Pressemitteilung 28. August 2026

Ausbildungszahlen brechen ein: IHK Region Stuttgart startet Ausbildungsoffensive

Zehn Prozent weniger Ausbildungsverträge – KI verändert den Berufseinstieg

Auf dem Ausbildungsmarkt der Region Stuttgart gehen die Warnlampen an: Zum Beginn des neuen Ausbildungsjahres 2026 wurden in den IHK-Berufen 7.316 neue Ausbildungsverträge eingetragen. Das entspricht einem Rückgang von 10,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Damit fällt das Minus in der Region etwas stärker aus als im baden-württembergischen Durchschnitt (BW: Minus neun Prozent).
Betroffen sind sowohl die technischen Berufe mit minus 10,7 Prozent als auch die kaufmännischen Berufe mit minus 10 Prozent. Besonders deutlich ist der Rückgang im Bereich Elektrotechnik mit minus 15,4 Prozent. Hierzu zählen auch die Fachinformatiker mit minus 21 Prozent. Bei den kaufmännischen Berufen ist der Einbruch bei den Kaufleuten für Büromanagement besonders besorgniserregend mit einem Minus von 25 Prozent.
„Diese Entwicklung ist ein Warnsignal für unseren Wirtschaftsstandort“, sagt Susanne Herre, Hauptgeschäftsführerin der IHK Region Stuttgart. „Wenn heute deutlich weniger junge Menschen ausgebildet werden, verschärft sich unsere Fachkräftelücke in den kommenden Jahren zusätzlich.“
Laut IHK-Fachkräftemonitor fehlen in der Region Stuttgart heute rund 33.000 Fachkräfte, 2035 werden es rund 84.000 sein – davon etwa 56.000 beruflich qualifizierte.

Konjunktur und Transformation belasten die Ausbildung

Aus Sicht der IHK liegt die Hauptursache für den Rückgang in der schwachen wirtschaftlichen Entwicklung. In der Region Stuttgart kommt die tiefgreifende Transformation der Automobilindustrie hinzu. „Die wirtschaftliche und industrielle Transformation der Region erreicht jetzt zunehmend auch den Ausbildungsmarkt“, sagt Andrea Bosch, Leiterin der Abteilung Berufliche Bildung und Fachkräfte der IHK Region Stuttgart. „Viele Unternehmen und Zulieferer stehen unter erheblichem Anpassungs- und Kostendruck. Investitionen werden zurückgestellt, Personalplanungen vorsichtiger und die Planungsunsicherheit nimmt zu.“
Gerade bei kaufmännischen Berufen beobachtet die IHK zunehmende Unsicherheit über den künftigen Fachkräftebedarf. Einzelne Unternehmen überprüfen ihre Ausbildungsplanung sehr grundsätzlich. „Wir können deshalb auch für 2027 noch keine Entwarnung geben“, sagt Bosch. „Wenn wirtschaftliche Unsicherheit und Transformation anhalten, besteht die Gefahr, dass sich die Entwicklung verfestigt.“

KI verändert den Berufseinstieg

Hinzu kommt nach Angaben der IHK ein weiterer struktureller Faktor: Künstliche Intelligenz verändert Tätigkeiten und damit auch die Anforderungen an Berufseinsteiger. Recherche, Dokumentation, einfache Analysen und Auswertungen oder standardisierte Programmieraufgaben können zunehmend durch KI unterstützt oder teilweise übernommen werden. Erste internationale Untersuchungen liefern Hinweise darauf, dass insbesondere junge Beschäftigte in stark KI-exponierten Berufen unter Druck geraten. „Wir sagen ausdrücklich nicht, dass KI den Rückgang der Ausbildungsverträge verursacht“, betont Herre. „Aber KI verändert gerade die erste Sprosse der Karriereleiter. Darauf muss auch die berufliche Bildung reagieren.“
Für die IHK-Chefin folgt daraus eine klare Konsequenz: „Die Antwort auf KI kann nicht weniger Ausbildung sein. Die Antwort muss modernere Ausbildung sein.“ Junge Menschen müssten bereits während ihrer Ausbildung lernen, KI professionell einzusetzen, Ergebnisse kritisch zu beurteilen und Verantwortung zu übernehmen. „Wir dürfen nicht Ausbildungsberufe von gestern für die Arbeitswelt von morgen ausbilden“, sagt Herre.
Die IHK fordert deshalb:
  • die KI-Zusatzqualifikation „Künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen“ flächendeckend auszubauen,
  • KI-Kompetenzen systematisch in der beruflichen Bildung zu verankern,
  • die angekündigte KI-Agenda des Landes zügig umzusetzen,
  • Ausbildungsberufe und Ausbildungsordnungen schneller an technologische Veränderungen anzupassen.

Bewerbermangel bleibt – Matching wird schwieriger

Trotz sinkender Vertragszahlen bleiben viele Ausbildungsplätze unbesetzt. 69 Prozent der Betriebe mit unbesetzten Stellen nennen fehlende geeignete Bewerbungen als Hauptgrund. „Das ist nur scheinbar ein Widerspruch“, sagt Bosch. „Wir haben auch ein Matching-Problem: Ausbildungsplätze und Jugendliche finden häufig nicht zusammen – etwa wegen unterschiedlicher Berufswünsche, Standorte oder Erwartungen.“

IHK startet Ausbildungsoffensive

Die IHK Region Stuttgart startet eine Ausbildungsoffensive und bündelt ihre Aktivitäten in drei Handlungsfeldern: Bestehende Ausbildungsplätze sollen durch gezielte Betriebsbesuche und die Unterstützung der Betriebe gesichert werden. Gleichzeitig will die IHK ehemalige Ausbildungsbetriebe reaktivieren und neue Unternehmen für die Ausbildung gewinnen. Um mehr Jugendliche zu erreichen, setzt sie unter anderem auf das Ausbildungsmobil, Berufsparcours, Schulbesuche, die Kampagne #könnenlernen, Speed-Datings und weitere Vermittlungsformate.

Appell: Gerade jetzt nicht nachlassen

Herre appelliert an die Unternehmen: „Der demografische Wandel macht keine Konjunkturpause. Wer heute bei Ausbildung spart, verschärft morgen seinen eigenen Fachkräftemangel.“ Tätigkeiten veränderten sich, der Bedarf an qualifizierten Fachkräften bleibe.
Hintergrund:
Die Ausbildungszahlen wurden zum Stichtag 26. August 2026 erhoben. Minimale Veränderungen zum 1. September 2026 sind daher möglich.