"Unser gemeinsamer Feind heißt Onlinehandel."
Anja Herdel, Geschäftsführerin von Darmstadt Marketing, und Dr. Moritz Koch, Geschäftsführer von Henschel, erzählen im Interview, was Darmstadts City ausmacht, wie sie sich in Zukunft ändern wird – und warum keine stehende Welle für Surfer geplant ist.
IHK: Frau Herdel, wenn Sie mittags mal ein, zwei Stunden frei haben – wie verbringen Sie die?
Dr. Moritz Koch und Anja Herdel vor dem Darmstädter Residenzschloss.
Anja Herdel: Ich bin gerne auf dem Stadtkirchplatz oder Friedensplatz. Dort kann man schön sitzen und das bunte Treiben der Stadt genießen. Ich mag aber auch den Schlossgraben sehr gerne, wenn ich es mal ruhiger haben möchte.
IHK: Herr Dr. Koch, wie verbringen Sie Ihre Pause?
Dr. Moritz Koch: Es gibt verschiedene Locations, zu denen ich gerne zum Mittagessen gehe. Ansonsten finden sie mich auch mal in der Schulstraße, wenn das Fahrrad gewartet werden muss. Die Innenstadt hat ganz viele Anlaufpunkte, die man so täglich braucht.
IHK: Auf einer Skala von eins bis zu perfekten zehn: Wie attraktiv ist aktuell die Darmstädter City?
Anja Herdel: Ich würde sagen: acht. Ich glaube, man unterschätzt die Attraktivität, vielleicht wird die City auch manchmal unterschätzt. Aber sie ist sehr vielfältig und übersichtlich für die Stadtgröße. Es wird doch schon einiges geboten.
Dr. Moritz Koch: Wenn ich an Heidelberg denke, wo Henschel eine Filiale betreibt, oder an meine Heimatstadt Lübeck, dann ist das schon was anderes. Da fühlt man eine andere Atmosphäre. Damit können wir in Darmstadt nicht dienen. Aber wenn man das mal nicht zur Voraussetzung macht, sondern sagt: Was macht die Stadt aus? Dann würde ich schon eine Acht gerechtfertigt finden.
IHK: Wenn man in die Umgebung schaut, zu Städten wie Frankfurt, Mainz, Wiesbaden, vielleicht noch Mannheim und Heidelberg: Wo würden Sie Darmstadt einordnen? Wie unterscheiden sich die Innenstädte?
Darmstadt ist eher der Underdog. Es gibt immer viel zu entdecken, wenn man sich darauf einlässt.
Anja Herdel: Im Vergleich zu Heidelberg und Frankfurt ist Darmstadt mit Abstand eine sehr junge Stadt. Darmstadt punktet mit kurzen Wegen. Man findet sich gut zurecht in der Innenstadt. Natürlich haben wir keinen alten Dom in der Stadtmitte oder viele Altstadtstraßen. Dafür sind wir eine sehr moderne Stadt und das wissen die Leute zu schätzen. Das unterscheidet uns auch von dem sehr frequentierten Heidelberg. Die Metropole Frankfurt ist für viele zu groß. Wir haben einen eigenen Charakter.
IHK: Hat Darmstadt eine klare Identität als Innenstadtstandort?
Anja Herdel: Wir sind definitiv eine Stadt auf den zweiten Blick. Das meine ich positiv. Wir sind eher der Underdog. Es gibt immer viel zu entdecken, wenn man sich auf uns einlässt. Und ich glaube, das macht den Charme auch aus.
IHK: Ist in den vergangenen 20 Jahren alles richtig gelaufen, oder bei welchen Entwicklungen musste gegengesteuert werden?
Dr. Moritz Koch: Für die Voraussetzungen haben wir uns ganz gut geschlagen, auch für die derzeitigen Herausforderungen. In unserem Marktsegment beträgt der Online-Anteil mittlerweile 35 Prozent. Das fehlt dem stationären Einzelhandel, gerade mit Blick auf den Zustand von vor 20 Jahren. Das müssen wir abfedern. Ich glaube, durch ganz viel Gastronomie und durch verschiedenste Angebote haben wir es weitgehend geschafft, die Leerstandsquote in der City sehr niedrig zu halten. Momentan beträgt der Leerstand gerade einmal 17 Objekte. Zwischendurch lag die Zahl doppelt so hoch. Wir müssen aber auch nicht drum herumreden: Der Innenstadthandel leidet unter dem Onlinehandel und unter der allgemeinen schlechten wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland.
