IHK-MAGAZIN
Nr. 7153740
4 min Lesezeit
HiddenMovers2023_DeepfakeDetective_0014
Cybersicherheit

Täuschend echt, real gefährlich: Die Macht digitaler Fälschungen

Was früher als Beweis galt, entbehrt heute jeder Gewissheit. Das Foto. Die Stimme. Der Videocall – nichts davon garantiert noch Authentizität.
Künstliche Intelligenz macht es möglich, Wirklichkeit täuschend echt nachzubauen. Für Unternehmen wird die Frage nach der Echtheit von Informationen damit zur Sicherheitsfrage. Deepfakes, manipulierte Identitäten und KI-gestützte Betrugsversuche verändern die Sicherheitslage für Unternehmen heute grundlegend und müssen mitgedacht werden.
Die Entwicklung ist längst kein Nischenthema für IT-Abteilungen mehr. Nach Angaben des Bundeskriminalamtes wurden 2025 rund 334.000 Fälle von Cyberkriminalität registriert. Bei der Vorstellung des Bundeslagebildes Cyberkriminalität zeichneten Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und BKA-Vizepräsidentin Martina Link das Bild einer wachsenden Bedrohung für Wirtschaft, Staat und kritische Infrastrukturen. Die Statistik erzählt allerdings nur einen Teil der Geschichte. Vieles bleibt unentdeckt, anderes wird nie angezeigt. Klar ist: Die digitale Angriffsfläche wächst – und mit ihr die Bedeutung von Prävention, Resilienz und Wirtschaftsschutz.

Der Täuschung auf der Spur

Michael Dolz und Olaf Krużycki beschäftigen sich mit einer Frage, die früher vor allem Philosophen umtrieb und heute zunehmend Unternehmen beschäftigt: Woran erkennen wir noch, was echt ist? In ihrer Firma techagogics GmbH suchen sie täglich nach Antworten.
Die Entwicklung fällt in eine Zeit, in der Künstliche Intelligenz rasant Einzug in den Unternehmensalltag hält. Laut DIHK setzen bereits gut 30 Prozent der Unternehmen in Deutschland KI ein, weitere 34 Prozent planen ihren Einsatz innerhalb der nächsten drei Jahre. Die Technologie verspricht mehr Effizienz, automatisierte Prozesse und neue Geschäftsmodelle. Gleichzeitig wächst die Angriffsfläche.
Sicherheitsbehörden beobachten, dass sich Betrugsmaschen und Manipulationsversuche zunehmend professionalisieren. Die europäische Polizeibehörde Europol warnt vor dem Einsatz künstlich erzeugter Bilder, Stimmen und Identitäten, die für Betrug, Erpressung oder Desinformation genutzt werden. Das Ziel ist häufig nicht die Technik selbst, sondern das Vertrauen von Menschen.
„Sobald ich Bilder, Stimmdaten oder persönliche Informationen von mir im Internet veröffentliche, liefere ich potenziell Material für die Erstellung von Deepfakes“, sagt Olaf Krużycki.
Für Unternehmen entsteht daraus eine neue Herausforderung. Was lange als authentisch galt, muss heute häufiger überprüft werden. Die Frage, ob Informationen echt sind, wird zunehmend Teil des Risikomanagements.
„Sobald ich Bilder, Stimmdaten oder persönliche Informationen von mir im Internet veröffentliche, liefere ich potenziell Material für die Erstellung von Deepfakes.

Wenn Sicherheit zur Kompetenz wird

Noch vor wenigen Jahren standen Firewalls, Passwörter und Virenschutzprogramme im Mittelpunkt vieler Sicherheitsstrategien. Heute rückt zunehmend der Mensch in den Fokus.
Genau hier setzt die Arbeit von techagogics an.
Bundesweit bekannt wurde das Kieler Unternehmen mit den „Deepfake Detectives“. In Workshops lernen Teilnehmende, digitale Täuschungen zu erkennen und kritisch zu hinterfragen. Inzwischen kommen die Anfragen immer häufiger aus Unternehmen.
„Wir müssen lernen, mit diesen Technologien umzugehen“, sagt Michael Dolz. „Das passende Rüstzeug gehört heute zur digitalen Grundausstattung.“

Angriff auf Unternehmen

Besonders attraktiv sind Unternehmen für sogenannte CEO-Frauds. Dabei nutzen Betrüger KI-generierte Stimmen oder Bilder, um sich als Führungskräfte auszugeben. Mitarbeitende sollen Geld überweisen, sensible Daten herausgeben oder vertrauliche Informationen teilen.
Der Angreifer muss dabei nicht mehr ins System eindringen. Es reicht, wenn er in eine Rolle schlüpft. Mal klingt er wie der Geschäftsführer, mal wie eine Kollegin aus der Buchhaltung. Die Werkzeuge dafür werden immer besser. Und genau das macht sie gefährlich: Sie greifen nicht zuerst Computer an, sondern Menschen. Die eigentliche Schwachstelle liegt dabei oft nicht in der Technik. Sondern im Vertrauen.

Ein neues Kapitel des Wirtschaftsschutzes

Die Entwicklung beschäftigt inzwischen auch die IHK zu Kiel. Wo Wirtschaftsschutz früher vor allem mit Einbruch, Diebstahl oder klassischen Sicherheitsfragen verbunden wurde, rücken heute digitale Bedrohungen in den Mittelpunkt. Cyberangriffe, Spionage, Datendiebstahl und KI-gestützte Manipulationen betreffen Unternehmen nahezu aller Branchen. „Cybersicherheit ist heute keine reine IT-Aufgabe mehr. Sie ist Chefsache. Unternehmen müssen ihre Systeme schützen, vor allem aber ihre Mitarbeitenden befähigen, Manipulationen, Täuschungen und Angriffe frühzeitig zu erkennen. Wirtschaftsschutz beginnt im Kopf – nicht im Serverraum.“, weiß Thomas Balk, Referent für Digitalisierung und Wirtschaftsschutz bei IHK zu Kiel.
Bevor es flächendeckende technische Schutzmechanismen gibt, wird der Mensch in seiner Eigenverantwortung gefragt sein.

Die wichtigste Firewall sitzt vor dem Bildschirm

Die Technologie wird besser. Die Fälschungen werden überzeugender. Absolute Sicherheit wird es kaum geben. Für Olaf Krużycki ist deshalb klar: „Bevor es flächendeckende technische Schutzmechanismen gibt, wird der Mensch in seiner Eigenverantwortung gefragt sein."
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Herausforderung. Unternehmen müssen nicht nur ihre Systeme schützen. Sie müssen lernen, Informationen zu hinterfragen, Quellen zu prüfen und vermeintliche Gewissheiten kritisch zu betrachten.
Denn im Zeitalter künstlicher Intelligenz wird Sicherheit zunehmend zur Frage des Urteilsvermögens.
Gut zu wissen:
techagogics etabliert immer mehr Bildungsangebote für Unternehmen. Hier lernen Teilnehmende was es bedarf, um neue kognitive Risiken im Umgang mit künstlicher Intelligenz erkennen zu können, um so zu einem leistungsstarken Mitglied auf Augenhöhe in der Zukunft von Human-AI-Team werden zu können.