Schokoladig – So schmeckt Neuseeland

Kommt irgendwo das Gespräch auf Neuseeland, schwärmt mit hundertprozentiger Sicherheit sogleich jemand versonnen: „Ach ja, Herr der Ringe“. Seufz. Dabei hat Neuseeland viel mehr zu bieten als eine faszinierende Kulisse für Tolkiens mythische Mittelerde und Hobbit Frodo. Der Inselstaat hat eine ausgeprägte Kaffeehauskultur, die Cafés sind oft urig und fast immer unverwechselbar individuell gestaltet. Keine Filialoptik von der Stange. Mit ihrem Kapai Kaffeehaus haben Katharina und Brad Kerr vor sechs Jahren ein Stück dieser noch gar nicht so alten neuseeländischen Lebensart nach Braunschweig ins Kultviertel geholt.
Anlass und Ambiente entsprechend beginnt man so ein Interview natürlich mit einem Kaffee. Der Flat White besticht schon optisch mit einem perfekt in den Milchschaum gezogenen Silberfarnmotiv, der dortigen Nationalpflanze, deren Zweige auch das Wappen Neuseelands zieren. Mehr neuseeländische Authentizität in der Tasse und auf der Haube geht eigentlich nicht. Oh doch! „Wir wollten, dass unser Kaffee neuseeländisch schmeckt“, sagt Katharina Kerr. Okay, aber wie bitte schmeckt Neuseeland? Der Kaffee schmeckt exzellent, vollmundig, keine unangenehme Säure oder Bitterkeit im Abgang. Aber neuseeländisch?
Katharina Kerr ist eine Kaffeeenthusiastin
Katharina Kerr, das muss man sagen, ist eine Kaffeeenthusiastin, die sich von der Bohne über naked portafilter bis hin zum perfekten, den Geschmack nicht verfälschenden Kaffeebecher der Marke Keep Cup für ihr Produkt begeistern kann. „Die Neuseeländer mögen ihre Bohnen medium geröstet, der Geschmack tendiert in Richtung schokoladig“, erklärt die 35-Jährige. Exakt diesen Geschmack Neuseelands liefert eine Berliner Rösterei.
Die Röstung der Bohne allein ist es denn aber doch nicht, die das Kapai Kaffeehaus so neuseeländisch macht, denn mal ganz ehrlich: nicht jeder Gaumen kommt der schokoladigen Note sogleich auf die Spur. Es ist eher die Kaffeekarte, die sich an den in Neuseeland üblichen Namen für die Kaffeespezialitäten orientiert. Praktischerweise sind zu den Getränkevarianten immer Tassen gezeichnet, die Auskunft über das genaue Mischverhältnis geben.

Kalter Kaffee, der wie ein Guinness aussieht
Katharina Kerr genehmigt sich ein Glas, das ausschaut wie ein Guinness. Ist aber kalter Kaffee und heißt Nitro cold brew. Diese neuseeländische Spezialität wird kalt gebrüht, zieht über Nacht und wird dann gezapft. Daher auch die Guinnessoptik. Sehr erfrischend.
Die gebürtige Gifhornerin und der Neuseeländer Brad Kerr (39) lernten sich in England kennen. Kaffee war schon immer seine Leidenschaft. Diverse große und kleine Maschinen zur Verfertigung von Kaffee gibt es in dem mittlerweile vierköpfigen Haushalt. Und Brad scheut auch Experimente nicht: Sogar in einer Popcornmaschine hat er schon mal Kaffeebohnen geröstet. Es geht im Übrigen die Kunde, dass es in Neuseeland mehr Kaffeeröster pro Kopf als irgendwo sonst auf der Welt gebe.
Als die Hospitality Managerin und der Soldat mit ihrer Tochter 2014 ein Jahr in Neuseeland lebten, reifte der Entschluss: Wir machen ein Café auf. Das Wort „machen“ muss man sich doppelt unterstrichen vorstellen, denn die beiden machten ihr Café im Wortsinn von Grund auf selbst. Sanierten und renovierten, Katharina verfugte die Wand mit dem schönen Sichtmauerwerk. Eine Geduldsprobe, die sich gelohnt hat. Sie ölten die Dielen selbst und weil das bei ebay gekaufte grüne Ledersofa bereits da war, vertäuten sie es mit Seilen und ließen es über dem Boden von der Decke baumeln. Freunde und Familie packten auch mit an, das handwerkliche Geschick von Brad erübrigte den Gang ins Einrichtungshaus: Bänke und Tresen baute er selbst.

