INFRASTRUKTUR

„Alarmstufe Rot" im Bahn-Regionalverkehr: Bauarbeiten, Langsamfahrten, Ausfälle

In ungewöhnlich deutlicher Weise hat sich Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter in den seit Wochen schwelenden Auseinandersetzungen um den Zustand vor allem der regionalen Bahnstrecken in Bayern zu Wort gemeldet; die Politik hat bei einem Allgäuer Bahngipfel" am 4. September 2026 eine Besserung der Situation verlangt.
Wegen Mängeln und Bauarbeiten könne mittlerweile auf 45 Linien des Regionalverkehrs in Bayern der reguläre Fahrplan nicht mehr gefahren werden, so Bernreiter bereits am 26. August. Zu den am stärksten betroffenen Gegenden gehören demnach das Allgäu, der Großraum Augsburg und die Strecke DonauwörthNördlingen. Es herrsche „Alarmstufe Rot beim bayerischen Eisenbahnnetz". Bernreiter verlangte, die DB müsse einen Masterplan liefern.
Es ist aktuell ein komplexes Bild aus unterlassenen, verzögerten, aber auch sehr spontan in Angriff genommenen Bauarbeiten an der Infrastruktur, aus der damit einhergehenden offenkundig nicht immer optimalen Kommunikation zwischen der DB InfraGO und den Bahnunternehmen die auf den betroffenen Strecken fahren (einschließlich der Konzerntochter DB Regio) sowie zwischen Bahn und Fahrgästen, die sich mitunter spontan auf sogenannten „Schienenersatzverkehr", also auf Ersatzbusse, einstellen müssen. Auslöser sind über Jahre aufgelaufener Verschleiß ebenso wie kurzfristig auftretende Hitzeschäden, aber auch planmäßige Modernisierungen, etwa an einigen Bahnhöfen im Allgäu. Dort, wo Schäden oder Verschleiß an den Gleisen auftreten richtet die Bahn sogenannte Langsamfahrstellen ein, reduziert also die zulässige Geschwindigkeit der Züge. Größere Lf-Abschnitte, so die interne Bezeichnung, lassen keinen fahrplanmäßigen Betrieb mehr zu, mitunter über Monate hinweg. Für die Bahn ist es ein Spagat: Dort wo sie investiert sorgt sie gleichzeitig für Ärger, weil Baustellen im Netz fast immer mit Verspätungen, Zugausfällen, Fahrplanänderungen und dem Schienenersatzverkehr” einher gehen.
In dieser Situation hat sich Verkehrsminister Bernreiter in einem Brandbrief” an Bahn-Infrastrukturvorstand Dr. Philipp Nagl und am 26.08.2026 per Pressemitteilung an die Öffentlichkeit gewandt.
Christian Bernreiter, Staatsminister für Wohnen, Bau und Verkehr:
„Die Lage ist besorgniserregend und eine Zumutung für Fahrgäste und Eisenbahnverkehrsunternehmen im Bahnland Bayern. Ich erwarte von der DB, schnellstmöglich einen nachvollziehbaren Masterplan mit konkreten Schritten vorzulegen, wie die Langsamfahrstellen im Freistaat zügig und nachhaltig reduziert werden können.“
Laut Bernreiter gelten bei den aktuell betroffenen 45 Linien entweder Notfahrpläne mit Schienenersatzverkehr, reduziertem Zugangebot, längeren Reisezeiten oder Haltausfällen, oder die Züge seien durch nicht in den Fahrplan eingearbeitete Langsamfahrstellen permanent verspätet. Dies beeinträchtigt die ohnehin eingeschränkte Betriebsqualität weiter. Vor allem für die Verkehre rund um München und Augsburg sei die Lage „dramatisch”. Auch die Verbindungen von München ins Allgäu seien „mit Langsamfahrstellen gespickt", speziell die Abschnitte München–Geltendorf (42 km) und Biessenhofen–Hergatz (104 km).

Verkehrsminister: Der Zustand ist nicht mehr hinnehmbar

Bernreiter kritisierte, dass Langsamfahrstellen oder Streckensperrungen oft über viele Monate nicht beseitigt würden, weil es der DB InfraGO AG an Personal wie an Großgeräten fehle. Die DB InfraGO AG verfüge über zu wenige solcher Maschinen, deren Einsatz zudem immer wieder umpriorisiert werde oder an Defekten scheitere.
„Dieser Zustand ist so nicht mehr hinnehmbar“, macht Bernreiter deutlich. „Er führt zu immer schlechteren Pünktlichkeitswerten und immer höheren Ausfallquoten im vom Freistaat bestellten Schienenpersonennahverkehr. Auch die Qualität beim Schienenpersonenfernverkehr und Schienengüterverkehr in Bayern leidet genauso darunter."

