Das Beste aus zwei Welten

Wer von uns ist in letzter Zeit in die Atmosphäre von Messen eingetaucht? Hat auf Podiumsdiskussionen das Neueste aus der Branche aufgesogen, mit Geschäftspartnern erfolgreiche Gespräche geführt und den Messetag in geselliger Runde mit einem guten Getränk ausklingen lassen? Wohl nicht so viele. Gut also, dass es die B12-Touch GmbH gibt. Das Braunschweiger Unternehmen gestaltet virtuelle Showrooms – und ist im Begriff, ein spannendes Kapitel der digitalen Transformation zu schreiben. „Den Kaffee auf der Messe werden wir nicht ersetzen können“, sagt Geschäftsführer Torsten Prenzler, „was wir stattdessen möglich machen, ist der digitale Handshake im virtuellen Raum.“
Rückblick: Schon vor der Pandemie arbeitet B12-Touch für die ­Siemens Digital Industries, um deren Technologien für die industrielle Automatisierung und Digitalisierung in virtuellen Räumen eine Bühne zu geben. Für den Kunden sei dieses Projekt eines von vielen gewesen, erzählt ­Peter ­Werner – doch dann sei Corona gekommen. „Und plötzlich ist unser Projekt eines der wichtigsten überhaupt. Seit einem Jahr sind wir durchgehend mit virtuellen Messen und Shows beschäftigt. Die Pandemie hat die Entwicklung extrem beschleunigt.“
Peter Werner ist wie Torben Friede und Jens Porth Gründer und Geschäftsführer der Agentur Studio B12 GmbH, deren hundertprozentige Tochter die B12-Touch ist. Zusammen zählen die beiden im Rebenpark beheimateten Unternehmen rund 60 Entwickler, Designer und Berater. Gemeinsam mit dem Projektpartner cueconcept haben sie großen Anteil an dem rein digitalen Event, das Siemens Digital Industries für die Kunden im vergangenen November veranstaltete. In dieser virtuellen Messelandschaft führte das Nürnberger Unternehmen nicht nur seine Produktneuheiten und deren Anwendungsmöglichkeiten einem großen Online-Publikum vor. Die Umgebung war auch so gestaltet, dass Video­konferenz-Tools den Weg zu Eins-zu-eins-Kontakten zwischen Aussteller und Besucher ebneten. Zuerst ein bisschen Small Talk, dann gemeinsam die Produkte unter die Lupe nehmen und schlussendlich den Rahmen für die weitere Zusammenarbeit abstecken? Ist alles möglich gewesen.
„Wir wollen keinen Ersatz für reale Messen schaffen, sondern sie zu hybriden Messen ausbauen.“ Torsten Prenzler

Treffen im 3-D-Raum

„Tote Räume, in denen man irgendetwas anklicken kann – so etwas bauen wir nicht“, verdeutlicht Torsten Prenzler. Nach dem Showroom-Check-in und Live-Vorträgen auf digitalen Podien können Aussteller und Besucher ihre Interessen abgleichen. Erst nach diesem Matchmaking, so der 46-Jährige, „geht die Story so richtig los“. Der Experte für die Anlage XY und der an ihr interessierte Kunde treffen sich im 3-D-Raum und navigieren sich gemeinsam durch die Messelandschaft aus Möbeln, Podesten und Deckenelementen zur virtuell ausgestellten Maschine. Digitale Animationen und Schnittmuster erläutern deren Funktion – im Prinzip kann man bis zur kleinsten Schraube in die Maschine hineingucken. „Im virtuellen Raum lässt sich vieles besser erklären, als wenn man real neben der Maschine steht“, sagt Torsten Prenzler.
B12-Touch lässt nicht nur dreidimensionale Messekulissen und Bilderwelten für Siemens Digital Industries, Bühler AG oder DMG MORI AG entstehen. Wesentlicher Bestandteil des Portfolios sind Multi-­Touch-Systeme, deren Displays aus der Datenbank heraus mit Inhalten bespielt werden und durch die Berührungssteuerung eine Menge Interaktionsmöglichkeiten bieten. So stammen die digitalen Fahrzeugbeisteller, die das Erscheinungsbild der Marken Volkswagen und Audi im Handel prägen und auf der Internationalen Automobil-Ausstellung 2019 zum Einsatz kamen, aus der Schmiede von B12-Touch. Auch die Team-Boards von Porsche zur Mitarbeiterinformation gehen auf das Konto der Braunschweiger.
Showrooms und Touch-Anwendungen sind zwei verschiedene Medien, doch verbindet sie derselbe Gedanke. B12-Touch hat ein Content-Management-System entwickelt, mit dem sich „viele unterschiedliche Kanäle wie Website, App oder reale und virtuelle Messe schnell und einfach mit Inhalten befüllen lassen. Unsere Idee ist, mit diesem System in die Unternehmen zu gehen und eine einzige Medienlandschaft einzupflegen“, erklärt Peter Werner. So wäre auch ein mit großem Aufwand gestalteter virtueller Showroom kein nur wenige Tage währendes einmaliges Event. Dessen Elemente wie Filme oder Dialogmöglichkeiten könnten ohne Bruch in weiteren Medien Verwendung finden. „Das ist nachhaltig und leitet eine echte digitale Veränderung im Unternehmen ein.“

Ein zusätzlicher Vertriebskanal

Wie geht es nach Corona weiter? Sind die Messen, wie wir sie kennengelernt haben, Geschichte? So weit wird es nicht kommen, meint Torsten Prenzler. „Wir wollen keinen Ersatz für reale Messen schaffen, sondern sie zu hybriden Messen ausbauen.“ Nach dem Motto: Am Messestand treffen sich Aussteller und Kunde von Angesicht zu Angesicht und setzen Showräume ein, um sich mit den Produkten auseinanderzusetzen. So lässt sich das Beste aus zwei Welten zusammenfügen – wie in diesem Frühjahr bei der Eröffnung des neuen Besucherzentrums im Amberger Siemens-Werk, wo B12-Touch für die virtuelle Version der Eröffnungsveranstaltung verantwortlich ist.
Mit seiner Meinung zielt Peter Werner in dieselbe Richtung. „Nach Corona kehren die Messen zurück. Und auch die virtuellen Showrooms werden bleiben – weniger als große digitale Events nur für zwei, drei Tage, sondern als zusätzlicher Vertriebs­kanal, den die Unternehmen 365 Tage im Jahr nutzen können.“
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