Die Mischung macht's
Eintönige Ortskerne mit viel Leerstand und wenig Aufenthaltsqualität? Das muss nicht sein. Kommunen, Verbände und der Handel haben es selbst in der Hand, gemeinsam und mit einem guten Nutzungsmix die Innenstädte für Menschen attraktiv und für Unternehmen lukrativ zu gestalten.
Wenn Manfred Ockel mittags eine Stunde Zeit hat, macht er gerne eine kleine Fahrradtour durch die Stadt. »Da kommen viele Ideen, aber auch Themen, die man vor Ort sieht«, sagt der Bürgermeister von Kelsterbach. In der Kleinstadt am Main nahe Frankfurt ist es in Zusammenarbeit mit der Wirtschaftsförderung und mit Unterstützung des Landes gelungen, die Ortsmitte durch einen strategischen Prozess zu beleben, bei dem man Wohnen, Verkehr, soziale Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung verbunden hat.
Kelsterbach hat viele Herausforderungen unterschiedlichster Art, denen nur mit einem integrativen Ansatz begegnet werden kann.
»Kelsterbach hat viele Herausforderungen unterschiedlichster Art, denen nur mit einem integrativen Ansatz begegnet werden kann«, sagt der SPD-Politiker Ockel. Ein Beispiel dafür ist die Neue Mitte Kelsterbach direkt gegenüber dem Rathaus und in unmittelbarer Nähe zum Bahnhof. Bei der Neuen Mitte handelt es sich um ein großes und modernes Wohn- und Geschäftshaus. Im Erdgeschoss befinden sich ein Supermarkt, eine Sparkasse, ein Café und eine Bäckerei. In den oberen Geschossen sind Eigentumswohnungen entstanden. In der Tiefgarage gibt es mehr als 100 Parkplätze, hinzu kommen mehr als 50 weitere oberirdische Stellplätze. »Die Förderung durch das Landesprogramm Innenstadt war ein guter Ansatz, alle Belange abzuwägen und zu versuchen, die Stadtmitte und Umgebung zu stärken«, sagt Ockel.
Kelsterbach glänzt mit starken Zahlen
Der Erfolg der Bemühungen lässt sich auch mit Zahlen belegen: Kelsterbach verzeichnete einer Erhebung des Unternehmens MB-Research zufolge im Einzelhandelsumsatz in den vergangenen zehn Jahren einen Zuwachs von 48,9 auf 69,2 Millionen Euro, was einem Plus von 41,5 Prozent entspricht. Zum Vergleich: In Darmstadt betrug das Plus gerade einmal 1,4 Prozent – allerdings lag der Einzelhandels umsatz mit 1,16 Milliarden Euro auf einem deutlich höheren Niveau.
Inneneinrichtung mit Wiedererkennungsfaktor: PQ-Optik in Lorsch
PQ-Optik in Lorsch
Edel-Brautmoden in Pfungstadt
Ein Eis geht immer – auch in der Innenstadt von Kelsterbach
Darmstadts Mitte: der Luisenplatz
Selfie vor dem Darmstädter Schloss
Direkt am Main: Kelsterbach
Gassenmarkt in Wald-Michelbach
Um die Zahlen richtig zu deuten: Wenn der Umsatz zugelegt hat, sagt das wenig über die tatsächliche Erlösstruktur aus. Die Inflation hat in den letzten Jahren die Preise getrieben, und diese werden oft an die Kunden weitergegeben. Man kann aus den Zahlen also vor allem lesen, wer im Vergleich zum anderen mehr an Umsatz zugelegt hat. Und da liegt Kelsterbach vorn.
Ockel sieht die Innenstadtentwicklung nicht als Ergebnis einer einzelnen Maßnahme. Entscheidend war vielmehr, verschiedene Themen gemeinsam zu betrachten und nicht isoliert voneinander zu planen. Wenn neue Wohnungen entstehen, bringt das potenzielle Kunden in die Innenstadt. Eine gute Verkehrsanbindung erleichtert den Zugang, während Gastronomie, Dienstleistungen und öffentliche Angebote dafür sorgen, dass Menschen auch unabhängig vom klassischen Einkauf in die Stadt kommen.
