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Volksbank im Harz eG feiert 200 Jahre Genossenschaftstradition
Der Harz glänzt mit Superlativen, darunter der Brocken als höchste Erhebung Norddeutschlands, das Bergwerk Rammelsberg mit seiner über 1000-jährigen Betriebszeit und das deutschlandweit längste Schmalspurbahnnetz. Aber hätten Sie gewusst, dass auch die älteste bekannte Kreditgenossenschaft Deutschlands dort beheimatet war? Genauer gesagt in Osterode am Harz, dem heutigen Hauptsitz des direkten Nachfolgerinstituts, der Volksbank im Harz eG. Die Vorstandsmitglieder Torsten Janßen und Norbert Gössling nehmen uns mit auf eine Reise durch die genossenschaftliche Erfolgsgeschichte bis zur heutigen Mission.
Neben Lerbach trieben an mehreren Orten im Harz genossenschaftliche Wurzeln aus, so wurde auch in Clausthal-Zellerfeld bereits 1857 die sogenannte „Vorschusskasse für Handel und Gewerbe für Clausthal und Zellerfeld“ gegründet – heute steht eine der sieben Geschäftsstellen der Volksbank im Harz eG am Kronenplatz in Clausthal-Zellerfeld.
Die Wurzeln liegen in der 1825 durch Waldarbeiter und Köhler gegründeten Privat-Sparkasse zu Lerbach, die dem Prinzip der Selbsthilfe sowie gegenseitigen Unterstützung folgte und damit den Grundstein für die Genossenschaftsbewegung legte. Unisono bestätigen Janßen und Gössling, dass die gemeinschaftlichen Werte auch zwei Jahrhunderte später noch aktuell sind. Neben der Selbsthilfe zählen Selbstverantwortung und Selbstverwaltung zu den Grundprinzipien der Kreditgenossenschaft, die im Laufe der Zeit um die Subsidiarität ergänzt wurden. „In die heutige Zeit übersetzt, kann man sagen: Durch Zusammenarbeit ein gemeinsames Ziel erreichen“, erläutert Gössling und unterstreicht im gleichen Atemzug, wie wichtig dabei die Beratung auf Augenhöhe sowie persönliche Erreichbarkeit sind. Vor allem in diesem Jahr bot sich dem Vorstandsduo, das bereits seit 22 Jahren Seite an Seite arbeitet, oft die Gelegenheit, die Nähe zu ihren Kunden und Mitgliedern zu pflegen. Denn das Jubiläum wurde ausgiebig gefeiert.
Traditionsbewusst starteten die Festlichkeiten mit einer Auftaktveranstaltung in Lerbach, das Janßen liebevoll als „Keimzelle“ bezeichnet. „Dort haben wir vor allem über den historischen Genossenschaftsgedanken gesprochen und wie wichtig es ist, ihn lebendig zu halten.“ Hilfreich dürfte dabei die umfassende Chronik gewesen sein, die die Volksbank im Harz für das Jubiläumsjahr zusammengestellt hat und die die Zusammenschlüsse der einzelnen Vorgängerinstitute in der 200-jährigen Geschichte beleuchtet. Parallel dazu hat die Bank die Historiker-Genossenschaft eG mit einer wissenschaftlichen Ausarbeitung über die Entstehung und Entwicklung der Privat-Sparkasse zu Lerbach beauftragt. Weniger geschichtsträchtig ging es auf dem Volksbank im Harz Festival im Juni in Osterode mit regionalen und überregionalen Künstlern und rund 2500 Besuchern zu. Inklusive weiteren Jubiläumsfeiern in allen sieben Filialen mit durchschnittlich 200 Gästen konnte die Bank zwischen 4500 und 5000 Menschen persönlich erreichen. „Unsere Stärke ist, dass wir nah an den Kunden sind. Wir haben eine sehr große Reichweite erzielt und es hat wahnsinnig viel Spaß gemacht, als Vorstand überall vor Ort zu sein. Das haben uns die Gäste auch widergespiegelt“, so Janßen rückblickend. Insgesamt habe sich dadurch die ohnehin enge Verbindung zur Region und den Kunden noch intensiviert.
