Bahn-Fernverkehr
ICE-L ersetzt Intercity nach Oberstdorf
Oberstdorf – und damit zunächst auch Memmingen und Kempten – sind neue Ortsnamen auf der ICE-Landkarte: Das Intercity-Zeitalter im Allgäu ist am 8. Juli 2026 zu Ende gegangen; nach einer baustellenbedingten Unterbrechung fährt vom 12. Juli 2026 an der neue Zugtyp ICE-L von Dortmund über Stuttgart und Ulm nach Oberstdorf.
Der ICE-L soll Glanz in den Fernverkehr im Allgäu bringen und in puncto Qualität neue Maßstäbe setzen, sowohl mit verbesserter Pünktlichkeit als auch mit Komfort. Das „L” steht für „low floor”, also Niederflur-Einstieg. Der Zug des spanischen Herstellers Talgo hat laut Bahn ein neues Innenraumdesign mit neuen Farben und Materialien, die für „ein angenehmes, wohnliches Raumgefühl” sorgen sollen. Die Sitze seien neu entwickelt, der Mobilfunkempfang verbessert und das Licht tageszeitabhängig gesteuert. Mit 46 Plätzen biete der Zug den größten Familienbereich in der gesamten ICE-Flotte. Hinzu kommen neun Plätze im Kleinkindabteil. „Wir wollen die Menschen mit unseren Zügen begeistern. Mit dem neuen ICE L setzen wir ganz klar auf mehr Komfort und Zuverlässigkeit für unsere Fahrgäste. Jeder neue Zug zahlt auf einen stabilen Betrieb ein", erklärte Bahn-Chefin Evelyn Palla. Der erst 2025 beschaffte neue Zug-Typ wird erst auf drei Strecken eingesetzt: von Berlin nach Westerland (Sylt), nach Wien und Amsterdam sowie nun auch nach Oberstdorf. Die Bahn spricht von „anspruchsvollen touristischen Strecken”.
Damit rollt der schon stark angejahrte IC-Wagenpark für immer aufs Abstellgleis; bundesweit setzt die Bahn für die wenigen verbliebenen Intercitys (IC) fast nur noch Doppelstückzüge ein. Die ICs waren zuletzt stark störanfällig; der IC 2013 nach Oberstdorf brachte es in den letzten 30 Tagen seines Daseins auf eine Pünktlichkeit von 0 (null) Prozent, erreichte also sein Ziel an keinem einzigen Tag gemäß Fahrplan. Er gilt als der bundesweit unpünktlichste Zug. Durchschnittlich war er 40 Minuten pro Fahrt verspätet; an neun Tagen, das sind 30 Prozent (!) kam er überhaupt nicht bis Oberstdorf, in der Regel wegen technischer Störungen am Zug oder aber an der Strecke.
Während "klassische" ICEs eine elektrische Oberleitung benötigen wird der ICE-L von einer Lokomotive gezogen. Von Plochingen bis Oberstdorf wird der Zug hierfür eine Siemens Vectron-Zweisystemlok erhalten, die mit Oberleitung oder bei Bedarf mit einem integrierten Dieselaggregat fahren kann, denn unter Strom dürfte die Strecke zwischen Ulm und Oberstdorf frühestens 2035 stehen. (Mehr zur Elektrifizierung im Allgäu hier.) Der bisherige IC „Allgäu” war von zwei Dieselloks gezogen worden, die sich zwischen Stuttgart und Ulm mühsam die Geislinger Steige hinaufquälten und dabei je Lok 300 Liter auf 100 km hinauspusteten während Aufkleber an den Waggons von „100 Prozent Ökostrom” im Bahn-Fernverkehr kündeten.
Für den touristischen Verkehr ist der Fortbestand der Fernverkehrsverbindung nach Oberstdorf bzw. deren Neuanfang mit dem ICE-L von großer Bedeutung. Mit dem ICE-L bleiben das Ruhrgebiet, Düsseldorf und Köln als wichtige Einzugsgebiete weiter direkt, also ohne Umstieg, mit dem Allgäu verbunden. In der Anfangsphase wird der Zug zwischen Kempten und Oberstdorf keinen planmäßigen Halt haben, in Immenstadt erst im Laufe des August. Sonthofen und Fischen sollen später dazukommen. Grund ist dass an diesen Bahnhöfen derzeit noch neue Bahnsteige errichtet werden und der Ein- und Ausstieg in den ICE-L erst dann ebenerdig möglich sein wird.
Offen blieb zuletzt nur, ob der Zug, der künftig statt IC 2012/2013 einfach ICE 2012/2013 heißen und zunächst einmal in der gleichen Fahrplanlage fahren soll, seinen imageträchtigen Namen „Allgäu” weiter behalten wird.
