Ostbrandenburg zwischen Stabilisierung und Eintrübung zum Jahresbeginn 2026

Ostbrandenburg stabilisiert sich nur auf dem Papier. Tatsächlich kippt die Lage seit dem Herbst letzten Jahres wieder, weil Industrie und Bau starke Zurückhaltung signalisieren. Große Betriebe scheitern an Rahmenbedingungen, kleinere an Arbeitskosten. Energie- und rohstoffintensive Branchen spüren wieder stärkeren Preisstress. Ohne schnellere Verfahren, weniger Kostenlast und kalkulierbare Energie wird aus Hoffnung keine Investitionsdynamik.
Dreimal im Jahr werden Unternehmen in Berlin und Brandenburg von den jeweiligen IHKn zu ihrer aktuellen konjunkturellen Lage und ihren Erwartungen befragt. Jeweils zum Jahresbeginn fließen die Ergebnisse in eine repräsentative Auswertung für Berlin-Brandenburg ein. Da die jeweiligen Regionen soziale und wirtschaftliche Besonderheiten aufweisen, geben wir an dieser Stelle einen Überblick über die aktuellen Entwicklungen in Ostbrandenburg zum Jahresbeginn 2026.
Sie wollen sich an der Umfrage beteiligen? Melden Sie sich gerne unter umfragen@ihk-ostbrandenburg.de

Stabilisierung ohne Trendwende: Industrie und Bau belasten Konjunkturbild

Insgesamt zeigt sich die konjunkturelle Lage in Ostbrandenburg leicht besser als vor einem Jahr, aber schlechter als im Herbst. So steigt der Anteil schlechter Geschäftslagen von 19% auf 23%. Gerade die frühen Konjunkturanzeiger Industrie und Bau melden Probleme bei der eigenen Lage. Treiber hierfür ist ein langjähriger Höchststand negativer Lagebewertungen in im Verarbeitenden Gewerbe. Hier melden 42 % eine schlechte Lage (langjähriger Mittelwert 15,6 %). Der Negativsaldo von −24 unterschreitet damit noch das Niveau während der Energiekrise. Auch Im Baugewerbe springt der Anteil schlechter Lagen von 11 % auf 29 %. Der „Herbst-Optimismus“ aus dem Vorjahr ist unter aktuellen Bedingungen verflogen (Saldo −6). Trotz der Stabilisierung in Handel und bei den Dienstleistungen zeichnet sich damit leider keine Trendwende, sondern eher eine fragile Stabilisierung mit verfestigender Strukturkrise seit 2017 ab.
Ein Blick auf die Branchen zeichnet ein differenzierteres Bild:
  • Optimus im Baugewerbe verflogen (KKI—85)
    Die seit Herbst 2024 stattgefundene vorsichtige Stabilisierung der Baubranche verpufft angesichts weiterhin hoher Baupreise und fehlender Kundennachfrage im Hochbau weitgehend: Das Konjunkturklima, das zuletzt auf 96 Indexpunkte kletterte, liegt nun wieder unter dem Kammerdurchschnitt bei 80 Punkten. Nur zwei von 100 Bauunternehmen gehen von einer Verbesserung ihrer Geschäftslage innerhalb des kommenden Jahres aus. Im Baugewerbe steigt der Anteil der Unternehmen, die von einer schlechten Lage berichten; hier: von 11 auf 29 %, womit der Optimismus des Herbstes angesichts aktueller Witterung und Baubedingungen verflogen scheint (Saldo: minus sechs)
  • Industrieunternehmen leiden weiter unter Auftragsrückgängen (KKI- 72)
    Schlechte Lage der Industrieunternehmen, 42 % berichten von schlechter Lage, was ein dramatischer, langjähriger Höchststand ist (langjähriger Mittelwert=15,6 %); Anteil schlechter Lagen höher als zu Zeiten der Energiekrise; Saldo: minus 24.
  • Handel stabilisiert sich: eines von fünf Unternehmen mit guter Lage und Aussicht auf Lageverbesserung (KKI++ 89)
    Allein der Handel berichtet von besseren Geschäften (19%=gut, +acht Prozentpunkte im Vorjahresvergleich) angesichts mitunter gestiegener Aufträge, wenn auch auf niedrigem Niveau (Saldo von minus 34 auf minus sechs). Immerhin: ein Anteil von 23 Prozent der Händler rechnet aktuell mit steigenden Umsätzen
  • Dienstleistungen auf durchschnittlichem Wachstumskurs (KKI++ 105)
    Dienstleister bleiben stabil im Saldo, der Anteil der schlechten Lagen steigt leicht um drei Prozentpunkte an; mit 38 % guter Geschäftslagen im Kammerbezirk hat diese Branche insgesamt als einzige einen Konjunkturklimaindex von 105, der knapp über der Wachstumsgrenze liegt in Ostbrandenburg. Damit beläuft sich das Konjunkturklima in dieser Branche im positiven Bereich im langjährigen Durchschnitt von 105 Indexpunkten im Geschäftsklima. Finanz- und Versicherungsdienstleistungen, Immobilienwirtschaft verzeichnen einen Wachstumskurs und auch die personenbezogenen Dienstleister sind auf einem Fünf-Jahres-Hoch mit 105 Indexpunkten. Unternehmensbezogene Dienstleistungen und die Verkehrs- und Logistikbranche hingegen verzeichnet einen Rückgang.
  • Gastgewerbe besonders in der Gastronomie pessimistisch (KKI+ 97)
    Umsatzsteuersenkung für das Gastgewerbe und die Aussicht auf die Frühjahrssaison hat zu einer leichten Erholung der Konjunkturaussichten gesorgt. Doch während das “Sorgenkind” Gastronomie in Lage stabil ist und in der Aussicht verbessert (von 80 auf 88 Indexpunkten), verzeichnen die Beherbergungsunternehmen leichte Schwäche.
Aktuell zeigt sich branchenübergreifend eine leichte Abnahme guter Geschäftslagen gegenüber dem Herbst um minus fünf Prozent (von 30,9 % auf 25,6 %). Zugleich ähnelt die Situation dem Jahresbeginn des Vorjahres 2024 mit einer leichten Anstieg befriedigender Geschäftslagen bei einem knappen Rückgang schlechter Bewertungen um 3 Prozent.
Der Konjunkturklimaindex (KKI) fasst die Salden aus Geschäftslage und Geschäftserwartungen zu einem gemeinsamen Indikator zusammen und ermöglicht so einen schnellen Überblick über die wirtschaftliche Stimmung in verschiedenen Branchen.

