IHK-MAGAZIN
Nr. 7155512
7 min Lesezeit
Ausguck_Energiescouts-135
Energie-Scouts

Wenn Auszubildende Verantwortung übernehmen

Wer im Unternehmen nach Einsparmöglichkeiten sucht, denkt selten an Menschen, die erst wenige Wochen dabei sind. Doch genau dort schlummert oft ungeahntes Potenzial. Drei Unternehmen aus Schleswig-Holstein zeigen, was passiert, wenn Auszubildende Verantwortung übernehmen.
Die Auszubildenden Steven Fütterer und Vincent Voß analysieren bei der SHK Andreas Paulsen GmbH interne Abläufe und stießen auf ein Problem, das im Alltag niemand mehr hinterfragte: Für eine Lieferung von 100 Schrauben wurden 50 einzelne Kartons verschickt. Das Azubi-Team entwickelte eine Alternative und überzeugte damit nicht nur die Kolleginnen und Kollegen vor Ort, sondern auch die Jury des regionalen Wettbewerbs der Energie-Scouts der IHK zu Kiel. Sie belegten im vergangenen Jahr den ersten Platz.
In diesem Jahr ging der Sieg die Auszubildenden der WISKA Hoppmann GmbH: Leo Sarau, Katharina Tott und Jonas Mattick untersuchten Wärmeverluste an Fenstern und entwickelten Vorschläge, wie sich diese reduzieren lassen und setzten diese unter Anleitung in den darauffolgenden Wochen um.
Die Projekte könnten unterschiedlicher kaum sein. Das Prinzip dahinter ist jedoch dasselbe: Unternehmen geben ihren Auszubildenden ein reales Problem und die Freiheit, selbst nach Lösungen zu suchen. Oft entstehen genau dort Ideen, die im Betriebsalltag längst niemand mehr sieht.

Mitlaufen oder mitgestalten?

Oder anders gefragt: Welche Rolle sollen junge Menschen in unseren Unternehmen eigentlich spielen?
Wir diskutieren oft über fehlendes Engagement der jungen Generation. Seltener stellen wir uns die Frage: Wie viel Verantwortung geben wir Auszubildenden überhaupt?
Wer sich Mitarbeitende wünscht, die mitdenken, Probleme lösen und Verantwortung übernehmen, muss ihnen die Chance dazu geben. Genau hier setzen die Energie-Scouts der IHK an.
In mehreren Workshops erwerben Auszubildende Grundlagen rund um Energieeffizienz, Nachhaltigkeit und Projektarbeit. Anschließend analysieren sie eigenständig Abläufe in ihren Unternehmen, identifizieren Einsparpotenziale und entwickeln konkrete Verbesserungsvorschläge.
Am Ende präsentieren sie ihre Ergebnisse vor einer Jury und oft auch vor der eigenen Geschäftsführung.
Der Nutzen geht dabei weit über Energiefragen hinaus. Die Teilnehmenden lernen, Probleme zu erkennen, Informationen einzuholen, Lösungen zu entwickeln und ihre Ideen überzeugend zu vertreten. Unternehmen wiederum erhalten einen frischen Blick auf bestehende Abläufe und konkrete Impulse für Verbesserungen.
„Oft geht es nicht nur um die eingesparte Kilowattstunde. Es geht darum, dass junge Menschen erleben, wie ihre Ideen Wirkung entfalten können. Genau daraus entstehen Eigeninitiative, Verantwortungsbewusstsein und unternehmerisches Denken“, sagt Maria Erichsen, die das Projekt bei der IHK zu Kiel betreut.

Lernen beginnt dort, wo niemand die Antwort kennt

Der eigentliche Mehrwert der Energie-Scouts zeigt sich selten erst bei der Abschlusspräsentation. Er beginnt viel früher.
Bei SHK Andreas Paulsen in Kiel entstand die Lösung nicht am Schreibtisch, sondern im Betrieb. Die Auszubildenden gingen durch Lager und Abteilungen, sprachen mit Mitarbeitenden und hinterfragten Prozesse, die für andere längst selbstverständlich geworden waren. So stießen sie schließlich auf die aufwendig verpackten Schraubenlieferungen und entwickelten die Idee einer Mehrweg-Transportverpackung.
Die Herausforderung bestand nicht nur darin, ein passendes Thema zu finden. Die Auszubildenden mussten Ansprechpartner identifizieren, Informationen beschaffen und ihre Ideen im Unternehmen vorantreiben.
„Wir waren erstes Lehrjahr, ganz neu. Keiner kannte uns“, erinnert sich Fütterer.
Umso wichtiger sei die Erfahrung gewesen, mit Führungskräften und Fachabteilungen ins Gespräch zu kommen. Die Azubis präsentierten ihre Ergebnisse schließlich sogar vor der Geschäftsführung.
Es war interessant zu sehen, dass es sich bei den Geschäftsführern auch nur um Menschen handelt.
Ganz ähnliche Erfahrungen machten auch die diesjährigen Sieger von WISKA. Auch dort stand am Anfang keine fertige Lösung, sondern vor allem eine große Frage: Welches Thema eignet sich überhaupt?
„Am Anfang war das erstmal ganz schön viel“, erinnert sich Leo Sarau. Während andere Teams bereits konkrete Ideen hatten, suchten er, Katharina Tott und Jonas Mattick noch nach einem Ansatz, der sowohl nachhaltig als auch realistisch umsetzbar war. Die Energie-Scouts wurden dabei eng von André Bachrodt, Lean Manager bei WISKA, begleitet. „Mir ist wichtig, die Auszubildenden auf ihrem Weg zu unterstützen, ihnen aber nicht jede Lösung vorzugeben. Manchmal gehört auch eine Sackgasse dazu. Gerade aus solchen Rückschlägen lernen sie, neue Wege zu finden und selbstständig Lösungen zu entwickeln“, sagt Bachrodt.
Am Ende entschieden sie sich bewusst für ein Projekt, das sich tatsächlich im Unternehmen verändern ließ. Mithilfe einer Wärmebildkamera untersuchten die Auszubildenden Wärmeverluste an Fenstern und entwickelten konkrete Verbesserungsvorschläge. „Es war etwas, das man wirklich umsetzen konnte“, sagt Sarau über die Projektwahl.

