Die Harz-Agentur: Leidenschaft und Lebenswerk

Wenn du liebst, was du tust, wirst du nie mehr in deinem Leben arbeiten! Diese altbekannte und nichtsdestotrotz wunderbar wahre Redewendung trifft im Falle von Michael Beyer-Zamzow und Christian Deike voll ins Schwarze. Gemeinsam mit dem Team ihrer Harz-Agentur GmbH leben die Geschäftsführer ihre Leidenschaft. Im ursprünglich erlernten Beruf oder der einst studierten Fachrichtung arbeitet hier eigentlich niemand mehr.
Beyer-Zamzow, 66 Jahre und Wahl-Harzer seit 1984, ist von Hause aus Feinmechaniker und studierter Pädagoge. Die von ihm in den 80er-Jahren mitgegründete gemeinnützige Jugendbildungstätte Kraftzwerg in Clausthal-Zellerfeld ist so etwas wie die Keimzelle für das 2015 realisierte Outdoorcenter, mehr Herzstück als nur Baustein im Portfolio der Harz-Agentur. Das Tagungshaus, früher auch Diskussionsort und Impulsgeber für gesellschaftliche Themen der Region, war mit seinen Schülerprogrammen bei Schulen in ganz Norddeutschland beliebt. „Gerade der Altersgruppe der 12- bis 14-Jährigen, die den Harz eher langweilig fanden und eigentlich nach Berlin wollten, mussten irgendwann aber mehr und andere Erlebnisse geboten werden“, erinnert sich Michael Beyer-Zamzow.

Aus „Harzrad on Tour“ wird Harz-Agentur

Als Einzelunternehmer hatte er mit „Harzrad on Tour“ bereits Ende der 90er-Jahre erste Erfahrungen gesammelt. 30 Mountainbikes zur Vermietung markierten den Anfang. Mit einem großen Anhänger wurden die Räder im gesamten Harz zu den Gruppen gebracht. Unter der Überschrift „Landschaft, Erlebnis, Kultur und Sport“ kamen sukzessive weitere touristische Angebote und Dienstleistungen hinzu. Das Entwickeln und Durchführen neuartiger Tourismusangebote war sozusagen der Ursprungszweck der 2003 aus „Harzrad on Tour“ hervorgegangenen Harz-Agentur.

Vorzeigeprojekt „Volksbank Arena Harz“

„Seitdem haben wir viele touristische Angebote entwickelt und durchgeführt. Besonders gern mögen wir den direkten Kontakt zu Harz-Gästen – in der Radvermietung oder beim Aufenthalt in unseren Ferienwohnungen, bei geführten Radtouren oder Bogenkursen“, skizziert Beyer-Zamzow. „Aber auch die Planung von Tourismus-Projekten, die Koordinierung überörtlicher Infrastruktur und Marketing-Aufgaben gehören zu unserem Angebot für Institutionen und Verwaltungen.“ Das wohl bekannteste Projekt: Voruntersuchungen und anschließende Planungen führten 2005 zur Eröffnung der „Volksbank Arena Harz“, einem 2300 Kilometer langen und 50 000 Höhenmeter umfassenden Mountainbike-Wegenetz. Seit Beginn befindet sich die Geschäftsführung der Volksbank Arena Harz in den Händen der Harz-Agentur GmbH.
Über sein Hobby, das Mountainbiken, ist Christian Deike 2007 zur Harz-Agentur gekommen. Der 48-jährige Mitgeschäftsführer ist eigentlich Dachdeckermeister. Nachdem der junge Familienvater aber eine erste Auftragsarbeit zur Erweiterung der Volksbank Arena im Südharz für die Harz-Agentur verfasste, ergab sich für ihn die Möglichkeit, voll einzusteigen. Rückblickend sagt er: „Wenn man so eine Chance bekommt, wie ich sie damals bekommen habe, muss man sie nutzen. Die bekommt man nicht noch einmal, auch wenn ich anfangs weniger verdient habe. Das ist Leidenschaft.“