Geschäftserwartungen in Handel und Dienstleistungen gestiegen

Die Region ist zweigeteilt: Handel und Dienstleistungen liefern Lichtblicke; Wachstum ist kaum in Sichtweite, weil das Konjunkturklima weit unter den Möglichkeiten einer dynamischen Konjunktur bleibt. Licht gibt es nur in Teilen: Dienstleistungen bleiben stabil, der Handel erholt sich von einem Erwartungstief. Das reicht noch nicht für einen breiten Aufschwung. Zwar sind erste Erholungssignale erkennbar, aber diese kommen aus den leichteren Segmenten, nicht aus den schweren Zugpferden der Region. Immerhin: Die Zahl der Ostbrandenburger Unternehmen, die in den nächsten 12 Monaten von einer besseren Geschäftslage ausgehen verdoppelt sich von sechs auf zwölf Prozent.
  • Das liegt vor allen an Handels- und Dienstleister, die sich zum Jahresbeginn vorsichtig optimistisch zeigen: Insbesondere jedes fünfte Handelsunternehmen (20 %) wie auch 18 Prozent der Unternehmen im Gastgewerbe rechnet mit künftigen einer Besserung der Geschäfte. Der Saldo der Händler ist zwar noch negativ, steigt aber seit einem Jahr wieder kontinuierlich und spürbar an.
  • Zusätzlich rechnet ein Anteil von 19 % der Händler mit steigenden Umsätzen, während im Gastgewerbe ein Viertel sinkende Umsätze verzeichnet, was etwas weniger gegenüber dem Herbst 2025 (ein Drittel)
  • Alle anderen Branchen bewegen sich zwar in Negativsaldo, aber gehen zumindest von einer Besserung zum Herbst und zum Vorjahresbeginn aus.
Besonders pessimistisch allerdings schätzt das Baugewerbe die kommenden zwölf Monate ein: der Anteil schlechter Geschäftserwartungen steigt sowohl gegenüber dem Herbst als auch leicht gegenüber dem Vorjahresbeginn auf 37 Prozent an.

