die WIRTSCHAFT | Das Magazin
Nr. 6927642
6 min Lesezeit
Interview

„Unsere Programme bieten Orientierung in unsicheren Zeiten“

Die IHK-Exportakademie GmbH steht seit ihrer Gründung 2010 durch die zwölf baden-württembergischen Industrie- und Handelskammern für fundiertes Know-how im internationalen Geschäft. Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit liegt auf internationalen Projekten und Unternehmerreisen, die Unternehmen die Möglichkeit bieten, neue Märkte zu erschließen, bestehende Geschäftspotenziale gezielt zu nutzen und wertvolle Kontakte vor Ort zu knüpfen. In Kooperation mit den baden-württembergischen IHKs werden diese Reisen sorgfältig vorbereitet, mit B2B-Meetings, Besuchen von Unternehmen und Innovationszentren sowie Networking-Veranstaltungen kombiniert und von erfahrenen Praktikern begleitet. Wir sprachen mit Tobias Meyer und Amra Surkovic über die Chancen, Herausforderungen und Trends, die deutsche Unternehmen bei der Erschließung internationaler Märkte aktuell bewegen.

Wie hat sich in 15 Jahren die Nachfrage nach internationalen Projekten verändert?

Tobias Meyer: Die Nachfrage hat sich in den vergangenen 15 Jahren stark in Richtung Zukunftstechnologien verschoben. Unternehmen in Baden-Württemberg richten ihren Blick heute deutlich stärker auf digitale, vernetzte und nachhaltige Geschäftsmodelle. Themen wie Digitalisierung, Industrie 4.0, KI-basierte Anwendungen und smarte Produktionsprozesse haben sich zu zentralen Treibern entwickelt. Besonders KI spielt inzwischen in nahezu allen Industriebereichen – von Automotive über Produktion bis Medizintechnik – eine strategische Rolle. Erfolgreich waren zuletzt auch Projekte in Medizintechnik und Wasserstofftechnologie, da Unternehmen effizientere Prozesse und klimafreundliche Lösungen aufbauen wollen. Im Gegenzug verlieren klassische Bereiche wie Verbrennungsmotoren oder traditionelle Maschinenbauverfahren an Bedeutung. Der Fokus hat sich auf Elektromobilität, autonomes Fahren und digital gesteuerte Fertigung verlagert. Insgesamt zeigt sich: Unternehmen reagieren sehr aktiv auf globale Marktveränderungen. Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Innovationsdruck bestimmen heute, welche internationalen Projekte besonders gefragt sind.

Welche Länder und Branchen standen zuletzt im Mittelpunkt? Welche Projekte waren besonders erfolgreich?

Amra Surkovic: Schwerpunkte des vergangenen Jahres waren internationale Leitmessen und gezielt organisierte Geschäftsreisen. Besonders sichtbar waren die Firmengemeinschaftsstände auf Messen wie der Bahntechnikmesse TRAKO in Danzig. Außerdem haben wir Geschäftsanbahnungsreisen mit Kooperationsbörsen organisiert. So fanden im vergangenen Jahr erfolgreiche Reisen in die Niederlande, USA, Norwegen und Kanada statt. In den Niederlanden lag der Fokus auf der Wasserstoff-Pipeline-Erneuerung, während die USA-Reisen unter dem Motto „Baden-Württemberg meets Silicon Valley: AI Transformation Journey“ die Transformation durch Künstliche Intelligenz behandelten. In Norwegen ging es um Wasserstofftechnologie und in Kanada um Luft- und Raumfahrttechnik. Incoming-Delegationen aus Kroatien, Rumänien, Moldau, der ASEAN-Region und Aserbaidschan setzten Impulse in Bereichen wie Smart Mobility, nachhaltige Stadtentwicklung, KI-basierte Medizintechnik und Lebensmittelverarbeitung. Damit standen Branchen wie Bahntechnik, Fertigungsindustrie, Wasserstoff, Luft- und Raumfahrttechnik, digitale Mobilitätslösungen, Gesundheitstechnologie und Smart Farming im Fokus. Besonders aktiv waren europäische Länder, die USA, Norwegen, Kanada, ASEAN-Staaten und Aserbaidschan. Die breite Mischung an Projekten hat das internationale Netzwerk der Unternehmen deutlich gestärkt.

Wie wirkt sich die derzeitige Krise der Exportwirtschaft auf internationale Projekte aus?

