Editorial
Kontinuität und Aufbruch
Programmatische Neujustierungen, wirtschaftspolitische Positionierungen und pragmatische Lösungsansätze: Robert Lippmann, Hauptgeschäftsführer der IHK Darmstadt Rhein Main Neckar, blickt auf 2024 zurück.
Robert Lippmann, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Darmstadt Rhein Main Neckar„Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne …” – das Zitat von Hermann Hesse passt auch wunderbar zur Wahl der neuen IHK-Vollversammlung Anfang 2024. Für zwei Seiten ist es ein neues Kennenlernen – für die 72 gewählten Vertreterinnen und Vertreter im Parlament der Wirtschaft sowie für die hauptamtlichen Mitarbeiter*innen der IHK Darmstadt. Etwa die Hälfte der ehrenamtlichen Mitglieder ist neu in das Gremium gekommen, die andere Hälfte hat bereits in der vorherigen Vollversammlung aktiv mitgewirkt, sodass wir auch inhaltlich Kontinuität mit Aufbruch verbinden konnten. Dafür stand auch die Wiederwahl von Matthias Martiné als IHK-Präsident, der sein Amt mittlerweile - wie geplant - im Juni 2025 niedergelegt hat.Das neu zusammengesetzte Gremium baute auf bisherige Schwerpunkte auf und akzentuierte an der einen oder anderen Stelle neu. So legte die Vollversammlung die großen Linien bis 2029 fest: „Wirtschaftsstandort stärken“, „Fachkräfte sichern“, „Transformation ermöglichen“ sowie das übergreifende Thema „Gestaltung des Rechtsrahmens / Entbürokratisierung“ stehen im Fokus. Diese Schwerpunkte hat die Vollversammlung konkretisiert und gemeinsam mit dem IHK-Hauptamt in ein Arbeitsprogramm übersetzt, das nun umgesetzt wird. Die Schlaglichter zeigen wir in unserem Geschäftsbericht.Während der programmatischen Neujustierung läuft die Arbeit einer IHK natürlich genauso weiter – ob in der politischen Interessenvertretung, die vor Bundestagswahlen ein besonderes Gewicht hat, oder in den hoheitlichen Aufgaben wie im Bereich Ausbildung oder bei den Dienst- und Serviceleistungen für Mitgliedsunternehmen.In der politischen Interessenvertretung hat sich die IHK-Organisation auf allen Ebenen für einen Wechsel in der Wirtschaftspolitik stark gemacht. Denn angesichts der weiter anhaltenden Rezession durfte es kein weiter so geben. Alle drei Konjunkturumfragen der IHK Darmstadt für Südhessen aus dem Jahr 2024 machten wenig Hoffnung auf Aufschwung. Bezeichnend war, dass die befragten Unternehmen die Wirtschaftspolitik als einen der größten Risikofaktoren für den wirtschaftlichen Erfolg nannten – neben einer erlahmenden Binnennachfrage, den Arbeitskosten und dem Fachkräftemangel.In zahlreichen Gesprächen mit politischen Vertreter*innen musste die IHK und die gesamte IHK-Organisation für ihre Kernthemen und das Ziel streiten, die internationale Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschlands wieder herzustellen.Und auch innenpolitisch und in der Gesellschaft knirschte es, was uns unter anderem das Erstarken extremistischer Positionen in der Bundesrepublik vor Augen führt. Daher hat die IHK auch auf einer breit getragenen Kundgebung gegen Extremismus und für Demokratie ihr Wort als Vertretung der Wirtschaft erhoben. IHK-Präsident Matthias Martiné setzte in seiner Rede im Januar 2024 vor rund 17.000 Teilnehmer*innen auf dem Darmstädter Karolinenplatz ein klares Zeichen für Weltoffenheit und gegen Extremismus. Und er machte die Verbindung deutlich, dass Extremismus auch zu einem wirtschaftlichen Schaden führt: „Auf Hass lässt sich kein Wohlstand bauen.“Mit etwas Sorge blicken wir auf das Thema Ausbildung. Nach einem kurzen Aufwärtstrend nach den Coronajahren ist die Zahl der Ausbildungsverträge wieder rückläufig, sodass wir auf eines der schwächsten Jahre der letzten Jahrzehnte blicken. Da wir aber an die Fachkräfte von morgen denken müssen und die duale Ausbildung die gesuchten Fachkräfte hervorbringt, haben wir viel an der Sichtbarmachung dieses Karriereweges gearbeitet. Wir unterstützen beispielsweise die bundesweite IHK-Ausbildungskampagne und brechen sie regional runter. Unter anderem waren wir mit unserer Botschaft auf dem Darmstädter Schlossgrabenfest durch einen coolen Anglerhut auf tausenden Köpfen sichtbar – und sind hoffentlich auch in dem einen oder anderen hängen geblieben. Mit derausbildungsatlas.de haben wir zudem eine neue umfassendere Lehrstellenbörse gelauncht. Daneben optimieren wir auch weiter unsere digitalen Services für unsere Ausbildungsbetriebe, etwa bei der Übermittlung von Ausbildungsverträgen, Prüfungsanmeldungen und digital abrufbaren Zeugnissen.Indes hat 2024 ein Servicethema alle anderen Angebote in den Schatten gestellt: An unseren Veranstaltungen zum Thema E-Rechnung haben nicht nur weit über tausend Betriebe teilgenommen, auch unsere Webseite mit diesem Schwerpunkt hatte die höchste Abrufzahl unter allen deutschen Industrie- und Handelskammern. Die Fachabteilung hat früh erkannt, wie wichtig das Thema für Unternehmen ist. Unser Ziel ist, dass uns diese “Treffer” immer wieder gelingen.Ein bisschen müssen wir uns auch mit uns selbst beschäftigen, nachdem mehrere Gutachten zu dem Ergebnis kommen, dass die IHK-Immobilie in der Rheinstraße 89 zum Teil neu entwickelt werden muss. Zwei Baukörper aus den 1960er/1970er Jahren müssten mindestens kernsaniert werden. Als wirtschaftlichere Lösung sehen die Gutachten einen Abbruch vor. Für uns als IHK ist das die Chance. Weniger Büroflächen, dafür aber flexible Seminar- und Veranstaltungsräume sind unser Ziel. Die Vollversammlung hat den Weg 2024 frei gemacht, intensiv in die Planungen einzusteigen.Als Teil ihrer strategischen Arbeit hat die IHK ihr Leitbild beziehungsweise Selbstverständnis aktuell formuliert. Es verdichtet das, was den Kern unserer Arbeit ausmacht. Es ist für unsere Mitarbeitenden eine Vergewisserung und Richtschnur, wofür wir als Organisation einstehen. Dieser Kern ist die Gesamtinteressenvertretung der südhessischen Wirtschaft, was nichts anderes bedeutet, als dass wir vielschichtig für unsere Mitgliedsunternehmen im Einsatz sind, damit sie gut und noch besser wirtschaften können. Dieser Geschäftsbericht spiegelt die Vielfalt unserer Arbeit wider.Und eine gute Nachricht für unsere Mitgliedsunternehmen zum Schluss: Infolge verschiedener positiver Sondereffekte und Beitragsnachzahlungen können wir für das Jahr 2025 einen Rabatt von 20 Prozent auf den Grundbeitrag gewähren.Robert Lippmann
Hauptgeschäftsführer
IHK Darmstadt Rhein Main Neckar