuelle Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), in den Ruhrlagebericht, das Konjunkturbarometer Rheinland sowie in den Konjunkturbericht Nordrhein-Westfalen von IHK NRW mit ein.

Jahresbeginn 2022: Verhaltener Start – Unsicherheit trotz voller Auftragsbücher

Der Konjunkturklimaindex, der Lage und Erwartungen zusammenfassend darstellt, sinkt im Vergleich zum Herbst um 10 Zähler auf 111 Punkte.
Konjunkturklimaindex JB 2022
Zum Jahresbeginn zeigt sich die Wirtschaft am Niederrhein insgesamt weiter gut aufgestellt. Die konjunkturelle Erholung hat jedoch einen Dämpfer bekommen. Gründe liegen in weiter verschärften Lieferkettenengpässen, massiv gestiegenen Energiekosten und einer steigenden Inflation. Hinzu kommt die Sorge um Handelsbeschränkungen und einen unwägbaren Pandemieverlauf.
Lage und Erwartungen JB 2022
Gesamtwirtschaftlich hat sich die Zahl der positiven Stimmen verringert und die Zahl der negativen Bewertungen im Vergleich zum Herbst erhöht (37:17; Herbst: 40:12). Die Industrie wirkt weiter als Konjunkturstütze: Bei jedem zweitem Unternehmen belebt die gute Auftragslage derzeit die Geschäfte (48 %, Herbst 54 %). Die Stimmung im Handel und bei den Dienstleistungsunternehmen hat sich hingegen deutlich eingetrübt. Jedes fünfte Unternehmen (Handel 20 %, Dienstleistungen 21 %) berichtet von Einbußen. Angesichts vielfältiger Marktrisiken drosseln die Unternehmen branchenübergreifend ihre Erwartungen an die kommenden Monate. Nur noch jedes 5. Unternehmen (21 %, Herbst 29 %) blickt optimistisch auf 2022. Nach dem weitgehend ausgefallenen Weihnachtsgeschäft und unter anhaltenden Pandemie-Auflagen ist die Stimmung im Gastgewerbe besonders kritisch.
Risiken JB 2022
Zum dritten Mal in Folge rangieren mit 75 %* (zuvor 66 %*) die Energie- und Rohstoffpreise auf Platz 1 der Risiken. Unter den Industriebetrieben sehen sogar 92 %* (zuvor 85 %*) hierin eine Gefahr für ihren Fortbestand. Stuften im Herbst noch rund 39 %* aller Betriebe die Energiekosten und 57 %* den Rohstoffmangel als riskant ein, stehen nun mit 60 %* die Energiekosten als Risiko vor dem Rohstoffmangel (54 %*). In der Industrie zeigen sich hinsichtlich des Rohstoffmangels 80 %* besorgt. Die reibungslose und termingerechte Abwicklung von Aufträgen bleibt somit in Gefahr.
Während der Gaspreis in erster Linie durch geopolitische Spannungen mit Russland anzieht, führt die weltweite konjunkturelle Erholung zu einem andauernd hohen Nachfrageschub an Rohstoffen und Vorprodukten: Ein Ende an Materialengpässen, Lieferverzögerungen und hohen Energiepreisen ist – besonders während der anhaltenden Heizperiode – nicht abzusehen. Der Fachkräftemangel bleibt mit 58 %* (vormals 59 %*) eines der Top-Risiken für unsere Wirtschaft. Besonders in Sorge ist hier die Industrie (65 %*). Der Arbeitskräfteengpass sowie die
gestiegenen Arbeitskosten (40 %*, zuvor 33 %*) belasten darüber hinaus vor allem die personalintensiven Wirtschaftsbereiche.
*Mehrfachnennungen möglich
Die Ergebnisse stammen aus der Konjunkturbefragung der Niederrheinischen IHK, an der sich 320 Unternehmen aus den Branchen Industrie, Handel und Dienstleistungen mit rund 45.000 Beschäftigten beteiligt haben. Diese Ergebnisse fließen auch in die jeweils aktuelle Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK), in den Ruhrlagebericht, das Konjunkturbarometer Rheinland sowie in den Konjunkturbericht Nordrhein-Westfalen von IHK NRW mit ein.