Infrastruktur

2040 soll Schluss sein mit den Diesel-Zügen im und ins Allgäu

Bis 2040 soll der Zugbetrieb mit Diesel südlich der Achse Ulm–Augsburg schrittweise enden – ohne dass aber überall elektrische Oberleitungen aufgehängt werden. Insgesamt 103 Kilometer Bahnstrecken werden neu elektrifiziert, zusätzlich zu den bereits beauftragten Planungen für die 85 Kilometer von Neu-Ulm bis Kempten und die weitgehend auf württembergischem Terrain verlaufende Strecke Ulm–Aalen. Der Freistaat setzt auf vielen Linien im Regionalverkehr auf nur abschnittsweisen Fahrdraht und den Einsatz von Akku-Hybrid-Triebwagenzügen wie sie in Schleswig-Holstein bereits fahren. Hierzu hat der Freistaat der Bahn am 15. Januar 2026 in einem Planungsvertrag den Auftrag erteilt. Aus Töpfen von Bund und Land werden rund eine Milliarde Euro in Schwaben für Planung und Infrastruktur investiert.
Hierfür hat sich das bayerische Bau- und Verkehrsministerium (StMB) die Empfehlungen eines Gutachtens „zur Beendigung des Dieselbetriebs” zu eigen gemacht, das knapp ein Jahr zuvor, am 25. Februar 2025 auf einer gemeinsamen „Bahnkonferenz Schwaben” des Landkreistags, des Städtetags und der IHK Schwaben vorgestellt worden war. Die Gutachter hatten im Auftrag des Ministeriums eine Reihe von wirtschaftlich und betrieblich geeigneten Projekten identifiziert, die in Summe die „Dekarbonisierung” des Bahnverkehrs in Schwaben ermöglichen sollen.

Freistaat erklärt Verzicht auf Wasserstoff-Züge

Klar ist auch: Der Abschied vom Diesel ist zugleich auch einer von der Wasserstoff-Technologie noch vor deren regulärem Einsatz: Der aktuell laufende dreijährige Versuchsbetrieb (mit einem Siemens „Mireo plus H”-Triebwagenzug zwischen Augsburg und Füssen sowie nach Schongau) werde zwar noch zu Ende geführt, vor allen aus wirtschaftlichen Gründen dann aber nicht im Regelbetrieb fortgesetzt, erklärte Minister Christian Bernreiter bei der Vertragsunterzeichnung.

Überblick: Strecken und Linien

Bereits seit Dezember 2020 fahren – auch dank Geldern des Freistaats und eines Vorfinanzierungsangebots der Schweiz – die Züge elektrisch von München über Memmingen nach Lindau und weiter nach Zürich. Damit verbunden waren die Hoffnungen und Forderungen der Region und der Wirtschaft, dass dies kein Einzelprojekt bleiben solle, sondern einen Einstieg für den elektrischen Betrieb auf weiteren Strecken darstellt.
Dies hat sich mit dem Gutachten vom Februar 2025 und dem Planungsauftrag des Freistaats vom Januar 2026 an die Bahn-Tochter DB InfraGO (ehem. DB Netz AG) nun konkretisiert. Vorgesehen ist im Einzelnen:
  • Ulm–Memmingen–Kempten–Oberstdorf: Umstellung der Linie Ulm–Oberstdorf (RE 75) sowie der Linie Ulm–Memmingen (RS 7) auf durchgehenden elektrischen Betrieb. Die bereits geplante Elektrifizierung von Ulm bis Kempten (85 km) sowie des Abzweigs nach Weißenhorn soll um weitere 41 km bis Oberstdorf verlängert werden, so dass Züge auf der gesamten „Illertalbahn” elektrisch fahren können (also ohne Akku). Davon soll auch der Fernverkehr profitieren: Der bislang mit zwei Dieselloks verkehrende Intercity „Allgäu” wird im Sommer 2026 auf den neuen Zugtyp ICE-L umgestellt, der zunächst von einer Zweisystem-Lok (Elektro/Diesel) gezogen wird. Mit einer Oberleitung könnte dann auch ein „klassischer” ICE nach Oberstdorf fahren.

