IHK Wirtschaft online
Nr. 6950346
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WG381 – Kaffeegenuss in WG-Gemütlichkeit

Klar, man hätte diesen Leerstand am Friedrich-Wilhelm-Platz auch auf dem marktüblichen Weg lösen können: Pachtvertrag für den meistbietenden Billigshop unter Dach und Fach bringen. Und fertig. Doch nachdem die Ära des pan-asiatischen Restaurants Masu381 zu Ende gegangen war, stand dem Inhaber der Immobilie nach Monaten des Leerstands der Sinn nach einer Lösung, die das Braunschweiger Kultviertel um eine pfiffige Idee bereichert. Besonderes Kennzeichen: Alleinstellungsmerkmal. Mit dem Gastro-Projekt WG381 ist nunmehr seit Herbst 2025 ein Café mit Barbetrieb eröffnet, das neue Maßstäbe für ein junges Braunschweig setzen möchte. Ziele dürfen ja ruhig auch mal hochfahrend formuliert werden, besonders in den Sturm- und Dranganfängen eines jungen Cafés: Hotspot für junge Leute.
Wir treffen uns mit Initiatoren und Machern zur Mittagszeit beim Kultviertel-Neuling. Auf dem Proviantaufsteller am Eingang lassen „Königsberger Klopse wie bei Mutti“ auch bei älteren Semestern wie mir das Wasser im Mund zusammenlaufen. Wir blättern gedanklich noch einmal ein paar Kalenderblätter zurück in den Herbst 2024, als die Öffentliche Versicherung Braunschweig, der die Immobilie gehört, für den Leerstand mitten in der Stadt eine Nachnutzung suchte. Es sollte keine laue Lösung sein, bloß keine lahme Ente, bloß kein austauschbarer Nullachtfünfzehnladen an dem repräsentativen Eingangstor ins Kultviertel.

Mitmach-Projekt für junge Leute zwischen 18 und 29 Jahren

Und so legte der regionale Versicherer Mut an den Tag, indem er eben nicht auf die sichere Bank setzte, sondern sich ein Mitmach-Projekt ausdachte. Mitmachen sollten genau die Leute, für die der Initiator ein neues Zugpferd am Friedrich-Wilhelm-Platz etablieren möchte: junge Leute. Ende 2024 wurden also Menschen zwischen 18 und 29 Jahren auf allen möglichen Kanälen dazu aufgerufen, ein neues gastronomisches Projekt zu entwickeln.
80 junge Frauen und Männer kamen am ersten Abend, „das war richtig toll“, erinnert sich Alexander Anton, Eventmanager bei der Öffentlichen. Und es blieb toll, sprich: die Anfangseuphorie verpuffte nicht, wie das ja manchmal bei hochambitionierten Projekten ist, sondern 35 Leute blieben hängen. Und die hängten sich richtig rein. Nachdem Interessen und Wünsche in vielerlei Runden und Workshops abgeklopft waren, kristallisierte sich heraus, was fehlt: ein Raum für Veranstaltungsformate aller Art, niedrigschwellig, für junge Leute, die noch in den Startblöcken stehen, gekoppelt an einen Gastrobereich, der locker, lässig daherkommt, wo das Budget eines Studis nicht schon nach einem Espresso erschöpft ist.

„Das war wie bei einer Klassenfahrt“

Irgendwann gehörten 15 Ehrenamtliche zum Kernteam. Studenten und ITler, Azubis und Geschäftsleute – eine illustre Runde, die einfach Bock hat, etwas zu kreieren. So saßen sie dann an einer langen Tafel zusammen, diskutierten, erwogen und verwarfen, krachten im wortreichen Austausch auch schon mal aneinander. Wie in jeder guten WG, wo man sich auch schon mal in die Flicken kriegen muss, weil sich mit den Sprossen der überlagerten bis gammeligen Kartoffeln schon Pippi-Langstrumpf-Zöpfe flechten ließen. Weil sich diese Abende also anfühlten wie in einer Wohngemeinschaft, lag der Name gewissermaßen unübersehbar nah: WG381. Die Ziffern stehen für die ersten drei der Braunschweiger Postleitzahl.
Ab Sommer 2025 ging es dann in die Umbauphase. Anregungen hatten sich die WGler auf Reisen nach Berlin und Münster geholt. „Das war wie bei einer Klassenfahrt“, erinnert sich Anton. Oberste Prio bei der Neugestaltung: gemütlich, gerade so wie im Wohnzimmer einer WG. Nicht durchgestylt, sondern mit Stilbrüchen. So erinnern mich die Barhockerüberzieher wohlig an Skiurlaube in den 80er-Jahren. Und der Lampenschirm am Eingang? Hatte Oma Käthe nicht auch mal so einen? Streichen, Tische abschleifen, Stühle aufmöbeln – das ist das eine, das kriegt man gewuppt. Aber ein ganzes Café-Bar-Projekt? Da holt man sich lieber Profis an Bord.
Alexander von Krosigk, der mit seinem Verein das Café Bruns betreibt, pachtete das Ladenlokal, Gastronom Nicolas Petrek vom Soldekk bringt seine Erfahrung ebenfalls ein. „Die WG381 passt einfach zu unserer Satzung, die wir im Bruns pflegen. Nämlich ein Ort für Gemeinschaft zu sein“, sagt von ­Krosigk, als er aus der Küche zurückkehrt. Vier Vollzeitkräfte und etliche Aushilfen beschäftigt die WG381. Weil sich die Köchin heute die Hand verbrannt hat, muss zügig improvisiert werden. Und das kann von ­Krosigk, ohne dabei die gute Laune zu verlieren. „Die Öffentliche passt einfach als verlässlicher Partner“, sagt er noch und ist dann schon wieder kurz weg, beim Abkassieren helfen. Und nein, ergänzt Leopold Hammeran, Social-Media-Experte bei der Öffentlichen, noch lachend, vielleicht, weil dieser Satz doch wie aus einer Werbebroschüre gepurzelt klingt: Hier werden dir niemals Außendienstler mit Vollkaskoleckerlis auf die Pelle rücken.

