Bahn-Fernverkehr
(Stand: 03.02.2026)
Bahn streicht den Intercity "Nebelhorn" nach Oberstdorf
Plötzlich kam das „Aus” ganz schnell: Ohne den Fahrplanwechsel im Dezember abzuwarten hat die Deutsche Bahn im Oktober 2025 die Intercity-Verbindung (IC) „Nebelhorn” Hamburg–Augsburg–Oberstdorf gestrichen. Den Zug wird es künftig nicht mehr geben. Eine sogenannte „Konsolidierung” des Fahrplans traf aber nicht nur Oberstdorf, sondern eine ganze Reihe von touristischen Zielen im Alpenraum.
Im Jahresfahrplan 2026 erhalten geblieben ist hingegen der IC „Allgäu”, der im Juni 2026 auf den neuen Zugtyp ICE-L umgestellt werden soll. Dieser kann dank einer Zweisystem-Lokomotive (Elektro/Diesel) ab Ulm auch ohne Oberleitung nach Oberstdorf fahren.
Zur Zukunft des IC „Nebelhorn" hatte sich die Bahn lange bedeckt gehalten, auch noch als im Sommer 2025 Fachmedien und die „Stuttgarter Zeitung" aus „durchgestochenen” Übersichten des künftigen Fernverkehrsangebots zitierten. Weil sich die Bahn auf die „vertakteten” Züge in ihrem Kernnetz konzentrieren wolle fielen demnach eine ganze Reihe von ICE- und IC-Einzelzügen am „Rand" des Liniennetzes zum Fahrplanwechsel 2025/26 weg.
Streichungen im gesamten Raum vom Bodensee bis Königsee
Ein Blick in die Listen und auf die Landkarte zeigt: Diese Streichungen haben wie keine zweite Region in Deutschland den gesamten Raum südlich der Achse Stuttgart–München–Salzburg mit einem vorwiegend touristisch ausgerichteten Fernverkehrsangebot getroffen. In dem gesamten Raum zwischen Bodensee und Königsee bleibt alleine das Zugpaar IC 2012/2013 Dortmund–Ulm–Oberstdorf erhalten.
Weggefallen sind beispielsweise der IC nach Reutlingen/Tübingen, ein ÖBB-„Railjet" von Frankfurt über Ulm und Lindau zum Arlberg, das Zugpaar IC 2084/2085 „Nebelhorn” von Hamburg über Augsburg nach Oberstdorf sowie dessen Zugteil IC 2082/2083 „Königsee” von Augsburg über München nach Bad Reichenhall und Berchtesgaden sowie der ICE von Berlin über München nach Garmisch-Partenkirchen.
Der alte IC fährt aufs Abstellgleis, der neue kann nicht nach Oberstdorf
Der IC „Nebelhorn” wurde kurzfristig bereits zum 4. Oktober 2025 gestrichen, weil dann nach Angaben der Bahn der Zug wegen diverser Baustellen auf dem Streckenverlauf nicht mehr fahren konnte. Der Zug, der auch in den vergangenen Jahren wegen Bauarbeiten immer wieder wochenlang aus dem Fahrplan genommen worden war, wird diesmal aber nicht wiederkehren.
Am Ende hatte nach Angaben aus Bahn-Kreisen eine ganze Reihe von Gründen zum „Aus” für diesen Zug beigetragen: Die Auslastung, auf den touristischen Relationen ohnehin stark schwankend, soll schon länger unter den Wünschen der Bahn gelegen haben, die den Fernverkehr, anders als Regionalzüge, eigenwirtschaftlich betreiben muss. Außerdem sollen die hochbetagten IC-Zuggarnituren 2026 im Wortsinne „aufs Abstellgleis” rollen und aus dem Verkehr gezogen werden. Ein Ersatz des Doppel-IC „Nebelhorn”/„Königsee", der bislang in Augsburg geteilt wurde und getrennt nach Oberstdorf und Berchtesgaden weiterfuhr, durch den neuen Typ ICE-L ist nicht möglich, weil dieser Zug nicht geteilt werden kann. Zwei „klassische” ICE-Halbzüge könnten auf dieser Relation aber gar nicht eingesetzt werden: Zwischen Augsburg und Oberstdorf fehlt ebenfalls eine Oberleitung.
Auch ein Grund: fehlende Elektrifizierung im Allgäu
Zugespitzt: Hier rächt sich das jahrzehntelange Versäumnis einer Elektrifizierung der Strecken ins Allgäu. Mangels Oberleitung könnte der „Nebelhorn” als Halbzug-ICE rein technisch nicht mehr fahren, die Auslastung war wirtschaftlich für die Bahn nicht attraktiv – und der laufende Betrieb war zu teuer: In Augsburg musste rangiert und eine Diesellok vorgespannt werden, die pro Kilometer rund das Dreifache einer E-Lok kostet. Halboffiziell verlautet bei der Bahn: Mit elektrischem Betrieb wären durchaus noch andere Optionen denkbar gewesen. Die Streichung des IC „Nebelhorn” – sie ist letztendlich verkehrspolitisch betrachtet ein Aus mit Ansage. Die Region, auch die IHK Schwaben, hatten die Elektrifizierung der Strecke Augsburg–Buchloe–Kempten–Oberstdorf seit mehreren Jahrzehnten gefordert; Bund und Freistaat erklärten sich wechselseitig für nicht zuständig.