Meyer: Die aktuelle Lage in der Exportwirtschaft stellt viele Unternehmen vor Herausforderungen, aber es ist außerdem eine Zeit, in der Diversifikation und die Suche nach neuen Märkten sowie Kooperationspartnern immer wichtiger werden. Das führt auch zu einer steigenden Nachfrage nach internationalen Projekten. Viele Unternehmen suchen derzeit verstärkt nach neuen Absatzmärkten, um Risiken zu reduzieren und Abhängigkeiten zu verringern. Außerdem nutzen Betriebe gerade jetzt verstärkt die Angebote der IHK-Exportakademie, um ihre Chancen im Ausland zu identifizieren, Marktinformationen zu erhalten und verlässliche Geschäftspartner zu finden. Unsere Programme und das internationale Netzwerk aus IHKs und AHKs bieten Orientierung in unsicheren Zeiten und helfen den Unternehmen dabei, ihre Export- und Kooperationsstrategien neu auszurichten, länderübergreifende Kontakte zu stärken und in internationalen Märkten Fuß zu fassen. Die Nachfrage nach Delegationsreisen, Marktbriefings und Geschäftsanbahnungsformaten ist daher gestiegen.


In welchen Ländern ist der Markteintritt am schwierigsten?

Surkovic: Herausfordernd sind vor allem Märkte mit komplexen Regulierungen, hohen Marktzutrittshürden, großen kulturellen Unterschieden oder politischer Instabilität. Besonders in Teilen Asiens und Afrikas stoßen Betriebe häufig auf unklare Finanzierungsstrukturen, geringe Transparenz, bürokratische Hürden, logistische Engpässe und sich schnell verändernde regulatorische Rahmenbedingungen. Auch Sanktionen, Sicherheitsauflagen oder schwankende rechtliche Standards können den Zugang zusätzlich erschweren und führen dazu, dass Markteintritte mehr Vorbereitung, Zeit und Ressourcen benötigen. Trotz dieser Schwierigkeiten bleiben große Wachstumsmärkte wie die USA, Indien, Brasilien oder Saudi-Arabien äußerst attraktiv. Sie bieten langfristige Potenziale, eine dynamische Nachfrage und Chancen für technologieorientierte Unternehmen – gleichzeitig erfordern sie eine sorgfältige Marktanalyse, verlässliche lokale Partner und ein gutes Verständnis der wirtschaftlichen und kulturellen Besonderheiten. Wichtige Einblicke liefern daher die Managerdelegationen aus dem vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie finanzierten Programm „Partnering in Business with Germany“, das wir in Baden-Württemberg umsetzen. Delegationen aus Moldau und Indien boten zuletzt wertvolle Marktkenntnisse; 2026 folgen Gruppen aus Chile, Mexiko und Brasilien.

Wie läuft eine Delegationsreise ab, und welchen Nutzen hat sie für Unternehmen?

Meyer: Delegationsreisen folgen einem klar strukturierten Ablauf, der den teilnehmenden Unternehmen einen umfassenden Einblick in den Zielmarkt ermöglicht. Zu Beginn stehen Marktbriefings, thematische Workshops und fachliche Einführungssessions, die einen Überblick über wirtschaftliche Rahmenbedingungen, aktuelle Trends und Chancen bieten. Ergänzt wird dies durch Networking-Events und durch sorgfältig vorbereitete B2B-Meetings, in denen Unternehmen potenzielle Partner, Kunden oder Lieferanten persönlich kennenlernen und konkrete Kooperationsmöglichkeiten ausloten können. Darüber hinaus werden häufig lokale Unternehmen, Innovationszentren oder Forschungsinstitutionen besucht, um praxisnahe Eindrücke von Technologien, Produktionsprozessen, Geschäftsmodellen und regionalen Marktmechanismen zu gewinnen. Diese Besuche schaffen ein tieferes Verständnis für die Funktionsweise des Zielmarkts und erleichtern spätere Kooperationen. Für die Teilnehmer sind Delegationsreisen eine äußerst effiziente Möglichkeit, Zugang zu neuen Märkten zu erhalten, Risiken einzuschätzen, Netzwerke auszubauen und Entwicklungen vor Ort aus erster Hand zu erleben – professionell begleitet durch das starke Netzwerk der IHK-Exportakademie und der IHKs im Land.
Interview: Elena Skiteva, Gudrun Hölz

Outgoingreisen 2026
weltweite Chancen für Unternehmen

In Kooperation mit den IHKs lädt die IHK-Exportakademie zu internationalen Unternehmerreisen ein. Unternehmen aus Baden-Württemberg profitieren bei der Teilnahme von einer finanziellen Förderung, die den Einstieg ins Auslandsgeschäft zusätzlich erleichtert. Nutzen Sie die Gelegenheit, neue Märkte kennen­zulernen, gezielt Geschäftskontakte zu knüpfen und Ihre Auslandsgeschäfte nachhaltig auszubauen. Gemeinsam mit regionalen Unternehmen besuchen Sie internationale Zielmärkte, treffen Entscheidungsträger vor Ort und profitieren von der sorgfältigen Vorbereitung, Begleitung und Nachbetreuung durch erfahrene Experten.

