Ganz klassisch und doch außergewöhnlich anders

Das ist nun wirklich kein Alter, könnte man meinen. Doch deutschlandweit haben tatsächlich nur wenige Galerien eine so reiche Geschichte wie jene von Antje Stoetzel-Tiedt. „Mit fast 50 Jahren sind wir eine absolute Ausnahme“, betont sie. „Dass es die Stubengalerie in einer kleinen Stadt wie Goslar nun schon so lange gibt, macht uns ein bisschen stolz.“
Wer in einer Kleinstadt zu Hause ist, hat naturgemäß ein Einzugsgebiet geringerer Größenordnung. Es sei denn, die Anziehungskraft ist so stark, dass aus allen Richtungen die Besucher angelockt werden. So ist es bei der Stubengalerie. „Über die Jahre haben wir uns einen Kundenkreis aufgebaut, der weit über Goslar hinausgeht“, sagt Antje Stoetzel-Tiedt, „auch aus Berlin oder Düsseldorf kommen Stammkunden zu uns.“

Fünf bis sechs Ausstellungen pro Jahr
Malereien, Skulpturen, Grafiken: Auf der einen Seite ist das Fachwerkhaus, beheimatet neben dem Flüsschen Abzucht im Herzen der Goslarer Altstadt, eine klassische Galerie für zeitgenössische Kunst. Im Auftrag der ausgewählten Künstler präsentiert sie deren Arbeiten, lädt zu Vernissagen ein und erhält für den Verkauf von Werken eine Provision. Jährlich fünf, sechs Mal wechselt die Stubengalerie ihre Ausstellung. „Jedes Mal ist es faszinierend zu sehen, wie sehr sich unsere Galerieräume dadurch verändern, dass eine andere Technik, Stil oder Farbigkeit an den Wänden hängt“, sagt die 51-Jährige.
Auf der anderen Seite sind es ebendiese vielen kleinen, fast 300 Jahre alten Stuben, die ganz und gar nicht klassisch und herkömmlich sind, sondern die Galerie zu etwas ganz Besonderem und einem wichtigen kulturellen Ort im Harz machen. „Eine Künstlerin hat mir einmal gesagt, dass sie sich in großen Galerien nicht wohlfühle, weil die Besucher weit weg von ihr stehen und sie wie einen exotischen Vogel betrachten würden“, erzählt Antje Stoetzel-Tiedt.
Wir möchten noch mehr Menschen für die Kunst begeistern.
In der verwinkelten Stubengalerie, zu der auch ein hübscher Skulpturengarten und kleiner Kunstschuppen gehören, gibt es diese Distanz nicht. „Auf der Vernissage führen Künstler und Gäste immer gute Gespräche – sei es über seine Themen, Motivation oder Vorbilder.“ Über einen Gegenstand ihrer Arbeit schweigen sich die Künstler lieber aus. „Zu ihrer Technik möchten sie nicht so viel verraten. Die ist ihr Berufsgeheimnis.“

„Die schönste Arbeit der Welt“
Die guten Beziehungen zu den Künstlern pflegen und die neuen Ausstellungen organisieren, die Öffentlichkeitsarbeit koordinieren und die Kunstkäufer betreuen, dazu die Bilder transportieren, versichern und rahmen: „Das ist viel mehr Arbeit, als Außenstehende sich vorstellen können.“ Missen möchte sie die vielen Aufgaben nicht. „Für eine Galerie verantwortlich sein zu dürfen, ist für mich die schönste Arbeit der Welt.“
Im Jahr 1973 wurde die Stubengalerie gegründet von Alwin Grashoff, der leidenschaftlich gern malte und an der Berliner Akademie der Künste studierte hatte. Seiner Tochter Gudrun Tiedt vertraute er die Geschäftsführung an. Schnell machte sich die Galerie einen guten Namen – auch deswegen, weil die beiden über gute Kontakte zur Kunstszene verfügten und sich sogar an die großen Namen herantrauten.
Den Beweis liefert die Rückwand des Fachwerkhauses. Es ist gute Tradition, dass sich dort die Künstler mit ihrem Signet verewigen, wenn sie zur Ausstellungseröffnung nach Goslar reisen. Grete Jürgens, Helge Leiberg und Ben Willikens, Elvira Bach, Markus Lüpertz und auch der Kinderbuchautor Janosch: Sie alle nahmen die Gelegenheit gerne wahr, sich und ihre Kunst in der Stubengalerie zu zeigen. Als wertvoll erweist sich, dass die Galerie in der Stadt gut vernetzt ist und mit dem Goslarer Museum und der Marktkirche zusammenarbeitet.

Über Umwege ans Ziel
Lange Zeit kam Antje Stoetzel-Tiedt der Gedanke nicht in den Sinn, es ihrer Mutter gleichzutun und die Leitung der Galerie zu übernehmen. „Wenn man als Kind damit aufwächst, mit seinen Eltern in wirklich jede Ausstellung zu gehen, dann entwickelt sich aus dieser Erfahrung erst einmal eine natürliche Abwehrhaltung zur Kunst“, sagt die Diplom-Kauffrau lachend. Erst im Studium entdeckte die Galeristin ihre Begeisterung für die Welt der Kunst, sodass sie auf Umwegen doch noch an ihr Ziel kam. „Weder meine Mutter noch ich hatten eigentlich damit gerechnet. Ich habe zwei Töchter und glaube eher nicht, dass sie mir einmal folgen werden – doch wer weiß schon, was noch kommt.“
Was in jedem Fall kommen wird: der 50. Geburtstag der Stubengalerie im nächsten Jahr. Wie lautet ihr Wunsch? „Ich finde es gut, wie es gerade läuft“, sagt sie, „aber natürlich möchten wir gerne noch mehr Menschen für die Kunst begeistern.“ Das geschieht auch über Kunst im öffentlichen Raum – außen an der Fassade der Galerie. Schon zum 30. Wiegenfest wurde an der Hausfront eine Malerei von Elvira Bach enthüllt, zehn Jahre später gesellte sich eine von Helge Leiberg dazu. Anlässlich des Jubiläums ist ein weiterer hochkarätiger Künstler bereit, der Galerie ein Bild für die Wand unter dem freien Himmel zu schenken. So wird aus dem prominenten Bilderduo in Kürze ein -trio.
Antje Stoetzel-Tiedt freut sich auf die Überraschung, die sie allen Kunstfreunden bereitet. „Denn wer der Künstler sein wird“, sagt sie, „das verrate ich noch nicht.“      

boy