Pressemitteilung vom 10. Mai 2022

IHK-Präsidentin Breuning: Regionale Wirtschaft blickt mit Sorge in die Zukunft

Ukraine-Krieg bremst den Aufschwung

Die Unsicherheiten durch den Ukraine-Krieg, die rasant steigenden Energie- und Rohstoffpreise sowie drohende Öl- und Gasembargos dämpfen den Optimismus der regionalen Wirtschaft. „Auch wenn die aktuelle Lage noch vergleichsweise gut ist, fürchtet jedes vierte Unternehmen in der Region einen deutlichen Einbruch der Geschäfte in den kommenden zwölf Monaten, mehr als doppelt so viele als noch zu Jahresbeginn“, fasst IHK-Präsidentin Marjoke Breuning die Ergebnisse der aktuellen Konjunkturumfrage der IHK Region Stuttgart zusammen. An der Umfrage haben zwischen 31. März und 21. April 2022 rund 700 Unternehmen aller Größen und Branchen aus der Region Stuttgart teilgenommen. „Viele Unternehmen haben die Corona-Pandemie überraschend gut hinter sich gelassen und wollten jetzt durchstarten. Doch der Krieg in der Ukraine hat ihnen einen deutlichen Strich durch die Rechnung gemacht. Folgt nach der einen Krise jetzt schon die nächste?“
Aktuelle Geschäftslage und Erwartungen
Der Blick auf die regionale Gesamtwirtschaft zeigt: Noch ist die Lage gut, geben rund 43 Prozent der Befragten an – zu Jahresbeginn 2022 waren es 46 Prozent. Die Zahl derer, die ihre Lage als befriedigend einschätzen, ist im gleichen Zeitraum um vier Prozentpunkte auf knapp 44 Prozent gestiegen. Eine schlechtere Lage geben mit 13 Prozent etwas weniger als noch zu Jahresbeginn an (14,4 Prozent).
Einen deutlichen Einbruch gibt es dagegen in den Geschäftserwartungen für die kommenden zwölf Monate. Preissteigerungen und Lieferkettenstörungen durch die Pandemie haben deutliche Spuren hinterlassen, jetzt kommen Unsicherheiten durch den Krieg in der Ukraine und drohende Energieembargos hinzu. Jedes vierte Unternehmen der Region erwartet deutlich schlechtere Geschäfte, zu Jahresbeginn war es nur jedes zehnte. Etwa die Hälfte der Betriebe geht von einer gleichbleibenden Situation aus, 24 Prozent von einer Verbesserung.
Die Gründe für den pessimistischen Blick ähneln sich in allen Branchen: So sehen 68 Prozent der Unternehmen in den steigenden Energiekosten das größte wirtschaftliche Risiko für die Region Stuttgart – gefolgt von den steigenden Rohstoffpreisen (59 Prozent) und dem Fachkräftemangel (58 Prozent). 
Große Unterschiede zwischen den Branchen
Der Industrie machen Störungen in den Lieferketten - verursacht durch geschlossene Häfen und coronabedingte Produktionsstopps – bereits seit Frühsommer 2021 zu schaffen. Jetzt stellen der Krieg in der Ukraine und die rasant gestiegenen Energiekosten die Industrie vor neue Herausforderungen. Ihre aktuelle Lage hat sich im Frühsommer dieses Jahres zwar nur leicht verschlechtert, 47 Prozent der Befragten sagen, die Lage ist gut. Eine schlechte Lage geben mit 13 Prozent drei Prozentpunkte mehr an als noch zu Jahresbeginn.
Doch drohende Energieembargos und die weiteren geopolitischen Entwicklungen drücken die Stimmung für die kommenden Monate deutlich in den Keller. Nur noch 19 Prozent der Befragten erwarten eine Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Situation, zu Jahresbeginn 2022 waren das noch 42 Prozent. Ein Drittel der Unternehmen aus der Industrie geht von einer Verschlechterung aus. Dabei fürchtet ein Großteil der Befragten – 83 Prozent – dass ihnen die steigenden Energiekosten das Wirtschaften deutlich erschweren werden, zu Jahresbeginn waren das noch 68 Prozent.
Ein Ende scheint die Sonderkonjunktur der Stuttgarter Baubranche im Wohnungsbau zu haben, die Corona-Pandemie hatte hier eine enorme Nachfrage beschert. Doch rasant steigende Energie- und Rohstoffpreise und erschwerte Finanzierungsbedingungen durch höhere Zinsen und den Wegfall von Förderkrediten ließen die Aufträge deutlich zurückgehen. Jedes zweite Unternehmen nennt die Inlandsnachfrage jetzt als wirtschaftliches Risiko, neun von zehn geben die gestiegenen Energie- und Rohstoffpreise als Risiko an. Ein Drittel der Unternehmen erwartet daher eine verschlechterte Geschäftslage sowie einen Rückgang der Bauproduktionen im Vergleich zum Vorjahresquartal.
Nach zwei Jahren Corona-Krise und pandemiebedingter Einschränkungen herrscht bei den Dienstleistern in der Region Stuttgart etwas mehr Ruhe – mit Unterschieden in den einzelnen Bereichen. Doch auch hier wird die Stimmung durch die Sorge nach weiter steigenden Energiekosten getrübt. Jedes zweite Unternehmen nennt sie als Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung. „Besonders die Branchen, die bereits in der Corona-Pandemie mit dem Rücken zur Wand standen und ihre Reserven aufgebraucht haben, stehen jetzt vor enormen Herausforderungen“, so Breuning. 
