Magazin Wirtschaft

Sind Sie nachhaltig genug?

Nachhaltigkeit
Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen in der EU um 55 Prozent unter dem Niveau von 1990 liegen. So sehen es die Klimaziele vor, die 2015 in Paris beschlossen wurden. Das Europäische Parlament hat seither für alle Bereiche wie Bauen/Wohnen, Mobilität oder Produktion gesetzliche Rahmenbedingungen geschaffen, die in den einzelnen Ländern in nationales Recht umgesetzt werden – die so genannte EU-Taxonomie im Rahmen des „Green Deals“.
Auch auf globaler Ebene werden immer mehr Investitionen an ein so genanntes ESG-Rating geknüpft (vgl. Glossar auf Seite 14), das die Auswirkungen auf Umwelt und Gesellschaft berücksichtigt. Internationale Großinvestoren wie Blackrock, aber auch die Deutsche Bank, die Citigroup oder die UBS haben sich klare ESG-Kriterien gesetzt.
Welche Dynamik dieser Mechanismus  erzeugen kann, machten das Beratungsunternehmen Deloitte und das Öko-Institut Freiburg in einer im September vergangenen Jahres veröffentlichten Prognose deutlich. Demnach sollen 2030 bundesweit noch 650 Terawattstunden Erdgas benötigt werden - ein Drittel weniger als 2021. 2040 sollen es zwei Drittel und 2050 sogar 95 Prozent weniger sein. Bis 2030, so die Studie, werde vor allem der Gebäudesektor immer weniger Gas verbrennen. Ab dann folgt „beschleunigt“ die Industrie, die auf erneuerbare Energien umsteigt. Die Folge: Investitionen in diesem Sektor werden immer riskanter.