Die Privat-Sparkasse zu Lerbach hatte in ihren Anfängen kein eigenes Gebäude. Noch in den 1950er-Jahren bewahrte der Kassenwärter das Bargeld zu Hause auf.
Verlässlicher Partner in der Region
Nach der letzten Veranstaltung in Bad Grund im September kehre nun allmählich Ruhe ein, vor allem für die 100 Mitarbeitenden, die ihrerseits maßgeblich involviert waren. „Wir sind ja ein kleines Haus, sodass es für die gesamte Mannschaft ein anspruchsvolles und ebenso erfolgreiches Jahr war“, ergänzt Gössling und fährt fort, dass auch darüber hinaus der regelmäßige Kontakt zu den Kunden bestehen würde. „Wenn zum Beispiel familiäre Ereignisse wie Geburten, Hochzeiten oder Hausbau anstehen, bevorzugen unsere Kunden das persönliche Gespräch.“ Gerade auch vor dem Hintergrund der demografischen Veränderung im Harz sind der Vorstand und die Mitarbeitenden ein verlässlicher Partner in der Region und sogar über den Feierabend hinaus für die 26 000 Kunden – darunter die hohe Eigentümeranzahl von 15 000 Mitgliedern – erreichbar. „Genossenschaften stärken das Gemeinschaftsgefühl. Das versuchen wir zu leben und dabei alle Schichten mitzunehmen“, so Janßen, der auch den Genossenschaftspionier Friedrich Wilhelm Raiffeisen mit seinem wohl bekanntesten Satz „Was einer allein nicht schafft, das schaffen viele“ zitiert und damit die ideelle Grundlage der Geschäftsphilosophie unterstreicht. Eine Tradition, die beide Vorstandsmitglieder und ihr Team verantwortungsvoll weiterführen. Und das nicht etwa mit der sprichwörtlichen „Last eines Mühlsteins um den Hals“, sondern aus „purer Freude“, wie beide nachdrücklich betonen. Als ausgebildete Bankkaufleute haben sie ihr Fach von der Pike auf gelernt und sich nebenberuflich weiterqualifiziert. Ihren Werdegang spielen die beiden vor allem aus, wenn es darum geht, den eigenen Auszubildenden zu veranschaulichen, dass es ausreichend Karrierewege jenseits der Universität gibt. Torsten Janßen verantwortet den Markt- und Kundenbereich, blickt auf 43 Berufsjahre im genossenschaftlichen Sektor zurück und ist „Genossenschaftler aus Überzeugung“. Diese Haltung teilt er mit Norbert Gössling, der für die Unternehmenssteuerung zuständig ist und seit 2003 für die Volksbank arbeitet.
Einer der Höhepunkte der Feierlichkeiten war das Volksbank im Harz Festival am 14. Juni im Kurpark in Osterode, wo die Bank 2500 Besucherinnen und Besucher begrüßen konnte. Neben regionalen Künstlern trat auch Nico Santos als Top-Act auf.
Gemeinschaftlich zusammenstehen
Gegenwärtig beobachten die beiden einen vermehrten Trend zum gemeinschaftlichen „Wir-Gefühl“ und solidarischen Miteinander. Obwohl Genossenschaften wenig mediale Aufmerksamkeit bekommen, „sind sie ‚in‘ und ganz lebendig“. Das bestätigt ein leichter Gründungsboom von Genossenschaften, wie er sich zum Beispiel in der Wohnungsbau- und Energiebranche zeigt. Ebenso zeichnet sich ein Aufwärtstrend von Bürgergenossenschaften in ländlichen Regionen ab. „Die Gesellschaftsform war immer marktgängig, hat sich nun aber verstärkt, weil auch viele junge Menschen Orientierung suchen, die sie unter dem Dach einer Genossenschaft auch finden“, kommentiert Janßen die Entwicklung. Wenn genossenschaftliche Initiativen einen Dorfladen gründen, weil sich der Einzelhandel zurückgezogen hat, dann sei das der gleiche Gedanke, den die Gründer der Bank vor 200 Jahren hatten, veranschaulicht Gössling. Überhaupt seien die Gründer „echte Revoluzzer“ gewesen, weil sie als „einfaches Volk“ die bestehende Ordnung infrage stellten. Nachhaltig beeindruckt zeigt sich das Führungsduo vor allem von der Wandlungsfähigkeit und Beständigkeit der genossenschaftlichen Grundidee über verschiedene Epochen und Krisen hinweg. Krisen gab es in den vergangen 200 Jahren wahrlich zuhauf. So sah sich im Wandel der Zeit jede Generation mit einzigartigen Herausforderungen wie Weltkriegen, Wirtschaftskrisen oder Währungsreformen konfrontiert. Heute herrschen vor allem multiple Krisen vor, die laut der Volksbank im Harz zu großer Verunsicherung bei den Kunden führen. Umso wichtiger ist es, „gemeinschaftlich zusammenzustehen“.