8. bis 10. Februar 2026
Markterkundungsreise Saudi-Arabien
Maschinen- und Anlagentechnik für das produzierende Gewerbe in den Sektoren Pharma/Chemie, Automotive, Lebens­mittel und Elektronik

4. bis 6. März 2026
BWIHK-Firmengemeinschaftsstand auf der MECSPE
Die italienische Leitmesse für innovative Technologien in der Fertigungsindustrie

10. bis 12. März 2026
Geschäftsanbahnungsreise Österreich
KI-basierte Anwendungen für die Industrie

13. bis 15. April 2026
Geschäftsanbahnungsreise Polen
Marktchancen in der Verpackungs­industrie

21. bis 23. April 2026
Geschäftsanbahnungsreise Irland
Für Anbieter, Dienstleister & Startups
der Biotech-/Life-Science-Branche

'3. bis 7. Mai 2026
Geschäftsanbahnungsreise Spanien und Portugal
Für Anbieter von Präzisionstechnik

8. bis 10. Juni 2026
Geschäftsanbahnungsreise Niederlande
Sicherheit von Offshore-Windkraftanlagen

13. bis 15. Oktober 2026
Markterkundungsreise Frankreich
Chancen für deutsche Medizintechnik
IHK Ulm
Olgastraße 95-101
89073 Ulm
Tel. 0731 173-0
E-Mail: info@ulm.ihk.de

Neue Wege im Auslandsgeschäft

Leitartikel
kathrin shen IMG_0503_ret_19x13cm_rgb © photodesign armin buhl

Die Exportwirtschaft ist ein wichtiger Wachstumsmotor für Baden-Württemberg. Doch der Motor ist deutlich ins Stocken geraten – durch die restriktive Handelspolitik der USA, die hohen Zölle und immer neue bürokratische Hürden. Wie reagieren Betriebe zwischen Alb und Bodensee darauf, und wo finden sie neue Absatzmärkte? Darüber haben wir mit vier Unternehmensvertretern aus der Region gesprochen.

9 min Lesezeit
Fachartikel
AdobeStock_1068880671 © Nattapat, stock.adobe.com

Die deutsche Wirtschaft ist stark exportorientiert und damit auch in hohem Maße exportabhängig. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts hängt annähernd jeder vierte Arbeitsplatz vom Export ab. Im Bundesvergleich ist Baden-Württemberg das ausfuhrstärkste Bundesland – der Anteil der Auslandsumsätze am Gesamtumsatz beträgt fast 60 Prozent.

6 min Lesezeit
Interview
sophie lwin-waldschmidt 2025-05-12_AHK_Weltkonferenz_Tag1-9777 © Nils Hasenau

Das Netz der Deutschen Auslandshandelskammern (AHKs) unterstützt deutsche Unternehmen dabei, die Chancen internationaler Märkte für sich zu nutzen. Über die Servicemarke „DEinternational“ bieten die sie einheitliche und professionelle Dienstleistungen für Unternehmen, die den Markteintritt oder das Auslandsgeschäft erleichtern. Sophie Lwin-Waldschmidt, Leiterin DEinternational bei der DIHK, entwickelt das Portfolio der AHKs mit ihnen weiter und erklärt im Interview, wie deutsche KMUs bei der Erschließung neuer Märkte von diesen Dienstleistungen profitieren können.

4 min Lesezeit
Interview
© Nadezhda Buravleva, stock.adobe.com

Ein Schwerpunkt der Arbeit der IHK-Exportakademie GmbH liegt auf internationalen Projekten und Unternehmerreisen, die Unternehmen die Möglichkeit bieten, neue Märkte zu erschließen, bestehende Geschäftspotenziale gezielt zu nutzen und wertvolle Kontakte vor Ort zu knüpfen. Wir sprachen mit Tobias Meyer und Amra Surkovic über die Chancen, Herausforderungen und Trends, die deutsche Unternehmen bei der Erschließung internationaler Märkte aktuell bewegen.

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