Preisverfall bei erneuerbaren Energien

Dagegen ist es in den vergangenen zehn Jahren um 87 Prozent günstiger geworden, Solarstrom zu erzeugen. Das hat das Berliner Klimaforschungsinstitut MCC errechnet. Strom zu speichern wurde um 85 Prozent billiger. Auch Windkraft, Wärmepumpen und andere nicht-fossile Technologien haben durch die steigende Nachfrage einen starken Preisverfall erlebt.
Für das Jahr 2050 rechnen Fachleute weltweit mit 63.000 Terawattstunden Solarenergie - das wäre doppelt so viel wie heute durch Kohle erzeugt wird, so das MCC in einer im Herbst 2023 vorgestellten Studie. Insgesamt 80 Prozent der privaten Investitionen in neue Energieerzeugung seien inzwischen fossilfrei. Begünstigt werde der Trend durch den Umbau der Energieinfrastruktur hin zu dezentralen Strukturen.
Angetrieben wird diese Entwicklung nicht allein vom Gesetzgeber, sondern auch von den Kunden und den finanzierenden Banken. „In den kommenden Jahren werden ESG-Kriterien zunehmend bei der Kreditvergabe eine Rolle spielen“, sagt Joachim Reisch von der Hypovereinsbank in Stuttgart. „Sie ergänzen die bisherigen Standards wie etwa Kapitalausstattung, Ertragskraft oder Branchenrisiko, ersetzen sie aber natürlich nicht.“ Unternehmen, die gute ESG-Praktiken nachweisen können, werden deshalb langfristig von günstigeren Konditionen profitieren.
Deshalb drehen die heimischen Unternehmen längst an vielen Stellschrauben, um CO2-neutral zu werden – natürlich auch in der Region Stuttgart. Die Dürr AG in Bietigheim-Bissingen gehört zum Beispiel schon seit längerem zu den Pionieren, wenn es um den ökologischen Umbau der Industriegesellschaft geht. Seit Ende 2023 setzt der Lackieranlagenhersteller mit seinen 18.500 Mitarbeitern an 123 Standorten in weltweit 32 Ländern nur noch auf regenerativ erzeugten Strom. Gleichzeitig, so der Anspruch, soll der Verbrauch durch Effizienzsteigerungen jährlich um bis zu zwei Prozent sinken durch höhere Effizienz. Auch die Lackieranlagen selbst, die technisch bereits CO2-neutral produziert werden können, sollen ihrerseits so sparsam wie möglich sein.
In die Strategie nachhaltiger Produkte passt, dass das Schwesterunternehmen Homag mit 1800 Mitarbeitern allein am Firmensitz Schopfloch ganze Fabriken liefern kann, in denen Holzbauelemente für Gebäude automatisiert hergestellt werden. Ein drittes Geschäftsfeld der Bietigheimer Holding ist das Beschichten von Elektroden für Lithium-Ionen-Batterien, die in Elektroautos zum Einsatz kommen. Aktuell 7172 Patente der Dürr AG stehen für die Innovationskraft des Unternehmens.
“Das alles erfordert einen extrem hohen kommunikativen Aufwand bei Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten und Gesellschaftern”
„Ein Kraftakt ist aktuell die Sichtung unserer 30.000 Lieferanten weltweit auf deren CO2-Effizienz hin,“ sagt Hanjo Hermann, der als Stabsstelle die grüne Transformation bei dem Maschinenbauer vorantreibt. 600 Einkäufer befragen die Lieferanten derzeit per Selbstauskunft und fordern bei Bedarf oder Zweifeln Belege für deren Aussagen an. Der Öko-Beauftragte: „Die vielen Gespräche führen global zur Sensibilisierung für das Thema und unser Arbeitsstil ist dabei vertraulich und wertschätzend.“ Parallel dazu wird im Rahmen des Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes (LKSG) eine Risikobewertung in Bezug auf Menschenrechte, Diskriminierung und Kinderarbeit durchgeführt.
Der bürokratische Aufwand ist erheblich, und das ist eine der Schattenseiten der EU-Taxonomie. Doch anstatt sich darüber zu beklagen, hat sich Hermann entschieden, die positiven Auswirkungen des Regelwerks in den Blick zu nehmen. Er sieht darin einen Beitrag, die Lebensbedingungen für den Fortbestand der Menschheit auf der Erde zu sichern. Der Fachmann: „Das erfordert einen extrem hohen kommunikativen Aufwand bei Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten und Gesellschaftern.“ Von den 4,3 Milliarden Euro Umsatz im Jahr 2022 seien 16,8 Prozent Taxonomie-konform gewesen. Unter anderem, weil die Dürr AG mittlerweile 2669 Megawattstunden Strom aus Photovoltaik erzeugt, den sie zu 70 Prozent selbst verbraucht. Das entspricht elf Prozent des gesamten Strombedarfs, und dieses Engagement wird mit hohen Investitionen fortgesetzt.
Womit wir beim Kern des Dürr-Engagements wären: 1,9 Milliarden Euro, die sich das Unternehmen derzeit über Schuldscheindarlehen, Konsortialkredite oder Wandelanleihen am Kapitalmarkt geliehen hat, sind an Nachhaltigkeitsaspekte aus den Bereichen Umwelt, Soziales oder Unternehmensführung, kurz ESG geknüpft. Hermann: Wir machen für unsere Investoren nachprüfbar, wofür wir das Geld einsetzen und wie erfolgreich wir dabei sind. Der Clou: Die Verzinsung des Schuldscheins ist an den ESG-Erfolg gekoppelt. Erreicht die Dürr AG definierte Ziele nicht, erhält der Investor als Ausgleich einen höheren Zins.

