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MAN Truck & Bus SE – Talentschmiede seit einem Jahrhundert
„Wähle einen Beruf, den du liebst, und du brauchst keinen Tag in deinem Leben mehr zu arbeiten.“ Dieses Johann Wolfgang von Goethe zugeschriebene Zitat thront prominent über der Ausbildungswerkstatt der MAN Truck & Bus SE in Salzgitter und ist mehr als reine Dekoration: Die gelebte Leidenschaft, mit der die Auszubildenden ihrer Tätigkeit nachgehen, verwandelt Handwerk in Berufung. Sie ist der Funke, der den täglichen Fortschritt entzündet und MANs stärkster Motor für Qualität und Innovation – seit 100 Jahren.
Vom Azubi zum Mentor: Hans-Werner Ruhkopf lernte sein Handwerk selbst bei MAN Truck & Bus in Salzgitter und ist seit 2017 Ausbildungsleiter.
„Kann ich Ihnen helfen?“ Noch bevor mein suchender Blick die Anmeldung des MAN-Ausbildungszentrums gefunden hat, werde ich bereits von einem aufmerksamen Auszubildenden abgefangen und zielsicher bis vor die Tür manövriert. Ausbildungsleiter Hans-Werner Ruhkopf bestätigt meinen ersten positiven Eindruck: „Wir vermitteln ein Miteinander, das mit einem ‚Guten Morgen‘ beginnt und in echtem, gegenseitigem Respekt mündet – eine Wertekultur mit familiärem Charakter. Das ist unsere DNA.“ Beim Rundgang durch die Lehrwerkstatt wird dieses Leitbild schließlich greifbar. In der Offenheit, mit der uns die Auszubildenden empfangen, sich vorstellen und von ihren Projekten berichten, zeigt sich: Hier wird Charakter geformt. Es ist eine Mischung aus Tradition – tief verwurzelt im Erbe des Pioniers Heinrich Büssing – und einer lebendigen, wertschätzenden Gemeinschaft. 1925 gründete Büssing seine erste Lehrwerkstatt auf dem Gelände der damaligen Büssing-Werke an der Salzdahlumer Straße in Braunschweig. Zunächst ausgelegt für 40 bis 50 Lehrlinge wurde die Werkstatt aufgrund wachsender Zahlen 1935 erweitert – damit erfolgte zum ersten Mal auch die Freistellung des Ausbildungspersonals. Nachdem der MAN-Konzern die Büssing-Werke in Braunschweig und Salzgitter-Watenstedt schrittweise zwischen 1971 und 1972 übernommen hatte, wurde die Ausbildung am Standort Salzgitter nahtlos fortgeführt.
Lehrlinge 1939
Das Ausbildungspersonal 1936
Das Geheimnis des Könnens ist das Wollen
„Damit blicken wir auf insgesamt 18 317 Auszubildende in 100 Jahren zurück. Diese Tradition weiterzutragen, bewegt mich sehr“, sagt Ruhkopf, der selbst seine Ausbildung zum Dreher 1979 in dem Konzern absolvierte. Der am Elm lebende Hobby-Koch setzt auf eine Ausbildung, die bewährte Tradition mit zeitgemäßen gesellschaftlichen Ansprüchen und sozialen Rahmenbedingungen vereint. So gebe er auch jungen Menschen mit schwierigen Startbedingungen eine Chance. „Wir wollen nicht die Besten, sondern die, die am besten zu uns passen.“ Für den Ausbildungsleiter bedeutet das, dass die Person im Vordergrund steht und nicht zwingend ihr Zeugnis. Natürlich achte er auf das Arbeits- und Sozialverhalten sowie Fehltage, aber entscheidend sei das persönliche Bewerbungsgespräch, für das er sich mindestens eine Stunde Zeit nehme. Ihn habe Aristoteles‘ „Das Geheimnis des Könnens ist das Wollen“ sehr geprägt und „wenn jemand will, dann bringe ich ihm alles bei – auch wenn die Leistungen nicht so stark sind“. Ein Versprechen mit messbarem Erfolg, denn eine hohe Auslernquote sowie niedrige Abbruch- und Krankheitsraten spiegeln Ruhkopfs Engagement für eine individuelle und wertschätzende Ausbildung wider. Darauf blickt er mit berechtigtem Stolz und lässt mit einem Schmunzeln durchblicken, dass seine Kennzahlen die der anderen beiden MAN-Standorte in München und Nürnberg hinter sich lassen. MAN in Salzgitter ist darüber hinaus eines der wenigen Industrieunternehmen, das Einstiegsqualifizierungen und seit 2024 auch Teilzeitausbildungen anbietet und so auf individuelle Lebensentwürfe eingehen kann. Vor allem Mütter nehmen die Teilzeitausbildung sehr gut an – auf Bewerbungen von Vätern wartet Ruhkopf allerdings noch. Auch dieses Jahr starten wieder zwei junge Frauen. „Darum werde ich beneidet, aber ein Erfolgsrezept habe ich nicht – ich mache einfach. Vermutlich spricht sich unter den Bewerberinnen und Bewerbern rum, dass man bei MAN keine Nummer ist, sondern Mensch“, so der 61-Jährige, der außerdem die unkomplizierte Abwicklung von alternativen Ausbildungswegen bei der IHK Braunschweig lobt.