    Zwischen Kempten und Oberstdorf werden zusätzlich jene Ausbaumaßnahmen mitgeplant, die ein Gutachten der Bayerischen Eisenbahngesellschaft (BEG), des Landkreises Oberallgäu und der Stadt Kempten ermittelt hat. Die wichtigsten Maßnahmen entlang dieser Strecke sind
    • eine Anhebung der Streckengeschwindigkeit,
    • der Bau des neuen Haltepunkts Sonthofen-Rieden,
    • ein zweigleisiger Ausbau zwischen Sonthofen und Sonthofen-Rieden,
    • der Umbau des Bahnhofs Langenwang,
    • die signaltechnische Teilung eines Bahnsteigs in Immenstadt.

      Weiter ist aus dem Projekt „Regio-S-Bahn Donau-Iller" zwischen Ulm und Memmingen unter anderem geplant:
    • zweites Gleis von Neu-Ulm bis Senden sowie von Kellmünz (Kreis Neu-Ulm) bis Pleß (Kreis Unterallgäu)
    • Verlegung des Bahnhofs Gerlenhofen in die Ortsmitte, Ersatz des Bahnübergangs durch eine Brücke und Wegfall des problembehafteten alten mechanischen Stellwerks
    • neuer Haltepunkt Senden-Nord
    • zusätzliche Halte für Regionalzüge in Pless, Fellheim, Heimertingen und Memmingen-Amendingen sowie in Verlängerung der Linie in Memmingen-Berufsbildungszentrum und Buxheim („Memminger Halte").

      Bis die Oberleitung installiert ist, soll es Ladestationen für die Akku-Züge in Kempten und Oberstdorf geben. Bereits am 12. Februar 2024 hatten der Freistaat Bayern und die Bahn einen Vertrag für die Entwurfs- und Genehmigungsplanung für eine Elektrifizierung zwischen Ulm und Kempten sowie des Abzweigs Senden–Weißenhorn (Linie RS 71; Infrastruktur: Stadtwerke Ulm) unterzeichnet, außerdem für den zweigleisigen Ausbau von Neu-Ulm bis Senden sowie zwischen Kellmünz (Landkreis Neu-Ulm) und Pleß (Landkreis Unterallgäu). Der Freistaat Bayern stellt dafür knapp 41 Millionen Euro zur Verfügung. Die Elektrifizierung Ulm–Kempten wird in dem Gutachten als Grundlage unterstellt. Ulm–Oberstdorf ist damit aktuell das größte Elektrifizierungsprojekt der Bahn in Bayerisch-Schwaben.
  • Augsburg–Buchloe–Kempten (–Oberstdorf) sowie –Füssen/–Lindau: Elektrische Abschnitte sind vorgesehen zwischen Augsburg und Bobingen sowie zwischen Buchloe und Biessenhofen. Hinzu kommt eine Ladestation in Füssen und ein elektrisches Unterwerk in Immenstadt für die Stromversorgung. Damit ist auf diesen Strecken ein Betrieb mit Akku-Zügen möglich. Eine durchgehende Elektrifizierung von Augsburg bis Buchloe oder gar bis Kempten wird es also vorerst nicht geben. Für die Linien Augsburg–Kempten (RE 79) bzw. –Oberstdorf (RE 17) und –Lindau (RE 7) sowie München–Kempten–Oberstdorf (RE 76) und München–Lindau (RE 70) soll deshalb „Mitte der 2030er Jahre” ein Neigetechnik-Neufahrzeug mit Akku anstelle der heutigen Neigetechnik-Dieselzüge eingesetzt werden.
  • Augsburg-Ingolstadt: Vorgesehen für die Elektrifizierung ist der Abschnitt Augsburg–Obergriesbach und der Betrieb mit Akku-Zügen.
  • Günzburg–Krumbach–Mindelheim: keine Elektrifizierung, Betrieb mittels Ladestation in Krumbach und Akku-Zügen. An den Endpunkten in Günzburg und Mindelheim ist bereits eine elektrische Oberleitung vorhanden.
  • Weilheim–Schongau: Elektrifizierung von Weilheim/Obb. bis Peißenberg, Akku-Züge.
  • Ulm–Heidenheim–Aalen: Das Paket unterstellt auch die Elektrifizierung der Brenzbahn”. Hierzu ist ein Planungsvertrag zwischen Bahn, Land Baden-Württemberg und Freistaat im November 2025 unterzeichnet worden.
  • Staudenbahn”: Die zur Reaktivierung anstehende Strecke (Augsburg–) Gessertshausen–Langenneufnach (Infrastruktur: Stadtwerke Ulm) soll komplett elektrifiziert werden; hierfür läuft bereits das Planfeststellungsverfahren.
Der für das Allgäu zunächst ebenfalls geprüfte Einsatz von „trimodalen” Zügen (Oberleitung, Akku, Wasserstoff-Brennstoffzelle) mit Neigetechnik wird verworfen – das Gutachten des Freistaats hatte die Risiken als zu groß eingestuft. Ein solcher Zugtyp ist bislang weltweit nirgendwo im Einsatz.
Über die oben genannten Strecken und Linien hinaus sollen zwölf bisherige Diesellinien in Schwaben und im westlichen Oberbayern auf Akku-Betrieb mit konventionellen Fahrzeugen (ohne Neigetechnik) umgestellt werden. Die Umstellung soll in zwei Stufen erfolgen.
Ab Mitte der 2030er Jahre sollen Akku-Züge auf den Linien mit geringem Anpassungsbedarf an der Infrastruktur fahren:
  • RB 14 Ingolstadt–Eichstätt Stadt
  • RB 67 Augsburg–Weilheim
  • RE 71 Augsburg–Memmingen
  • RE 73 Augsburg–Bad Wörishofen
  • RB 78 Günzburg–Mindelheim
    Ende 2040 sollen die übrigen Linien folgen:
  • RB 13 Augsburg–Ingolstadt
  • RB 67 Weilheim–Schongau
  • RB 68 München–Füssen
  • RB 69 Augsburg–Landsberg
  • RB 73 Kempten–Pfronten-Steinach
  • RB 77 Augsburg–Füssen
  • RB 94 Kempten–Hergatz (–Lindau)
Alles in allem hat der Planungsauftrag des Freistaats an die Bahn-Tochter DB InfraGO ein Volumen von 64 Millionen Euro; die Kosten der Infrastruktur selbst bezifferte Bernreiter mit rund 460 Millionen Euro. Hinzu kommen nach früheren Zahlen 300 bis 400 Millionen Euro für die Illertalbahn Ulm–Kempten nebst Planungskosten, außerdem 450 Millionen Euro für Ulm–Aalen. Für den Streckenausbau hofft der Freistaat auf eine hohe Förderung aus Bundesmitteln des Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetzes (GVFG).

