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Mercosur und Indien: Neue Märkte nutzen
Die EU knüpft derzeit zahlreiche Handelsabkommen, um die Wirtschaft widerstandsfähiger gegen globale Turbulenzen zu machen. Auch exportorientierte Unternehmen in Nord-Westfalen können langfristig davon profitieren.
Die EU verbreitert so ihre wirtschaftliche Basis, verringert Abhängigkeiten und erhöht die Flexibilität und Stabilität in einer zunehmend unsicheren Welt.
Warum Handelsabkommen?
Warum braucht es Handelsabkommen, wenn doch mit der Welthandelsorganisation (WTO) seit über 30 Jahren ein multilaterales Regelwerk existiert, das freie und faire Handelsbeziehungen garantieren soll? Und warum wird der Ruf nach neuen Freihandelsabkommen gerade jetzt lauter?
Die Antwort liegt in der veränderten globalen Lage. Europa – und damit auch Deutschland als Exportnation – gerät zunehmend in wirtschaftliche Abhängigkeiten: Zollerhöhungen und nichttarifäre Handelshemmnisse erschweren den Export, während die Rohstoffbeschaffung, etwa bei seltenen Erden, immer kritischer wird.
Im Münsterland und der Emscher-Lippe-Region stammen 39 Prozent des Umsatzes aus dem Export. Jeder vierte sozialversicherungspflichtige Arbeitsplatz hängt direkt oder indirekt vom Export ab. Die Unternehmen hier sind also von den Entwicklungen im Außenhandel betroffen. „EU-Handelsabkommen stärken die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen aus dem Münsterland und der Emscher-Lippe-Region“, bekräftigt Saredin Seine, Geschäftsführer der Albert Seine GmbH und Vorsitzender des Außenwirtschaftsausschusses der IHK Nord Westfalen. Der Außenwirtschaftsausschuss der IHK setze sich für den Abschluss weiterer Abkommen ein, denn dadurch werden „neue Absatzmärkte erschlossen, Beschaffungsquellen gesichert sowie Normen und Standards vereinheitlicht“, betont Seine.
Bilaterale Handelsabkommen der EU ersetzen die multilaterale WTO mit ihren 166 Mitgliedern nicht. Trotz aller Sonder-Deals werden immer noch 72 Prozent des weltweiten Warenhandels nach WTO-Regeln abgewickelt. Aber reformbedürftig ist die WTO schon länger. Seit ihrer Gründung im Jahr 1994 sind ihre Mitgliedstaaten verpflichtet offener miteinander umgehen, ein gewisses Maß an Zugang zu öffentlichen Aufträgen zu gewähren und ihre nationalen Verfahren zu vereinfachen. Dadurch sollen Genehmigungen leichter und transparenter werden und so ihre handelshemmende Wirkung verlieren.
Bilaterale Handelsabkommen der EU ersetzen die multilaterale WTO mit ihren 166 Mitgliedern nicht. Trotz aller Sonder-Deals werden immer noch 72 Prozent des weltweiten Warenhandels nach WTO-Regeln abgewickelt. Aber reformbedürftig ist die WTO schon länger. Seit ihrer Gründung im Jahr 1994 sind ihre Mitgliedstaaten verpflichtet offener miteinander umgehen, ein gewisses Maß an Zugang zu öffentlichen Aufträgen zu gewähren und ihre nationalen Verfahren zu vereinfachen. Dadurch sollen Genehmigungen leichter und transparenter werden und so ihre handelshemmende Wirkung verlieren.
Ihr IHK-Ansprechpartner:
Christian Budde
Rückkehr des Protektionismus
Einen gegensätzlichen Ansatz verfolgt US-Präsident Donald Trump, indem er massiv auf Zölle und protektionistische Maßnahmen setzt. Doch nicht nur die USA greifen stärker ein: Auch die EU musste zuletzt handeln – etwa mit Anti-Subventionszöllen von bis zu 35,3 Prozent auf chinesische Elektroautos oder mit Überlegungen zu Anti-Dumpingmaßnahmen gegenüber indischen Stahlproduzenten.
Angesichts des dringend notwendigen Reformbedarfs und der angespannten weltwirtschaftlichen Lage wäre die WTO‑Ministerkonferenz im März 2026 in Kamerun eine gute Gelegenheit gewesen, das multilaterale Handelssystem zu stärken und der WTO neue Relevanz zu verleihen – der erhoffte „große Wurf“ blieb jedoch aus.
Bilaterale Abkommen: Eine Notwendigkeit
In dieser geopolitischen Phase gewinnen verlässliche bilaterale Partner an Bedeutung. Unternehmen brauchen Planungs- und Rechtssicherheit – und sie suchen diese Verlässlichkeit und Sicherheit zunehmend in Freihandelsabkommen.
Im Jahr 2024 deckten die gültigen 46 Abkommen mit 76 Partnerländern bereits 44 Prozent des EU-Außenhandels ab. Diese Abkommen führten zu nennenswerten, vorteilhaften Effekten. Bedeutende Handelsabkommen unterhält die EU auch mit Vietnam, der Türkei, dem Vereinigten Königreich, Südafrika, Kolumbien, der Ukraine, Israel, der Schweiz oder Norwegen. 2024 stiegen die EU-Exporte in diese Länder doppelt so stark wie in Staaten ohne Abkommen. Besonders positiv sticht das CETA-Abkommen mit Kanada hervor, das seit 2017 zu einem Exportplus von 51 Prozent führte – deutlich mehr als das Wachstum gegenüber dem Rest der Welt.
