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20 Jahre Harzer Schnitzelkönig – Wer hier einkehrt, hat verdammt viel Schwein

Manchmal muss es eben mehr sein. Masse mit Klasse. Nicht kleckern, sondern klotzen. Wenngleich man schon mal ein Auge zudrücken sollte, wenn beim Verdrücken eines 1-Kilogramm-XXL-Schnitzels ein wenig gekleckert wird. Solange beim Niederringen der klotzigen Fleischmasse nicht der für Wohl und Magenweh alles entscheidende Buchstabe „l“ aus dem Wort „Klotzen“ verloren geht, ist doch alles in Butter. 20 Jahre gibt es den Harzer Schnitzelkönig (HSK), gelegen an der Hauptstraße im lauschigen Lautenthal. Gestartet als erstes XXL-Restaurant Norddeutschlands mit XXL-Portionen zu XXS-Preisen, hat es sich längst etabliert zu einem Gasthaus für den kleinen und großen Hunger.
Chef des Fleischtempels im Harz ist Stephan Schoenitz. Ein echt netter Typ, das kann man schon kurz nach der Begrüßung in den Block notieren. Die Fotografin möchte gern in die Küche. Kein Problem. Rundgang im HSK-Tower gefällig? „Müssen Sie nur sagen, dann machen wir das.“ Wir gehen erst mal in die Küche, wo die Vorbereitungen für den Tag bereits angelaufen sind. Im Radio dudelt gerade „Eye of the Tiger“, mit dem sich in den 80ern ­Sylvester Stallone in dem Film Rocky III zurück in Bestform und Siegerstimmung boxte. Die Stimmung in der nagelneuen Küche ist gut, die Fotografin hätte gern ein Schnitzel mit Farbvielfalt. Bekommt sie, rote Eyecatcher-Chili on Top. Perfekt fürs Fotomotiv.

„Wir haben einfach Schweineglück gehabt“

Zum Jubiläum haben die Mitarbeitenden ihrem Chef ein gekröntes, kupferfarbenes Schwein geschenkt. Stehend, mit Messer und Gabel in den Klauen. Noch ist es ein kleines Modell, das im Büro Hof hält, doch es soll irgendwann mannshoch vorm Lokal thronen.
Wir hatten das richtige Konzept zur richtigen Zeit.
Das Schwein spricht gewissermaßen Bände: Der König ist vital, ans Abdanken, wie andernorts in der kriselnden Gastrobranche, muss hier niemand denken. Schoenitz ist gelernter Hotelkaufmann. Nach der Ausbildung auf Juist avancierte der Mann, der in Hoyerswerda geboren und in Braunschweig aufgewachsen ist, schnell zum Restaurantleiter. Doch ebenso schnell kristallisierte sich für ihn heraus, dass sein Weg in die Selbstständigkeit gehen sollte. Von seinem Großonkel pachtete er die Brauhaus-Stuben in Lautenthal. Doch das Konzept dort sei etwas „angestaubt gewesen, und mir war klar, dass ich etwas anderes brauchte, dass ich Kundschaft über Lauten­thal hinaus anziehen musste“. Zusammen mit seiner ersten Mitarbeiterin Iwona kam er auf die Idee, die umfangreiche Pizzenauswahl vieler Italiener zu variieren: 40 Schnitzel. Jäger, Paprika, Pfeffer. So ging es los. Wenig später wurde die Geschäftsidee von der sagenhaften Schnitzelvielfalt noch garniert mit dem Werbeslogan XXL-Portionen zu XXS-Preisen. Der Rest ist gleichermaßen Gastro- und Fernsehgeschichte.
„Wir haben einfach Schweineglück gehabt“, sagt Schoenitz. „Wir hatten das richtige Konzept zur richtigen Zeit.“ Nur ein, zwei Jahre später steuerte der Hype um die XXL-Lokale auf seinen Höhepunkt zu: „Überall in Deutschland ploppten auf einmal solche Restaurants auf.“ Da waren er und seine Mannschaft aber längst auf dem Königsthron. Kaum ein TV-Sender, der nicht bei ihm gedreht hat, der über die Excalibur-Spieß-Wettessen und Co. berichtete.

Kaiser vom Royal Food Fight seit zehn Jahren unbezwungen

Mehr als 6000 Menschen haben mittlerweile beim Royal Food Fight die Magenwände an ihre Belastbarkeitsgrenze gedehnt. Gemampft wird in vier Kategorien: 1 Kilo Schnitzel, 1,2 Kilo Rumpsteak, 30 Zentimeter Monsterburger, 750 Gramm Currywurst (das Fünf­fache einer normalen). Gefuttert wird gegen die Uhr, 60 Minuten hat man maximal Zeit, hernach gibt es Punkte. Und eine Urkunde. Unbezwungener Kaiser in allen vier Kategorien ist seit zehn Jahren ein Harzer aus Osterode. Erst jüngst wollte jemand namens „Big M“ diesen Kaiser entthronen: Er wollte in sämtlichen Kategorien an einem Tag antreten. Der Pokal für diese „4 auf einen Streich“-Challenge, immerhin 7,3 Kilo Fleisch, wartet jedoch noch auf den „Harzer Schnitzelgoat“.