Ziel ist auch die Sicherung des Fernverkehrs im Allgäu

Vor allem mit Blick auf die Strecke Ulm–Oberstdorf hatte sich die IHK Schwaben auf politischer Ebene, etwa bei der Fortschreibung des Bundesverkehrswegeplans 2015/16 und auch mit Gutachten, seit mehr als zwanzig Jahren für den Ausbau und eine durchgehende Elektrifizierung eingesetzt. Hintergrund war, auf der im touristischen Verkehr wichtigen Strecke ins Allgäu einen sonst drohenden zusätzlichen Umstieg z.B. in Kempten zu vermeiden und perspektivisch einen Anschluss Oberstdorfs an das elektrische Fernverkehrsnetz zu erreichen.
„Die Elektrifizierung Ulm–Oberstdorf ist notwendig – aber sie ist nur ein Teil der Lösung."
Dr. Marc Lucassen, IHK-Hauptgeschäftsführer
IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Marc Lucassen machte auf der „Bahnkonferenz" im Februar 2025 deutlich, das Urlaubsziel Allgäu stehe hier in Konkurrenz zu Orten in Oberbayern und Österreich, die umsteigefrei elektrisch mit ICE oder Intercity zum Beispiel aus Frankfurt, dem Ruhrgebiet oder aus Hamburg erreichbar sind. Für die Strecke Ulm–Oberstdorf sei die Elektrifizierung „notwendig, aber zugleich nur ein Teil der Lösung”: Diese Strecke sei an der Leistungsgrenze und ein Kapazitätsausbau deshalb ebenfalls erforderlich. Das Erreichen der im Geschäftsreiseverkehr und im Tourismus wichtigen Anschlüsse an die ICEs in Ulm gleiche mitunter einem „Lotteriespiel”.
„Ich bin heute elektrisiert.”
Stefan Bosse, Oberbürgermeister von Kaufbeuren
Angesichts der Perspektiven, mittels Akku-Zügen bereits Anfang des kommenden Jahrzehnts einen elektrischen Betrieb zu erreichen, sagte Kaufbeurens Oberbürgermeister Stefan Bosse als Vertreter der Städte und Landkreise auf der „Bahnkonferenz": „Ich bin heute elektrisiert. Das ist epochal für den Bahnverkehr in Bayerisch-Schwaben.”