Die Verhandlungen mit Indonesien sind abgeschlossen, das Abkommen jedoch noch nicht unterzeichnet. Mit Indien und Australien hat die EU ihre Handelsabkommen bereits unterzeichnet; das Inkrafttreten steht jeweils noch aus. Zudem spricht die EU mit einer Vielzahl weiterer potenzieller Handelspartner – darunter die Philippinen, Thailand, Malaysia und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Die Verhandlungen mit Indonesien sind abgeschlossen, das Abkommen jedoch noch nicht unterzeichnet. Mit Indien und Australien hat die EU ihre Handelsabkommen bereits unterzeichnet; das Inkrafttreten steht jeweils noch aus. Zudem spricht die EU mit einer Vielzahl weiterer potenzieller Handelspartner – darunter die Philippinen, Thailand, Malaysia und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Mercosur: Chancen für den Industriestandort Deutschland
Das EU-Mercosur-Abkommen erleichtert den Zugang zum sechstgrößten Markt außerhalb der EU. Somit stellt es aus Sicht des Großteils der deutschen Unternehmen eine bedeutende wirtschaftliche Chance dar.
IHK-Außenwirtschaftsexperte Gerhard Laudwein hofft, auf weitere Erleichterungen: „Bisher erschweren die unterschiedlichen Normen und Zertifizierungen, die geforderten Einfuhrlizenzen und das komplexe Zoll- und Steuersystem den grenzüberschreitenden Handel mit den Staaten des Mercosur“, weiß er aus den Gesprächen mit Unternehmen.
Umfassende Informationen zum Mercosur hat die IHK Nord Westfalen für ihre Mitgliedsunternehmen auf der IHK-Fachseite unter Mercosur zusammengestellt.
„Wichtig ist auch, die Mercosur-Länder schnell in das Carnet ATA-Verfahren aufzunehmen“, denn damit, so erläutert Laudwein, könnten Warenmuster ohne aufwändige Zollverfahren auf Messen präsentiert werden. Auch Monteure könnten ihre Berufsausrüstung mitnehmen, ohne Sicherheitsleistungen zu hinterlegen.
Da die Mercosur-Länder bisher keine Vertragsparteien des WTO-Beschaffungsabkommens sind, können Unternehmen aus Drittstaaten sich hier bisher nicht an öffentlichen Ausschreibungen beteiligen. Auch dieser exklusive Zugang ist jetzt durch das bilaterale Handelsabkommen eröffnet.
Indien: Exklusive Marktzugänge
Indien bietet mit 1,46 Milliarden Einwohnern einen enormen Absatzmarkt. Das riesige Land befindet sich derzeit in einem dynamischen wirtschaftlichen Aufholprozess.
Die EU baut hier also frühzeitig verlässliche Handelsbeziehungen auf und sichert sich exklusive Marktzugänge.
Die EU baut hier also frühzeitig verlässliche Handelsbeziehungen auf und sichert sich exklusive Marktzugänge.
Durch das Handelsabkommen zwischen der EU und Indien, welches Ende 2027 in Kraft treten soll, werden 97 Prozent der EU-Exporte zollfrei oder zollreduziert, was zu Einsparungen von rund vier Milliarden Euro jährlich führen könnte. Indien gewährt der EU und insbesondere den kleinen und mittleren Unternehmen - exklusive Zugeständnisse wie Zollsenkungen, Zugang zum Dienstleistungsmarkt und die Reduzierung rechtlicher Hindernisse. Profitieren würden davon insbesondere deutsche Schlüsselindustrien wie Automobil, Maschinenbau, Chemie und Pharmazie. Dennoch: Bürokratische Ursprungsregeln und geschlossene Beschaffungsmärkte sind weiterhin große Baustellen. Ein Kapitel zu Investitionen fehlt in dem Abkommen komplett. Ob das Abkommen praktische Wirkung für die Unternehmen entfalten wird, hängt davon ab, ob regulatorische Zusammenarbeit künftig einfacher und praxistauglicher gestaltet wird.
Fazit: Handelsabkommen sind Pflicht
Die geopolitische Realität zwingt die EU zu einer klaren Strategie. Eine reformierte WTO bleibt essenziell – aber auf absehbare Zeit nicht ausreichend. Für das Münsterland und die Emscher-Lippe als exportorientierte Wirtschaftsregionen gilt: Handelsabkommen sind zentrale Bausteine für Wettbewerbsfähigkeit, Versorgungssicherheit und somit auch für Wohlstand. Eine breit aufgestellte Handelspolitik sorgt dafür, dass die Wirtschaft auch dann stabil und resilient bleibt, wenn einzelne Märkte oder Lieferketten ins Wanken geraten. Somit gilt: (Neue) Handelsabkommen sind keine Kür, sondern eine Pflicht.
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Redaktion Wirtschaftsspiegel
