Löst Indien China als Werkbank ab?

Die Pandemie hat die globalen Lieferketten kräftig gestört. Die große Abhängigkeit von China stellt viele deutsche Unternehmen vor die Frage, ob und wie sie ihre Zulieferungen und Produktionsstandorte diversifizieren sollen.
Im Interview zeigt Stefan Halusa, Hauptgeschäftsführer der AHK Indien auf, welche Rolle Indien dabei spielen kann.
Indien als alternativer Produktionsstandort für deutsche Unternehmen: Welche aktuellen Entwicklungen sehen Sie?  
Mit seinen 1,3 Milliarden Einwohnern und einer großen Zahl gut ausgebildeter Menschen bietet Indien für viele deutsche Unternehmen Chancen. Um ausländische Investoren anzulocken und insbesondere industrielle Arbeitsplätze zu schaffen, hat die indische Regierung 2020 die sogenannten „Production-Linked Incentives (PLI)“ geschaffen. Diese bieten diversen Branchen finanzielle Anreize, in Produktionskapazitäten in Indien zu investieren. Aus deutscher Sicht besonders interessant sind die Automobilindustrie, Hersteller elektronischer Produkte und Komponenten, Medizintechnik und pharmazeutische Produkte sowie die Batteriezellenchemie. Die Investitionen bieten jeweils auch Chancen für Zulieferer der genannten Branchen.
Welche Branchen profitieren besonders?
Ein wesentlicher Bereich, für den bei den deutsch-indischen Regierungskonsultationen im Mai 2022 eine engere Zusammenarbeit vereinbart wurde, sind die Erneuerbaren Energien. Beide Länder sind hochgradig von Energieimporten abhängig und haben das Ziel, diese Abhängigkeit zu reduzieren. Sowohl in Deutschland als auch in Indien werden erhebliche Investitionen in diesen Bereich fließen.
Chancen eröffnen sich zudem aus den geplanten Investitionen in die Infrastruktur. Die indische Regierung erstellt unter dem Namen “Gati Shakti” einen Masterplan zur Verbesserung der digitalen und realen Infrastruktur, in den über 100 Milliarden Euro fließen sollen.
Die Investitions- und Produktionsbedingungen in Indien sind nicht mit denen in China vergleichbar. Worauf müssen sich deutsche Unternehmen einstellen?
Als erstes ist zu beachten, dass es nicht nur “ein Indien” gibt. Indien ist ein föderaler Staat. Die Investitions- und Produktionsbedingungen variieren von Bundesland zu Bundesland erheblich. Wer in Indien investieren und produzieren will, sollte zunächst die wichtigsten Faktoren für die Auswahl des Standortes zusammentragen: Wo sitzen die Kunden, im Inland, im Ausland? Wo die Lieferanten? Welche Infrastruktur wird benötigt? Grundsätzlich bemühen sich viele Landesregierungen, Registrierungs- und Genehmigungsverfahren zu vereinfachen oder sie im Sinne im Sinne einer zentralen Abwicklung (“Single Window Clearance”) zusammenzufassen. Da gibt es deutliche Fortschritte, aber sicher nicht überall.
Was erachten Sie als besonders schwierig? Was lässt sich als besonders positiv vermerken?
Landerwerb ist in Indien ein sehr komplexes und zeitaufwändiges Unterfangen. Hier kann ich nur dazu raten, mit professioneller Unterstützung vorzugehen.
Ein sehr positiver Aspekt für ausländische Investoren ist das liberale Investitionsumfeld. In den meisten Branchen können ausländische Gesellschafter bis zu hundert Prozent des Firmenkapitals halten. Es gibt keinen Zwang, mit indischen Geschäftspartnern ein Joint Venture einzugehen.
Stichwort “China+1”: Viele Hersteller versuchen, für jedes Vorprodukt zumindest einen alternativen Zulieferer zu erschließen. Ist Indien ein geeigneter Beschaffungsmarkt?
Ausländische Investitionen in Indien konzentrieren sich seit Jahren überwiegend auf den großen inländischen Absatzmarkt. Indien hat nie eine aggressive Exportstrategie wie China verfolgt.
Allerdings sind im ersten Quartal 2022 die Einfuhren aus Indien um 30 Prozent gestiegen: ein erster Hinweis, dass Indien stärker in den Fokus deutscher Einkäufer gerückt ist.
In einigen Branchen hat die indische Industrie Schwierigkeiten in Preis und Qualität Weltmarkt-Niveau zu erreichen. Anders als in China können indische Unternehmen auch nicht von massiven staatlichen Subventionen profitieren.
In welchen Branchen sehen Sie besonderen Bedarf an (deutschen) Werkzeugmaschinen in Indien?
Die deutsche Werkzeugmaschinenindustrie ist seit vielen Dekaden erfolgreich in Indien unterwegs. Jedes Jahr liefert Deutschland für etwa 3,5 Milliarden Euro Maschinen nach Indien. Allerdings gerät die Branche aus zwei Gründen unter Druck. Einerseits werden die einheimischen Hersteller immer besser und können heute schon über 50 Prozent der Binnennachfrage decken. Andererseits drückt die starke chinesische Konkurrenz zusätzlich Druck auf das Preisgefüge. Deutsche Preise lassen sich nur durch ein Alleinstellungsmerkmal, einen USP (Unique Selling Point) oder durch einen technologischen Vorsprung rechtfertigen. Ein simpler Hinweis auf gute Qualität “Made in Germany” reicht heute nicht mehr.