Dazu gehört unter anderem das Gastgewerbe, das unter den zahlreichen Lockdowns besonders gelitten hat – die Lage ist ähnlich schlecht wie zu Jahresbeginn. Rund 69 Prozent der befragten Gastronomen schätzen ihre aktuelle Lage als schlecht ein, 25 Prozent befriedigend und nur sechs Prozent melden eine gute Lage. „Hier sehen wir in der Region einen deutlichen Unterschied im Vergleich zum gesamten Südwesten“, erklärt Breuning. „Messen und Geschäftsreisen laufen in Stuttgart nach wie vor nur schleppend an, worunter viele Hotels und Gaststätten leiden. Private Feiern im Südwesten haben dagegen wieder angezogen und bescheren der Gastro-Branche gute Umsätze.“ Trotzdem blicken die Gastronomen in der Region optimistisch auf den Sommer: Rund 74 Prozent erwarten mit dem Wegfall der Corona-Maßnahmen und dem anstehenden Sommer- und Urlaubsgeschäft eine bessere Geschäftslage. 
Getrübt werden auch hier die positiven Erwartungen durch die steigenden Energiepreise, neun von zehn Unternehmen fürchten sie als Risiko für die wirtschaftliche Entwicklung. Auch der Fachkräftemangel, der sich durch die Pandemie weiter verschärft hat, stellt für 72 Prozent der Unternehmen ein großes Geschäftsrisiko dar. „Wir dürfen die Betriebe hier nicht allein lassen, sondern müssen alles dafür tun, wieder mehr junge Menschen in die duale Ausbildung zu bringen. Denn sie sichert nicht nur den Unternehmen die dringend benötigten Fachkräfte, sie bietet auch den Auszubildenden bessere Chancen denn je.“
Von einem Voranschreiten der Digitalisierung profitieren vor allem unternehmensnahe Dienstleistungen wie etwa aus dem Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie. Der positive Trend setzt sich weiterhin fort. Rekordwerte erzielen die Finanzdienstleister – 56 Prozent der Befragten melden eine gute wirtschaftliche Lage, als befriedigend empfinden sie 43 Prozent und nur ein Prozent ist unzufrieden. 
Die Entwicklung im Handel ist weiterhin sehr heterogen. Der Großhandel meldet eine verbesserte Geschäftslage im Vergleich zum Jahresbeginn 2022. Preissteigerungen und Lieferkettenschwierigkeiten scheinen keinen großen Einfluss auf die Geschäftstätigkeit zu haben. Rund 62 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass ihre aktuelle Geschäftslage gut sei – die Zahl liegt damit deutlich über dem Vor-Corona-Niveau (Herbst 2019).
Ein anderes Bild zeigt sich hingegen im Einzelhandel, der in den vergangenen zwei Pandemie-Jahren massive Einbrüche in Umsatz und Ertrag hatte. Jetzt kämpfen sich die Händler langsam aus der prekären Situation, doch trotz der aufgehobenen Corona-Maßnahmen ist die Lage noch nicht auf dem Vorkrisen-Niveau. „Steigende Preise und die Inflation bremsen die Kauflust vieler Kunden, was die Einzelhändler deutlich zu spüren bekommen. Viele konnten sich noch nicht von der Corona-Krise erholen, jetzt kommen schon die nächsten Herausforderungen auf sie zu“, so Breuning. Rund 74 Prozent der Einzelhändler geben denn auch an, dass sie die Inlandsnachfrage als Risiko für ihre wirtschaftliche Entwicklung sehen. Beim Blick nach vorn geben rund 43 Prozent an, in den kommenden zwölf Monaten schlechtere Geschäft zu erwarten. Auch die Sorge um weiter steigende Energiepreise ist bei 85 Prozent der Einzelhändler ein Geschäftsrisiko. 
Der starke Anstieg bei den Energiekosten macht auch dem Transport- und Verkehrsgewerbe zu schaffen. Neun von zehn Unternehmen sehen die gestiegenen Energiepreise als ein wirtschaftliches Risiko, aber auch der Fachkräftemangel bei 87 Prozent der Unternehmen drückt die derzeitige wirtschaftliche Entwicklung. Dementsprechend nüchtern sind auch die Erwartungen für die kommenden zwölf Monate. Nur noch 31 der Befragten hoffen im Frühsommer auf bessere Geschäfte, Anfang des Jahres waren es noch 43 Prozent. 
Investitionsbereitschaft geht zurück
Die trüben Zukunftsaussichten wirken sich auch auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen aus – allerdings nicht in allen Bereichen. Über den Ersatzbedarf hinaus wird vorzugsweise in Digitalisierung und in Umweltschutz beziehungsweise Energieeffizienz investiert. Zum Jahresbeginn 2020 planten 25 Prozent der Unternehmen in Umweltschutz zu investieren, im Frühsommer 2022 sind es bereits 35 Prozent.   
Exporte geraten ins Wanken
Hohe Transportkosten und der Krieg in der Ukraine zerrütten die Stuttgarter Exportwirtschaft in allen Regionen. Die einzigen positiven Exporterwartungen gibt es derzeit nur in der Euro-Zone und mit Nordamerika. Die wirtschaftliche Lage in Nordamerika ist weiter im Aufschwung. Das Wirtschaften mit China hat sich dagegen durch die Zero-Covid-Strategie der Chinesen deutlich erschwert. „Geschlossene Häfen und Millionenstädte, die von jetzt auf gleich abgeriegelt wurden, hat Unternehmen mit Geschäftsbeziehungen nach China gezeigt, wie schnell Lieferketten zerschnitten werden können und wie wichtig es ist, zu große Abhängigkeiten zu vermeiden“, so Breuning.
Die Wirtschaftssanktionen gegen Russland und der Krieg in der Ukraine führen nicht nur zu gesunkenen Exporterwartungen mit diesen beiden Ländern, sondern auch zu einem gesunkenen Handel mit anderen osteuropäischen Ländern, da sie wirtschaftlich eng mit diesen verflochten sind.