Konjunktur Stadt Stuttgart

Stabile Lage, schwindende Zuversicht: Der Nahost-Konflikt belastet die Perspektiven

Die Wirtschaft der Landeshauptstadt wirkt auf den ersten Blick stabil, aber tatsächlich kippt die Stimmung. Getrieben wird diese Entwicklung vor allem durch den Krieg im Nahen Osten. Dessen wirtschaftliche Folgen, insbesondere steigende Energiepreise, zunehmende Unsicherheit und eine schwächelnde Nachfrage, wirken zeitverzögert, aber zunehmend entlang der gesamten Wertschöpfungskette.
Während die gegenwärtige Lage noch als vergleichsweise robust bewertet wird, hat sich der Blick nach vorn deutlich eingetrübt. Viele Stuttgarter Unternehmen reagieren bereits mit vorsichtigeren Prognosen und stellen sich auf eine schwächere Konjunktur im weiteren Jahresverlauf ein.

Gesamtwirtschaftliche Lage: Die Wirtschaft tritt auf der Stelle

Der Lageindikator der Stadt Stuttgart verharrt mit +3 Saldopunkten nahezu auf dem Niveau zu Jahresbeginn. Gleichzeitig verändert sich die Verteilung der Einschätzungen: Sowohl positive als auch negative Bewertungen nehmen zu, während die neutralen Nennungen weniger werden. Knapp 29 Prozent der Unternehmen bewerten ihre Lage als „gut“, rund 27 Prozent hingegen als „schlecht“.
Eine deutliche Veränderung gibt es dagegen bei den Geschäftsaussichten: Nur noch rund 20 Prozent der Unternehmen rechnen mit einer Verbesserung der Geschäftslage, während knapp 29 Prozent von einer Verschlechterung ausgehen. Der Erwartungsindikator fällt auf -10 Saldopunkte und rutscht damit klar ins Minus.

Ein Blick in die Region zeigt ein ähnliches, teils noch eingetrübteres Bild. Erklären lässt sich das durch die unterschiedliche Wirtschaftsstruktur von Stadt und Region: Die Landeshauptstadt profitiert von ihrem ausgeprägten Dienstleistungssektor, während die industriell geprägte Region sensibler auf konjunkturelle Schwächen und strukturelle Herausforderungen reagiert. Besonders deutlich wird dies nicht nur bei der Bewertung der aktuellen Lage (Differenz von 7 Saldopunkten), sondern auch bei den Erwartungen in den Bereichen Investitionen (Differenz von 8 Saldopunkten) und Beschäftigung (Differenz von 7 Saldopunkten).
Indikator
Stadt Stuttgart
Region Stuttgart
Geschäftslage
+3
-4
Geschäftserwartung
-10
-11
Auftragseingang
-9
-11
Exporterwartung
+4
-1
Investitionserwartung
-1
-9
Beschäftigungserwartung
-12
-19
IHK-Indikatoren; Saldo der Nennungen "gute Geschäftslage" und "schlechte Geschäftslage"

Branchenanalyse: Angespannte Industrie, nachlassende Dienstleistungen, kriselnder Handel

Über alle Branchen hinweg zeigt sich ein einheitliches Muster: Die Lage wirkt stabil, doch die Erwartungen verschlechtern sich. Besonders deutlich wird dies im Dienstleistungssektor, der bislang eine tragende Säule der wirtschaftlichen Stabilität war. Auch in der Industrie bleibt die Lage angespannt, während der Handel bereits deutlich im negativen Bereich liegt.

Industrie: Auftragseingänge steigen Beschäftigung sinkt

In der Industrie verbessert sich die Lage leicht, bleibt jedoch klar angespannt. Der Lageindikator liegt bei -19 Saldopunkten und damit zwar über dem Jahresbeginn, aber weiterhin deutlich im negativen Bereich. Treiber ist vor allem eine spürbare Erholung beim Auftragseingang, der deutlich zulegt und mit -4 Saldopunkten nahezu ein ausgeglichenes Niveau erreicht.
Die Perspektiven verschlechtern sich weiterhin: Die Geschäftserwartungen fallen von +4 auf -6 Saldopunkte und die Beschäftigungserwartungen von -46 auf -51 Saldopunkte weiter in den negativen Bereich.
Auffällig ist die wachsende Diskrepanz zwischen stabilisierten Auftragseingängen und restriktiver Personalpolitik. Es wird deutlich: Die Industrie reagiert weiterhin auf strukturelle Nachfrageschwäche und hohen Anpassungsdruck und setzt den Personalabbau fort, weitgehend unabhängig von temporären Auftragsschwankungen.