Bei MAN ist man keine Nummer, sondern Mensch.Hans-Werner Ruhkopf
Vielfalt als Stärke
Die menschliche Komponente kommt bei MAN definitiv nicht zu kurz: Jede der aktuell vier Berufsgruppen, die zu Fachkräften für Lagerlogistik, Elektronikern für Automatisierungstechnik, Mechatronikern, Fertigungsmechanikern und seit diesem Jahr auch Zerspanungsmechanikern ausgebildet werden, verbringt zum Ausbildungsbeginn eine Woche in einem Gästehaus in Braunlage. Im gemeinsamen Basisseminar wachsen die neuen Ausbildungsjahrgänge zusammen und lernen ihre Ausbildenden in entspannter Atmosphäre kennen. Beim letzten Mal brachte eine Auszubildende ihre Kinder mit und zwei Nachwuchskräfte aus dem zweiten Lehrjahr sprangen kurzerhand für die Betreuung ein, erzählt Ruhkopf. Trotz der Größe des Konzerns schließt sich hier der Bogen zu einem Team, das sich als große Familie, denn als reine Belegschaft versteht. „Ich entscheide sowas jedoch nicht allein, auch ich habe Vorgesetzte“, kommentiert er lächelnd und fährt fort: „Aber es gibt für alles eine Lösung und ich gehe gerne neue Wege, die jedoch nur zusammen mit meinem Team funktionieren.“ Unterstützt wird der Wolfenbütteler von einer jungen Mannschaft aus sechs Ausbildungsmeisterinnen und -meistern sowie jeweils einer Mitarbeiterin in der Weiterbildung und Administration. Darüber hinaus liegen ihm besonders die Diversity-Workshops am Herzen, die er selbst durchführt. „Geleitet vom Grundgesetz leben wir eine Gemeinschaft, in der Vielfalt unsere Stärke ist und jeder Azubi – ungeachtet seiner Herkunft, Religion, Hautfarbe und Geschlecht – einen festen Platz hat.“ Die Ergebnisse der Workshops sprechen für sich: Statt auf Hochglanzbroschüren und bunte Flyer setzt das Ausbildungsteam auf authentisches Handeln und gelebte Unternehmenskultur, sodass die Präsentationen auch die Werkleitung emotional bewegen. Obwohl die Integration aller Nachwuchskräfte herausfordernd sein kann und klare Worte erfordert, liegt es Ruhkopf am Herzen, gerade benachteiligten Jugendlichen eine Perspektive zu bieten. Als bekennender „Querkopf“ bringt er dabei das nötige Verständnis für Jugendliche in schwierigen Lebenslagen mit.
Berufsübergreifendes Lernen
Dieses Verständnis für unkonventionelle Wege spiegelt sich auch in seiner Ausbildungsmethodik wider: Statt in starren Abteilungen zu denken, setzt er auf einen crossfunktionalen Ansatz, der den Azubis ein ganzheitliches Verständnis für das gesamte Unternehmen vermittelt. „Wenn wir als Mannschaft nicht funktionieren, gewinnen wir keinen Blumentopf. Nur wenn wir zusammen agieren und gemeinsam stark sind, können wir alles erreichen“, so Ruhkopf, der mit seiner Doppelqualifikation aus Meistertitel und Ingenieurstudium nicht nur an sich selbst hohe Maßstäbe setzt, sondern auch die Vielseitigkeit vorlebt, die er in seinem Ausbildungskonzept vermittelt. So erlernen zum Beispiel die Fachkräfte für Lagerlogistik auch die Grundlagen der Elektrotechnik und andersherum durchlaufen die technischen Berufe einen Logistiklehrgang. Als strategisches Komponentenwerk und globaler Logistik-Hub garantiert der Standort Salzgitter eine weltweite Ersatzteilversorgung binnen 24 Stunden, was laut Ruhkopf ein berufsübergreifendes Verständnis erfordert.