Wenn der 50-seitige Fragebogen ratlos oder wütend macht

Noch nicht ganz so professionell agieren die Unternehmen im Mittelstand, obwohl es auch hier immer mehr Beispiele für Firmen gibt, die ihre CO2-Bilanz deutlich verbessern. Bei der BW-Bank in Stuttgart ist Nina Urff für die Nachhaltigkeitsberatung von Unternehmen bis 15 Millionen Euro Jahresumsatz zuständig. Vor fünf Jahren hat die LBBW-Tochter diesen Bereich aufgebaut und seitdem landesweit 100 Beraterinnen und Berater zu diesem Thema geschult. Urff: „Mit den IHKS und HWKs informieren wir die inhabergeführten Betriebe vor allem darüber, was nun seitens ihrer großen Auftraggeber zunehmend auf sie zukommt, um Lieferant und Auftragnehmer bleiben zu dürfen.“ Das geschehe teils proaktiv und branchenspezifisch, oft aber auch, „wenn der 50-seitige Fragebogen des Konzerneinkäufers schon auf dem Tisch liegt und den Messebauer oder Vorlieferanten wahlweise ratlos oder wütend macht“, gibt die BW-Bankerin Einblicke.
Neben der konkreten Hilfestellung gehe es dann vor allem darum, Chancen und Risiken der neuen Öko-Anforderungen zu erkennen: Ist man in der Lage, sein Produkt nachhaltiger zu machen, zum Beispiel die Recyclingfähigkeit zu steigern, können größere Umsätze mit großen Kunden erzielt werden, die versuchen, ihren „Scope 2“ oder „Scope 3“ zu verbessern – das heißt indirekte Emissionen durch eingekaufte Energie oder bei Lieferanten. Auf der anderen Seite ist dies natürlich mit Investitionen verbunden, die je nach Umfang erheblich ausfallen können.
“Wo der Einkauf weit über die Ziele hinausschießt, versuchen wir zu beruhigen”
Nicht wenige Lieferanten erschrecken zunächst über den Umfang der Fragen und Anforderungen, mit denen ihre Kunden sie konfrontieren. „Wo der Einkauf weit über die Ziele der EU-Taxonomie hinausschießt, versuchen wir zu beruhigen“, sagt Nina Urff. Denn das Regelwerk ist an vielen Stellen noch nicht greif- und messbar, die Handhabung von Kontrollen und Sanktionen noch unklar. Dies verleite manchen Einkäufer dazu, auf Nummer Sicher zu gehen und mehr zu fordern als tatsächlich notwendig.
Die Bankerin: „Das sind alles noch bewegliche Ziele, die ausgestaltet und präzisiert werden müssen.“ Hinzu komme, dass nach Pandemie, Ukraine-Krieg und durch Fachkräftemangel und Rezession viele Firmen existenziellere Themen hätten. Und doch ist die Volkswirtin beeindruckt, wie viel Innovation und Kooperation im Mittelstand bereits stattfinden: Strom wird regenerativ erzeugt, Abwärme genutzt; dann produziert, wenn die Sonne scheint; Lösungen im Verbund organisiert und vieles mehr. Im Mittelstand liefen all diese Aktivitäten weniger unter dem Label „EU-Taxonomie“, sondern unter „nachhaltige Transformation“.

Unternehmen aaller Branchen ändern ihre Geschäftsmodelle

Dies gehe einher mit der Umstellung der Automobilindustrie von Verbrennungsmotoren auf Elektro- und Batterieantriebe. Aber auch Anbieter von Skiausrüstungen oder Ausflugsfahrten änderten ihre Geschäftsmodelle und Obst-, Gemüse- und Weinbauern passten ihr Sortiment dem Klimawandel an. Urff: „Die Inhaber stellen sich den Themen, die am meisten im Vordergrund stehen.“ Das könnten mit Blick auf den Fachkräftemangel auch Digitalisierung und künstliche Intelligenz sein. Im Verbund mit KfW und L-Bank sei die BW-Bank in vielen Beratungsfragen hilfreich. Im Kern gehe es fast immer um den Übergang zur Kreislaufwirtschaft.
Das bestätigt auch Axel Kamilli, der sich bei der Sparda-Bank Baden-Württemberg mit 20 Mitarbeitern mit den Auswirkungen der EU-Taxonomie beschäftigt, die das Institut betreffen - als Gebäudebestandshalter mit 730 Mitarbeitern, aber auch als Marktführer in der privaten Baufinanzierung. Auch hier wurden zuletzt vor allem die Berater geschult, um einerseits die Nachhaltigkeit von Immobilien beurteilen zu können, andererseits aber auch, um potenzielle Bauherren in diese Richtung zu beraten. Der Hintergrund: Künftig werden die Kreditportfolios der Banken von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (Bafin) bewertet. So genannte Schrottimmobilien wirken sich dann negativ auf die Bonität einer Bank aus. Das ist das gleiche Prinzip, das bereits bei der Dürr-Finanzierung thematisiert wurde.
Um Anreize zu setzen, vergibt die Sparda-Bank zinsgünstige Kredite, wenn besonders nachhaltige Neubauten gekauft oder entsprechend saniert werden. Im Jahr 2023 betraf dies bei dem Institut jeden vierten Kredit, wobei knapp 90 Prozent auf Neubauten entfielen, weil hier der Nachweis einfacher ist. Kamilli geht davon aus, dass dieser Anteil im laufenden Jahr steigen wird. Der Banker: „Unsere Berater haben 2023 viele tolle Gespräche geführt und migrierten die Thematik ins Bewusstsein von Investoren, Architekten und Bauträgern.“
Genau diese Erfahrung macht auch Dr. Jochen Stahl. Der Bauingenieur ist Geschäftsführer der Fast + Epp GmbH mit Büros in Darmstadt und Stuttgart. Die DNA der Tragwerksplaner ist der Holzbau, denn ihre Wurzeln reichen bis ins Kanada der 1980er Jahre zurück. 2010 gründete der 50-Jährige die deutsche Niederlassung, die heute 40 Mitarbeiter beschäftigt. Stahl: „Das durchschnittliche Bauvolumen unserer Objekte hat sich seither von sechs auf 30 Millionen Euro erhöht und übersteigt in Einzelfällen auch 100 Millionen.“
Das Gros entfällt auf Schulen, Kindertagesstätten, Mehrzweckhallen, Hochschulen und Verwaltungsgebäude, vereinzelt auch auf Wohnungsbau und Holzbrücken. „Die grün-schwarze Landesregierung in Stuttgart, die stark auf nachhaltige Baustoffe wie Holz setzt, hat uns im Südwesten zusätzlich beflügelt“, sagt Büroinhaber Stahl, der seit längerem eine Gastprofessur an der Universität Stuttgart ­innehat. Zudem seien die Rahmenbedingungen in Baden-Württemberg günstig, von der Landesbauordnung über Fördermittel bis hin zu wohlwollenden Prüfungen und Genehmigungsverfahren.
Stahl sieht die Nachfrage im Kontext der EU-Taxonomie, schließlich müsse auch die öffentliche Hand die Pariser Klimaziele erreichen. Als nachwachsender Rohstoff, der CO2 dauerhaft bindet, biete Holz hier viele Vorteile, ebenso wie Stroh, Lehm oder andere organische Baustoffe, die auf dem Vormarsch seien. Hinzu kommt die serielle Vorfertigung, die Bauzeiten verkürzt und Kosten spart. Wenn man dann noch so flexibel plane, dass die Gebäude - mit kleinen Anpassungen - 100 oder 200 Jahre nutzbar seien und die Bauteile danach leicht demontiert, recycelt und wiederverwendet werden könnten, sei die Kreislaufwirtschaft verwirklicht.