Streichungen vom Bodensee bis zum Königsee
Die Direktverbindungen ins Allgäu sind touristisch bedeutsam, zumal andere in der Vergangenheit weggefallen sind, zuletzt der Intercity „Nebelhorn” Hamburg–Augsburg–Oberstdorf: Ohne den Fahrplanwechsel im Dezember 2025 abzuwarten hatte die Deutsche Bahn im Oktober 2025 diese Intercity-Verbindung gestrichen. Eine sogenannte „Konsolidierung” des Fahrplans traf aber nicht nur Oberstdorf, sondern zum Dezember 2025 eine ganze Reihe von Zielen im Alpen- und Bodenseeraum.
Zur Zukunft des IC „Nebelhorn" hatte sich die Bahn lange bedeckt gehalten, auch noch als im Sommer 2025 Fachmedien und die „Stuttgarter Zeitung" aus „durchgestochenen” Übersichten des künftigen Fernverkehrsangebots zitierten. Weil sich die Bahn auf die „vertakteten” Züge in ihrem Kernnetz konzentrieren wolle fielen demnach eine ganze Reihe von ICE- und IC-Einzelzügen am „Rand" des Liniennetzes zum Fahrplanwechsel 2025/26 weg.
Ein Blick in die Listen und auf die Landkarte zeigt: Diese Streichungen haben wie keine zweite Region in Deutschland den gesamten Raum südlich der Achse Stuttgart–München–Salzburg mit einem vorwiegend touristisch ausgerichteten Fernverkehrsangebot getroffen. In dem gesamten Raum zwischen Bodensee und Königsee blieb alleine das Zugpaar IC 2012/2013 Dortmund–Ulm–Oberstdorf erhalten.
Weggefallen sind beispielsweise der IC nach Reutlingen/Tübingen, ein ÖBB-„Railjet" von Frankfurt über Ulm und Lindau zum Arlberg, das Zugpaar IC 2084/2085 „Nebelhorn” von Hamburg über Augsburg nach Oberstdorf sowie dessen Zugteil IC 2082/2083 „Königsee” von Augsburg über München nach Bad Reichenhall und Berchtesgaden sowie der ICE von Berlin über München nach Garmisch-Partenkirchen.
Das Ende des IC „Nebelhorn”
Der IC „Nebelhorn” wurde kurzfristig bereits zum 4. Oktober 2025 gestrichen, weil dann nach Angaben der Bahn der Zug wegen diverser Baustellen auf dem Streckenverlauf nicht mehr fahren konnte. Der Zug, der auch in den vergangenen Jahren wegen Bauarbeiten immer wieder wochenlang aus dem Fahrplan genommen worden war, kehrte diesmal aber nicht wieder.
Am Ende hatte nach Angaben aus Bahn-Kreisen eine ganze Reihe von Gründen zum „Aus” für diesen Zug beigetragen: Die Auslastung, auf den touristischen Relationen ohnehin stark schwankend, soll schon länger unter den Wünschen der Bahn gelegen haben, die den Fernverkehr, anders als Regionalzüge, eigenwirtschaftlich betreiben muss. Außerdem sollen die hochbetagten IC-Zuggarnituren 2026 im Wortsinne „aufs Abstellgleis” rollen und aus dem Verkehr gezogen werden. Ein Ersatz des Doppel-IC „Nebelhorn”/„Königsee", der bislang in Augsburg geteilt wurde und getrennt nach Oberstdorf und Berchtesgaden weiterfuhr, durch den neuen Typ ICE-L ist nicht möglich, weil dieser Zug nicht geteilt werden kann. Zwei „klassische” ICE-Halbzüge könnten auf dieser Relation aber gar nicht eingesetzt werden: Zwischen Augsburg und Oberstdorf fehlt ebenfalls eine Oberleitung.
Auch ein Grund: fehlende Elektrifizierung im Allgäu
Zugespitzt: Hier rächt sich das jahrzehntelange Versäumnis einer Elektrifizierung der Strecken ins Allgäu. Mangels Oberleitung könnte der „Nebelhorn” als Halbzug-ICE rein technisch nicht mehr fahren, die Auslastung war wirtschaftlich für die Bahn nicht attraktiv – und der laufende Betrieb war zu teuer: In Augsburg musste rangiert und eine Diesellok vorgespannt werden, die pro Kilometer rund das Dreifache einer E-Lok kostet. Halboffiziell verlautet bei der Bahn: Mit elektrischem Betrieb wären durchaus noch andere Optionen denkbar gewesen. Die Streichung des IC „Nebelhorn” – sie ist letztendlich verkehrspolitisch betrachtet ein Aus mit Ansage. Die Region, auch die IHK Schwaben, hatten die Elektrifizierung der Strecke Augsburg–Buchloe–Kempten–Oberstdorf seit mehreren Jahrzehnten gefordert; Bund und Freistaat erklärten sich wechselseitig für nicht zuständig.