„Das war mal gedacht als Riesengaudi“

So. Zeit für ein paar kritische Einwürfe von der Seitenlinie. Ist diese Völlerei auf royalem Wettkampfniveau, für die „gutes Training“ auf der Homepage dringend angeraten wird, nicht aus einem Potpourri an Gründen aus der Zeit gefallen? Tierwohl, Gesundheit, Ernährung, Ästhetik, Ethik? Und so ein Wettessen – ist es nicht vor allem eine unansehnliche, ungemütliche und ungesunde Quälerei? Wer nun glaubt, dass man über die Monsterportionen in ein Monsterstreitgespräch mit Schoenitz geraten kann, irrt. Klar sei die Zeit darüber hinweggegangen, sagt er. „Das war mal gedacht als Riesengaudi.“ XXL-Belustigung der Massen. Seit die Massentierhaltung in den Fokus der Kritik geraten ist und Ernährung stark unter dem Gesundheitsaspekt betrachtet wird, hat sich auch beim Schnitzelkönig einiges gewandelt. Reste werden oft im Doggybag mitgenommen, Vegetarier finden auch eine Auswahl an Speisen. Bei jungen Leuten höre er mitunter, dass der Schnitzelkönig „quasi einen Kultstatus hat“. Wohl fühle sich hier jedermann, der Müllwerker ebenso wie der Anzugtyp, der Einheimische genauso wie der Tourist.
Die Portionen dürfen zwar immer noch groß sein, doch Schoenitz legt auch Wert auf Qualität. 60 Tonnen Schnitzel verbrät er jährlich. „Wir haben uns lange bemüht, die in Biofleischqualität zu bekommen. Aber du musst erst mal jemanden finden, der diese Menge verlässlich liefern kann.“ Seine Ware kauft er in Deutschland. 60 Tonnen Pommes kommen dazu, zwölf Tonnen Sauce Hollandaise, sieben Tonnen Käse. Kein Pappenstiel, wie man so sagt.

„Eigens zum Panieren kommt jeden Tag ein Mitarbeiter“

Wenn auf Bewertungsportalen manchmal behauptet wird, seine Schnitzel seien Fertigware, wurmt ihn das. „Eigens zum Panieren kommt jeden Tag ein Mitarbeiter“, erzählt der Unternehmer. Aufgrund der Menge an zu bratenden Schnitzeln landen diese nicht in der Pfanne, sondern in einem Schnitzelbräter. Die Textur der ausgebratenen Panade ist hier gleichmäßiger, was vielleicht den falschen Eindruck, es handele sich um Fertigware, nähren könnte. Aber ich kann‘s beschwören: Ich habe die Fleischstränge in der Küche mit eigenen Augen gesehen.
An guten Tagen nehmen 1000 Gäste in seinem reinen À-la-carte-Lokal Platz, das 2010 in das umgebaute Modellbahnzentrum umgezogen ist und seither 200 Gästen in Restaurant und Wintergarten Platz bietet. Mitgenommen aus den alten Brauhaus-Stuben hat er das Ambiente: auch an der neuen Adresse sitzen die Gäste unter Holzdächern, was nicht nur gemütlich, sondern auch wohltuend für die Akustik ist. „Urig“ schießt es einem spontan in den Sinn, sollte man das Ambiente knapp beschreiben. Schoenitz schätzt auch hier den Fachmann, ließ sich von einem Objekteinrichter die Räume gestalten.

70 Mitarbeitende werden in Englisch und Service-Knigge geschult

Der 46-Jährige leitet sein Restaurant nicht nur vom angrenzenden Büro aus, er wohnt auch im Gebäude mit seiner Frau Iwona und Sohn Emil. Manches, was er bei seinen beide erwachsenen Töchtern aus Zeitgründen versäumt habe, kann er durch die räumliche Nähe nun anders gestalten. Hausaufgaben mit Emil machen, ihn zu Bett bringen. Wandern, Radfahren, und ja – dank eines guten Restaurantleiters – auch Urlaub machen. Und nein, der Sohn isst nicht jeden Tag Schnitzel. „Ich auch nicht“, lacht der ranke und schlanke Chef, der demnächst zum ersten Mal Opa wird.
Schoenitz ist ein geerdeter Typ, weiß, wo er herkommt. Am Eingang hängt ein gerahmter Bon aus dem Jahr 2006. Betrag: 10,50 Euro. Ein Braumeistersteak. Das erste verkaufte Essen im Schnitzelkönig. Heute schult er im HSK-Tower, einem Anbau für Bevorratung, Kühlhäuser und Personalräume, seine 70 Mitarbeitenden im modernen Seminarraum. Auf dem Programm: Beschwerdemanagement, Englisch, Service-Knigge, Getränkekunde. Während und nach der Coronapandemie haben viele den Harz wieder- oder neuentdeckt. Das hat auch sein Geschäft noch mal gepusht. Mitarbeitende überzeugt er mit einem guten Klima und Anreizen: Altersvorsorge, Firmen­kreditkarte, Feiertagszuschlag. Köche arbeiten in einer 4-Tage-Woche. In der Branche müsse man schon auch was Zusätzliches bieten, um gute Leute zu kriegen.
suja
4/2026