Politik ruft zum „Allgäuer Bahngipfel"

Mit einem Allgäuer Bahngipfel" am 4. September 2026 hat die Politik vor allem auf die Kritik des Bahnunternehmens Arverio an der Baustellenplanung und am Zustand der Infrastruktur im Allgäu reagiert. Am Tisch im Bayerischen Landtag saßen den Instagram- und Facebook-Verlautbarungen zufolge unter anderem Ulrich Lange, Parlamentarischer Staatssekretär beim Bundesverkehrsminister, CSU-Landtags-Fraktionschef Klaus Holetschek, MdB Stephan Stracke, MdB Florian Dorn sowie Vertreterinnen und Vertreter von DB InfraGO, DB Regio, Arverio, der Bayerischen Regiobahn, der Bayerischen Eisenbahngesellschaft und des Bayerischen Verkehrsministeriums, darunter der neue bayerische Konzernbevollmächtigte Christoph Kraller. Bauarbeiten ließen sich nicht von heute auf morgen erledigen", müssten aber besser abgestimmt" und kommuniziert werden, außerdem müsse allen Beteiligten klar sein, dass es am Ende um den Fahrgast gehe", hieß es hinterher was die Allgäuer Zeitung" zu der Feststellung veranlasste: Dann stellt sich die Frage, wessen Interessen denn bisher bedient wurden."

Trotz hoher Investitionen noch kaum ein Effekt

Die Zeitung zitierte am 09.09.2026 (hinter Bezahlschranke) den bayerischen Verkehrsminister Bernreiter mit den Worten, es sei „umso bitterer, dass sich die Misere bei der Bahninfrastruktur im Freistaat und insbesondere auch zwischen dem Allgäu und dem Bahnknoten München verschlimmert statt verbessert“ – und dies trotz der auf 400 Millionen Euro bezifferten Investitionen in den vergangenen drei Jahren in das Streckennetz ins Allgäu. Deren Effekt auf die Zuverlässigkeit und Stabilität des Bahnbetriebs sind bislang offenbar begrenzt. Dies ist aber auch Folge von Einschränkungen durch noch laufende Bauarbeiten und eingeschränkte Kapazitäten unter anderem in Kempten, Immenstadt und Sonthofen.

„Notfahrplan" München–Buchloe bis Jahresende verlängert

Zuletzt hatte der Netzbetreiber DB InfraGO AG weitere Baumaßnahmen zwischen München und Buchloe mit erheblichen Einschränkungen für die Fahrgäste Richtung Allgäu angekündigt und erklärt, dass sie den bereits seit 7. Februar 2026 bestehenden „Notfahrplan" zwischen München und dem Allgäu um weitere eineinhalb Monate bis mindestens Mitte Dezember dieses Jahres mit den betroffenen Eisenbahnverkehrsunternehmen verlängern wird. Hintergrund sind Langsamfahrstellen, die die Bahn eingerichtet hatte, um die Infrastruktur bis zu den nun beginnenden Sanierungsarbeiten zu schonen. Die Fahrzeiten zwischen München und Buchloe wurden um bis zu 20 Minuten verlängert.
Die aktuelle Baustellen-Planung für diese Strecke hatte das in Augsburg ansässige Bahn-Unternehmen Arverio, das die Regionalzüge zwischen München, Memmingen und Lindau betreibt, bereits am 11. August 2026 heftig kritisiert. Seit 13. August 2026 an fallen für mindestens ein Vierteljahr täglich auf irgendeinem Teilstück dieser Strecke Züge aus, teilweise auf mehreren Abschnitten gleichzeitig. Man begrüße es sehr, wenn die DB InfraGO an der Strecke notwendige Bauarbeiten vornimmt, kritisierte allerdings „die Vielzahl offenkundig schlecht koordinierter Arbeiten, die aufgrund ihrer großen Zahl und der teilweise zusätzlichen kurzfristigen Ankündigung weiterer Streckensperrungen enorme Auswirkungen für die Fahrgäste haben werden.” In einer Mitteilung listet das Tochterunternehmen der Österreichischen Bundesbahn (ÖBB) 14 terminierte und zwei weitere „Baumaßnahmen” zwischen München, Memmingen und Lindau bis in den November 2026 auf, jeweils an unterschiedlichen Tagen auf verschiedenen Teilstücken, teilweise aufeinander folgend, teilweise überlappend.

Einschränkungen auch zum Oktoberfest

„Herausragendes Negativ-Beispiel” sei, dass auf dem zweigleisigen Streckenabschnitt zwischen München und Buchloe während des Oktoberfestes „mit dem bekanntermaßen sehr großen Fahrgastandrang” nur ein Gleis befahrbar sein soll und dementsprechend viele Züge ausfallen müssten. Als extremes Beispiel werde laut Arverio vom 9. bis 11. Oktober eine Bahnfahrt von München nach Memmingen so ablaufen: Ersatzbus von München bis Fürstenfeldbruck, Zugfahrt von Fürstenfeldbruck bis Buchloe, Ersatzbus von Buchloe bis Mindelheim, Zugfahrt von Mindelheim bis Memmingen.
„Das alles ist überhaupt nicht fahrgastfreundlich geplant“, stellt Arverio-Geschäftsführer Arno Beugel laut der Pressemitteilung fest. „Wir sehen immer mehr kurzfristig angekündigte Baustellen. Und wenn die Bauarbeiten fertig sind, erleben wir häufig, dass die Langsamfahrstellen mit dem reduzierten Tempo nicht beseitigt sind und wir weiter mit verlängerter Fahrzeit oder einem Ersatzverkehr mit Bussen fahren müssen. Wir können hier kein Konzept erkennen, wie die Strecke wieder in den Tritt kommen soll. Aus unserer Sicht ist das Flickschusterei.“
Arverio stellte bereits in Aussicht, dass es zum Fahrplanwechsel im Dezember 2026 eine weitere „Fahrplananpassung” geben werde, weil die Langsamfahrstellen auch bis dahin absehbar nicht beseitigt sein würden.

