Hering oder Schlüssel – Hauptsache, sie kann verkaufen

In Marburg verkaufte sie in ihren vier Lebensmittelgeschäften internationale Spezialitäten. Als sie ihrem Herzen folgte und nach Salzgitter kam, verkaufte sie die Läden. Gewiss, diese Zeit sei entspannt und auch sehr schön gewesen, erinnert sich Elisabeth Schurbin an ihre Anfänge in Niedersachsen und schenkt ihrem Lebensgefährten ein strahlendes Lächeln. Doch nach einem halben Jahr stand für sie fest: Ich muss wieder arbeiten. „Selbstständig ist man ein Leben lang“, kommentiert die Geschäftsfrau ihren Entschluss von damals, in die Sicherheitstechnik einzusteigen.
Und das kam so: Die Schließanlage im Haus ihres Lebensgefährten musste ausgewechselt werden, man kam ins Gespräch mit dem Sicherheitstechniker. Der Mann war 70 und wollte seinen Laden verkaufen. Elisabeth Schurbin ließ sich zwar nicht zu einem überhasteten Haustürgeschäft zwischen Tür und Angel an der eben erst runderneuerten Schließanlage hinreißen, aber sie fackelte auch nicht allzu lange: „Ob ich nun Süßigkeiten und eingelegten Hering verkaufe oder Schlüssel, das ist eigentlich egal. Hauptsache, ich kann verkaufen“, erzählt sie von der Geschäftsübernahme. Und so wurde aus Avanti die Firma Avantes Sicherheitstechnik, ein minimaler Unterschied, aber die Chefin findet charmant, dass das Wort Avantes ihre Initialen im Namen trägt.

Mit einem Tante-Emma-Laden fing es an
Elisabeth Schurbin kam als 38-Jährige vor 27 Jahren aus Kasachstan nach Deutschland. Ihre Mutter ist Deutsche, der Vater Bulgare. Die Diplome der Wirtschaftswissenschaftlerin, die in Kasachstan zunächst im Amt für Statistik gearbeitet und später einen Supermarkt geleitet hatte, wurden nicht anerkannt. Sie besuchte Sprachkurse in Marburg. „Ich wollte mich so schnell wie möglich integrieren, arbeiten.“ Man bot ihre eine Umschulung in der Altenpflege an, die sie auch antrat. „Ich habe Hochachtung vor dem Beruf, bewundere die Arbeit, die dort geleistet wird. Aber es war nicht meine Arbeit“, sagt sie. Und so gründete sie ihr erstes Geschäft. Einen kleinen Tante-Emma-Laden. Verkaufte internationale Spezialitäten wie eingelegte Heringe, Buchweizen, besonderes Schaumgebäck.
Bewegung im Leben muss sein
Mit diesem Laden konnten sie und ihre Familie wohl auch die anfängliche Sehnsucht nach der Heimat stillen. Vormittags ging sie weiterhin zur Altenpflege-Umschulung der Awo, nachmittags arbeitete sie nahtlos mit ihrer Mutter im Laden weiter. 13 Jahre später hatte sie vier Läden. Und einen echten Knochenjob. „Da ist man Geschäftsführerin, Hausmeister, Putzfrau, Fahrerin und Packer im Großmarkt, Mädchen für alles, immer und rund um die Uhr für alles zuständig.“ Klingt nach einem Turbojob, der nicht vergnügungssteuerpflichtig ist, aber wenn Schurbin davon erzählt, funkeln ihre Augen so als wollten sie untermalen: Genau so mag ich das. Wenn Bewegung im Leben ist.
Wir müssen noch mal auf die Heringe zu sprechen kommen. Ist es wirklich so schnurz, ob man nun eingelegten Fisch oder Schlüssel verkauft? Schurbin lacht: „Ich hatte das große Glück, dass ich mit dem Geschäft auch die Sachkenntnis der Mitarbeiter übernommen habe.“ Das kleine Ladengeschäft im Real-Markt in Salzgitter-Thiede gleicht ein bisschen einer Wunderkammer. Jeder Quadratmeter ist optimal ausgenutzt, wer sich mit der Geschmeidigkeit einer Katze zwischen der Adler-Ledernähmaschine von 1904 und Laptop, hunderten von Schlüsselrohlingen und Schuhreparaturgerät bewegen kann, ist klar im Vorteil. Bei der Geschäftsübernahme vor sechs Jahren hat die neue Chefin „ein bisschen in Einrichtung und neue Maschinen investiert, die Homepage machen lassen“ – und ansonsten auf Bewährtes gesetzt. Zum Beispiel ihren Mitarbeiter, der ein „Universalfachmann“ ist. Sein einziger Nachteil: „Er repariert Schuhe so hervorragend, dass ich keine Schuhe mehr kaufen muss. Leider.“ Für eine Frau verheerend. Und eigentlich ein Kündigungsgrund.