Digitales Geschäftsmodell ohne regionale Grenzen
Auf die Anforderungen der digitalen Transformation hat die Volksbank im Harz ebenso zeitgemäß reagiert und ihr Geschäftsmodell omnikanal ausgerichtet. So glänzt die selbstständige Genossenschaftsbank bereits mit einer hoch bewerteten und stark nachgefragten Banking-App, Videoberatung und KI-Tools. „Die vernetzten Zugangskanäle ergänzen sich gegenseitig, dennoch bleibt der persönliche Kontakt der Weg zum Kunden. Die vermeintlich wichtigen Themen finden weiterhin im direkten Austausch statt“, sagt Janßen. Was nicht heißen muss, dass sich die gelebte Verlässlichkeit auf das Geschäftsgebiet im Harz beschränkt. Vor allem junge Leute „nehmen uns als Bank einfach mit, das wäre vor 30 Jahren noch nicht denkbar gewesen“, berichtet Gössling stolz. Das Geschäftsmodell kennt keine regionalen Grenzen mehr, „wir arbeiten dort, wo der Kunde uns braucht und sind viel breiter aufgestellt, als man denkt. Das bekommt nur keiner mit“, ergänzt Janßen lachend. Dass das wahrlich keine leeren Worthülsen sind, sondern gelebte Überzeugung, nimmt man dem authentischen Vorstand sofort ab. Ob deutschlandweit oder international – aus technischer Sicht spiele die geografische Reichweite heute keine Rolle mehr. Auch wenn das Kerngeschäft im Harz liege, stünden die Kunden und Mitglieder im Mittelpunkt und dabei sei irrelevant, wo sie sich aufhalten, erklärt Gössling. „Mit unserem genossenschaftlichen Netzwerk können wir aus dem Harz die Welt bespielen.“ Berlin, Singapur und New York sind für die Regionalbank also von Bedeutung? „Selbstverständlich“, sagen beide nickend. Wenn zum Beispiel Firmenkunden zu Hidden Champions avanciert sind – und davon gibt es im Harz einige – steht die Volksbank über das Regionalprinzip hinaus an ihrer Seite. „Die Welt verändert sich und da wir unser Geschäftsmodell entsprechend weiterentwickeln, können wir vom Standort Harz aus sehr viel bewegen“, fügt Janßen hinzu.
Mit 100 Mitarbeitenden ist bei der Volksbank im Harz eG ein kleines Team für eine große und geografisch anspruchsvolle Region zuständig. Durch einen spürbar guten Zusammenhalt, regionale Verbundenheit und persönliche Nähe, machen sie „den Weg für ihre Kunden frei“.
Dabei verzichtet die Volksbank im Harz bewusst auf starre, langfristige Visionen, da eine schnelle Anpassungsfähigkeit an Krisen und Marktveränderungen heute entscheidend ist. Stattdessen entwickelt das Führungsteam jedes Jahr eine flexible Mission, um als relevanter Partner die sich wandelnden Bedürfnisse der Kunden jederzeit optimal erfüllen zu können. Getreu dem Motto „Gemeinsam geht mehr“ verfolgt die Bank als Eigentümergemeinschaft das Ziel, stets das beste Angebot zum richtigen Zeitpunkt bereitzustellen und den Wandel mitzugestalten – wie schon seit 200 Jahren.
ar
9/2025