Weiterhin gute Absatzchancen haben High-Tech Maschinen sowie der Sondermaschinen- und Anlagenbau. Besonderer Bedarf besteht aus meiner Sicht im Automobilbereich und seiner Zulieferindustrie, bei der Luft- und Raumfahrt, aber auch in der Medizintechnik und der Elektroindustrie.
Baden-württembergischen Werkzeugmaschinenhersteller bieten wir B2B-Matchmaking-Gespräche mit indischen Einkäufern am 13. und 14 September 2022 auf der AMB in Stuttgart. Jetzt informieren und anmelden.
Der Ukraine-Krieg ändert gerade die Weltpolitik. Indien hat sich nicht eindeutig positioniert - zumindest aus westlicher Sicht. Wie beurteilen Sie die indische Haltung im globalen Machtgefüge USA – China – Russland – EU?
Das ist eine schwierige Frage, ich bin kein Geostratege. Indien war traditionell blockfrei, hat sich also auch während des kalten Krieges neutral verhalten. Die kriegerischen Auseinandersetzungen mit Pakistan im Jahr 1971, bei denen die USA Pakistan unterstützten und die UdSSR Indien, haben nachhaltige Auswirkungen bis heute. Indien ist zu großen Teilen von russischen Waffenlieferungen abhängig. Daher hat sich Indien bei den UN-Abstimmungen enthalten. Diese Haltung wird von einem Großteil der Bevölkerung unterstützt.
Wie sieht das Verhältnis zum Westen aus?
Indien ist sehr an guten Beziehungen zu den USA und der EU interessiert. Das zeigen zahlreiche Vereinbarungen. Im Rahmen der sogenannten QUAD-Allianz (Quadrilateral Security Dialogue) arbeitet Indien eng mit den USA zusammen. Ziel dieser Allianz ist eine stabile Sicherheitsarchitektur im Indo-Pazifik. Mit der EU sollen jetzt die Verhandlungen zu Handels- und Investitionsabkommen wieder aufgenommen werden. Indien will sich aber nicht auf eine Seite ziehen lassen. Das Ziel ist, auf Basis der eigenen Größe sowie der wirtschaftlichen und militärischen Stärke unabhängig und neutral zu bleiben und zudem multilateral vernetzt zu sein.
Welche Rolle spielt der große Nachbar China für die indische Position?
Am schwierigsten ist das Verhältnis Indiens zu China. Aufgrund seiner Größe, Kultur und Geschichte sieht sich Indien natürlich auf Augenhöhe mit China. Was die Bevölkerungsgröße anbelangt als einziges Land weltweit, das in der gleichen Liga spielt. Wirtschaftlich allerdings ist Indien in den letzten 30 Jahren weit hinter China zurückgefallen. Und nun setzt China seine wirtschaftliche Stärke ein, um in unmittelbarer Nachbarschaft Indiens Einfluss zu gewinnen. Indien wird die Unterstützung der USA und der EU benötigen, um sich stärker gegenüber China positionieren zu können. Das ist auch im Interesse des Westens, daher sollte die Zusammenarbeit mit Indien weiter ausgebaut werden, auch wenn die Position zu Russland nicht den Wünschen der EU, den USA und anderen entspricht.
“China ist bei fast jeder Diskussion der Elefant im Raum. Indischen Gesprächspartnern geht der ständige Vergleich auf die Nerven. Indien ist Indien, braucht seine eigenen Lösungen und muss seinen eigenen Weg finden.” Stefan Halusa
Die extreme Hitze vor allem im Norden hat es bis in deutsche Nachrichten gebracht. Der Klimawandel trifft Indien hart. …
Und nicht nur der! Indien wird gerade doppelt getroffen. Die Pandemie, die Unterbrechungen der weltweiten Lieferketten und der russische Angriff auf die Ukraine haben die Preise für Energie, aber auch für Lebensmittel, insbesondere für Weizen, in die Höhe schnellen lassen. Zunächst war die Regierung der Meinung, dass das Land einen Teil der Lieferausfälle aus der Ukraine und aus Russland kompensieren könne. Die Hitzewelle hat aber zur Folge, dass die Ernte erheblich kleiner ausfallen wird als erhofft. Mitte Mai wurde daher sogar ein Exportverbot für Weizen ausgesprochen. Das zeigt: Die Folgen des Klimawandels werden durch die gegenwärtigen Krisen noch weiter verstärkt, der Handlungsdruck erhöht.
Wie können deutsche Unternehmen dazu beitragen, die Auswirkungen zu minimieren?
Indien wird in den kommenden Jahren erhebliche Investitionen in die Produktion und Speicherung erneuerbarer Energien tätigen. Das bestätigte der indische Energieminister bei einem Roundtable im Rahmen der Regierungskonsultationen mit Deutschland im Mai dieses Jahres. Ähnliches gilt für die Produktion, Speicherung und den Transport von grünem Wasserstoff.
Hier sehe ich erhebliches Potenzial für deutsche Technologien. Gemeinsam mit Partnern wie dem Indo-German Energy Forum setzen wir uns dafür ein, dass hier einheitliche Standards und Spezifikationen entwickelt und festgelegt werden. Das würde die Kosten für Investoren und Verbraucher erheblich reduzieren. Gleichzeitig würden die CO 2-Emissionen verringert ebenso wie die Abhängigkeit von Energie-Importen und ein weiterer Anstieg der Energiepreise gebremst.
Die Fragen stellten Gabriele Borchard und Sabrina Weigold, Kompetenzzentrum der IHK Rhein-Neckar.