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Inklusion

Die Potenziale, die in ihm schlummern

Wie ein Unternehmer einem Mann mit einer neurologischen Erkrankung den Weg in den ersten Arbeitsmarkt ebnet – und beide profitieren.
Herbert Fanese geht nicht unbedingt den Weg, den die meisten gehen. Auf der Suche nach Fachkräften probiert er keine neuen Recruitingstrategien aus – er versucht es auch nicht vorwiegend mit Kräften aus dem Ausland. Der Gründer und geschäftsführende Gesellschafter des FachPflegeZentrums Bergstraße in Lorsch und des Care Facility Managements vertraut eher seiner Erfahrung. Und die besagt: Manchmal liegen die Potenziale direkt vor uns.
Menschen mit Einschränkungen wollen nicht bemitleidet werden. Sie wollen vor allem dazugehören.
Herbert Fanese, Gründer und Geschäftsführer des FachPflegeZentrums Bergstraße und von Care Facility Management
Das FachPflegeZentrum ist eine spezialisierte Einrichtung, die sich seit vielen Jahren auf die Versorgung von Menschen mit schweren neurologischen Erkrankungen konzentriert. „Viele unserer Bewohner kommen nach Schlaganfallen, schweren Unfällen oder Hirnverletzungen zu uns“, zahlt Fanese auf. „Neben der medizinischen Versorgung ist uns auch Teilhabe und Lebensqualität wichtig.“ Daher hat der Geschäftsführer das Unternehmen Care Facility Management (CFM) gegründet, das für das Pflegezentrum Dienstleistungen übernimmt, zum Beispiel Tätigkeiten in der Hauswirtschaft, der Logistik oder Gartenpflege. Weil das CFM ausschließlich für das FachPflegeZentrum arbeitet, ergeben sich auch Chancen für Menschen, die vielleicht nicht in jedem klassischen Arbeitsfeld sofort eingesetzt würden. „Genau diese Vielfalt an Aufgaben ermöglicht es uns auch, Arbeitsplätze für Menschen mit Einschränkungen zu schaffen“, erklärt Fanese.
Michael hat den Sprung in den ersten Arbeitsmarkt geschafft.
Der Geschäftsführer erzählt die Geschichte von Michael, der selbst an einer neurologischen Erkrankung leidet. Der Kontakt zu ihm kam über eine Kooperation mit der Behindertenhilfe Bergstraße zustande. Fanese machte Michael zum Praktikanten, der bei der Gartenpflege und einfachen Hausmeistertätigkeiten mit anpackte. „Am Anfang ging es für uns vor allem darum, zu schauen: Welche Aufgaben passen gut? Und wie funktioniert die Zusammenarbeit im Arbeitsalltag?“ Michael fühlte sich bei der Arbeit wohl und wünschte sich nach zwei Monaten, das Praktikum zu verlängern. Fanese kam der Bitte nach, denn: „In dieser Zeit hat man sehr schnell gemerkt, wie motiviert Michael ist. Er wollte nicht einfach beschäftigt werden, sondern wirklich arbeiten, Verantwortung übernehmen und Teil eines Teams sein.“
Nach dem Praktikum blieb Michael bei der Behindertenhilfe angestellt und auch sozialversichert. Gleichzeitig wurde er für Tätigkeiten beim CFM zur Verfügung gestellt. Die geleistete Arbeit wurde über eine entsprechende Vereinbarung mit der Behindertenhilfe abgerechnet. Um einen sanften Übergang zu ermöglichen, arbeitete Michael zunächst halbtags beim CFM und ging mittags wieder zur Behindertenhilfe zurück. Michael nutzte die Integrationsphase, um sicherer in seinen Aufgaben zu werden und immer mehr im Team anzukommen. Was ihn wiederum dazu brachte, mehr Verantwortung zu übernehmen. Seit Januar 2026 ist Michael nun ganztags fest im CFM angestellt und vollständig in den ersten Arbeitsmarkt übernommen.
