Unternehmen & Märkte

Nicht zu viel und nicht zu wenig

Das Traditionsunternehmen Geiping aus Lüdinghausen nutzt Foodtracks, um die richtige Menge an Brot, Brötchen und Backwaren zu bieten, ohne Lebensmittel zu verschwenden. | Text: Mareike Scharmacher-Wellmann
Es ist halb sechs am Abend: Butterhörnchen sind ausverkauft, Laugenstangen knapp, dafür ist noch von den hellen Brötchen sehr viel da. Unter- und Überproduktion sind ärgerlich für die Kunden wie auch für das Unternehmen. Bei Geiping passiert das kaum noch. Der Betrieb wurde 1924 gegründet und setzt seit knapp fünf Jahren auf FoodTracks. Das ist eine Software aus Münster, die nicht nur erfasst, wie viele und welche Backwaren verkauft wurden, sondern auch empfiehlt, welche Mengen geliefert werden sollen, ohne dass am Tagesende zu viel davon übrigbleibt.
Michael Geiping führt den Familienbetrieb in vierter Generation. Er ist der Chef von rund 600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Von Lüdinghausen aus werden täglich Brötchen, Brote, Kuchen, Snacks und Salate an die rund 50 Filialen im südlichen Münsterland und dem nördlichen Ruhrgebiet geliefert. „Früher haben die Verkäuferinnen in den einzelnen Filialen die Backwaren für den nächsten Tag bestellt“, erklärt der er. Allerdings habe das nicht zufriedenstellend funktioniert.

KI hilft für komplexe Zusammenhänge

Michael Geiping ist Geschäftsführer der W. Geiping GmbH & Co. KG
In neuen Technologien sieht Michael Geiping, Geschäftsführer der W. Geiping GmbH & Co. KG, einen entscheidenden Faktor dafür, ob ein Unternehmen zukunftsfähig ist oder nicht. © geiping
Um passende Voraussagen darüber zu treffen, wie viel wo von genau bestellt werden muss, hängt von vielen unterschiedlichen Faktoren ab: Wie viel wurde in den letzten Tagen verkauft? Um wie viel Uhr wurde was genau verkauft? „Diese Daten in guter Qualität im Tagesgeschäft zu erfassen ist kaum zumutbar“, so Geiping. „Durch FoodTracks haben wir einen besseren Überblick über die Umsatzchancen als auch über die Retourenverluste“, erklärt er.
Vor dem Einsatz des Systems zur Bestellverbesserung lag der Prozentsatz der Retouren täglich bei rund 17 Prozent, jetzt sind es circa 13. Und auch für diese Menge hat Geiping eine Lösung gefunden: Was nicht verkauft wird, kommt zum halben Preis in einen der vier Vortagesläden. Was dort übrig bleibt, wird der Tafel gespendet. Und Waren, die kleine Schönheitsfehler haben, kommen zu Viehbauern der Region. Sie werden an Rinder und Schweine verfüttert. „Wir arbeiten mit einem geschlossenen Kreislauf“, sagt Geiping. Weggeworfen wird kaum etwas. 
Lebensmittel nicht zu verschwenden ist die eine Seite der Medaille. Den Umsatz zu verbessern, die andere: „Wir haben sicherlich weniger Retouren, aber auch bessere Umsätze“, fügt er hinzu. Denn durch FoodTracks lässt sich auch besser kalkulieren, welche Produkte gut laufen und vorrätig sein müssen. Für die Software aus Münster habe er sich entschieden, weil sie nicht den ganzen Bestellprozess komplett automatisiert, sondern eher Unterstützung bietet. „Der Faktor Mensch ist uns wichtig und stellt einen Entscheidungsträger dar“, sagt er. „Das System sorgt für Datenklarheit, wir behalten die Bestellhoheit“, bringt es der Geiping-Chef auf den Punkt.
Die Software funktioniert so: FoodTracks bezieht die Datensätze der vergangenen Wochen in seine Empfehlung mit ein. „Wenn an den letzten vier Dienstagen unser Heimatbrot einmal 60, dann 65, dann 70 und dann 75 Mal verkauft wurde, erkennt die Software den Trend und empfiehlt 80 zu bestellen“, führt Geiping beispielhaft auf. Diese Empfehlung ist aber nicht in Stein gemeißelt: Geiping hat immer Eingriffsmöglichkeiten. „Wir können die Bestellmenge manuell anpassen, wenn beispielsweise die Mitarbeiter der Deutschen Bahn streiken und weniger Kundschaft an Standorten in Bahnhöfen erwartet werden, oder wenn zum Beispiel eine Baustelle vor der Filiale ist.“ Für Waren, die abverkauft werden sollen, wird keine Soll-Retoure festgelegt.

Schnittstellen laufen

Praktisch: Die hauseigene IT musste keine Schrauben im Hintergrund drehen. „Die gängigen Schnittstellen der Bäckerwelt sind bei FoodTracks verfügbar, die Kasse als auch die Warenwirtschaft angebunden, das funktioniert reibungslos gut“, erzählt Geiping zufrieden. Und auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gibt es keine Abneigung gegen die neue Technologie – auch deswegen, weil die Umstellung schrittweise verlief und das Thema der Belegschaft immer wieder nähergebracht wurde.
Blickt das Traditionsunternehmen auf die kommenden Jahre, gibt es weitere Einsatzmöglichkeiten für Künstliche Intelligenz: „Uns beschäftigt die Frage, wie wir mit KI umweltbewusster und wirtschaftlicher produzieren können“, erklärt Geiping. Konkret könnte der Betrieb zum Beispiel die Ofenbelegung optimieren. „Wenn wir vorher wissen, welchen Ofen wir zu welcher Zeit brauchen und wann er ausgeschaltet werden kann, können wir Energie sparen“, nennt er ein Beispiel „Wir haben noch keine Software gefunden, die das leistet, aber es gibt sicherlich die ersten Anbieter, die das bald möglich machen können.“ Momentan befände sich das Unternehmen aber noch „ein bisschen in der Findungsphase“.

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Redaktion Wirtschaftsspiegel