Frische Ideen statt Betriebsblindheit

Neue Mitarbeitende sehen oft Dinge, die andere längst nicht mehr wahrnehmen. Sie bringen keine jahrelange Routine mit, aber einen frischen Blick.
SHK Andreas Paulsen und WISKA sind dafür gute Beispiele. Während die einen Transportverpackungen hinterfragten, richteten die anderen ihren Blick auf die Gebäudehülle. Beide Projekte entstanden aus Beobachtungen im Arbeitsalltag und führten zu konkreten Verbesserungen.
Ausguck_Energiescouts-87
Leo Sarau, Katharina Tott und Jonas Mattick stellen ein Fenster nach, um Wärmeverluste zu reduzieren. © copzright_adinamerkel
Bei SHK Andreas Paulsen wird die Idee inzwischen umgesetzt. Bei WISKA flossen die Ergebnisse in weitere Überlegungen zur energetischen Optimierung des Standorts ein.
Doch selbst wenn ein Projekt nicht sofort realisiert wird, bleibt ein wichtiger Effekt: Die Auszubildenden erleben, dass ihre Beobachtungen und Vorschläge ernst genommen werden.
„Gerade wenn da mal ein neuer Blick draufkommt, ist das einfach total super“, betont Julia Pöhls, Functional Lead Recruiting & Young Talent bei SHK Andreas Paulsen.
Für Unternehmen ist das ein doppelter Gewinn: Sie erhalten neue Perspektiven auf eingefahrene Prozesse und fördern gleichzeitig Mitarbeitende, die früh lernen, Verantwortung zu übernehmen.

Dass dafür weder große Produktionsanlagen noch komplexe Technik notwendig sind, zeigt die Kieler Agentur boy | Strategie und Kommunikation GmbH. „Wir sind als Büromäuse dahin gegangen“, erinnert sich Auszubildende Linda Glienke. Zwischen Industrieunternehmen und technischen Großprojekten rechneten sie und ihre Kollegin Nele Mylin kaum mit einer Platzierung. Mit ihrer Idee für Thermovorhänge an den einfach verglasten Fenstern ihres denkmalgeschützten Bürogebäudes erreichten sie dennoch den zweiten Platz im Wettbewerb.

Verantwortung als Teil der Ausbildung

Wie Unternehmen diese Chance nutzen, kann ganz unterschiedlich aussehen.
Bei SHK Andreas Paulsen meldeten sich die Auszubildenden freiwillig für das Projekt. Bei WISKA dagegen gehört die Teilnahme inzwischen fest zur Ausbildung.
Für Nachhaltigkeitsreferentin Elske Kelm ist das kein Zufall. Die Energie-Scouts seien nicht nur ein Instrument, um Einsparpotenziale zu finden. Sie vermitteln Fähigkeiten, die Unternehmen langfristig brauchen. „Nachhaltigkeit funktioniert nicht, wenn ich allein in meinem Büro die Themen bearbeite. Wichtig ist, dass die Themen im Unternehmen gelebt und mitgedacht werden.“
Die Azubis lernen dabei Projektmanagement, Kommunikation und Präsentation. Gleichzeitig erleben sie, dass ihre Ideen ernst genommen und sogar von der Geschäftsführung diskutiert werden.
Energie-Scouts: Jetzt mitmachen
Die Beispiele von SHK Andreas Paulsen, WISKA und boy zeigen: Gute Ideen entstehen oft dort, wo junge Mitarbeitende Verantwortung übernehmen dürfen. Unternehmen profitieren dabei gleich doppelt. Sie erhalten neue Impulse für mehr Energieeffizienz und Nachhaltigkeit und fördern gleichzeitig Eigeninitiative, Problemlösungskompetenz und unternehmerisches Denken bei ihren Auszubildenden.Die Energie-Scouts der IHK unterstützen Unternehmen dabei, dieses Potenzial zu nutzen. Interessierte Betriebe können ihre Auszubildenden bereits jetzt für den nächsten Durchgang anmelden. Hier anmelden!