Der Zeit voraus

Als die Bundesregierung Anfang der 2010er-Jahre erste Förderprogramme zur E-Mobilität ausschrieb, beteiligte sich der Landkreis Goslar mit der Harz-Agentur für den Bereich Fahrradtourismus im ländlichen Raum daran. Ziel der EU-Ausschreibung war die Erstellung und Umsetzung eines Konzepts für eine E-Bike Vermietung einschließlich Online-Portal für ein neues, touristisches Angebot im Harz. Dazu gehörten zehn verschiedene Vermietstationen im gesamten Harz. Obwohl die Anschaffung der E-Bikes damals zu 100 Prozent gefördert wurde, erwies sich die Intrastruktur als sperrig und defizitär. „Wir mussten nachsteuern“, sagt Michael Beyer-Zamzow heute. Die verschiedenen Vermietstationen wurden aufgegeben. „In den ersten beiden Jahren hatten wir einfach nicht die Nachfrage, die wir erwartet hatten. Wir waren der Zeit zwei Jahre voraus“, ergänzt Christian Deike. Anfangs hatten die als „Kartoffelräder“ bezeichneten E-Bikes gerade mal eine Reichweite von circa 30 Kilometern.
Ein anderer Knackpunkt: Nach dem Zuschlag für die Ausschreibung benötigte die Harz-Agentur zudem Räumlichkeiten von mindestens 500 Quadratmetern für Büro- und Lagerflächen. Hier erwies sich allerdings das Angebot der ehemaligen Jugendherberge in Clausthal-Zellerfeld als Glücksfall: das Unternehmen erhielt den Zuschlag für das strategisch günstig und mitten im Wald gelegene Gebäude. Von da an – eröffnet wurde 2015 – war das neue Outdoorcenter Harz die für alle gut erreichbare Anlaufstelle im Oberharz. Das Gebäude erhielt einladende Empfangsräume, eine Werkstatt, ausreichend Lager- und moderne Büroräume. In der zweiten Ausbaustufe standen 50 E-Mountainbikes und etwa 50 normale Mountainbikes für die Vermietung zur Verfügung. Wurden zu Beginn noch mehr normale Mountainbikes verliehen, beträgt der E-Bike-Anteil inzwischen 70 Prozent. Ergänzt wird das Vermietangebot durch eigens konzipierte Gruppen- und Thementouren rund um das Welterbe Oberharzer Wasserwirtschaft oder den Naturpark Harz.

Immer neue Ideen

Heute gibt es in der ehemaligen Jugendherberge auch noch großzügige Ferienwohnungen und Seminarräume. Erst im vergangenen Jahr wurde das Dach saniert und die angebrachte 20-Kilowatt-Photovoltaikanlage versorgt bei gutem Wetter nahezu alle E-Bikes mit Strom. Unter der Terrasse wiederum befinden sich 4000-Liter-Wassertanks. Mit dem darin aufgefangenen Regenwasser werden die Räder gereinigt.
Nicht nur beim Thema Nachhaltigkeit entwickelt die Harz-Agentur immer neue Ideen: Als Christian Deike vor sieben Jahren eher zufällig das Bogenschießen für sich entdeckte und umfangreiche Trainerkurse besuchte, entwickelte er zeitnah ein Nutzungskonzept für Bogenschießen auf dem weitläufigen Naturgrundstück um das Outdoorcenter. Inzwischen ist in unmittelbarer Umgebung unlängst ein 3,5 Kilometer langer 3D-Bogenpfad mit 22 Stationen entstanden, dessen Inanspruchnahme nach etwas schleppendem Beginn mittlerweile alle Erwartungen übertrifft.
Für die Zukunft des Outdoorcenters und deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist gesorgt: Von fünf Beschäftigten sind vier Mitgesellschafter und verteilen sich über drei Generationen. „Es gab auch wirtschaftlich schwierige Zeiten. Aber nach der Stabilisierung haben wir die Geschäftsanteile aufgeteilt“, sagt Michael Beyer-Zamzow. „Bei kontroversen Diskussionen muss man frühzeitig Lösungen finden, bevor eine Eskalationsstufe erreicht wird. Wir sind ein Kleinbetrieb und da müssen alle an einem Strang ziehen.“
pau/hör