IHK: Braucht es in der City heutzutage mehr Platz für Einzelhandel – oder eher mehr Events?
Anja Herdel: Die klassische Stadt, die wir von vor 20 Jahren noch kennen, als der Einzelhandel komprimiert das Innenstadtbild geprägt hat, das ist vorbei. Hinzu kommt, dass viele inhabergeführte Geschäfte verschwunden sind. Sie finden oft auch keine Nachfolge mehr. Die Tendenz in Darmstadt ist ein Stück weit: back to the roots. Hin zu einer durchmischten Innenstadt. Ausgesuchte Events sind ein Teil davon. Wichtig ist auch die Durchmischung mit Wohnen, um die Stadt abends wieder zu beleben. Ein wichtiger Schritt zur Belebung ist auch, dass das Bürger- und Ordnungsamt nicht an den Stadtrand gezogen, sondern in der Innenstadt geblieben ist. Viele Funktionen nebeneinander, dazu gehören auch Ärzte, bringen eine pulsierende Mitte hervor.
IHK: Herr Koch: Sind heute weniger Leute in der City unterwegs als früher?
Dr. Moritz Koch: Wir haben den Eindruck, dass die Gesamtzahl der Besucher stabil ist. Wenn man die Corona-Zeit herausnimmt, sind die Frequenzen mehr oder weniger gleich geblieben. Zumindest in der Stadt. Was die Geschäfte betrifft, sieht man deutschlandweit den Trend der sinkenden Frequenzen. Das hängt wiederum mit dem Onlinehandel zusammen. Gleichzeitig legt die Gastronomie zu, hat mehr Gäste und mehr Fläche. Was ausgesprochen schön ist, dass wir in letzter Zeit auch immer wieder neue Läden begrüßen können mit Angeboten aller Art. Beispielhaft im Luisencenter, wo wir durch die neuen lokalen Eigentümer überzeugt sind, dass sich die Situation dort verbessert. Besonders freut mich persönlich auch, dass der Friedensplatz immer stärker belebt wird. Der neue Stehausschank Allerweil, den die Brüder Koehler da aufgestellt haben, funktioniert hervorragend.
IHK: Welche Events oder welche Konzepte haben sich als erfolgreich zur Belebung der City erwiesen?
Wir müssen immer intensiver in Kundenbindung werden, wir müssen überraschendere Sortimente bieten, immer wieder was Frisches und was Neues, mit dem wir die Kunden animieren.
Anja Herdel: Etwas eigentlich ganz Banales: den Wochenmarkt zu reaktivieren. Wir haben es gemeinschaftlich, also Darmstadt Marketing mit dem Citymarketing und der Stadtverwaltung, geschafft, die Marktsatzung aufzubrechen und eine Verzehrecke einzurichten. Samstags auf dem Wochenmarkt ist jetzt richtig Leben. Er gehört zur DNA. Wenn dann noch einzelne Events wie das Weinfest dazukommen oder auch das Schulstraßenfest, dann merkt man, dass es zusammen gut funktioniert. Der Schlüssel ist, qualitätvolle Veranstaltungen anzubieten, die die ganze Stadt beleben. Und dann aber auch wieder Ruhe zuzulassen, damit jeder sich wohlfühlen kann.
IHK: Welche Anforderungen stellen die Kunden heute an ein Innenstadtgeschäft?
Dr. Moritz Koch: Es ist nicht mehr wie früher einfach das Angebot, als das Motto im Einzelhandel war, die größte Vielfalt zu bieten. Durch das Internet hat sich das relativ schnell erledigt. Weil da die Auswahl immer größer ist und die Preise günstiger. Das macht aber nichts. Dafür haben wir Beratung, Aufenthaltsqualität, dafür machen wir auch viel Gastro nomie auf den Flächen und zielgruppenspezifische Events. Uns zeichnet eine hohe Kundenbindung aus, von der wir leben, weswegen die Kunden gerne hierherkommen.
IHK: In Osnabrück gibt es ein Kaufhaus mit einer stehenden Welle für Surfer. Was unternehmen Sie, um die jungen Leute zum Kaufen zu bewegen?
Dr. Moritz Koch: Das ist total cool, was die Kollegen in Osnabrück machen, aber das ist jetzt nicht unbedingt unser Weg. Unser Weg ist eher, dass wir noch intensiver mit den Kunden arbeiten wollen. Ob man den ganz großen Krawall schlagen muss mit der Welle, das mag jeder für sich entscheiden. Aber ich glaube, für uns geht es darum, eine Bindung zwischen Geschäft und Kunden entstehen zu lassen, und das gelingt uns zum Glück ausgesprochen gut.
