IHK-MAGAZIN
Nr. 7152196
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Hansebelt: Interview mit Krisenmanager Ralf Marczoch

„Bereits kurze Stromausfälle können verherrende Folgen haben“

Wie Unternehmen sich bestmöglich auf Krisen- und Katastrophenfälle einstellen können, gehört zum Aufgabenfeld von Krisenmanager Ralf Marczoch. Im Interview erklärt der Diplom-Mathematiker und Geschäftsführer der mata:solutions gmbh in Hamburg, worauf es dabei ankommt.
Herr Marczoch, Sie sind seit vielen Jahren Experte für Krisenmanagement. Welche Krisen können ein Unternehmen überhaupt treffen?
Die größten Gefahren gehen aktuell von Ransomware-Angriffen aus, also Cyber-Angriffen mit der Verschlüsselung von Daten. Diese Angriffe können in kürzester Zeit ganze Unternehmen stilllegen und im schlimmsten Fall bis zur Insolvenz führen. Daneben gibt es Risiken in der Form von Sabotageversuchen und bei der Energieversorgung. Bei Blackouts können bereits kurze Stromausfälle verherrende Folgen haben. In den vergangenen Jahren kam es etwa in Spanien und Deutschland zu solchen Ausfällen. Da die Energiesysteme immer komplexer werden, steigt das Risiko. Generell ist Deutschland bei der Stabilität der Energieversorgung aber gut aufgestellt.
Sind Unternehmen in den vergangenen Jahren verletzlicher geworden?
Ja, vor allem weil Wirtschaft und Behörden immer vernetzter sind. Immer mehr Daten liegen auf zentralen Servern. Und immer mehr Kommunen und Behörden führen gemeinsame Systeme ein. Das Zentralisieren und Vernetzten ist gut, weil es Bürokratie abbaut. Gleichzeitig macht es uns aber auch angreifbarer. Ein anderer Punkt: In der Wirtschaft gibt es immer weniger Lagerhaltung. Unternehmen bestellen Komponenten heute just in time. Fällt einmal die Prozesskette aus – etwa wegen eines Blackouts oder Verkehrskollaps – trifft das Firmen heute härter, da sie leere Lager haben.
Wie können sich Unternehmen auf Krisen vorbereiten?
Auf jeden Fall mit einem Team, das sich methodisch eventuellen Krisen nähert. Es ist unmöglich, sich auf jede mögliche einzelne Krise vorzubereiten. Kommt ein Stromausfall etwa im Winter, hat es für Unternehmen der Lebensmittelindustrie beispielsweise andere Auswirkungen, als wenn der Ausfall im Sommer wäre. Besser ist es, die Auswirkungen einer Krise managen zu können. Darum geht es im Krisenmanagement. Von starren Plänen halte ich nicht viel. Ein gutes Beispiel ist Altkanzler Helmut Schmidt, der bei der Sturmflut 1962 die Bundeswehr hinzugezogen hat. Das war nicht nur ein Novum, sondern zum damaligen Zeitpunkt auch verfassungswidrig. Aber es hat vielen Menschen das Leben gerettet. Wir müssen flexibel bleiben.
Gibt es konkrete Möglichkeiten, sich auf Krisen vorzubereiten?
Es gibt Kommunen, die gemeinsame Notfallpläne erarbeiten. Also wenn eine Kommune ein Problem hat, stellt eine andere Kommune die passende Infrastruktur zur Verfügung. So kann mit einfachen Mitteln eine Rückfallebene gebildet werden. Das lässt sich gut auf die Wirtschaft übertragen: Unternehmen der gleichen Branche und mit ähnlichen Strukturen können sich Partnerbetriebe suchen, in denen sie ihre Produktion kurzzeitig auslagern könnten. Zum Beispiel, wenn die Produktion aufgrund eines Hackerangriffs ausfällt. Eine andere Möglichkeit ist, sich autarker aufzustellen. Viele Unternehmen haben Photovoltaik auf dem Dach und einen Speicher. Von einem Stromausfall wären sie dennoch betroffen, das ist vielen nicht bewusst. Wichtig ist, dass die Photovoltaikanalage netzunabhängig funktioniert. Dies lässt sich relativ einfach nachrüsten. Auch sind Laptops besser als Standrechner. Bei einem Stromausfall haben diese noch Akkukapazität und die Belegschaft bleibt für eine gewisse Zeit arbeitsfähig.
Wie erleben Sie in den Unternehmen das Bewusstsein für die Gefahr potenzieller Krisen?
In den vergangenen Jahren hat sich das Bewusstsein in den Firmen stark geändert. Vor der Coronapandemie waren nur wenige Führungsetagen offen für präventive Krisenseminare. Es gab Leute, die haben zu mir gesagt, das ist alles wie in einem James-Bond-Film. Heute, nach Corona, Hochwasser und Ukrainekrieg, ist das anders.
Sie geben Workshops im Krisenmanagement. Worum geht es dabei?
In Workshops geht es zuerst darum, der Chefetage aufzuzeigen, woran sie bei der etwaigen Krise denken müssen. Außerdem spielen wir realistische Szenarien durch. Was passiert etwa bei einem plötzlichen Personalausfall, der zum Beispiel durch Legionellen bedingt ist? Die Unternehmerinnen und Unternehmen müssen dann eine Lösung finden. Oder: Was passiert, wenn Produktionsanalgen an mehreren Standorten gleichzeitig ausfallen? Wo und wie managen wir solche Situationen, wie richten Unternehmen einen Notfallstab ein – um diese Punkte geht es. Trotzdem bleibe ich bei der Aussage: hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. In Extremsituationen ist es tendenziell möglich, dass Behörden Notstromaggregate beschlagnahmen und der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Das ist dann für das betroffene Unternehmen bitter. Das Beispiel zeigt, wie fragil gewisse Vorbereitungen sind. Auch haben vor Corona viele Unternehmen Krisenräume mit aufwendiger IT eingerichtet. Durch das Arbeiten im Homeoffice war diese Investition dann jedoch vielerorts umsonst. Beim Krisenmanagement geht es also immer um einen vernünftigen Mittelweg.
Welche Herausforderungen sehen Sie noch für die Zukunft?
Bei etwaigen Großeinsatzlagen oder Krisen werden viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch ihr ehrenamtliches Wirken in Freiwilligen Feuerwehren, Technischem Hilfswerk oder anderen Hilfsorganisationen eingespannt sein. Diese Kräfte stehen dann in einer ohnehin angespannten Situation ihren Arbeitgebern und Unternehmern mehrere Tage oder gar Wochen nicht zur Verfügung. Das gilt es so gut wie möglich für die Betriebe einzuplanen. Unternehmen sind gut beraten, sich hier schon mal eine Übersicht zu verschaffen.
Welche Rolle spielt die Belegschaft?
Unternehmen brauchen auch hier eine Notfall-/Krisenorganisation, die im Notfall verfügbar funktioniert. Also: Wer übernimmt für wen die Vertretung. Brauchen wir einen Schichtbetrieb? Wie verfügbar ist mein IT-Support? Große Aufmerksamkeit legen sollten Betriebe auf sogenannte Single Point of Failurealso Komponenten, ohne die nichts mehr geht, wenn sie ausfallen. Hier sollten Backups mitgedacht werden. Das können im Übrigen auch Personen sein. Zum Beispiel wenn der dienstälteste Mitarbeiter, Abläufe und Zugangsdaten auswendig weiß, sein Wissen aber nicht geteilt hat. Wenn diese Person ausfällt, ist das schlecht. Über wichtige Abläufe sollten mehrere Personen Kenntnis haben. Dazu gehört zum Beispiel auch die Buchhaltung: Wenn Gehälter nicht mehr überwiesen werden können, da der Buchhalter ausfällt, sinkt die Motivation in der Belegschaft rapide. Auch das kann für einen Betrieb schnell problematisch werden.
Welche Konflikte könnte es in Zukunft noch geben?
Wir reden im Krisenmanagement hierbei über schwarze Schwäne. Das sind Ereignisse, an die wir nicht gedacht haben, dass die eintreten können. Wenn ich die jetzt nennen könnte, wäre es eigentlich ein Widerspruch in sich. Aber es deutet vieles darauf hin, dass zum Beispiel Sonnenstürme häufiger und stärker werden. Diese sind in der Lage, auf der Erde Kommunikationssysteme langfristig zu stören. Aber sich hierauf vorzubereiten, ist fast unmöglich. Auch das Klima und Migrationsströme verändern sich absehbar. Zudem wird die Weltraumpolitik vieler Länder aggressiver. Diese Faktoren bringen unabsehbare Folgen für unseren Planeten.
Welche Anlaufstellen empfehlen Sie Unternehmen, die sich vorbereiten möchten?
Es gibt viele privatwirtschaftliche Anbieter. Beim Thema Cybersicherheit empfehle ich die Zentralen Ansprechstellen Cybercrime der Landeskriminalämter. Diese sind für Unternehmen, Behörden und Institutionen da, arbeiten und beraten unabhängig sowie länderübergreifend.
Interview: Benjamin Tietjen
Veröffentlicht: 25. August 2026