IHK-MAGAZIN
Nr. 7187488
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Ein Mann steht in einer Logistikhalle mit einem Tablet in der Hand
Wie KI und Daten die Logistik verändern

Wie KI und Daten die Logistik verändern

In Lübeck rollt ein Trailer Richtung Fähre, die Software reserviert währenddessen den Platz auf dem Schiff. Rund 80 Kilometer weiter westlich in Kaltenkirchen transportiert ein autonomes Fahrzeug Ware durch die Lagerhalle. Diese zwei Szenen aus der Spedition Bode und von Jungheinrich vereinen ein Prinzip: Logistik wird zunehmend digital gesteuert.
Der Logistikdienstleister Spedition Bode GmbH & Co. KG mit Sitz in Reinfeld und Lübeck transportiert täglich Waren per Lkw, Zug und Schiff, unter anderem nach Schweden. Welcher Transportweg gewählt wird, hängt von Zeit, Wirtschaftlichkeit und dem Zusammenspiel der Verkehrsträger ab. Zentrales Werkzeug für Planung und Durchführung ist das digitale Transportmanagementsystem (TMS). Das aktuelle System beinhaltet laut Stev Etzrodt, einem der drei Geschäftsführer des Logistikdienstleisters, rund 120 Sonderschnittstellen. Diese braucht es, da eine Standardsoftware die Komplexität der Anforderungen von Bode nicht vollständig abdecken kann. Das Unternehmen beschäftigt deshalb vier IT-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die Systeme an die eigenen Prozesse anpassen.

Dank Telematik: Manpower und Zeit sparen

Bei einer Fährverbindung läuft beispielsweise die Buchung direkt über eine Schnittstelle zur Reederei. Ist dort ein bestimmtes Kontingent für Bode reserviert, wird der Platz digital gebucht und bestätigt. Der Fahrer erhält einen Code für die Hafeneinfahrt und erfährt am Gate, wo er den Trailer abstellen soll. Anschließend meldet das System automatisch zurück, ob der Trailer angekommen, verladen, abgefahren oder am Ziel eingetroffen ist. Etzrodt betont, dass diese Statusmeldungen automatisch ins Bode-TMS fließen – das spart manuelle Arbeit und reduziert Eingabefehler. Dass die Systeme zunehmend direkt miteinander kommunizieren, hat zahlreiche Vorteile. Per Geofencing kann etwa automatisch eine Nachricht an den Kunden ausgelöst werden, sobald sich ein Fahrzeug bis auf 100 Kilometer dem Ziel nähert. Die in Echtzeit übertragenen Telematikdaten zeigen nicht nur die Position eines Fahrzeugs, sondern auch verfügbare Lenkzeiten. Wenn ein Angestellter noch vier Stunden fahren darf, die Strecke aber fünf Stunden dauert, kann der Mitarbeiter dem Kunden unmittelbar Bescheid geben. Diese automatisierten Informationsprozesse sparen „unglaublich viel Manpower und Zeit“, so Etzrodt.
Im Oktober 2026 führt Bode ein neues TMS ein, das noch stärker auf Automatisierung ausgerichtet ist. Bei einer Verbindung etwa von Lübeck nach Stockholm soll das System dem Disponenten künftig übersichtlich zeigen, welche Variante aus Lkw, Schiff oder Zug hinsichtlich Zeit und Wirtschaftlichkeit sinnvoll ist. Das TMS wird dann nicht nur Informationen übertragen, sondern die KI wird Handlungsempfehlungen für die Mitarbeitenden von Bode ableiten und später bestimmte Entscheidungen selbstständig ausführen, etwa das Umbuchen bei einer Verspätung. „Wir werden von diesem Selbermachen und Tun hinkommen zu: Ich überwache und kontrolliere“, skizziert Stev Etzrodt die Zukunft der Arbeit bei Bode.

Digitale Zwillinge helfen im Hochregallager

Während digitale Systeme beim Reinfelder Logistikunternehmen den Warenfluss zwischen Standorten steuern, beginnt bei Jungheinrich die nächste Etappe smarter Logistik: die Bewegung der Ware innerhalb des Lagers. Wie das aussieht, zeigt sich im zentralen Ersatzteilzentrum des Intralogistikkonzerns in Kaltenkirchen. Bei einer Tour durch die Hallen bewegen sich leise surrend unterschiedliche Flurförderzeuge durch die Gänge – einige menschengesteuert, andere autonom. Sensoren erkennen, wenn eine Person ihren Fahrweg kreuzt. Barcodes und IT-Systeme verfolgen Paletten, Lagerplätze werden softwaregestützt gesteuert und Waren zunehmend ohne unmittelbaren menschlichen Eingriff bewegt.
Mit Blick auf die Entwicklung in den kommenden zehn Jahren sagt Stefan Hillienhoff, Senior Director Supply Chain Parts und Leiter des Standorts Kaltenkirchen bei Jungheinrich: „Ganz allgemein wird das Thema Automatisierung sicherlich weiter vorangeschritten sein. Man wird dann zum Beispiel noch mehr autonom fahrende Fahrzeuge antreffen. Davon gehe ich fest aus.“ Ein wesentlicher Treiber ist der Fachkräftemangel, der laut Hillienhoff in der Region bereits spürbar ist. Der demografische Wandel werde automatisierte Verfahren weiter beschleunigen.

Weltweite Ersatzteilversorgung aus Kaltenkirchen

Doch mit wachsender Automatisierung steigt auch die Abhängigkeit von funktionierender Technik. „Das ist natürlich ein großer Vertrauensbeweis, wenn man manuelle Prozesse automatisiert, weil man die Steuerung für diese Abläufe weitgehend abgibt“, sagt Hillienhoff. Fällt eine zentrale automatisierte Anlage aus, kann der gesamte Materialfluss ins Stocken geraten. Genau hier kommt Kaltenkirchen ein zweites Mal ins Spiel: Vom dortigen Zentrallager und einem Netzwerk aus sechs weiteren Regionallägern steuert Jungheinrich die Ersatzteilversorgung und beliefert seine rund 6.500 Kundendiensttechniker sowie viele weitere Kunden weltweit. Im überwiegenden Teil Europas können benötigte Teile über Nacht direkt in die Fahrzeuge des Technikpersonals geliefert werden.
„All das wird von hier aus gemacht, gesteuert und gemanagt – und das mit einem Servicelevel von über 98 Prozent“, erklärt Hillienhoff. Künstliche Intelligenz ist dabei längst Teil der Intralogistik. So hilft sie zum Beispiel im Wareneingang bei der Bilderkennung. Bei Prognosen und Optimierungen wird sie zur Analyse komplexer Datenstrukturen genutzt. Digitale Zwillinge großer Automatisierungslösungen ermöglichen es, Veränderungen zunächst virtuell zu erproben.
Der regionale Bezug von Jungheinrich reicht über Kaltenkirchen hinaus: Im Werk Norderstedt entstehen unter anderem Flurförderzeuge, Batterien, Ladegeräte sowie Steuerungen und Elektronik. Rund 1.400 Menschen arbeiten dort, in Produktion, Entwicklung und Test.
Ein Blick in die Prozesse von Spedition Bode und Jungheinrich zeigt eindrücklich, wohin die Reise geht: Die Logistik der Zukunft wird weniger von Hand gesteuert, sondern stärker von Daten. Sowohl auf dem Weg nach Skandinavien als auch zwischen den Regalen in Kaltenkirchen.
Autorin: Jennifer Fizia
Veröffentlicht: 29. September 2026