Investitionen unter Vorjahresniveau, Personalbedarf gesunken

Verkehr, Bau und Industrie sind insgesamt die „Sorgenkinder“ in Ostbrandenburg: 51 Prozent der Vorleistungsgüterproduzenten berichten von schlechten Geschäften; die Auftragseingänge stagnieren nahezu bei dem historischen Tiefstand (58%) vom Herbst: 57 Prozent verzeichnen Auftragsrückgänge); während 19 % von steigenden Aufträgen berichten. Auch verzeichnen bei den Industrieunternehmen mehr Unternehmen niedrige Exporte angesichts der Zollunsicherheiten. Allerdings erwarten sie eine künftige Stabilisierung zum Beispiel angesichts internationaler Handelsabkommen und möglichen Planbarkeit etwa durch eine Stärkung des europäischen Binnenmarkten sowie europäische und binationale Abkommen.
Was Investitionen betrifft, ist der Anteil in der Industrie wieder leicht gestiegen (64%), bleibt allerdings noch unter dem Wert vom Vorjahr: Hauptmotiv bleiben hier Ersatzinvestitionen und Rationalisierung. Die Stabilisierung im Baugewerbe im Vorjahr scheint vorbei: der Erwartungssaldo sinkt auf Vorjahresniveau, wenige Unternehmen investieren (32 %), fast so wenige im Handel (Anteil: 31 %).
Auch die Erwartungen in den Beschäftigtenzahlen entsprechen diesem Trend: Keines der Bauunternehmen rechnet mit Personalbedarf, während 35 % der Bauunternehmen mit der Freistellung von Mitarbeitenden rechnet: so viele wie bei Verkehrsunternehmen. In der Industrie sind rechnet ein knappes Drittel mit weniger Beschäftigten: die mitunter hohen Arbeitskosten werden von 83 % der Bauunternehmen auch als Wirtschaftsrisiko benannt, was ein Hinweis auf die Belastung auch durch Tarifabschlüsse sein kann. Nur im Gastgewerbe werden diese noch höher bewertet (90 %).
Hauptmotiv der Investitionen im gesamten Kammerbezirk sind an erster Stelle Ersatzbedarfe (70 %), gefolgt von Produktinnovationen (29 %), die um +9 % ansteigen und sich wieder auf Vorjahresniveau bewegen. Es folgen die Motive der Rationalisierungen (31 %) und Kapazitätsausweitung (26%). Der Umweltschutz (19 %) landet auf Platz fünf der Gründe geplanter Investitionsmaßnahmen.
Auffällig ist, dass Unternehmen ab 50 Beschäftigten ungleich stärker auf Rationalisierungen setzen, vermutlich um langfristig auf gestiegene Kosten und Ausgaben reagieren zu können:

Wirtschaftsrisiken: Hohe Arbeitskosten, schwache Nachfrage und politische Unsicherheiten prägen das Stimmungsbild

Auffällig zum Jahresbeginn sind die gestiegenen Arbeitskosten als Wirtschaftsrisiko, vor allem im Baugewerbe, Handel, Dienstleistungen und Verkehr.
🛒Industrie 🤝 Dienstleistung 🏗 Baugewerbe 🛒Handel 🚚 Verkehr 🍴 Gastgewerbe
Wirtschaftspol. Rahmenbed. (81) Wirtschaftspol. Rahmenbed. (64) Arbeitskosten (83) Inlandsabsatz (68) Energie- und Rohstoffpreise (82) Arbeitskosten (90)
Energie- und Rohstoffpreise (76) Arbeitskosten (61) Energie- und Rohstoffpreise (71) Wirtschaftspol. Rahmenbed (63) Arbeitskosten (80) Energie- und Rohstoffpreise (67)
Arbeitskosten (62) Energie- und Rohstoffpreise (50) Wirtschaftspol. Rahmenbed. (65) Arbeitskosten (53) Wirtschaftspol. Rahmenbed. (67) Wirtschaftspol. Rahmenbed. (58)
Neben den festen Antwortmöglichkeiten haben die Unternehmen die Möglichkeit, offen auf die bestehenden Probleme und Herausforderungen ihrer Geschäftslage und -erwartungen zu antworten und konkrete Wirtschaftsrisiken zu benennen. Ein Industrieunternehmen meldet uns:
Immer mehr Kunden kaufen Material im Ausland. Mindestlöhne und hohe Energiekosten schmälern unsere Wettbewerbsfähigkeit massiv. Die Infrastrukturprogramme der Regierung kommen nicht bei den Lieferanten an. Nachfrage bei unseren Kunden gedämpft.
Zum Jahresbeginn dominiert in Teilen ein anhaltend schwaches Konsumklima und eine fehlende Nachfrage in Unternehmen des Verarbeitenden Gewerbes. Zum Teil kompensieren Großaufträge oder Stammkundschaft die Auftragslage, jedoch nicht immer. Insbesondere die Wettbewerbsfähigkeit leidet unter aktuellen Bedingungen.

Fazit und Wissenswertes zur Umfrage

Mehr Unternehmen hoffen auf Besserung, doch die „Sorgenkinder“ bleiben Verkehr, Bau, Industrie. Entscheidend sind Planbarkeit, Kosten sowie Energie- und Rohstoffpreise, damit Aufträge anziehen und auch die Kundennachfrage weiter anzieht. Die Hoffnung wächst, aber sie hat Bedingungen: planbare Politik, bezahlbare Arbeit, kalkulierbare Energie, ansonsten bleibt es beim Stillstand. Unternehmen sehen einen Weg und wollen ihn beschreiten: echte konjunkturelle Disruptionen und ein Weg aus dem Tal wird dann gangbar, wenn Rahmenbedingungen wieder verlässlich, Arbeit bezahlbar und Energie kalkulierbar wird.
Im Januar 2026 nahmen von 1605 angeschriebenen Unternehmen in Ostbrandenburg 424 an der Umfrage teil (Rücklaufquote von 26 %). Am häufigsten sind Unternehmen aus den Landkreisen Oder-Spree und Barnim sowie Märkisch-Oderland vertreten. Entsprechend der wirtschaftlichen Struktur in Ostbrandenburg werden die Ergebnisse anhand ihrer Branchen und Betriebsgrößenklassen gewichtet. Das heißt Abweichungen in der Umfragebeteiligung werden ausgeglichen.