Synergieeffekte zwischen WG und Event-Space-381

Nun ist ein Café mit Barbetrieb noch nicht so sehr dazu angetan, das oben erwähnte Kennzeichen Alleinstellungsmerkmal zu erfüllen. Hier kommt nun das im gleichen Gebäude, gewissermaßen über den gemeinsamen Toilettentrakt angekoppelte 381-Event-Space mit auf die Spielfläche. Von dieser räumlichen Nachbarschaft zur ebenfalls von dem Regionalversicherer initiierten Veranstaltungs­location sollen Synergieeffekte der vielfältigsten Art ausgehen. Ein paar Beispiele: Wenn die WG381 zur WG-Party einlädt, wird der Event-Space zum Dancefloor. Wie in jeder WG ist ein Bierpongtisch unerlässlich. Junge Booker können dort ihre ersten Bands einbuchen, Newcomer können vor einem kleinen, maximal 100 Leute starken Publikum ans Mikro treten. Das Event-Space hat seit 2022 jährlich 90 bis 100 Veranstaltungen gesehen. Konzerte, Comedy, Flohmärkte, Quiz- und Gaming-Abende oder Formate wie das „Kennt ihr schon ...?“-Pitch-and-Date-Event. „Wir bieten ebenso wie im WG381 nur das Gerüst, die Leinwand“, sagt Öffentliche-Pressesprecher Sebastian Heise.
Bekleckert oder bemalt werden kann, darf und soll alles von den jungen Leuten. Auch das derzeit trendige gemeinsame Häkeln ist denkbar. Wer in den 80ern ganze Vorlesungen verstrickt hat, wird sich erinnern. Sozusagen Kreativität am laufenden Band (das gab es auch schon mal im guten alten Analog-TV bei Rudi Carrell), alles fließt, die Ur-WG tafelt noch, nächste Treffen sind angedacht. Denn merke: nichts ist in die Ewigkeit gemeißelt.

Sandwiches werden aus selbstgebackenem Brioche gebaut

Das gilt auch für die Speisekarte. Die ist klein, aber fein. Und erzählt nebenbei auch eine WG-Geschichte, nämlich die der koreanischen Austauschschülerin, die das Kimchi auf die Sandwiches gebracht hat, die übrigens alle aus selbstgebackenem Brioche gebaut werden. Oder das Chili con/sin Carne, das bekanntlich in den 70er-Jahren bei keiner Party in der WG-Badewanne fehlen durfte. Demnächst soll es neben Risotto und Chicken Garam Masala kulinarische Schwerpunkttage geben, etwa einen Burger-Donnerstag. Für meinen Geschmack bisschen ausgenudelt. Wie wäre ein Schmalhansdienstag, ein Restemontag, ein Tuppermittwoch? Sollten meine Ideen es auf die Karte schaffen: die Namensrechte spende ich für die echt feine Sache. Letztlich lebt Wirtschaft von Nachbarschaft, und wer sollte das besser wissen, als der Regionalversicherer, der auf ein Netz an Servicebüros verweisen kann.

„Exemplarisch für die lebendige Kiezkultur im Kultviertel“

So bemerkte gar das niedersächsische Wirtschaftsministerium lobend dieses Projekt, für Oberbürgermeister Thorsten Kornblum ist es „exemplarisch für die lebendige Kiezkultur im Kultviertel und den gelebten nachbarschaftlichen Gedanken“. Als ich gerade fragen will, wie es in diesem young-and-fresh-Raum für Begegnung und Austausch eigentlich um die Altersdiskriminierung bestellt ist, fällt die Dame hinter mir auf. Gepflegtes Jenseits-des-Berufslebens-Alter, apart-flott gekleidet, gönnt sich zum Teller Pommes rot-weiß ein zweites Glas Grauburgunder. Ob das WG381 auch eine Lösung gegen Einsamkeit ist? Fraglich. Aber ein Ort für Gemeinschaft, Genuss und Inspiration ist ja ein schöner Anfang.
suja
1/2026