Gerade diese langfristige Perspektive ist für kleinere Kommunen wichtig. Sie können im Wettbewerb mit großen Einkaufszentren kaum über die Größe ihres Angebots gewinnen. Das erlebt auch Ockel. »Leider beschränkt sich die Einzelhandelsstruktur in Kelsterbach auf den täglichen Bedarf, da es für uns als Unterzentrum nur wenige Entwicklungsmöglichkeiten gibt und das Main-Taunus-Zentrum sowie die umliegenden Städte in nächster Entfernung liegen.«
Für eine rein kommerzielle Nutzung wird es auch immer schwieriger, weil man vieles mittlerweile online viel bequemer und schneller erledigen kann. Das alte Konzept »Je mehr Einzelhandel, desto besser« greift nicht mehr. Heute geht es darum, Lust auf die Ortsmitten zu machen. Innenstädte und Ortskerne müssen genutzt und belebt werden. Wie das geht? Dafür gibt es gute Beispiele.
Ein außergewöhnlicher Optiker in Lorsch
Antike Apotheker-Möbel, eine Leseecke, ein Kinderkarussell und ein Chamäleon als Haustier – die PQ-Optik von Inhaber Peter Quarck in Lorsch entspricht nicht dem klassischen Bild eines Optik-Fachgeschäfts. »Wir sind ein außergewöhnliches Unternehmen, das ist richtig«, sagt Geschäftsführerin Iris Benzin. Neben einer hohen Aufenthaltsqualität bietet das 1998 gegründete Unternehmen modernste Technik – auch zur Prävention und Augengesundheit. Es gibt eine große Auswahl an Brillenfassungen und Kontaktlinsen jeder Art.
Wir haben auch Kunden, die nur auf einen Plausch vorbeikommen.
Lorsch punktet zudem mit einer historischen Altstadt und dem Kloster Lorsch als Weltkulturerbe direkt um die Ecke. Der Klostergarten lädt ebenso zum Verweilen ein wie der Marktplatz und zahlreiche gastronomische Angebote. Das schlägt sich auch in der Einzelhandelsstatistik nieder. Mit einem Plus von 31,9 Prozent in den vergangenen zehn Jahren belegt die Kleinstadt einen Spitzenplatz in der Region.
»Man kann sich ein Umfeld schaffen, in dem man sich gerne aufhält«, sagt Benzin. In dem Fachgeschäft bekommt jeder Kunde einen Tee, einen Kaffee und sogar einen Latte Macchiato, Cappuccino oder Espresso. »Wir haben tatsächlich auch Kunden, die nur zum Kaffee und auf einen Plausch vorbeikommen«, sagt sie und fügt schmunzelnd an: »Und es gibt natürlich immer wieder Touristen, die sich zu uns verirren und dann womöglich ähnlich begeistert sind wie vom Kloster Lorsch.«
Die Aufenthaltsqualität ist ein Faktor, mit dem auch Edel-Brautmoden in der Pfungstädter Einkaufsmeile punktet. Ellen Edel hat das Geschäft vor 13 Jahren mit ihrem Mann Christoph eröffnet. Mit ihren sieben Mitarbeiterinnen wollen sie den Bräuten eine private und angenehme Atmosphäre mit einer modernen und aktuellen Auswahl an Brautkleidern bieten. Das Geschäft öffnet deswegen ausschließlich nach Terminvereinbarung. »Wir wollen uns viel Zeit nehmen für die Bräute, damit sie in Ruhe die Kleider anprobieren können und im besten Fall das perfekte Traumkleid finden. Wenn da die ganze Zeit Laufkundschaft vorbeikäme, wäre das nicht optimal«, sagt Geschäftsführerin Ellen Edel.
Wir wollen uns viel Zeit nehmen für die Bräute, damit sie im besten Fall das perfekte Traumkleid finden.
Ohnehin ist das Brautkleidergeschäft für die heutige Zeit ausgesprochen entschleunigt. Die meisten Bräute kommen acht bis zwölf Monate vor der Hochzeit zu ihr in den Laden. Die Lieferzeiten betragen vier bis fünf Monate. »Und dann muss das Kleid meist noch angepasst werden«, sagt Edel. Aber man habe auch einen Bestand zum Abverkaufen, wenn eine Braut eher kurzfristig heiraten wolle.
In den 13 Jahren des Bestehens habe man schon sehr viele Bräute glücklich gemacht, sagt Edel nicht ohne Stolz. Ein großer Teil ihres Geschäfts basiere deswegen auf Empfehlungen und Mundpropaganda. Zudem sei man bei Instagram sehr aktiv. »Da können wir sehr viel zeigen, nicht nur was unsere Brautkleider angeht, sondern auch unseren Alltag hier im Geschäft. Die Bräute sehen direkt, wen sie bei der Anprobe antreffen. Das ist dann nicht so trocken wie auf einer Homepage«, erklärt Edel.
