Frischer Rückenwind statt dicker Raumluft

Es ist wirklich bemerkenswert. Da sorgt die Coronapandemie dafür, dass die Digitalisierung einen viel höheren Stellenwert erlangt und vielerorts neue digitale Lösungen zur Kommunikation, Zusammenarbeit und Herstellung von Produkten erfolgreich Anwendung finden, die einfallsreiche Vorreiterunternehmen entwickelt haben. Aber die fabmaker GmbH, in Sachen Digitalisierung auch ein Pionier, bekommt den Schub nicht zu spüren. Im Gegenteil, ihr Geschäft mit 3-D-Druckern kommt fast zum Erliegen. Und doch haben die vergangenen Monate auch ihr Gutes für das Braunschweiger Unternehmen. Es entdeckt ein neues Geschäftsfeld – und bringt mit seiner Infektionsschutzampel einen wertvollen Helfer auf den Markt, um der Pandemie Einhalt zu gebieten.
Die Mission von fabmaker ist nichts weniger, als die Bildungslandschaft in Deutschland zu revolutionieren und einschneidend zu verändern. Das im Technologiepark beheimatete Unternehmen will den 3-D-Druck in die Schule bringen. Dafür hat es einen 3-D-Drucker und auch das dazugehörige Lehrkonzept, die Lernmaterialien und 3-D-Modelle zum Drucken entwickelt. Ideenfindung und Konstruktion, Produktion und Montage: Der Bildungsdrucker von fabmaker und die Möglichkeiten der additiven Fertigung eröffnen Schülerinnen, Schülern und auch Auszubildenden die faszinierende Chance, kleine Herstellungsprojekte von A bis Z zu planen und umzusetzen. Im Schmelzschichtverfahren gibt der Drucker ihren Werkstücken mit vielfachen Kunststoffauflagen Gestalt.

Corona bremste das Geschäft

Die Geschäftsidee von fabmaker hat viele Sympathisanten gefunden. „2019 ist unser bisher bestes Jahr gewesen“, sagt Geschäftsführer und Gründer Dean Ćirić. In den Schulen nahm das Thema 3-D-Druck Fahrt auf, und die Verkaufszahlen des zweiten Bildungsdruckers – eine kompakte und kostengünstige Weiterentwicklung des Erstlingswerks – entwickelten sich „genau in die Richtung, die wir uns vorgenommen hatten“. Doch dann kam Corona, und auch für fabmaker ist nichts mehr so, wie es einmal war. „Weil die Schulen und Bildungseinrichtungen zumachten und es keinen Unterricht gab, ist unsere gute Entwicklung stark ausgebremst worden.“
In dieses Jahr ist das Team von fabmaker mit zwei maßgeblichen Überlegungen gestartet. Zum einen: Wir haben ein tolles Produkt, und weil in den kommenden Jahren das Thema Digitalisierung weiter an Fahrt gewinnen wird, ist es nur eine Frage der Zeit, wann wir mit unserem Bildungsdrucker wieder in die Erfolgsspur zurückkehren. Und zum zweiten: Wir brauchen frischen Rückenwind in Form einer erstklassigen Idee, um die Coronazeit überbrücken zu können.

Die Infektionsschutzampel airooom

Gesagt, getan. Mit der Infektionsschutzampel hat fabmaker in Zusammenarbeit mit Professor Meinhard Schilling vom Institut für Elektrische Messtechnik und Grundlagen der Elektrotechnik der TU Braunschweig eine Erfindung patentieren lassen, die für die Gesellschaft und Forschung gleichermaßen von großem Interesse ist. „Wir haben eine gute Lösung gefunden, um an den Schulen den Schutz vor Infektionen zu verbessern“, betont Dean Ćirić.
Die Infektionsschutzampel namens airooom kommt unter anderem im Schulunterricht zum Einsatz und ist dazu da, mit ihren Sensoren und Messsystemen den richtigen Zeitpunkt zum Lüften zu ermitteln. Im Gegensatz zur CO 2-Ampel verarbeitet sie neben der Temperatur und Luftfeuchtigkeit viele weitere Daten, beispielweise zur Größe des Raums, Anzahl der Fenster und Zusammensetzung der Gruppe. „Ein intelligenter Algorithmus wertet die Daten dann aus und ermittelt das Infektionsrisiko“, sagt der 35-Jährige, der in Wolfenbüttel geboren ist und in Göttingen Volkswirtschafts- und Betriebswirtschaftslehre studiert hat. Zeigt die Ampel Grün, sind die Luftverhältnisse okay. Springt sie auf Rot, herrscht dicke Luft mit erhöhtem Infektionsrisiko und die Empfehlung der Ampel lautet: Fenster auf.

Ausflug in die Welt der Forschung

Im vergangenen halben Jahr hat fabmaker nicht nur ein neues Produkt entwickelt und es in vielen Städten verkauft, sondern im Rahmen eines Forschungsprojekts mit der TU Braunschweig auch fast 1000 Klassen-, Kitaräume und Großraum­büros mit Ampeln ausgestattet und eine Studie zur Raumluftqualität, zum Infektionsrisiko und Lüftungsverhalten gestartet. „Bisher hat es so gut wie keine Daten zur Raumluftqualität gegeben, doch wir konnten jetzt viele sammeln.“
So wie fabmaker mit der Infektionsschutzampel den Unternehmenshorizont erweitern konnte, so hat auch Dean Ćirić eine ganz andere Perspektive gewonnen. Sein Ausflug in die Forschungswelt hat ihm viele neue Kontakte beschert; von einem Tag auf den anderen „hatte ich Gespräche mit Fachleuten des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung, des Fraunhofer-Instituts und vieler Gesundheitsämter“. Die hohe Anteilnahme hat ihren Grund. „Wir arbeiten an einer Daten­vielfalt, die der Wissenschaft helfen wird.“
Willkommener Nebeneffekt der Produktion der Ampeln, die künftig auch in Taxis Verwendung finden sollen: fabmaker lernt eine ganz neue Seite des Bildungsdruckers kennen. In den Schulen verfolge das Gerät ja den Auftrag, Teile in kleinen Stückzahlen zu fertigen, sagt Dean Ćirić. Nun müsse der Drucker unter Beweis stellen, dass er auch in großen Dimensionen und bei hoher Intensität blendend aussehe. Vom Gehäuse der Ampel bis hin zu den Halterungen „stellen wir im Kleinseriendruck Tausende Teile her. Fast die komplette Ampel selbst drucken zu können, ist Gold wert.“               
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