IHK-Pressemitteilung vom 08.02.2022

IHK-Präsidentin Breuning: Aufschwung muss warten

Regionale Wirtschaft noch nicht über den Berg

Steigende Energie- und Rohstoffpreise, Chipmangel, fragile Lieferketten und fehlende Fachkräfte in fast allen Branchen – alles das führt dazu, dass der Aufschwung der regionalen Wirtschaft noch einmal eine Pause einlegt. Das ist das Fazit der aktuellen Konjunkturumfrage bei rund 800 Betrieben aller Größen und Branchen, die die IHK Region Stuttgart zum Jahresbeginn im Ballungsraum Stuttgart durchgeführt hat. „Viele Unternehmen stehen in den Startlöchern und wollen loslegen. Aber die Omikronwelle, jüngste globale Entwicklungen und eine in ihren Äußerungen nicht immer konsistente Bundesregierung sorgen für Verunsicherung bei der Mehrzahl der befragten Unternehmen. So muss der Aufschwung noch einmal vertagt werden“, sagt Marjoke Breuning, Präsidentin der Industrie- Und Handelskammer (IHK) Region Stuttgart.

Aktuelle Geschäftslage und Erwartungen

Beim Blick auf die regionale Gesamtwirtschaft bewerten 46 Prozent der Befragten ihre Lage gut – fast drei Prozentpunkte mehr als im letzten Herbst. Aber auch die Zahl der Pessimisten ist in dieser Größenordnung angestiegen: von ca. 12 auf ca. 14,5 Prozent.
Besser sieht es bei den Erwartungen der Betriebe für die nächsten 12 Monate aus. Diese liegen fast gleichauf mit denen aus der Herbstumfrage: fast 39 Prozent der Befragten hoffen auf bessere Geschäfte. Zuletzt waren es nur ca. 1 Prozent mehr. Jeweils die Hälfte der Unternehmen geht von gleichbleibend guten Geschäften aus. Schlechtere Geschäfte befürchtet etwa ein Zehntel der Betriebe, kaum weniger als im Herbst.

