PERFORM Zukunftsfähige Gewerbegebiete

Gewerbegebiete klimaresilient entwickeln

Klimarisiken sind Standort- und Wirtschaftsrisiken

Hitzewellen, Starkregen, Trockenperioden und Stürme stellen bestehende Gewerbe- und Industriegebiete vor neue Herausforderungen. Die Folgen können Unternehmen unmittelbar treffen: durch Schäden an Gebäuden und Infrastruktur, Produktionsausfälle, eingeschränkte Erreichbarkeit oder Belastungen für die Beschäftigten.
Damit wird Klimaresilienz zu einer Frage der Standortqualität und der wirtschaftlichen Risikovorsorge.
Doch wie stark ist ein konkretes Gewerbegebiet tatsächlich betroffen? Wo liegen die größten Risiken? Und welche Möglichkeiten haben Kommunen und Unternehmen, bestehende Standorte an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen?
Mit diesen Fragen beschäftigte sich die IHK Darmstadt gemeinsam mit der Hochschule Darmstadt, der TU Darmstadt und acht Kommunen aus Südhessen.

Vom Klimawandel zum konkreten Gewerbestandort

Das Projekt „Gewerbegebiete klimaresilient entwickeln“ lief von April bis September 2021. Rund 50 angehende Bau- und Umweltingenieurinnen und -ingenieure der Hochschule Darmstadt untersuchten bestehende Gewerbegebiete und machten mögliche Auswirkungen von Hitze, Sturm und Starkregen anhand von Klimawandelszenarien sichtbar. Daraus wurden konkrete Maßnahmenvorschläge für Kommunen und ansässige Unternehmen entwickelt.
Untersucht wurden Gewerbegebiete in:
  • Alsbach-Hähnlein
  • Bickenbach
  • Groß-Gerau
  • Mörfelden-Walldorf
  • Mühltal
  • Münster
  • Pfungstadt
  • Riedstadt.
Der entscheidende Perspektivwechsel dabei:
Nicht nur fragen, was der Klimawandel allgemein bedeutet – sondern untersuchen, was er für den konkreten Wirtschaftsstandort bedeutet.

Was wir aus dem Projekt gelernt haben

1. Klimarisiken sind wirtschaftliche Risiken

Klimatische Veränderungen sind für Unternehmen nicht nur ein Umwelt- oder Zukunftsthema.
Starkregen kann Gebäude, Lagerbestände und technische Anlagen beschädigen. Hitze kann Arbeitsbedingungen und Produktivität beeinträchtigen. Sturm kann Infrastruktur und Betriebsabläufe treffen.
Die Widerstandsfähigkeit eines Gewerbestandorts wird damit zu einem Faktor für die betriebliche Sicherheit und die langfristige Standortentscheidung.
Genau deshalb sollte Klimaresilienz bei der Weiterentwicklung bestehender Gewerbegebiete nicht isoliert betrachtet werden. Die ursprüngliche Projektbeschreibung der IHK hebt bereits Sachschäden, Produktionsausfälle sowie Auswirkungen auf Produktivität und Wohlbefinden der Beschäftigten als wirtschaftlich relevante Folgen hervor.

2. Jedes Gewerbegebiet hat ein eigenes Risikoprofil

Gewerbegebiete unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Bebauung, Topografie, Versiegelung, Grünstrukturen, Entwässerung und Infrastruktur.
Deshalb trifft beispielsweise Starkregen nicht jedes Gebiet auf die gleiche Weise. Auch bei Hitze können sich Belastungen je nach Bebauungsstruktur und Freiraumanteil erheblich unterscheiden.
Es gibt deshalb keine pauschale Lösung für klimaresiliente Gewerbegebiete.
Der erste Schritt muss immer sein, die konkrete Situation vor Ort zu verstehen.

3. Der Bestand ist Herausforderung und Potenzial zugleich

Viele Gewerbegebiete bestehen seit Jahrzehnten. Straßen, Gebäude, Parkplätze und Betriebsflächen sind vorhanden, Eigentumsverhältnisse verteilt und betriebliche Abläufe etabliert.
Das macht Veränderungen komplexer als bei einer neuen Gebietsentwicklung.
Gleichzeitig liegt genau darin ein Potenzial: Nicht jede Verbesserung erfordert eine neue Fläche. Bestehende Parkplätze, Dachflächen, Grundstücksfreiflächen, öffentliche Räume oder Entwässerungsstrukturen können schrittweise weiterentwickelt werden.
Klimaresilienz wird damit zu einem Bestandteil der Bestandsentwicklung.

