Globale Neuordnung: Wie die EU mit Handelsabkommen Märkte erschließt
Die EU treibt ihre Handelspolitik voran: Mit Indonesien wurde jüngst ein umfassendes Abkommen geschlossen, weitere Gespräche mit zahlreichen Staaten laufen. Bilaterale Verträge sollen neue Märkte erschließen, Lieferketten stabilisieren und der exportorientierten deutschen Wirtschaft Planungssicherheit bieten.
Nach dem Abschluss des Wirtschafts- und Investitionsschutzabkommens zwischen der EU und Indonesien hofft die deutsche Wirtschaft auf Fortschritte in weiteren Verhandlungen wie mit Indien. „Mit zahlreichen Staaten laufen aktuell Gespräche“, sagt DIHK-Handelspolitikexperte Klemens Kober.
Handelsabkommen seien wichtiger denn je, da sich viele Länder angesichts der US-Handelspolitik neu orientieren müssten. Zugleich sei unklar, wie verlässlich bestehende Regeln künftig bleiben – etwa beim Schutz geistigen Eigentums oder bei möglichen neuen Marktzugangshürden. Bilaterale Abkommen böten daher wichtige Planungssicherheit.
Indonesien: Durchbruch nach neun Jahren
Indonesien ist eine der wirtschaftsstärksten Volkswirtschaften Asiens. Nach neun Jahren Verhandlungen einigte sich die EU Ende September 2025 auf ein umfassendes Abkommen, das zentrale EU-Ausfuhren aus den Bereichen Automobil, Maschinenbau und Chemie von Zöllen befreit und die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sichert.
Indonesiens Präsident Prabowo Subianto und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen erzielten Mitte Juli 2025 eine politische Einigung über ein umfassendes Wirtschaftspartnerschaftsabkommen, das die Grundlage für ein Freihandelsabkommen bildet.
Besonders der Mittelstand leidet unter Zöllen, Importquoten oder zusätzlichen Zulassungsverfahren, die häufig zu bürokratischen Hürden führen. Für viele kleinere Unternehmen sind komplexe Zertifizierungsanforderungen kaum zu bewältigen.
Europa handelt selbstständig
Am schwersten wiegen laut Kober absolute Export- und Importverbote, die das WTO-Recht zwar weitgehend untersagt, deren Kontrolle aber schwierig ist. Da die WTO durch unterschiedliche Interessen und das Einstimmigkeitsprinzip blockiert ist, setzen viele Staaten zunehmend auf bilaterale oder regionale Abkommen. Deutschland ist wegen seiner starken Exportorientierung besonders auf offene Märkte angewiesen: Jeder vierte Arbeitsplatz hängt am Export, in der Industrie sogar jeder zweite. Die EU hat bereits Abkommen mit über 70 Ländern geschlossen und ist für ebenso viele Staaten wichtigster Handelspartner.
Indien als Schlüsselpartner
Ganz oben auf der EU-Agenda steht Indien – das bevölkerungsreichste Land der Welt mit hohen Wachstumsraten und einer jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung, besonders im Tech-Bereich. Für Deutschland ist das Land auch wegen des Fachkräftemangels interessant. Im geopolitischen Kontext der Entkopplung zwischen China und den USA gewinnt Indien als diversifizierter Handelspartner zusätzlich an Bedeutung.
Die EU strebt ein zeitnahes Handelsabkommen mit Indien - dem bevölkerungsreichsten Land der Erde - an. Die Bevölkerung ist jung und zunehmend gut ausgebildet. Einige deutsche Unternehmen sind bereits vor Ort, darunter das Nahrungsmittelunternehmen Oetker.
Ein Abschluss der Verhandlungen wird noch 2025 angestrebt, doch laut Kober müsse umfassender Marktzugang Vorrang vor Geschwindigkeit haben. Strittig ist beispielsweise die Frage, ob digitale Übertragungen künftig verzollt werden dürfen – Indien drängt auf ein Ende des WTO-Moratoriums.
Was die EU liefern muss
Die langen Verhandlungslaufzeiten zeigen, wie schwer Kompromisse fallen. Neben Handelsfragen bringt die EU oft umfangreiche Nachhaltigkeitsregeln ein, was in vielen Drittstaaten zu Vorbehalten führt. Kober fordert daher eine stärker interessenorientierte Handelspolitik und abschlussfähige Angebote. Nach Indien stehen besonders Südostasien – Malaysia, Philippinen, Thailand – sowie die Vereinigten Arabischen Emirate im Fokus, mit der Option einer Ausweitung auf den Golf-Kooperationsrat (GCC). Mit Australien standen die Gespräche 2023 kurz vor dem Abschluss; nun hofft die EU auf eine Wiederaufnahme. Mit dem Vereinigten Königreich laufen Verhandlungen über eine engere Kooperation im Zoll- und Energiebereich. In Afrika wurden Abkommen mit Nigeria, Senegal und Uganda ausgehandelt, aber noch nicht ratifiziert.
Was Handelsabkommen leisten sollen
Damit Unternehmen tatsächlich profitieren, müssen Abkommen praktikabel sein. Besonders die Ursprungsregeln – also die Definition, welches Land als Herkunft eines Produkts gilt – sollten einfach und unbürokratisch gestaltet sein. Zu hohe Dokumentationspflichten würden vor allem kleinere Firmen ausschließen. Zudem sollten Abkommen möglichst ähnliche Strukturen und Regeln enthalten, damit Unternehmen sich nicht ständig neu einarbeiten müssen.
Liebherr: „Wichtige Impulse für die Nachfrage unserer Produkte“
Auch Liebherr in Rostock bewertet Freihandelsabkommen als positiv. Das Unternehmen hat nach eigenen Angaben einen Exportanteil von rund 80 Prozent. „Durch Freihandelsabkommen können wir unsere Projekte schnell, effizient und wirtschaftlich abwickeln“, sagt Unternehmenssprecher Dieter Schmidt. „Hinzu kommt, dass unsere Kunden das Rückgrat der Lieferkette des globalen Handels bilden. Eine Reduzierung von Handelshemmnissen durch Freihandelsabkommen ermöglicht wichtige Impulse für die Nachfrage unserer Produkte und trägt zum Erfolg der allgemeinen Exporttätigkeit unserer Wirtschaft bei.“
Hintergrund
Die EU verfügt über Handelsabkommen mit über 70 Ländern und ist für ebenso viele Staaten wichtigster Handelspartner. Zu den jüngsten Erfolgen zählt das 2025 abgeschlossene Abkommen mit Indonesien sowie das 2022 ratifizierte CETA-Abkommen mit Kanada, das das Handelsvolumen um 50 % steigerte. Parallel führt die EU zahlreiche weitere Verhandlungen, vor allem mit Indien und Staaten in Südostasien, dem Golfraum, Australien und verschiedenen afrikanischen Ländern.
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Christina Heß