Große Unterschiede zwischen den Branchen

Die Lagebeurteilung der Industrie mit aktuell 47 gegenüber 45 Prozent Optimisten ist zwar leicht besser als im Herbst. Die Pessimisten sind aber - mit knapp unter gegenüber knapp über 10 Prozent - kaum weniger geworden. Von Zurückhaltung geprägt sind auch die Erwartungen des produzierenden Gewerbes: etwa 42 Prozent der Befragten erwarten bessere Geschäfte in den nächsten Monaten. Zuletzt waren es 46 Prozent. Von schlechteren Geschäften gehen zurzeit 10 Prozent aus. Im Herbst waren es 8 Prozent. Lediglich die Konsumgüterhersteller schätzen von niedrigem Niveau aus ihre Erwartungen nun deutlich besser ein. Auch im Fahrzeugbau hofft man im Laufe des Jahres wieder auf bessere Geschäfte – trotz aktuell anhaltendem Chipmangel und steigender Energie- und Rohstoffpreise.
Auch im Transport- und Verkehrsgewerbe bewerten rund 40 Prozent der Befragten ihre Lage gut, ca. ein Zehntel schlecht. Eine deutliche Mehrheit geht in den nächsten Monaten von gleichbleibenden Geschäften aus. Vor allem steigende Energiepreise und fehlende Fachkräfte dämpfen die Erwartungen. 
Im Baugewerbe bewertet mehr als die Hälfte der Befragten ihre Lage gut, mehr als ein Drittel ist zufrieden. In einer schlechten Lage sehen sich nur 6 Prozent. Viele Branchenvertreter hoffen sogar auf noch bessere Geschäfte in den nächsten Monaten – deutlich mehr als noch im Herbst. Denn trotz jüngster Zinssteigerungen ist Baugeld immer noch verhältnismäßig billig.
Obwohl er als Bindeglied in der Produktion auch die volle Lieferkettenproblematik abbekommt, befindet sich der Großhandel im Vergleich zum Herbst in annähernd stabiler Lage. 
Gut bewerten ihre Situation ungefähr 60 Prozent gegenüber 56 Prozent im Herbst. Rund 11 Prozent der befragten Großhändler sehen sich in schlechter Lage. Bei der letzten Umfrage waren es 6 Prozent.
Dagegen ist die Situation für viele Betriebe im Einzelhandel nicht rosig. Vor allem im Textileinzelhandel ist der Umsatz in den letzten Monaten nochmals deutlich zurückgegangen. Bei 28 Prozent der Einzelhändler, die ihre Lage gut beurteilen, hat sich seit den letzten Monaten nichts verändert. Jedoch sieht sich aktuell fast ein Drittel der Einzelhändler – und damit rund 11 Prozentpunkte mehr als zuletzt - in einer schlechten Lage. Auch die Geschäftserwartungen sind rückläufig. Das zeigt die Abnahme der Zahl derjenigen, die bessere Geschäfte erwarten, von 27 Prozent im Herbst auf 17 Prozent im Januar. 
„Die Vielzahl der Einschränkungen für Kunden und Beschäftigte sowie die ständig wechselnden Corona-Maßnahmen machen dem Einzelhandel das Leben schwer. Erste Schritte bei der Wiederbelebung der Innenstädte werden gegangen, aber es bleibt noch viel zu tun und wir wissen nicht, ob und wann wir wieder annähernd normale Verhältnisse erreichen werden“, sagt die IHK-Präsidentin. Ein gutes Signal seien die Innenstadtberater, mit denen auch die IHK Region Stuttgart den Einzelhandel und andere Unternehmen im urbanen Umfeld mit Rat und Tat unterstützt.
Über 40 Prozent der übrigen Dienstleistungsbetriebe (ohne den Handel) bewerten ihre Lage gut und gehen in den nächsten 12 Monaten auch von einer besseren Geschäftsentwicklung aus. In besonders guter Stimmung sind die Beratungsunternehmen, wie zum Beispiel Ingenieurbüros und EDV-Dienstleister. 
Schlecht schneidet weiterhin das Hotel- und Gaststättengewerbe ab. Dort sieht bei fast drei Vierteln der Unternehmen die Lage aktuell schlecht aus. Das sind nochmals deutlich mehr als bei der vorhergehenden Umfrage (54 Prozent). Nur 6 Prozent beurteilen ihre Geschäfte gut – nochmals weniger als zuletzt mit 8 Prozent. Dort wird die Lage immer kritischer. Fast ein Drittel der Unternehmen meldet Liquiditätsengpässe und bei der Hälfte ist das Eigenkapital geschmolzen. Gerade deshalb hofft rund ein Drittel auf Besserung, aber fast ein Viertel geht von einer Verschlechterung aus. Damit hat sich die Zahl der Pessimisten verdoppelt. „Das ist erschreckend und wir müssen davon ausgehen, dass auch weitere Betriebe in diesem Jahr werden aufgeben müssen“, meint Breuning.

Exporte machen Hoffnung - trotz Lieferkettenproblemen

Erfreulich sei, dass - trotz der negativen Auswirkungen der Pandemie vor allem in China - mit steigenden Exporten nach Asien, Nord-, Mittel- und Südamerika aber auch innerhalb Europas zu rechnen ist. Für das Jahr 2022 erwarten 42 Prozent der Betriebe steigende Exporte. Im Fahrzeugbau sind die Exporterwartungen aufgrund des Chipmangels allerdings in den Keller gerauscht. 
Der Brexit wirkt sich weiterhin negativ auf die Geschäfte mit dem Vereinigten Königreich aus und infolge des Russland-Ukraine-Konflikts müssen sich Unternehmen auf weitere Sanktionen einstellen. 

Betriebe im Strukturwandel entlasten

Die industriellen Kernbranchen Baden-Württembergs - Fahrzeugbau, Maschinenbau und die Elektrotechnik - befinden sich mitten in einem Strukturwandel. Die digitale und automobile Transformation schreitet mit großen Schritten voran. Deshalb müsse laut Breuning die Politik positive Signale an die hiesige Wirtschaft senden und die standortpolitischen Rahmenbedingungen verbessern.
„Deutschland nimmt im Vergleich zu anderen großen Industriestaaten mit einer Steuerbelastung von 30 Prozent auf Unternehmensgewinne international eine Spitzenposition ein. Eine Steuerentlastung hätte eine positive Signalwirkung für den deutschen Standort“, appelliert Breuning an die Politik. „Auch stellen wir immer wieder fest, dass der Umgang der Behörden mit Regeln, Vorschriften und Vorgaben maximal unflexibel und starr erfolgt. Bürokratieabbau ist dringend notwendig, wenn wir unser Land moderner und agiler gestalten und unseren Wohlstand erhalten wollen“, so Breuning.