4. Versiegelte Flächen sind ein mehrfaches Thema

Hohe Versiegelung kann bei Starkregen die Aufnahme von Niederschlagswasser erschweren und gleichzeitig zur Aufheizung des Standorts beitragen.
Damit wird die Gestaltung von Freiflächen zu mehr als einer Frage des Erscheinungsbilds. Entsiegelung, Begrünung, Verschattung und ein intelligenter Umgang mit Regenwasser können mehrere Anforderungen gleichzeitig adressieren.
Genau diese Mehrfachwirkung ist für bestehende Gewerbegebiete besonders interessant: Eine Maßnahme kann gleichzeitig das Klimarisiko reduzieren und die Qualität des Standorts verbessern.

5. Klimaanpassung endet nicht an der Grundstücksgrenze

Ein Unternehmen kann sein eigenes Grundstück anpassen. Viele für die Erreichbarkeit und Funktionsfähigkeit eines Gewerbegebiets entscheidende Strukturen liegen jedoch außerhalb einzelner Grundstücke.
Straßen, Entwässerung, öffentliche Grünflächen oder Wege betreffen mehrere Unternehmen gleichzeitig.
Umgekehrt können Maßnahmen auf privaten Grundstücken positive Wirkungen für das gesamte Gebiet entfalten.
Klimaresilienz ist deshalb eine Gemeinschaftsaufgabe von Kommune und Unternehmen.

6. Klimaanpassung sollte mit anderen Standortthemen verbunden werden

Die Projektarbeit zeigt einen wichtigen Grundsatz für die Weiterentwicklung bestehender Gewerbegebiete:
Gute Maßnahmen lösen möglichst mehrere Probleme gleichzeitig.
Ein Baum kann beispielsweise Verschattung schaffen und die Aufenthaltsqualität verbessern. Eine entsiegelte Fläche kann Regenwasser aufnehmen und gleichzeitig zur Aufwertung des Freiraums beitragen. Begrünte Dächer können die Gebäudetemperatur beeinflussen und zusätzliche ökologische Funktionen übernehmen.
Damit wird Klimaanpassung nicht zu einem zusätzlichen Einzelthema, sondern zu einem Baustein einer ganzheitlichen Standortentwicklung.

Was bedeutet das für Kommunen?

Wer ein bestehendes Gewerbegebiet klimaresilient weiterentwickeln möchte, sollte zunächst einige grundlegende Fragen stellen:

Risiken erkennen

  • Wo bestehen Risiken durch Starkregen?
  • Welche Bereiche sind besonders hitzeexponiert?
  • Welche Gebäude und Infrastrukturen sind besonders empfindlich?
  • Welche betrieblichen Abläufe könnten bei Extremwetter beeinträchtigt werden?

Potenziale erkennen

  • Wo gibt es ungenutzte oder wenig genutzte Flächen?
  • Wo kann entsiegelt oder begrünt werden?
  • Wo fehlen Verschattung und Aufenthaltsbereiche?
  • Wo kann Regenwasser zurückgehalten oder versickert werden?

Zuständigkeiten klären

  • Was kann die Kommune beeinflussen?
  • Was liegt in der Verantwortung der Unternehmen?
  • Wo sind gemeinsame Lösungen sinnvoll?
  • Welche Maßnahmen können mit ohnehin geplanten Investitionen verbunden werden?
Der entscheidende Schritt ist damit nicht die Suche nach einer Standardmaßnahme, sondern die Entwicklung eines standortbezogenen Handlungsansatzes.

Was bedeutet das für Unternehmen?