Übrigens: Rein technisch könnte auch die aktuell vom Freistaat mit der Deutschen Bahn vereinbarten und von einem breiten Bündnis aus Kommunen und Wirtschaft unterstützte Elektrifizierung einzelner Abschnitte zwischen Augsburg, Buchloe und Kempten (vgl. hier) einen Zug wie den „Nebelhorn” als ICE nicht zurückbringen: Dieses Konzept ist ausschließlich für Akku-Hybrid-Züge im Regionalverkehr tauglich wie sie in Schleswig-Holstein bereits eingesetzt werden; ein ICE braucht aber eine durchgehende Oberleitung.
Oder anders formuliert: Ohne komplette Elektrifizierung von Augsburg nach Oberstdorf wird es in dieser Relation absehbar keinen Fernverkehr mehr geben können.
IHK warnt vor Schaden für Tourismusregion
Die Streichung der Fernverkehrsverbindungen hat im Allgäu, aber auch in den anderen betroffenen Regionen, heftige Reaktionen ausgelöst. Der Bayerische Rundfunkt berichtete, im Allgäu herrsche „Entsetzen”. Im Juli 2025, als die Streichung des IC „Nebelhorn” bereits als drohendes Szenario im Raum stand, warnten die Allgäuer IHK-Regionalvorsitzenden Julia Zwicker (Kempten/Oberallgäu) und Peter Dobler (Kaufbeuren/Ostallgäu) vor drohendem Schaden für die Tourismus-Region, die sehr stark auf Nachhaltigkeit setze. Eine solche Entscheidung wäre „ein schwerer Rückschlag.” Für Urlaubsgäste, die bislang ohne Umstieg anreisen konnten, bedeute dies Kofferschleppen auf Unterwegsbahnhöfen und das ständige Risiko, einen Anschluss nicht zu erreichen. Dobler sprach von einem „Weckruf an die Politik, nicht weitere vierzig Jahre über die Elektrifizierung zu diskutieren.”
Winter 2024/25: Stellwerk kaputt, Bahn stellte Fernverkehr zur Disposition
Die Streichung des IC „Nebelhorn” ist der letzte Akt eines längeren Dramas. Der Zug stand immer wieder zur Diskussion seit die Bahn schon vor zwei Jahrzehnten den IC Berlin–Augsburg–Oberstdorf gestrichen hatte. Im Herbst 2024 und in der Wintersaison 2024/25 musste das Allgäu auf beide touristisch wichtigen Intercity-Verbindungen, von Hamburg und von Dortmund aus, verzichten. Grund war der Ausfall eines Stellwerks in Oberstdorf im Sommer 2024. Am 16. Oktober 2024 kündigte die Bahn unvermittelt zunächst eine unbefristete Einstellung des Intercity-Verkehrs nach Oberstdorf an, zumindest für mehrere Jahre (!) bis zur Fertigstellung eines neuen Stellwerks. Die alte Anlage könne nicht mehr repariert werden; ohne die Möglichkeit, Weichen umzustellen konnten aber nur noch Triebwagenzüge (mit Lokführer-Stand an beiden Enden) in den Bahnhof einfahren. Nach Protesten des Freistaats, der Region und der IHK Schwaben erklärte die Bahn am 11. November 2024, das defekte Stellwerk könne nun doch repariert werden und stellte in Aussicht, die Züge würden voraussichtlich ab März 2025, also nach der Wintersaison, wieder fahren. Tatsächlich fuhren ab 1. März 2025 die ICs „Allgäu” und „Nebelhorn” wieder nach Oberstdorf. Doch für den IC „Nebelhorn” sollte es der letzte Sommer werden.
„Worst-Case-Szenario" – abgewendet für ein paar Monate
Bayerns Verkehrsminister Christian Bernreiter sagte damals zur Ankündigung der Wiederaufnahme des Fernverkehrs: „Das Worst-Case-Szenario ist abgewendet. Das ist eine sehr gute Nachricht für Oberstdorf und das ganze südliche Allgäu. Meine Gespräche mit der Bahn und der Druck aus der Region haben Wirkung gezeigt. Es wäre undenkbar gewesen, Oberstdorf über Jahre vom Fernverkehr abzuschneiden." Auf der Linie Hamburg–Augsburg–Oberstdorf geschah das ein paar Monate später dann doch, und nun nicht bloß für „einige Jahre”.
(Stand: 03.02.2026)