Eine Billion Euro Investitionen für das Klima

Der Markt für „grüne Geldanlagen“, das zeigen all diese Beispiele, wächst aus ethischen, steuerlichen und rechtlichen Gründen seit Jahren deutlich. Denn parallel dazu müssen Banken unter dem Stichwort Sustainable Finance Framework ihre Portfolios nachhaltiger gestalten. Hier schließt sich der Kreis. Denn um die Pariser Klima-Zwischenziele bis 2030 innerhalb der EU zu erreichen, rechnen Experten mit einem Kapitalbedarf von bundesweit einer Billion Euro. Die Folge: Statt wie bisher kurzfristige (Kapital-)Renditen als Maßstab zu nehmen, sichern sich Investoren nun nachhaltig ab. Das wiederum verbessert die Chancen für enkeltaugliche Produkte und Gebäude, wie das Beispiel Fast + Epp und viele andere Objekte zeigen, etwa die Alnatura-Verwaltungszentrale in Darmstadt, die der Stuttgarter Architekt Martin Haas 2017 weitgehend aus Lehm gebaut hat.
Auch der Mobilitätssektor in der Region Stuttgart hat einen enormen Kapitalbedarf. Das reicht von Investitionen in die Ladeinfrastruktur für Strom und Wasserstoff über die Umrüstung von Fahrzeugen, Bau-, Land- und Forstmaschinen bis hin zur Anschaffung der deutlich teureren Busse und Lkw. Auch der Geschäftsführer der Omnibus-Verkehr Ruoff GmbH (OVR) in Waiblingen, Horst Windeisen, spürt die Vorboten des Wandels längst.
Der ÖPNV-Spezialist betreibt 200 Linienbusse mit 260 Mitarbeitern in vier Landkreisen der Region Stuttgart und in drei darüber hinaus. Bislang werden diese Linien alle acht bis zehn Jahre neu ausgeschrieben, und den Zuschlag erhält derjenige, der am wenigsten Zuschüsse vom jeweiligen Stadt- oder Landkreis verlangt. Windeisen: „Jetzt werden die ersten Verkehrsbündel mit Elektro- oder Wasserstoffanteilen ausgeschrieben.“ Das Problem: Erst wenn die Ausschreibung gewonnen ist, kaufen die Gewinner die entsprechenden Fahrzeuge. Bei Lieferzeiten von derzeit 18 Monaten erfordert das frühzeitige Ausschreibungen. Zudem habe der Gesetzgeber noch nicht geregelt, wie mit den deutlich günstigeren Nachrüstungen umzugehen sei. Denn in der Regel seien Neufahrzeuge vorgeschrieben, was bei einem Linienbus nicht zutreffe, der nach sechs Jahren von Diesel- auf Elektroantrieb umgerüstet wird.