Die Pfungstädter Innenstadt ist aus ihrer Sicht sehr gut ausgestattet, mit einer aktiven und lebhaften Geschäfts- und Gastronomieszene. Hinzu komme die gute Anbindung an die Autobahnen A 5 und A 67. So könnten auch die zahlreichen Bräute mit einer längeren Anreise das Geschäft gut erreichen.
Verkehrsanbindung versus Klimaschutz
Die verkehrstechnische Anbindung spielt für viele Ortskerne eine wesentliche Rolle und stellt zugleich eine sehr große Herausforderung für die Zukunft dar, wie auch der Kelsterbacher Bürgermeister Ockel betont. »Neben der guten ÖPNV-Anbindung ist einerseits das Auto ein wesentlicher Wirtschaftsfaktor für den Handel. Jedoch müssen wir den Verkehrsraum für Radfahrer und Fußgänger attraktiver machen, was grundsätzlich eine Reduzierung des Parkraums bedeutet.« Hinzu komme, dass viel mehr Bäume und Grünflächen in der Stadt benötigt würden, um dem Klimawandel entgegenzuwirken – was auch auf Kosten von Straßen und Parkraum gehe.
Die Themen Klimawandel und Nachhaltigkeit hat sich auch Anja Warnecke-Bi von der Kelsterbacher Wirtschaftsförderung auf die Fahne geschrieben. In der Innenstadt habe man mittlerweile mehrere Trinkbrunnen für die Menschen aufgestellt, die sehr gut angenommen würden, berichtet sie. Zudem gebe es verschiedene Kübel mit Pflanzen, die aber gerade während Hitzeperioden natürlich ausreichend bewässert werden müssen. Grundsätzlich gehe es darum, mehr Flächen zu entsiegeln. Gerade habe man sich unter diesem Aspekt die örtlichen Gewerbegebiete vorgenommen. »Aber auch im Stadtbereich würden wir gerne noch mehr tun«, sagt Warnecke-Bi.
Einstige Schmuddelecke in neuem Glanz
Mit Hilfe des Landesprogramms Zukunft Innenstädte hat Kelsterbach rund 200.000 Euro investiert. Das sei jedoch eigentlich nur ein Anfang, sagt Bürgermeister Ockel. Weitere Schritte müssten folgen. »In Zeiten sehr knapper Kassen eine besondere kommunale Herausforderung«, wie er betont.
Unter anderem wurde in Kelsterbach mit dem Geld auch die Unterführung am Bahnhof neu gestaltet. »Unterführungen an Bahnhöfen sind ja oft Schmuddel ecken und so war das auch hier«, sagt Warnecke-Bi. Künstler hätten Wände, Decken und Böden bemalt. Hinzu komme eine LED- Beleuchtung, sodass die Unterführung mittlerweile ein heller Ort sei, durch den man ohne mulmiges Gefühl gehen könne. Was sie jedoch ärgert: »Es ist mühsam, diesen Bereich sauber zu halten. Ich frage mich immer wieder, wie es zu so einer Vermüllung kommen kann.«
Auch die Initiative des Handels ist gefragt
Klar ist auch, dass die Belebung der Innenstädte und Ortskerne nicht nur Aufgabe von Land und Kommunen ist – auch der Handel selbst ist gefragt. Als Wirtschaftsförderin versucht Warnecke-Bi immer wieder, die Läden dabei zu unterstützen, attraktiver zu werden. Dafür trägt sie verschiedene Aktionen an die Unternehmen heran – teils sogar mit kostenfreien Angeboten wie einem gedruckten Einkaufsführer für Kelsterbach. »Da müssen wir aber wirklich sehr hartnäckig sein, dass uns manche Unternehmen ihre Daten schicken oder zumindest kontrollieren, ob die vorliegenden Daten noch aktuell sind.« Trotz solcher Hindernisse versuche sie, immer im Gespräch zu bleiben und zu schauen, welche Themen aktuell sind.
Die kurzen Wege und die Lage am Main sind Pluspunkte für die Aufenhaltsqualität in Kelsterbach.
Und auch wenn Kelsterbach nicht wie Lorsch mit einer historischen Altstadt punkten kann – die kurzen Wege und die Lage am Main sind weitere Pluspunkte für die Aufenthaltsqualität in der Ortsmitte, wie Warnecke-Bi sagt. Persönlich schätzt sie besonders das zentrumsnahe Mainufer mit seinen schön gestalteten Grünanlagen, wo sie vor allem im Sommer gerne ihre Mittagspausen verbringt.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 5/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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