Dachlatten auf der Schiene
von Schiebetüren vergrämen
Einbrecher verlässlich.

Mit dem Handy die Haustür öffnen
Dass hinter diesen kleinen Läden mit den vielen Schlüsseln an den Wänden und den mitunter kreischbunten Schlüsselanhängern auf dem Tresen viel mehr steckt als abgelatschten Schuhen neue Absätze zu verpassen und fürs Gäste-WC einen verloren gegangenen Badschlüssel nachzumachen, lassen wir uns dann gleich mal von diesem Universalfachmann erklären. Gerade letztens hat er ein komplexes Alarm- und Videoüberwachungssystem in einem Eigenheim installiert. Das dauert dann schon mal acht Stunden. Kosten: zwischen 3000 und 3500 Euro. Per Handy können hierbei einzelne Glühbirnen aktiviert werden. Sensoren melden, wenn sich auf dem Boden eine Wasserlache gebildet hat. Und wenn sich der Sohn mal ausgeschlossen hat und die Eltern im Urlaub in der Südsee sind, kann man auch hier per Handy die Haustür öffnen. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen: So ein Sicherheitssystem verwandelt ein Haus von der Pilzkopfverriegelung an den Fenstern über die ausgeklügelte Videoüberwachung bis zur Tür mit seiner soliden Schließanlage in einen dezenten, hochgradig gesicherten Komplex. Und bei einer Immobilie von ein paar hunderttausend Euro fällt die Anlage prozentual betrachtet allenfalls als Peanut ins Gewicht.
Heißer Tipp: Dachlatten schützen vor Einbruch
Der Lebensgefährte spendiert noch einen Sicherheitstipp zum Nulltarif: Bei Schiebetüren eine Dachlatte auf die Schiene am Boden legen. Vergrämt Einbrecher verlässlich. Kein zertifizierter TÜV-Rat, aber von allen einschlägigen Sicherheitsexperten bis hin zur Polizei empfohlen.
Schurbin ist die Chefin im Hintergrund. Wenngleich: Schlüssel nachmachen, Batterien in Uhren auswechseln, die Gravurmaschine bedienen – kein Problem für sie! Aber eigentlich sind Büro und Buchhaltung, Verträge und Kundenkontakt ihr Metier. 500 Kunden hat Avantes. Privatleute und Firmen, Gemeinde- und Stadtverwaltungen, Makler, Bauschaffende und Hausverwaltungen. Denn eine einmal eingebaute Schließanlage will auch gewartet sein. Ein Tropfen Grafitöl muss da schon mal sein, und die Schließe funktioniert wieder reibungslos. Avantes gehört zudem zu den Sicherheits- und Schlüsseldiensten, die eine Tür öffnen dürfen, wenn der Beschluss eines Gerichtsvollziehers vorliegt. Dazu ist nicht jeder Dienst berechtigt