Wellblechtresen ist eine Hommage an Neuseeland
Am Tresen hat Brad Wellblech verarbeitet, was nicht nur gut aussieht und originell ist, sondern auch eine Hommage an die Heimat ist: „Neuseeländer lieben Wellblech“, sagt Katharina. Die großformatigen Fotos sind Lieblingsmotive der jungen Mutter, die nicht nur ihr Herz an einen Neuseeländer verlor, sondern auch die Liebe zu diesem Land glaubhaft verkörpert.
So pendelt das Café angenehm zwischen entspanntem Szenetreff mit Großstadtflair, wo es natürlich für die Kleinsten einen Fluffy (Milchschaum mit Streuseldeko) gibt, derweil Mama sich mit Freundinnen eine Runde Klönzeit gönnt. Und Wohnzimmer für jedermann, wo ein Bilderrahmen mit vergilbten Fotos und Knöpfen daran erinnert, dass hier mal die Schneiderei Bunka und Kruse Maß nahm, die im Krieg den teuren Tweed aus Schottland im Keller versteckte. Wo auch nicht geleugnet wird, dass hier vor Zeiten mal eine Kneipe war, in der auch Darts gespielt wurde. Ein heller Streifen auf dem Boden zeugt noch von einem Klebestreifen, der genau den Abstand zur Dartscheibe bemaß.
Wiedererkannt zu werden ist ein Zeichen von Wertschätzung
Deshalb fühlen sich hier wohl auch generationsübergreifend alle wohl. Am Nebentisch sitzen Studenten über einer Gruppenarbeit, zwei Männer verschwinden im lauschigen Außenbereich, wo sich auch eine Zigarette zum Kaffee verköstigen lässt. „Brad kennt alle Stammkunden, wenn die reinkommen, weiß er schon, was gewünscht wird“, sagt Katharina, die sich um die Buchhaltung kümmert und zudem gerade ihren Master für das Realschullehramt absolviert. Wiedererkannt zu werden, findet sie, sei auch ein Zeichen von Wertschätzung. Als käme man nach Hause.
Eine ältere, sehr feine Dame schockiert ihre Kinder gern, indem sie sagt, sie gehe jetzt wieder zum Café am Puff. Die Lulu-Bar ist direkt gegenüber. Die Bruchstraße um die Ecke. Na und! So geht eben Großstadt.
Die Speisen sind, Sie ahnen es schon, natürlich auch allesamt neuseeländisch inspiriert. Der Hummingbird Cake und der Citrus Slice mit Ginger Crunch sind quasi der Streuselkuchen, sprich die nachmittägliche Leibspeise Neuseelands. Scone mit Datteln mögen ältere Semester verführen, die Kinder schwärmen für Rocky Road, einen Riegel aus Schokolade und Marshmallows.

Veganen Raspberry Chocolate Cake gibt es auch
Pies, Panini und Scrolls sind deftige Begleiter zum Kaffee. Veganen Raspberry Chocolate Cake und Glutenfreies gibt`s selbstredend auch in einer eigenen Vitrine. Und ebenso selbstverständlich ist natürlich auch, dass alles hausgemacht ist. „Unser Steuerberater hat schon mal angemahnt, wir müssen auch notieren, was wir wegschmeißen. Da habe ich gesagt: wir schmeißen nichts weg, weil nichts übrigbleibt!“ Um 7 Uhr geht`s los mit der Kneterei und Backerei, und „weil alle alles können“ rotiert das Personal. So bleibt es abwechslungsreich für die zehn Voll- und Teilzeitkräfte, die bis zu 30 Kunden drinnen und 12 draußen bedienen. Die Kerrs legen zudem Wert auf verlässliche Geschäftszeiten, damit das Team geregelten Feierabend hat.

Kaffee zuzubereiten ist kein Kaffeeklatsch
Touristenhotspot wäre jetzt vielleicht etwas übertrieben – aber das Kapai hat laut Katharina Kerr schon viele Besucher aus anderen Städten und Ländern. „Vielleicht auch wegen der guten Bewertungen auf Tripadvisor“, vermutet sie. Vielleicht auch wegen des ausgesprochen leckeren Kaffees. Der in einer Maschine des Fabrikats La Marzocco gemacht wird. Oder sagen wir besser:  komponiert, zelebriert wird. Der Ferrari unter den Maschinen. Kaffee zu zubereiten ist kein Kaffeeklatsch – nie war mir das klarer als an diesem Gerät. Da werden Bohnen gewogen und gemahlen, minimale Grammabweichungen messerspitzengenau abgenommen, Pulver geebnet und gedrückt.
Normal, werden Barista nun vielleicht denken, aber aufgemerkt, jetzt kommt der Clou: gebrüht wird im naked portafilter was übersetzt so viel heißt wie bodenloser Siebträger. Was, laienhaft ausgedrückt, so viel bedeutet wie: jede einzelne Tasse ist immer jungfräulich frisch. Kein alter Kaffee im Sieb. Die Siebe sind selbst nach dem Brühen sauber. Und wenn man sich mal beugt und den Brüh- und Tropfvorgang beobachtet: köstlich, wie es ölig rinnt, sich Aromen entfalten. Da nimmt man gleich noch einen Mochaccino.        

suja