Beim ÖPNV fehlt die einheitliche Linie

Eine solche Umrüstung kostet je nach Aufwand zwischen 200.000 und 350.000 Euro. Zum Vergleich: Ein neuer Elektro-Gelenkbus kostet 880.000 Euro - und wird zur Hälfte vom Land gefördert. In Waiblingen ist die OVR bereits mit drei City-E-Bussen unterwegs und erhält dieses Jahr ihren zweiten E-Gelenkbus, dem sie vermutlich den Zuschlag für ein Linienbündel im Kreis Esslingen verdankt. Der Grund: Zu 60 Prozent wurde dort über den Preis entschieden, zu 40 Prozent über Merkmale wie Komfort oder CO2-Reduktion. Windeisen: „Die Laufzeiten müssen auf mindestens zwölf Jahre verlängert werden, damit wir mehr Zeit zum Abschreiben unserer Investitionen haben. Zudem beteilige sich die öffentliche Hand kaum an den Kosten der Lade­infrastruktur, die aufgrund vieler Variablen sehr unterschiedlich ausfallen könnten. Deshalb spricht er derzeit mit den Stadtwerken seiner Betriebsstandorte. Hinzu komme, dass die einzelnen Landkreise „komplett unterschiedliche Strategien fahren“. Seine Prognose: Im ÖPNV wird es immer größere Einheiten geben, sowohl bei den Anbietern als auch bei den Verbünden. Die Finanzierung durch die Banken sei aber bei klarer Strategie kein Problem und werde mit günstigen Zinsen honoriert, zumal auch die Institute ihre Kreditportfolios „grün“ machen müssten. Die Transformation geschehe auf Sicht, denn „der Weg entsteht erst beim Gehen“. Das derzeit größte Problem bleibe ohnehin vorerst der Fahrermangel.
Dass der Umbau der Industriegesellschaft viele Arbeitsplätze schafft, ist vielfach belegt. Allein in der Solarbranche inklusive Speicher und Montage rechnen Experten bis 2030 mit einer Verdreifachung der Beschäftigtenzahl. Auch bei der Firma Riempp in Oberboihingen, die um 2008 mit einem softwarebasierten Energiemanagementsystem in diesen Markt eingestiegen ist, kommen in diesem Bereich ständig neue Mitarbeiter hinzu. Aus diesem System, das Verbraucher und Erzeuger aus Gebäude, Produktion und E-Mobilität miteinander verbindet und regelt, ist jetzt „Enlynx“ geworden. Dies senkt nicht mehr nur durch optimiertes Verbrauchsverhalten den Energieverbrauch um bis zu 10 Prozent, sondern spart nun auch durch einen physikalischen Effekt bis zu acht Prozent Stromkosten zusätzlich. Somit kann die Einsparung des CO2-Ausstoßes mit dem neuen Produkt nahezu verdoppelt werden.
Friedrich Riempp erklärt den Unterschied: „Unser Enlynx kann regenerative Energien priorisieren.“ Statt wie bisher Anlagen abzuschalten, weil das Netz überlastet ist, kann die Lösung aus Oberboihingen damit Speicher füllen oder energieintensive Produktionen hochfahren, die nicht zeitgebunden sind und darüber hinaus durch eine Netzoptimierung Stromkosten senken. Erster Anwender ist das Verpackungsunternehmen Fuji Seal in Aichtal. Hier liegt die Amortisationszeit bei 2,6 Jahren. Neben der CO2-Reduktion fließen alle Einsparungen nach diesem Zeitraum direkt in den Ertrag, so Riempp: „Unser bester Vertrieb sind derzeit die Einkäufer der Konzerne, die den Öko-Nachweis ihrer Lieferanten abfragen.“
Leonhard Fromm, Journalist in Schorndorf