Schlüsselservice ist Vertrauenssache
Das eigene Haus gilt wohl jedem als Schutz- und Trutzburg. Wenn man diese gegen Einbruch sichern will, muss man Vertrauen haben. Da kommt wieder Schurbins Universalfachmann ins Spiel. Der Mann hat nicht nur ein Händchen für Schuhe und komplizierte Systeme, er ist auch charakterlich astrein. Kleine Geschichte dazu: Es gibt Schlüssel mit einer sogenannten Sicherheitskarte. Will man vom Schlüssel einen Zweitschlüssel machen, muss man diese vorlegen. Das ist keine Schikane, sondern extrem wichtig. Zum Beispiel für eine Frau, die sich ihren gewalttätigen Ex aus dem Haus halten will und deshalb ein Schloss mit solch einem Schließsystem installiert hat. Schurbin zitiert ihren Mitarbeiter: „Da könnte Frau Merkel vor mir stehen. Einen Zweitschlüssel zu solch einem Schlüssel würde ich ohne Sicherheitskarte nicht machen.“
Was er neben dem ganzen Servicegeschäft im Laden rund um Schuh und Schlüssel auch noch macht, sind Fotogravuren. Das Logo vom schönsten Fußballclub der Welt zum Beispiel auf einen Schlüsselanhänger. „Peine West geht auch“, sagt er, aber man merkt doch, dass das Herz blau gelb schlägt. Aber lassen wir diese regionalen Spitzfindigkeiten. Viel spannender als manche Hakelei auf dem Fußballfeld sind doch diese Türöffnungssysteme per Fingerabdruck. Bis zu 20 Fingerabdrücke speichert dieses Erkennungssystem und öffnet dann verlässlich Briefkästen, Geldkassetten, Schränke.

Abzocker haben es nicht mehr so leicht
Nerven sie eigentlich die schwarzen Schafe der Schlüsseldienstbranche? Die immer mal wieder für Schlagzeilen dieser Art sorgen: „Oh Schreck, 800 Euro nach Türentriegelung weg!“ Schurbin winkt ab, diese Neppereien seinen gottlob zurückgegangen. Vielleicht weil Google diese Abzockerfirmen von den vorderen Plätzen bei der der Websuche verbannt hat. Schurbins Rat: Immer nur einen Dienst mit Festnetznummer wählen.
Die Chefin hat sich übrigens auch schon mal ausgesperrt. Barfuß war sie dem Paketboten entgegen gegangen, ein Luftzug reichte – und rumms war die Tür im Schloss. Gut, dass man dann den Fachmann im eigenen Unternehmen hat.
So bleibt ihr auch Zeit für außerbetriebliches Engagement als Mitglied der Vollversammlung der IHK. Sie hofft auf viele Präsenzveranstaltungen nach der Coronazeit. Eines ihres Herzensanliegen: Abbau von Bürokratie. Gerade kleinste und kleinere sowie mittlere Betriebe hätten schwer zu tragen an den Anforderungen der Ämter. „Das ist mit viel Aufwand verbunden teilweise. In großen Unternehmen gibt es dafür ganze Abteilungen. Die haben wir nicht. Und diese Zeit fehlt dann für Aufträge.“
Entspannung bei den Enkeln in Berlin
Schurbin hat zwei Söhne. Der eine arbeitet mit in ihrem Unternehmen. Der andere ist Künstler und lebt mit Frau und drei Kindern in Berlin. Gelegentlich ist sie dort als Babysitter gefragt, wenn die Schwiegertochter auf Klassenfahrt ist und der Sohn sich über die Unterstützung seiner Mutter freut. „Die Enkelkinder sind die beste Entspannung“, sagt sie und man stellt sich sogleich lauschige Lesenachmittage auf dem Sofa vor. Gibt es wohl auch. Aber eigentlich begleitet sie die Kinder eher zum Ballett und Klavierunterricht, singt und malt mit ihnen. Ist in Bewegung. So wie sie es liebt. Ebenso wie Line Dance, Yoga, Besuche bei ihren Freunden aus alten Zeiten in Kasachstan. Das Geheimnis ihrer Jugendlichkeit möchte vielleicht auch sein, dass sie beinahe täglich 15 Kilometer in der Feldmark unterwegs ist. Strammen Schrittes. Ganz im Sinne von: wer einmal selbständig ist, kann sich den Müßiggang des Flaneurs nicht leisten.

suja