Herbert Fanese will ehrlich von der Geschichte der Integration erzählen – und dabei nichts beschönigen. Er sagt: „Natürlich gibt es auch Herausforderungen. Am Anfang braucht es mehr Geduld, manche Abläufe müssen angepasst werden, und auch im Team entstehen zunächst Fragen oder Unsicherheiten.“ Doch der Weg lohne sich. Denn aus einer anfänglichen Idee und vorsichtigem Ausprobieren sei eine ganz normale Zusammenarbeit geworden. Michael werde längst nicht mehr als der Mitarbeiter mit Beeinträchtigung wahrgenommen – sondern als ganz selbstverständlicher Teil des Teams. Der Geschäftsführer ist sich sicher: In vielen Menschen steckten Potenziale, die vielleicht auf den ersten Blick verborgen blieben. Wer aber bereit sei, Arbeitsplätze sinnvoll zu strukturieren und sich auf den Menschen einzulassen, erhalte stabile und motivierte Arbeitsverhältnisse.
Herbert Fanese möchte zum Schluss noch einen Anstoß zum Nachdenken geben: „Menschen mit Einschränkungen wollen nicht bemitleidet werden. Sie wollen vor allem dazugehören.“ Wenn die Unternehmen anfingen, Potenziale zu sehen statt nur Defizite, profitierten am Ende beide Seiten.
Praktische Tipps
  1. Klare Aufgabenbereiche: Der Mitarbeiter muss genau wissen, was seine Aufgabe ist und wo seine Verantwortung liegt. Gerade Menschen mit neurologischen Einschränkungen hilft das enorm, Sicherheit im Arbeitsalltag zu bekommen.
  2. Übereinstimmung: Generell sollte das Fähigkeitsprofil des Menschen mit dem Anforderungsprofil der Stelle zusammenpassen.
  3. Strukturierte Arbeitsabläufe: Feste Routinen bieten Orientierung. Wenn Abläufe jeden Tag ähnlich sind, entsteht schnell Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
  4. Feste Ansprechpartner: Es braucht im Team immer jemanden, der erreichbar ist, Fragen beantworten kann oder einfach kurz unterstützt.
  5. Wichtigster Punkt: das Team! Inklusion funktioniert nur dann wirklich gut, wenn Kolleg*innen offen und bereit sind, mitzudenken.
  6. Fördergeld beantragen: Private Arbeitgeber, die mit einer Beschäftigten oder einem Beschäftigten einer Werkstatt für behinderte Menschen (WfbM) ein sozialversicherungspflichtiges Arbeitsverhältnis eingehen, können vom Landeswohlfahrtsverband Hessen (LWV) einen Lohnkostenzuschuss im Rahmen des Budgets für Arbeit erhalten. Zudem kann über das LWV Hessen Integrationsamt eine Einstellungsprämie aus dem Hessischen Perspektivprogramm (HePAS) gewährt werden. Bei Bedarf sind darüber hinaus weitere Zuschüsse möglich, beispielsweise zur Schaffung oder behinderungsgerechten Ausstattung eines Arbeitsplatzes.

Inklusionsberaterinnen

Dank eines Gemeinschaftsprojekts mit dem Landeswohlfahrtsverband (LWV) Hessen beraten zwei Fachberaterinnen für Inklusion bei der IHK Darmstadt Unternehmen zur Beschäftigung von Menschen mit Behinderung. Nicole Splinter und Lucy Singer sind Anlaufstelle, um bei der Einstellung, Weiterbeschäftigung und Ausbildung von Menschen mit Behinderung zu unterstützen. Außerdem geben sie Tipps zu passenden Förderprogrammen.
Dieser Artikel ist erstmals erschienen im IHK-Magazin “Wirtschaftsdialoge”, Ausgabe 5/2026. Sie möchten das gesamte Heft lesen?
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Matthias Voigt
Bereich: Kommunikation und Marketing
Themen: IHK-Magazin, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit