IHK-MAGAZIN
Nr. 7177456
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Holm: mewa-electronic

Charakter Unternehmer

Entscheiden, ohne zu wissen, ob es gutgeht. Persönlich ins Risiko gehen. Und sich von Erfolgsrezepten verabschieden, wenn sie nicht mehr funktionieren. Wer ein Unternehmen führt, kennt solche Momente. Georg Harder kennt ziemlich viele davon: Er ist 100 Jahre alt und seit Jahrzehnten Unternehmer. Sein Sohn Til führt heute das operative Geschäft der mewa electronic in Holm. Ein Gespräch über Mut und Risiko, Erfahrung und Veränderung – und darüber, was es eigentlich braucht, um Unternehmer zu sein.

Gestalten statt zuschauen

Mit 65 Jahren denken viele Menschen über den Ruhestand nach. Georg Harder kaufte ein Unternehmen.
Vielleicht sagt diese Entscheidung mehr über ihn aus als sein beeindruckender Lebenslauf davor. Harder hatte für internationale Unternehmen gearbeitet, Betriebe saniert und Verantwortung für große Belegschaften getragen. Vor allem aber hatte er dabei herausgefunden, was er wollte: gestalten.
Die Gelegenheit dazu bekam Harder einmal mehr mit 65. Damals verlangte er von den anderen drei Gesellschaftern eine Pensionszusage, wenn er sich verpflichten sollte, weitere zehn Jahre für die mewa tätig zu bleiben. Stattdessen boten sie ihm ihre Unternehmensanteile an.
„Das war mir ja noch viel lieber.“
Harder kaufte – und investierte noch einmal richtig.

Risiko gehört zum Geschäft

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Geschäftsführer Til Harder führt mewa electronic in zweiter Generation und treibt die internationale Entwicklung des Unternehmens voran.
Heute sitzt sein Sohn Til Harder mit am Tisch. Seit 2011 ist er im Unternehmen, inzwischen gehören ihm 52 Prozent der mewa electronic, das operative Geschäft liegt in seiner Verantwortung. Bei wichtigen Geschäften stimmen sich Senior und Junior trotzdem noch häufig ab.
Georg Harder bringt seine jahrzehntelange Erfahrung und sein Wissen über Finanzen ein. Sein Sohn die Bereitschaft, die Konsequenzen einer Entscheidung selbst zu tragen. „Ich kann es ab, auch für größere Beträge persönlich zu haften. Ohne schlecht zu schlafen.“

Nicht der schnelle Euro

Dabei sind die Harders keineswegs Hasardeure. Im Gegenteil. Sicherheit ist einer der Werte, auf denen ihr Unternehmen beruht. „Schließlich handeln wir mit Widerständen“, sagt Til Harder und lächelt.
Das Wortspiel passt. Denn zum Unternehmertum gehört für Vater und Sohn offenbar beides: Widerstände auszuhalten und ihnen nicht unnötig Vorschub zu leisten.
mewa macht keine Geschäfte mit Unternehmen, deren Menschen die Harders nicht kennen. Lieber verzichten sie auf den schnellen Euro und setzen auf langfristige Beziehungen. Vertrauen ist in ihrem Geschäft Teil des Erfolgsmodells.
Das Unternehmen beschafft heute Bauteile für Leiterplatten auf internationalen Märkten. Lieferketten verändern sich, Halbleiter werden knapp oder abgekündigt, Fälschungen professioneller. mewa muss darauf reagieren und Lösungen für seine Kunden finden. Aus dem früher produzierenden Unternehmen ist längst ein hoch spezialisierter Händler und Problemlöser geworden.
Stillstand wäre in diesem Markt keine konservative Entscheidung. Er wäre ein Risiko.

Anpassungsfähigkeit ist keine Altersfrage

„Uns beide persönlich, aber auch unser Unternehmen zeichnet eine hohe Anpassungsfähigkeit aus“, sagt Til Harder. Sein Vater internationalisierte das Geschäft, der Sohn treibt diese Entwicklung weiter und brachte insbesondere seine Kompetenz im Onlinehandel ein.
Der 100-Jährige überlässt die digitale Welt allerdings keineswegs einfach der nächsten Generation. „Mein Vater bedient noch heute fast alle unsere – nicht selten komplexen – Programme selbst“, erzählt Til Harder.
Wo andere irgendwann beschlossen haben, dass eine Entwicklung nichts mehr für sie sei, hat Georg Harder weitergemacht.
Er selbst formuliert das weniger grundsätzlich: „Ich musste immer findig sein.“ Wenn ein Geschäft nicht lief, suchte er ein anderes. Dann handelte er eben auch einmal mit Öfen oder Kameras.
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Von Halbleitern bis Spezialbauteilen: Til Harder sorgt dafür, dass Industriekunden die richtigen Komponenten zur richtigen Zeit erhalten.

„Good organizer, weak technician“

Über Georg Harder schrieb ein früherer amerikanischer Vorgesetzter einmal in seinen persönlichen Notizen: „good organizer, weak technician“.
Til Harder muss darüber nicht lange nachdenken: „Das beschreibt mich auch.“
Es ist vielleicht eines der schönsten Unternehmerkomplimente dieser Geschichte. Denn ein Unternehmen zu führen bedeutet nicht, selbst der beste Techniker, Ingenieur, Verkäufer oder Buchhalter sein zu müssen. Es bedeutet, Menschen und Fähigkeiten zusammenzubringen, Entwicklungen zu erkennen und Entscheidungen zu treffen.
Und manchmal bedeutet es auch, über sich selbst lachen zu können.
Bei einer Veranstaltung wurde Georg Harder einmal als „MdL“ angekündigt und entsprechend feierlich empfangen. Die Gastgeber hielten ihn für ein Mitglied des Landtags. Tatsächlich stand das Kürzel bei ihm für „Mitglied der Landesliga“ seines Tennisvereins.

Entscheiden, obwohl nicht alles entschieden ist

Hundert Jahre Lebenserfahrung haben aus Georg Harder offenbar keinen Mann gemacht, der glaubt, dass früher alles besser gewesen sei. Im Gegenteil. Sein Blick und der seines Sohnes richten sich nach vorn.
Til Harder wünscht sich mehr Mut auch für den Wirtschaftsstandort Deutschland: weniger Abwarten, mehr gemeinsame Entscheidungen von Politik und Wirtschaft, bessere Bedingungen für Innovationen und einen stärkeren Blick auf den Mittelstand.
Für das eigene Unternehmen hat er daraus längst Konsequenzen gezogen. „Wir als Unternehmen können nicht darauf warten, bis Deutschlands Wirtschaft sich stabilisiert hat.“ mewa baut deshalb das internationale Geschäft auf Kunden- wie auf Lieferantenseite weiter aus.
Georg Harder tut das seit einem Jahrhundert. Sein Sohn macht weiter.
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