Eine Offshore-Konverterplattform steht im Meer.
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Standort

„Tor zur Ostsee“ und zentrales Offshore-Kompentenzzentrum

Stefan Kapferer, CEO des Übertragungsnetzbetreibers 50Hertz, spricht im Interview über das geplante Rostock Offshore Quartier (ROQ) in Warnemünde und Großaufträge für die Neptun-Werft.
IHK zu Rostock: Wofür soll das geplante 'Rostock Offshore Quartier' in Warnemünde stehen, und welche Aufgaben werden von hier aus künftig gesteuert?
Stefan Kapferer: Das Rostock Offshore Quartier (ROQ) in unmittelbarer Nachbarschaft zur Neptun-Werft und zum Marinearsenal wird das zentrale Offshore-Kompetenzzentrum von 50Hertz und unser ‚Tor zur Ostsee‘. Von dort aus werden wir unsere Offshore-Netzanbindungen und Plattformen überwachen und steuern, maritime Einsätze koordinieren sowie Logistik, Materialversorgung und Instandhaltung organisieren – sowohl in der Ostsee als auch überwiegend später in der Nordsee.
Im ROQ werden nach Inbetriebnahme bis zu 180 Menschen in den verschiedenen Funktionsbereichen arbeiten. Es ist dann nach unserer Zentrale in Berlin und unserem Standort in Neuenhagen in Brandenburg der drittgrößte 50Hertz-Standort im Netzgebiet.
Welche Strategie verfolgt 50 Hertz damit?
Wir tragen damit dem Wachstum und den Anforderungen der Energiewende Rechnung. Vor 15 Jahren fing die Offshore-Entwicklung in der Ostsee mit dem Windpark Baltic 1 an. Der ist noch heute in Betrieb mit einer Leistung von knapp 50 Megawatt. Inzwischen sind allein in der deutschen Ostsee sechs Windparks in Betrieb mit einer Leistung von fast 2.000 Megawatt.
Damit sind die Anforderungen an Überwachung und Betriebsführung der Umspannwerke an Land und auf See und der Kabelanlagen erheblich gestiegen und wir können das nicht mehr über unser Regionalzentrum in Güstrow abwickeln und unser relativ kleines Materiallager im Rostocker Hafen. Darüber hinaus geht die Entwicklung auf der Ostsee – und für 50Hertz zukünftig auch auf der Nordsee – weiter.
Von welchen Projekten sprechen Sie konkret?
Aktuell laufen die Arbeiten für die Netzanbindung Ostwind 3 für den Windpark Windanker im Seegebiet nordöstlich Rügen auf Hochtouren. Für den Windpark Gennaker, der vor der Küste Fischland-Darß geplant ist, lassen wir gerade zwei Umspannplattformen bauen und arbeiten bereits an der Land- und Seetrasse. Das wird mit fast 1.000 MW-Leistung das bisher leistungsstärkste Windenergieprojekt in der Ostsee sein.
Und in den 2030er-Jahren werden weitere Offshore-Projekte in Betrieb gehen, die wir allein als deutscher Übertragungsnetzbetreiber oder gemeinsam mit europäischen Partnern im Baltischen Raum anschließen wollen. Das Projekt Bornholm Energy Island gemeinsam mit Dänemark ist schon am weitesten fortgeschritten und geht demnächst auch in die Genehmigungs- und in Dänemark bereits in die Bauphase.
Daraus folgt, dass wir dauerhaft Bedarf an einem leistungsstarken Standort an der Ostsee haben. Rostock bietet dafür ideale Voraussetzungen.
Können Sie uns einen kurzen Abriss ihrer Vorhaben vor Ort geben?
Das Grundstück für das ROQ hat eine Größe von über 25.000 Quadratmetern. Wir werden dort zwei Gebäude errichten, den Architekturwettbewerb hat das Rostocker Büro Bastmann+Zavracky gewonnen, die auf Gebäude der Kritischen Infrastruktur spezialisiert sind. Im westlichen Teil entsteht ein Verwaltungsgebäude auf mehreren Etagen mit sehr viel Licht und Elementen, die die maritime Umgebung aufnehmen. In diesem Gebäude bringen wir unter anderem unser Maritime Coordination Center (MCC) unter, das für die Seeraumüberwachung und die Einsatzplanung von Schiffen oder Helikoptern zuständig ist.