Schon 1930 zeigte sich der Erfolg der Vision von Heinrich Büssing. Er hatte bereits 1925 die erste Lehrwerkstatt in seinem Unternehmen initiiert und damit die Ära der professionellen betrieblichen Ausbildung eingeläutet.
Ein Jahrhundert später ist die MAN-Ausbildungswerkstatt in Salzgitter längst kein reiner Ort der Mechanik mehr: Sie hat sich zum hochmodernen, digitalisierten Kompetenzzentrum entwickelt.
Der Mensch im Mittelpunkt
Der familiäre Zusammenhalt ist für ihn das wichtigste Resümee aus 100 Jahren Ausbildungstradition und diese Beständigkeit zahlt sich aus: Mit jährlich rund 450 Bewerbungen ist Nachwuchsmangel im Salzgitteraner Werk ein Fremdwort. Besonders stolz ist Ausbildungsleiter Ruhkopf auf die Frauenquote von 35 Prozent – im Bereich Lagerlogistik liegt sie sogar bei beeindruckenden 70 Prozent. Doch bleibt der Mensch auch bis zum Jahr 2125 das Kernstück der Ausbildung? Trotz des massiven Einzuges der KI ist sich Ruhkopf sicher: „Wir werden auf den Faktor Mensch nicht verzichten können. Was sich nicht über KI machen lässt, sind Emotionen. Das macht MAN aus.“ Während schwere körperliche Arbeiten zunehmend automatisiert werden, hält er den Menschen für die Steuerung, Datenanalyse und komplexe Instandhaltung auch in Zukunft für unverzichtbar. Auch in der Ausbildung dürfe KI unterstützen, aber die Vermittlung der fachlichen Grundlagen und des gesellschaftlichen Wertegerüsts müsse eine menschliche Domäne bleiben. „Die Jugendlichen sind froh über diese Konstante in ihrem Leben“, berichtet der Mentor, der sich außerdem ehrenamtlich im IHK-Berufsbildungsausschuss sowie im Arbeitskreis gewerblich-technischer Ausbildungsleitender für die Relevanz und einen höheren gesellschaftlichen Stellenwert von Ausbildungsberufen einsetzt. Junge Menschen seien häufig orientierungslos, wenn es um die Wahl eines Berufes gehe, daher appelliert Ruhkopf an die Politik, die Berufsorientierung schon in der Grundschule zu verankern. Aber auch das Elternhaus müsse mitziehen und entsprechende Aufklärungsarbeit leisten.
Geleitet vom Grundgesetz leben wir eine Gemeinschaft, in der Vielfalt unsere Stärke ist und jeder Azubi – ungeachtet seiner Herkunft, Religion, Hautfarbe und Geschlecht – einen festen Platz hat.Hans-Werner Ruhkopf
Gemeinsam mit seinem Ausbildungsteam und den Nachwuchskräften setzt der Leiter der betrieblichen Ausbildung auch innerhalb des Unternehmens ehrenamtliche Maßstäbe: Zusammen mit der Lebenshilfe gGmbH organisiert er bereits seit mehreren Jahren das Projekt „Seitentausch“. Im Jahr 2024 kam ihm während einer Dienstfahrt außerdem die Idee, dem SOS-Kinderdorf in Salzgitter Zeit schenken zu wollen. Dies mündete in einem Schnuppertag für Sieben- bis 14-Jährige, die zusammen mit den MAN-Auszubildenden Lkw fuhren, löteten, Flaschenöffner bauten und Waffeln backten. Der nächste Termin im April steht schon fest und Hans-Werner Ruhkopf ist nicht müde, sich auch weiterhin dafür stark zu machen, dass die menschliche DNA das Werk in Salzgitter prägt – als Brückenbauer, Mentor und Mensch.
2/2026