Auch Unternehmen können die Klimaresilienz ihres eigenen Standorts systematisch betrachten.
Zum Beispiel:
  • Ist das Grundstück bei Starkregen gefährdet?
  • Wo entstehen bei Hitze besonders hohe Temperaturen?
  • Gibt es ausreichend Verschattung für Beschäftigte?
  • Welche technischen Anlagen oder Lagerbereiche sind besonders gefährdet?
  • Können Dach- oder Fassadenflächen genutzt werden?
  • Gibt es Möglichkeiten zur Entsiegelung?
  • Wie kann Niederschlagswasser auf dem Grundstück besser zurückgehalten werden?
  • Welche Maßnahmen lassen sich mit ohnehin anstehenden Bau- oder Modernisierungsmaßnahmen verbinden?
Klimaanpassung muss dabei nicht zwangsläufig ein eigenes Großprojekt sein. Häufig lassen sich Maßnahmen mit ohnehin geplanten Investitionen verbinden.

Eine wichtige Erkenntnis: Nicht alles muss gleichzeitig passieren

Die Weiterentwicklung eines bestehenden Gewerbegebiets ist ein langfristiger Prozess. Deshalb geht es nicht darum, einen Standort innerhalb kurzer Zeit vollständig umzubauen. Sinnvoller kann es sein, Risiken zu priorisieren und Maßnahmen Schritt für Schritt umzusetzen.
Ein anstehender Parkplatzumbau kann beispielsweise genutzt werden, um Entsiegelung und Verschattung mitzudenken. Eine Gebäudesanierung kann mit Begrünung oder sommerlichem Wärmeschutz verbunden werden. Eine ohnehin geplante Straßen- oder Freiraumgestaltung kann Aspekte des Regenwassermanagements berücksichtigen.
Klimaresilienz kann so in die normale Standortentwicklung integriert werden.

Projektdaten

  • Projektzeitraum: April 2021 bis September 2021
  • Projektpartner: IHK Darmstadt, Hochschule Darmstadt, TU Darmstadt
  • Projektkommunen: Alsbach-Hähnlein, Bickenbach, Groß-Gerau, Mörfelden-Walldorf, Mühltal, Münster, Pfungstadt und Riedstadt.
  • Projektergebnisse: Erhalten Sie unter weiterführende Informationen

Weiterführende Informationen

Wir möchten durch das Projekt einen Beitrag zur Vernetzung in der Region leisten. An dieser Stelle finden Sie weitere Links und Downloads.
  • Die IHK Darmstadt bietet vielfältige Informationen und Unterstützungsleistungen im Bereich Energie und Umwelt an. Unser ETA Plus Netzwerk richtet sich an alle Akteure im Bereich Klima und Energie. Natürlich stehen wir Ihnen auch persönlich zur Erstberatung zur Verfügung.
  • Das Hessische Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie (HLNUG) unterstützt und berät private und öffentliche Akteure zu Klimawandel in Hessen. Das Fachzentrum Klimawandel und Anpassung bietet vielfältige Informationen und Unterstützungsleistungen. Eine Onlinebroschüre (nicht barrierefrei, PDF-Datei · 3923 KB) unterstützt Unternehmer ihren Standort klimaresilient zu gestalten.
  • Die LEA Hessen übernimmt im Auftrag der Hessischen Landesregierung zentrale Aufgaben bei der Umsetzung der Energiewende und des Klimaschutzes. Ein Schwerpunkt der Aktivitäten richtet sich an hessische Kommunen, die vielfältige Unterstützung bei kommunalen Strategien und Maßnahmen zum Klimaschutz, zur Energieeffizienz, Energieeinsparung und zum Ausbau erneuerbarer Energien erhalten können. Die LEA versteht sich auch als Informationsplattform für Bürgerinnen und Bürger sowie für Unternehmen und alle Arten von Organisationen in Hessen.
  • Für Kommunen bietet das Deutsche Institut für Urbanistik interessante Publikationen in den Bereichen Klimawandel und Finanzierbarkeit.
  • Ein starkes überregionales Netzwerk: “Gewerbeflächen im Wandel – Grün statt Grau” mit Schwerpunkt in Nord-Rhein-Westfahlen bietet Auschtausch zu Projekten. Auch die IHK Darmstadt ist neu im Netzwerk vertreten.
  • Klimaanpassung im Stadtumbau mittels einer Toolbox können Sie aus verschiedenen Handlungsfeldern wählen https://www.planergemeinschaft.de/toolbox/klimaanpassung-im-stadtumbau
  • Stadtklimalotse unterstützt vor allem kleine und mittlere Kommunen bei verschiedenen Themenfeldern http://www.plan-risk-consult.de/stadtklimalotse/