Außerdem wird dort unser Offshore Control Center (OCC) eingerichtet, gewissermaßen die kleine Schwester unserer zentralen Leitwarte in Neuenhagen. Im östlichen Teil des Areals werden wir ein großes Logistikzentrum mit Werkstätten und Lagerflächen zur Verfügung haben, um zum Beispiel Kabel auf großen Trommeln bevorraten zu können. Im Hafenbecken wird es zwei Liegeplätze für unsere Crew Transfer Vessel (CTV) geben für den Transport unserer Mitarbeitenden zu den Offshore-Plattformen. Und an der Kaikante können auch Schwerlastschiffe anlegen, um Kabel oder anderes schweres Gerät be- und entladen zu können.
Wie sieht Ihr konkreter Zeitplan aus?
In diesem Jahr haben wir die Ausführungsplanung abgeschlossen, die Baugenehmigung erhalten. Die Ausschreibung der Bauleistungen ist aktiv am Markt in Bearbeitung und wir beabsichtigen eine Vergabe Mitte 2027. Nach zwei Jahren Bauzeit rechnen wir mit einer Inbetriebnahme Ende 2029, etwas später als ursprünglich geplant.
Die Verzögerung resultiert aus den diversen zu erbringenden Vorleistungen der Hanse- und Universitätsstadt Rostock, da das ehemalige Werftgelände zunächst aufwändig saniert und erschlossen werden muss. Altlasten- und Kampfmittelberäumung, Ausbaggern des Hafenbeckens, Sanierung der Kaikante – um nur die wesentlichen Herausforderungen zu nennen.
Womit hat der Standort Rostock-Warnemünde überzeugt?
Genaugenommen geht es um zwei Aufträge für Projekte in der deutschen Nordsee. Im Zuge einer Ausschreibung hat sich ein Konsortium aus Siemens Energy, Neptun/Meyer-Werft und dem belgischen Stahlbauer und Werftbetreiber Smulders durchgesetzt, das Konvertersystem für das Netzanbindungssystem LanWin6 als eine Art Generalunternehmer für uns schlüsselfertig zu errichten.
Auf der Neptun-Werft entsteht das Gehäuse des Offshore-Konverters samt Innenleben, die stählerne Unterkonstruktion wird auf einer Werft in den Niederlanden gebaut. Bei solchen Ausschreibungen spielt natürlich der Preis eine entscheidende Rolle – aber auch das technische Gesamtkonzept mit hohen Eigenleistungsanteilen der Werft und dadurch Minimierung an Schnittstellen und Logistik hat überzeugt.
Das gilt auch für das zweite Projekt, das wir nach Warnemünde verlagert haben und das sich dann vor den LanWin6-Konverter schieben soll. Die Produktion des Offshore-Konverters für das Nordseeprojekt LanWin3 wird auch überwiegend in Rostock erfolgen.
Welche Synergien bietet der neue Standort für die wirtschaftliche Zusammenarbeit in der Region?
Das Auftragsvolumen für NSORe und damit für den Bau der beiden Konverterplattformen umfasst rund 2,5 Milliarden Euro. Das Geld fließt nicht komplett in die Region, ein kleinerer Teil geht in die Niederlande und nach Belgien für die Unterkonstruktion. Und der benötigte Stahl wird auch nicht in Mecklenburg-Vorpommern hergestellt.
Die Großaufträge lösen aber entlang der gesamten regionalen Lieferkette Investitionen, Aufträge und Beschäftigung aus und stärken Rostock als europäischen Standort für Offshore-Netzinfrastruktur und Energiewendetechnologien. Unser ROQ ergänzt diese Entwicklung, indem wir dort rund 90 Millionen Euro investieren.
Welche Rolle spielt der Standort in den Plänen von 50Hertz bei der Verknüpfung von Stromnetz und künftiger Wasserstoff-Infrastruktur?
Wasserstoff spielt eine zentrale Rolle, wenn Deutschland klimaneutral werden will. Diese Rolle geht unter anderem aus dem Netzentwicklungsplan Strom hervor, den die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber alle zwei Jahre fortschreiben und den die Bundesnetzagentur genehmigt. Dieser Plan wird inzwischen mit dem Netzentwicklungsplan Gas und Wasserstoff synchronisiert. Soweit die Theorie.
In der Praxis erweist sich der Hochlauf der Wasserstoff-Infrastruktur jedoch aus ökonomischen Gründen als äußerst schwierig. Es gibt zu wenige Abnehmer, weil Wasserstoff zu teuer ist. Wasserstoff ist teuer, weil es zu wenige Kunden gibt. Es ist eine politische Aufgabe, Lösungen für das Wirtschaftlichkeitsdilemma zu entwickeln. Was wir tun können, das tun wir. Elektrolyseure zu Herstellung von Wasserstoff brauchen Stromanschlüsse, und dafür haben wir die erforderliche Netzanschlusszusage im Raum Rostock erteilt. Aber unser ROQ hat keine explizite strategische Ausrichtung in Richtung Wasserstoff-Infrastruktur.