Auf Monate hinaus Verspätungen auf der „Riesbahn"

Hitzebedingte Schäden werden der Riesbahn” zwischen Donauwörth und Nördlingen voraussichtlich über Monate hinweg zusetzen und bis in den Raum Augsburg/München ausstrahlen. Die Reparatur war nicht, wie erhofft, binnen weniger Tage möglich Am 28. August 2026 teilte Arverio mit, dass die DB InfraGO, die die Infrastruktur betreibt, mehrere sogenannter Langsamfahrstellen („Tempolimits“) einrichten musste. So dürfen zum Beispiel auf einer dieser Langsamfahrstellen von 1,6 Kilometer Länge bei Wörnitzstein die Züge nun nur noch mit maximal 20 statt sonst 100 Kilometern pro Stunde fahren. Alles zusammen führe dazu, „dass kein Zug pünktlich die Riesbahn durchfahren kann." Da die Strecke eingleisig ist, schaukeln sich die Verspätungen hoch und übertragen sich auch auf die Züge der Gegenrichtung. Es komme immer wieder zu hohen Verspätungen von teilweise deutlich mehr als 30 Minuten; einzelne Züge müssten ausfallen, um den Zugverkehr wenigstens einigermaßen zu „stabilisieren." Spätestens ab Donauwörth, wo jeder zweite Zug nach München weiterfahren soll, ziehen diese Verspätungen dann das ganze Augsburger Netz von Arverio in Mitleidenschaft: Anschlüsse klappen nicht, und die geplanten Zugvereinigungen und -trennungen gehen mit hohen Verspätungen einher.
Laut Aussage der DB InfraGO sei es leider erst Mitte November möglich, die Schäden an den Gleisen zu reparieren. „Die Verspätungen sind schon jetzt für unsere Fahrgäste unzumutbar. Wir sind sehr frustriert darüber“, so Arno Beugel, Technischer Geschäftsführer von Arverio. „In den nächsten Tagen bleibt uns nichts anderes übrig, als mit den hohen Verspätungen weiterzufahren."

Kritik auch von BRB, Agilis und Westbahn

Arverio ist mit der öffentlichen Kritik an der Baustellenplanung der DB nicht allein. Zu Jahresbeginn hatte die Bayerische Regiobahn (BRB), die unter anderem die Strecken von München nach Salzburg und von Augsburg nach Schongau und Füssen bedient, gemeinsam mit der österreichischen Westbahn als Fernverkehrsanbieter zwischen Wien, München, Augsburg, Ulm und Stuttgart die oftmals kurzfristig mitgeteilten Planungen und die generelle Fahrgastinformation kritisiert. BRB-Geschäftsführer Arnulf Schuchmann hatte schon Ende des vergangenen Jahres einen Hilferuf in einer Pressemitteilung abgesetzt: „Wir können den Zugverkehr kaum noch aufrechterhalten!“ Zuletzt war die BRB mit der kurzfristig über ein Wochenende angekündigten Sperrung der Strecke Augsburg Ingolstadt im Bereich Friedberg konfrontiert wo neue Bahnsteige errichtet werden und der Untergrund aufwendig saniert wird; diese Streckensperrung endet nun aber nicht mit den Sommerferien, sondern erst im November.
Auch die Bahngesellschaft Agilis, die die Strecke Ulm-Donauwörth-Ingolstadt-Regensburg betreibt, hatte sich im Sommer 2026 über Baustellen-Ankündigungen oder -Verlängerungen der Bahn mit zum Teil nur wenigen Tagen Vorlauf beklagt.

Bauarbeiten auch zwischen Kempten, Oberstdorf und Lindau

Aktuell gibt es im Allgäu auch zwischen Kempten und Oberstdorf noch für mehrere Wochen wegen der Modernisierung der Bahnhöfe Kempten, Immenstadt und Sonthofen erhebliche Einschränkungen und teilweise Bus-Ersatzverkehr. Der neue ICE-L nach Oberstdorf kann aus diesem Grund in Immenstadt nicht regulär halten und fährt von Kempten bis Sonthofen ohne planmäßigen Stopp. Hinzu kommen seit Montag, 7. September, bis voraussichtlich 14. Oktober Bauarbeiten zwischen Kempten, Immenstadt, Oberstaufen und Lindau-Reutin mit Bus-Ersatzverkehr.