IHK: Wenn Sie einen Wunsch frei hätten an die Politik: Was würde die Situation im Einzelhandel am ehesten verbessern?
Dr. Moritz Koch: Das Dringendste ist weniger Bürokratie. Ich glaube, das teilen wir mit dem Rest der deutschen Wirtschaft. Dass wir so viel Zeit und Geld darauf verwenden, alles nachzuweisen, dass es immer neue Regeln gibt und diese Regeln immer strenger werden, das wirkt sich negativ aus.
IHK: Im Oktober 2009 hat in Weiterstadt das Shopping- Center Loop 5 mit 175 Geschäften eröffnet, es gab Befürchtungen, die City würde veröden. Hat es der Einzelhandel heute leichter an der Autobahn oder im Ortszentrum?
Anja Herdel: Wir haben einen gemeinsamen Feind, der es beiden schwermacht, er heißt Onlinehandel. Es gibt Menschen, die bevorzugen einheitliche Öffnungszeiten und sind nicht unbedingt daran interessiert, eine Stadt zu erkunden. Das sind die typischen Einkäufer in Einkaufszentren. Und es gibt Leute, die es genießen, dass sie draußen an der frischen Luft sind und auswählen können, in welchen Laden sie gehen. Die das Erlebnis drumherum viel mehr schätzen. Wir schätzen es, für Innenstädte nahe Einkaufszentren zu haben, so wie das Luisencenter, das aber Teil der City ist.
Dr. Moritz Koch: Ich bin überzeugter Fan aller Innenstädte. Die sind auch zeitgemäßer, weil man dieses kulturelle Angebot, das eine Innenstadt ausmacht, diese Vielfalt, dieses Leben, diese Prägung, dass man die schlecht in einem Center an der Autobahn abbilden kann. Das anonyme Kaufen, das wir aus dem Internet kennen, hat viel damit zu tun, was früher in solchen Centern abgebildet wurde. Meines Erachtens haben es deswegen die etwas anonymeren Center auf der grünen Wiese derzeit deutlich schwerer als die Innenstädte. Was speziell Darmstadt und Weiterstadt betrifft, will ich nicht feixen. Es freut mich nicht, dass die Lage in Weiterstadt schwierig ist. Im Nachhinein muss ich aber leider sagen, es machte schon vor 20 Jahren keinen Sinn, die Flächen immer mehr auszuweiten und zusätzlich 175 Läden in der Region hinzuzusetzen.
IHK: Frau Herdel, wie wird sich Darmstadt in naher Zukunft weiterentwickeln?
Anja Herdel: Ich bin überzeugt, dass der Weg für die Innenstadtentwicklung, den wir gerade gehen, der richtige ist. Mehr Kultur, auch mehr Wohnen in die City zurückzubringen, sind wichtige Punkte. Was uns aber schon jetzt immer stärker umtreibt, ist der Klimawandel und die Frage, wie wir die Stadt resilient anpassen. Zum Beispiel wird gerade der Ernst-Ludwig-Platz umgebaut, er bekommt mehr Grün. Darmstadt ist eine sehr heiße Stadt. Daher müssen wir umdenken, Flächen anders gestalten, neue Beläge nutzen, die die Sonnenstrahlen weniger absorbieren, damit sich die Oberfläche nicht so aufheizt.
IHK: Herr Koch, wie gelingt es Henschel auch noch in 20 Jahren, die Kunden ins Geschäft zu ziehen?
Dr. Moritz Koch: Wir müssen immer intensiver in Kundenbindung werden, wir müssen überraschendere Sortimente bieten, immer wieder was Frisches und was Neues, mit dem wir die Kunden animieren. Mit dieser Form des Angebots werden wir auch Kunden aus einem größeren Umkreis für uns begeistern, etwa aus Mainz und Wiesbaden. Weil sie sich hier wohlfühlen, dazu auf ein gastronomisches Angebot zurückgreifen können. Was sich noch ändern wird: Das Personal Shopping wird ein wachsender Bereich sein, außerdem werden wir mehr Neusortimente bieten, zum Beispiel Geschenke zum Mitnehmen.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 5/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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Matthias Voigt
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Themen: IHK-Magazin, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit