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Nr. 6996212
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Restaurant Nah am Wasser – Wo die Currywurst eine Neuinterpretation ist

Auch wenn man über ein Restaurant schreibt, bereitet man sich natürlich vor. Nix von wegen: Essen kann ja jeder. Hingehen, hier ein Häppchen, da ein Schlückchen, und fertig. Vor jedem Restaurantbesuch steht der Besuch der Homepage. „Das NAW versteht sich als zeitgemäßes Restaurant mit klarer Haltung. Unsere Küche folgt dem Gedanken der German Cuisine – modern interpretiert, handwerklich geprägt und offen für internationale Einflüsse.“ Deutsche Küche wird hier also nicht mit der mittlerweile dermaßen verpönten Sättigungsbeilage Leipziger Allerlei und mehlschwitzig abgebundener brauner Tunke um die Ecke biegen.
Aber sieh an! Die Currywurst, die sich aus ernährungsphilosophischen Abwägungen angeblich niemand mehr traut auch nur im Traum zu essen, kommt im NAW auf den Tisch. „Neu interpretiert, aber hier in Braunschweig natürlich unbedingt als Curryfleischwurst“, sagt NAW-Chef ­Maximilian Burkhardt. 1200 Neuinterpretationen hat er 2025 verkauft.
Die Gastro ließ mich jedoch nie los.
Wir treffen das Betreiberpaar Denise und Maximilian ­Burkhardt eine Stunde vor Restaurantöffnung. Angespannte Ruhe vor dem Sturm, enerviertes Geschepper aus der Küche, hektisches Gewusel hinterm Tresen? Nein, nein und noch mal nein. Obwohl das klinkersteinschwere Buch mit den Reservierungen auch für diesen Mittwoch eine hervorragende Auslastung ausweist, ist die ­Atmosphäre ungespielt entspannt. Das Paar im Hoodie-Partnerlook nimmt sich Zeit, bittet an den besonders schönen Tisch im Erker, von welchem man zur Okerbrücke linsen kann und ansonsten das atmosphärisch stimmige Lokal in Gänze im Blick hat.

Currywurst mit Wasabi-Crunch

Bevor uns die eingangs erwähnte Currywurst durchrutscht: Sie wird mit Mango-Currysauce, Wildkräutersalat, Kartoffel-Dippers und Erdnuss-Wasabi-Crunch serviert. Diese Aufzählung soll die gute alte Currywurst von der Imbissbude in keinem Moment diskreditieren, sondern ausschließlich belastbarer Nachweis für die neue Interpretation sein. P. S.: Vegan geht auch.
Seit November 2024 führen die Eheleute das Restaurant gemeinsam. Ihr Koch hat im MMI-Tagungs­hotel in Riddagshausen gelernt, kam nach Stationen im Mono und Überland, in Österreich und Hamburg ins Team an der Oker. Und die Chefs? Gastronomen vom Laufstall an? „Also, mein Mann ist ein Allroundtalent“, sagt Denise Burkhardt und blickt den Vater der gemeinsamen, gerade ein halbes Jahr alt gewordenen Tochter liebevoll an. Und in der Tat: mit seinen 39 Jahren kann der Mann auf eine berufliche Vita verweisen, auf die viele noch nicht einmal im Rentenalter zurückblicken können. Schon mit 16 zog es ihn in die Gastronomie, er arbeitete bei einer Berliner Werbeagentur und einem Braunschweiger Magazin, führte zwischenzeitlich den Brain-Club, legte als DJ auf und schloss das Studium des Darstellenden Spiels an der HBK Braunschweig mit Bravour ab. „Die Gastro ließ mich jedoch nie los“, rekapituliert er.

Alkoholfreie Getränke werden ein immer größeres Thema

Auch Denise Burkhardt hatte ihr Herz bereits mit 18 an die Gastro verloren. Schon während des Studiums der Sozialen Arbeit kehrte die gelernte Erzieherin immer wieder an die Theke zurück. Wen wundert‘s bei dieser Seelenverwandtschaft im Zeichen von Tresen und Co., dass die beiden sich in der Braunschweiger Weinbar „tomrobins“ kennenlernten. Stilecht beim Cremant-Tasting.
Die Speisekarte im NAW wechselt drei Mal im Jahr. Klassiker wie die Bruschetta-Variationen, die hier auf dickem Körnerbrot arrangiert werden, halten genauso wie die Currywurst und das Wiener Schnitzel übers Jahr ihren Stammplatz. Der Kartenwechsel erfolgt auch nicht abrupt an einem Stichtag, der Übergang ist gleitend, also gerade so lange, bis alle Lebensmittel im Sinne der Nachhaltigkeit verwertet sind.
Die Getränkekarte übertrifft die kleine, feine Speisekarte ganz bewusst um ein Vielfaches. Allein mit den Aperitifs könnte man gut durch den Sommer kommen, ohne sich zu wiederholen. Und das auch alkoholfrei. „Alkoholfreie Getränke und Aperitifs werden ein immer größeres Thema“, unterstreichen die beiden. Und ergänzen: „Wir sprechen da auch aus persönlicher Erfahrung. Wir waren ja gerade schwanger“, sagt der Inhaber und lacht. Bei der größten Barmesse der Welt, der „Bar Convent“ in Berlin, könnte man sich wohl auch leicht in die ein oder andere Unzurechnungsfähigkeit trinken. Nicht so die NAW-Betreiber: sie haben alkoholfreie Schätze wie den Summer Spritz entdeckt, der sogar gegenüber seinen hochprozentigen Konkurrenten im Jahr 2025 das Rennen in der Jahresbilanz machte.

Am Fuß der sardischen Weinberge Sandburgen gebaut

„Eine kuratierte Weinkarte.“ Was sich für einen Gast wie mich, der meist auf die ebenso sichere wie durchschnittliche Bank Grauburgunder setzt, ein bisschen beeindruckend bis respekteinflößend liest, kann ­Maximilian Burkhardt mit Sonne beseelen. Die Sommer seiner Kindheit verlebte er vornehmlich auf Sardinien. Am Fuß der Weinberge baute er seine Sandburgen, lernte die Sprache, knüpfte Freundschaften, die ihn bis heute begleiten. Nicolino ist so ein Freund aus Kindertagen. Er lebt in Sardiniens Hauptstadt Cagliari. Und wie der Zufall es will, ist ausgerechnet dieser Nicolino mit dem Mann befreundet, der sich im NAW als zweiter Koch vorgestellt hat. Diesen Kontakt habe ihm übrigens die italienische Community Braunschweigs vermittelt, „die gern bei uns einkehrt“. Im März will er wieder höchstselbst unter dem Motto „Chefkoch(t)“ Klassiker der sardischen Küche zubereiten. Und dazu ausgewählte Weine von sardischen Weingütern kredenzen.
Alkoholfreie Getränke und Aperitifs werden ein immer größeres Thema.
Wortspiele – noch so ein Thema des Allroundtalents. So kam er auch auf den Namen NAW. Nah am Wasser. Es sei schon lustig, wie unterschiedlich dieser Name von den Gästen gesprochen wird. Für Heiterkeit bei den Online-Reservierungen sorgt manchmal auch der Zusatz: „Wir kommen mit Boot.“ Das ist überhaupt kein Problem, Anlegen unbedingt erlaubt. Für vorbeiziehende Boote ist es seit dem vergangenen Sommer auch kein Problem, sich mit gekühltem Flüssigproviant und kleinen Snacks am Okerkiosk – übrigens eine Kooperation mit dem Magnikiosk – einzudecken. Ein liebenswerter Mehrwert.

Weintasting mit DJ-Begleitung vom Floß

Liebenswert ist auch der Weinkeller unterm Restaurant. Kuschelig, schummerig, bei Kerzenschein ein Ort zum Herzflackern. Und verkosten, versteht sich. Hier wird – Achtung Wortspiel – Rum probiert, im Mai zum Wein-Menü gebeten oder ein Weintasting mit Käsebegleitung zelebriert. Spannend könnte auch das Weinbattle sein, dass man sich nicht als bierernsten Wettstreit, sondern als muntere Präsentation zweier Weingüter vorstellen darf. Mit DJ-Begleitung vom Floß. Ob das auch ein Genuss für die Anwohner ist? Die beiden versichern: „Mit den Anwohnern läuft alles gut.“ Das NAW gehört zum Wohngebiet Östliches Ringgebiet, hier gelten strengere Auflagen als jenseits der Okerbrücke, wo die Regulierungen für die Innenstadt beginnen. Das NAW richtet neben Feiern, die auch in den Räumen der Nachbarn zuliebe spätestens um 1:30 Uhr enden, auch Tagungen, Business-Events oder Firmen-Essen aus. Internationalen Gästen lokaler Unternehmen wird die Currywurst dann auch schon mal als Kostprobe im Glas nahegebracht.

Für Stammgäste ist das NAW das erweiterte Wohnzimmer

Fünf festangestellte Mitarbeitende zählen zum Team, im Sommer, wenn die wunderbare Terrasse an der Oker wie gemacht ist für verplauderte Abende jenseits des Zeitgefühls, kommen noch Saisonarbeitskräfte hinzu. Holz, warmes Licht und gezielt gesetzte Dekoration, die manchmal kleine Geschichten erzählen wie der stilisierte Hirschkopf aus Draht, den es nur ein zweites Mal bei Jägermeister in Wolfenbüttel gibt, erzeugen eine Stimmung aus angenehmer Gemütlichkeit. Und das Gefühl, sich am Ende eines Tages entspannen zu können. An eben so einem Holztisch hat man unlängst vielleicht bei Freunden gesessen. Die tierköpfigen Lichtobjekte „wollte ich schon immer haben“, so Maximilian Burkhardt. Sie sind Hingucker, aber keine Störenfriede. Wer hier einkehrt, möchte gern verweilen, gerade so, wie bei Freunden. „Für manche Stammgäste ist das hier das erweiterte Wohnzimmer“, erzählt die 32-Jährige. Bei einem personellen Engpass hat sie auch schon mit ihrer Tochter in der Bauchtrage bedient. Als sie ein paar Tage später ohne Baby die Bestellung aufnehmen wollte, kam als erstes die leicht enttäuschte Frage: Wo ist denn das süße Baby?
suja
2/2026