Übrigens: Rein technisch könnte auch die aktuell vom Freistaat mit der Deutschen Bahn vereinbarten und von einem breiten Bündnis aus Kommunen und Wirtschaft unterstützte Elektrifizierung einzelner Abschnitte zwischen Augsburg, Buchloe und Kempten (vgl. hier) einen Zug wie den „Nebelhorn” als ICE nicht zurückbringen: Dieses Konzept ist ausschließlich für Akku-Hybrid-Züge im Regionalverkehr tauglich wie sie in Schleswig-Holstein bereits eingesetzt werden; ein ICE braucht aber eine durchgehende Oberleitung.
Oder anders formuliert: Ohne komplette Elektrifizierung von Augsburg nach Oberstdorf wird es in dieser Relation absehbar keinen Fernverkehr mehr geben können. Ein langer ICE-L-Zug, so argumentierte die Bahn, sei auf dieser Route, anders als von Dortmund über Ulm nach Oberstdorf, nicht wirtschaftlich einsetzbar.
IHK warnte vor Schaden für Tourismusregion
Die Streichung der Fernverkehrsverbindung hatte im Allgäu, aber auch in den anderen betroffenen Regionen, heftige Reaktionen ausgelöst. Der Bayerische Rundfunkt berichtete, im Allgäu herrsche „Entsetzen”. Im Juli 2025, als die Streichung des IC „Nebelhorn” bereits als drohendes Szenario im Raum stand, warnten die Allgäuer IHK-Regionalvorsitzenden Julia Zwicker (Kempten/Oberallgäu) und Peter Dobler (Kaufbeuren/Ostallgäu) vor drohendem Schaden für die Tourismus-Region, die sehr stark auf Nachhaltigkeit setze. Eine solche Entscheidung wäre „ein schwerer Rückschlag.” Für Urlaubsgäste, die bislang ohne Umstieg anreisen konnten, bedeute dies Kofferschleppen auf Unterwegsbahnhöfen und das ständige Risiko, einen Anschluss nicht zu erreichen. Dobler sprach von einem „Weckruf an die Politik, nicht weitere vierzig Jahre über die Elektrifizierung zu diskutieren.”
Winter 2024/25: Stellwerk kaputt, Fernverkehr steht in Frage
Die Streichung des IC „Nebelhorn” ist der letzte Akt eines längeren Dramas. Der Zug stand immer wieder zur Diskussion seit die Bahn schon vor zwei Jahrzehnten den IC Berlin–Augsburg–Oberstdorf gestrichen hatte. Im Herbst 2024 und in der Wintersaison 2024/25 musste das Allgäu auf beide touristisch wichtigen Intercity-Verbindungen, von Hamburg und von Dortmund aus, verzichten. Grund war der Ausfall eines Stellwerks in Oberstdorf im Sommer 2024. Am 16. Oktober 2024 kündigte die Bahn unvermittelt zunächst eine unbefristete Einstellung des Intercity-Verkehrs nach Oberstdorf an, zumindest für mehrere Jahre (!) bis zur Fertigstellung eines neuen Stellwerks. Die alte Anlage könne nicht mehr repariert werden; ohne die Möglichkeit, Weichen umzustellen konnten aber nur noch Triebwagenzüge (mit Lokführer-Stand an beiden Enden) in den Bahnhof einfahren. Nach Protesten des Freistaats, der Region und der IHK Schwaben erklärte die Bahn am 11. November 2024, das defekte Stellwerk könne nun doch repariert werden und stellte in Aussicht, die Züge würden voraussichtlich ab März 2025, also nach der Wintersaison, wieder fahren. Tatsächlich fuhren ab 1. März 2025 die ICs „Allgäu” und „Nebelhorn” wieder nach Oberstdorf. Doch für den IC „Nebelhorn” sollte es der letzte Sommer werden.
Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter sagte damals zur Ankündigung der Wiederaufnahme des Fernverkehrs: „Das Worst-Case-Szenario ist abgewendet. Das ist eine sehr gute Nachricht für Oberstdorf und das ganze südliche Allgäu. Meine Gespräche mit der Bahn und der Druck aus der Region haben Wirkung gezeigt. Es wäre undenkbar gewesen, Oberstdorf über Jahre vom Fernverkehr abzuschneiden." Auf der Linie Hamburg–Augsburg–Oberstdorf geschah das ein paar Monate später dann doch, und nun nicht bloß für „einige Jahre”.
