Wirtschaftsspiegel
Nr. 7090290
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Zwei Männer hinter einer Maschine für Landwirtschaft, mit einem Plüschschwein.
EU-Handelsabkommen

Guter Markt für „schlaue“ Ställe

In Brasilien boomt die Nutztierhaltung. Beste Außenhandels-Perspektiven also für Smart-Farming-Lösungen aus Stadtlohn im Münsterland.
„Viel Land, viel Wasser, viel Sonne, viel erneuerbare Energien“, zählt Marcio Schmidt, Geschäftsführer der Temu Smart Farming GmbH, einige besondere Kennzeichen seiner Heimat Brasilien auf. Kein Wunder also, dass dort die Agrarbranche wächst und gedeiht. Das gelte besonders für die Veredelungswirtschaft, die pflanzliche Produkte in tierische Erzeugnisse wandelt, weiß Schmidt. Mit 8,5 Millionen Quadratkilometern ist das Land das drittgrößte der Welt. Die Bevölkerungsdichte indes entspricht in etwa nur einem Zehntel des Wertes in Deutschland. So gebe es in Brasilien bei weitem nicht genug Menschen, um so viele Ställe zu betreiben, wie es die Ressourcen an Raum und Futter erlauben würden, beschreibt Schmidt. Diese Marktlücke steuert er mit seinem Unternehmen an. Denn „die Schweine, Rinder und Hühner müssen ja vernünftig versorgt werden, schließlich liegt es im Interesse der Betriebe, dass es den Tieren gut geht“, ergänzt Alexander Taubert, Geschäftsführer TAALEX Systemtechnik GmbH.
Beide Unternehmen, Temu und Taalex, entwickeln und implementieren gemeinsam Lösungen zur Entlastung der Landwirtschaft beim Stall-Management. Taubert zählt beispielhaft auf, was sich mit TAALEX-Technik und der cloudbasierten TAALEX-Plattform OnCon automatisch regeln lässt: pünktliche Mahlzeiten in exakt der geforderten Menge und Zusammensetzung, zudem eine angenehme, gesundheitsfördernde Raumtemperatur, dazu die Lüftung und die kontinuierliche Versorgung mit frischem Wasser. Läuft irgendein Wert aus dem Ruder, schlägt das System sofort Alarm, und die Landwirte können eingreifen und Schaden abwenden, erläutert Taubert. Er ist für die Entwicklung von Software und Elektronik verantwortlich. Diese Arbeiten werden am Standort Stadtlohn geleistet, die Produkte dann unter anderem nach Brasilien exportiert. Marcio Schmidt kümmert sich vor Ort bei den Kunden darum, dass aus dem innovativen Kern ein System aus Maschinen wird, das den Stall in bester Ordnung hält. „Die eigentlichen Förderanlagen – Futterautomaten, Tränken und Silos – kaufen wir im Exportland oder in China“, erklärt Schmidt das Geschäftsmodell, das in seinen Grundzügen von vielen großen Unternehmen, die in Deutschland ansässig sind, seit Jahrzehnten praktiziert wird. Die komplette Fertigung in Stadtlohn wäre viel zu teuer, begründet er, und verweist auf hohe Arbeitskosten und Importgebühren, die in der Vergangenheit in einigen Fällen den Produktpreis sogar verdoppelt hätten. Dennoch will er auf die Ingenieurskunst aus Deutschland nicht verzichten: Erst mit diesen Leistungen würden die Maschinen vernetzungsfähig, und eine so hohe Qualität der Arbeit sei in China nicht zu erzielen.

Durchbruch in Paraguay

Temu Smart Farming bringt das Internet of Things in die brasilianischen Ställe. Schmidt sieht dort fulminanten Bedarf: Schon jetzt ernähre die brasilianischer Landwirtschaft rund eine Milliarde Menschen, also etwa ein Achtel der Weltbevölkerung – Tendenz steigend. „Unsere größten Kunden sind Europäer, die in Südamerika investieren und produzieren und von dort aus exportieren“, berichtet der Temu-Smart-Farming-Chef. Seit 2021 bearbeiten Schmidt und Taubert den brasilianischen Markt. Bis zum ersten Umsatz sind Jahre ins Land gegangen.
Den ersten Durchbruch erzielten die beiden allerdings nicht in Brasilien, sondern in Paraguay: „Ein kleines Land, aber sehr offen für Investitionen“, erzählt Schmidt. Viele Betriebe aus Deutschland und Spanien seien dorthin umgezogen, beliefert werde vor allem Taiwan. „Die Lebensmittelproduktion ist weltweit vernetzt, jedes Land hat seine Partner und Präferenzen“, erklärt Schmidt. So habe Europa früher den chinesischen Markt bedient. Jetzt aber habe Brasilien diese Rolle übernommen, zumal China ohnehin der wichtigste Handelspartner des Landes sei. Inzwischen trägt das Invest an Zeit und Geld der beiden Firmen aus dem Münsterland auch am „Zuckerhut“ Früchte: Der Umsatz aus dem Brasilien-Geschäft von 2025 werde sich verzehnfachen, freut sich der Unternehmer. „Ich bin Brasilianer und Maschinenbauingenieur, insofern war mir schon immer klar, dass dieses Land alle erforderlichen Rohstoffe für die Agrarwirtschaft hat, und nur noch eines braucht – Effizienz“, erklärt er seine Beharrlichkeit. Jetzt passe alles zusammen: der Markt, die Technik, die Kunden.
Und welche Effekte verspricht sich Schmidt von MERCOSUR? Weil sein Geschäftsmodell von zwei Standorten getragen wird und somit bereits fit ist fürs Exportgeschäft, werde sich für Temu Smart Farming und TAALEX grundsätzlich nicht viel ändern. Gut möglich, dass bei einer zeitnahen deutlichen Reduktion der Zölle noch mehr Hardware aus Stadtlohn den Atlantik überquert. Inständig hofft Schmidt auf schnellen Bürokratieabbau – das aus seiner Sicht größte Handelshemmnis. „Wir haben vier Mitarbeitende, die sich ausschließlich mit den Importvorschriften auseinandersetzen“, sagt der Unternehmer, der einen Aspekt des Abkommens noch hervorhebt: Berichterstattung und Diskurs über MERCOSUR können Modernisierungsimpulse für Europa geben, glaubt Schmidt. Der Blick nach Brasilien nämlich werde auch deutsche Betriebe motivieren, der Digitalisierung und der Automatisierung das Stall-Tor zu öffnen.