Dienstleistungssektor: Stabilität verliert an Tragkraft

Der Dienstleistungssektor ist der Landeshauptstadt traditionell eine zentrale Stütze der Wirtschaft und federt mit Finanzdienstleistungen, Beratung, IT sowie rechtlichen und kaufmännischen Services die Schwächen von Industrie und Handel ab.
Es zeigen sich jedoch erste Schwächesignale: Die Geschäftslage bleibt mit +13 Saldopunkten weitgehend stabil, doch die Perspektiven trüben sich deutlich ein. Der Erwartungsindikator fällt von +3 auf -12 Saldopunkte und kippt damit klar ins Negative. Parallel dazu verschlechtert sich auch die Auftragssituation spürbar mit einer Verschlechterung von -4 auf -14 Saldopunkte.
Eine Erklärung liegt in der Kosten- und Inflationsseite: Steigende Energiepreise erhöhen auch für Dienstleister die Aufwendungen, etwa für Mobilität und Betriebskosten.

Handel: Lage auf Tiefpunkt – Ausblick düster

Am deutlichsten zeigt sich die Schwäche im Handel. Die Geschäftslage ist seit Jahresbeginn massiv eingebrochen und erreicht einen Tiefpunkt. Nur noch jedes zehnte Unternehmen bewertet die Lage als gut, während jedes vierte sie als schlecht einstuft. Besonders deutlich wird das Tief mit Blick auf den 10-Jahres-Durchschnitt der Geschäftserwartungen von +4 Saldopunkte.
Im Großhandel belasten vor allem externe Faktoren wie schwankende Lieferbedingungen und eine gedämpfte globale Nachfrage. Der Einzelhandel hingegen leidet unter der Kaufzurückhaltung der privaten Haushalte, denn angesichts steigender Lebenshaltungskosten und wirtschaftlicher Unsicherheit verschieben viele Verbraucher größere Anschaffungen oder verzichten ganz darauf.

Risiken: Energie- und Rohstoffpreise verschieben das Tableau

Die Risikolandschaft hat sich im Zuge des Iran‑Konflikts spürbar verschoben und vor allem die Kostenrisiken haben stark an Bedeutung gewonnen: Die Energiepreise stiegen um 22 Prozent, die Rohstoffkosten um 9 Prozent. Betroffen sind auch die geopolitischen Spannungen mit einem Anstieg um 11 Prozent, und die Lieferkettenproblematik kehrt mit einem Anstieg um ebenfalls 11 Prozent erstmals seit der Corona-Pandemie sichtbar zurück.
Gleichzeitig bleiben strukturelle Belastungen bestehen: Schwache Inlandsnachfrage, hohe Arbeitskosten, wirtschaftspolitische Unsicherheiten und der Fachkräftemangel zählen weiterhin zu den zentralen Risikofaktoren der Unternehmen.

Investitionen: Kein Zeichen von Expansion

Die Unternehmen planen für die kommenden zwölf Monate wieder etwa gleich viel zu investieren wie bisher, nachdem die Erwartungen zu Jahresbeginn bei -10 Saldopunkten lagen und jetzt bei nahezu ausgeglichen -1 Saldopunkten liegen. Von einer Investitionsdynamik kann jedoch weiterhin keine Rede sein: Knapp die Hälfte der Unternehmen (46 Prozent) plant, ihre Inlandsinvestitionen konstant zu halten. Rund ein Fünftel (21 Prozent) rechnet mit sinkenden Investitionen, während 19 Prozent steigende Investitionen planen und 16 Prozent keine Investitionen vorsehen.
Inhaltlich stehen vor allem Digitalisierungs- und Ersatzinvestitionen im Fokus. Diese sind weniger Ausdruck von Wachstumsoptimismus als vielmehr von Anpassungs- und Modernisierungsdruck. Kapazitätserweiterungen nehmen zwar gegenüber dem Jahresbeginn leicht zu, bleiben jedoch weiterhin deutlich unter dem langjährigen Durchschnitt.

Fazit: Entscheidende Monate stehen bevor

Die Stuttgarter Wirtschaft befindet sich derzeit an einem empfindlichen Wendepunkt. Zwar präsentiert sich die aktuelle Lage noch vergleichsweise stabil, doch die Zuversicht schwindet quer durch alle Branchen. Steigende Energiepreise, anhaltende geopolitische Unsicherheiten und eine verhaltene Nachfrage setzen die Unternehmen zunehmend unter Druck und dämpfen die Erwartungen.
Wie sich die wirtschaftliche Entwicklung in der zweiten Jahreshälfte gestaltet, ist dabei offen. Entscheidend wird sein, ob die externen Belastungsfaktoren nachlassen – allen voran die Energiepreise und geopolitischen Spannungen. Gelingt hier eine Entlastung, könnte sich die konjunkturelle Lage stabilisieren – bleiben die Risiken bestehen, droht hingegen eine weitere Eintrübung.
Über die Umfrage:
Diese Auswertung beruht auf der IHK-Konjunkturumfrage, an welcher zwischen dem 13. April und 4. Mai 2026 insgesamt 966 Unternehmen aus der Region teilgenommen haben – darunter 165 Unternehmen aus der Stadt Stuttgart.

Die IHK-Konjunkturumfrage ist mehr als nur ein Stimmungsbarometer – sie ist ein direkter Draht zur Wirtschaftspolitik. Ihr Unternehmen möchte auch an der IHK-Konjunkturumfrage teilnehmen? Sie können sich gerne mit einer formlosen E-Mail an konjunktur@stuttgart.ihk.de anmelden.