OBs, Landräte und IHK für vollständige Elektrifizierung Augsburg–Kempten

In ihrer gemeinsamen Erklärung zur „Bahnkonferenz Schwaben” hatten die Oberbürgermeister, Landräte und die IHK an den Freistaat und an den Bund appelliert, die Elektrifizierung der Strecken voranzutreiben. Für Augsburg–Buchloe–Kaufbeuren–Kempten–Hergatz (–Lindau) wird in einem zweiten Schritt vom Bund die vollständige Elektrifizierung gefordert. Auf dem Abschnitt Augsburg–Kempten diene dies den Umleiterverkehren und damit der Stabilität im Netz, aber auch einer künftigen Wiederaufnahme des Fernverkehrs (bis Herbst 2025: IC Hamburg–Augsburg–Oberstdorf). Regierungsdirektor Florian Liese (Bayerisches Staatsministerium für Bau und Verkehr) erläuterte, die vom Freistaat vorgesehenen Elektrifizierungen seien „aufwärtskompatibel”; die Lücken könnten später geschlossen werden.
Auch die IHK Schwaben hatte sich – u.a. mit einem Gutachten bereits 2007 sowie 2015 in ihrer Stellungnahme zum aktuellen Bundesverkehrswegeplan – für die Elektrifizierung von Augsburg–Buchloe als wichtige Querverbindung zwischen den Linien München–Lindau und München–Stuttgart eingesetzt. IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Lucassen: „Mit den Vorschlägen aus dem Gutachten ist ein Anfang gemacht. Es braucht mittelfristig aber mindestens bis Buchloe, besser bis Kempten, eine durchgehende Elektrifizierung. Augsburg–Bobingen kann hierfür deshalb nur der ,Einstieg’ sein.”
„Der Bund macht zu wenig und zu langsam. Deswegen gehen wir als Freistaat in Vorleistung.”
Christian Bernreiter, Bayerischer Verkehrsminister
In einer Presseerklärung betonte der bayerische Verkehrsminister Christian Bernreiter: „Gemäß Grundgesetz ist eigentlich der Bund für die Schieneninfrastruktur zuständig, macht aber viel zu wenig und zu langsam. Deswegen gehen wir als Freistaat Bayern freiwillig in Vorleistung! Allein im vergangenen Jahr haben wir mehr als 80 Millionen Euro für die Planung von Streckenelektrifizierungen vertraglich zugesichert, um bei diesem wichtigen Thema voranzukommen. Auch in Schwaben wollen wir den Dieselbetrieb beenden und alle Linien auf elektrischen Betrieb oder Akku-Züge umstellen.“

Nadelöhr bei München-Pasing muss weg

Außerdem fordern Politik und Wirtschaft aus der Region in der Erklärung vom 25. Februar 2025, das „Nadelöhr” zwischen München-Pasing und Fürstenfeldbruck auszubauen, um für das Allgäu „stabile und zuverlässige Verbindungen in Richtung München und Schweiz” zu gewährleisten. Hier ist der Freistaat mit einem Planungsauftrag bereits in Vorleistung gegangen.

Jahrzehntelage Vorgeschichte

Die Elektrifizierung der Bahnstrecken im Allgäu hat eine jahrzehntelange Vorgeschichte: Schon Ende der 1980-er Jahre hatte die Politik die Elektrifizierung und den Ausbau von Ulm bis Oberstdorf für das Jahr 2000 zugesagt – nun aber soll es konkret werden. Folglich war bei der Vertragsunterzeichnung im Kurhaus in Fischen (Oberallgäu) viel vom „historischen Akt“ und vom „Paukenschlag fürs Allgäu“ (Bürgermeister Bruno Sauter) die Rede. „Die Zukunft der Bahn in Bayern ist elektrisch“, versprach Minister Bernreiter, und der bayerische Bahn-Konzernbevollmächtigte Heiko Büttner erklärte: „Wir läuten heute das Ende des Dieselbetriebs im Allgäu ein.“