Ein Mann arbeitet an einem Handwerksgerät, hinter ihm steht eine Frau und filmt ihn dabei.
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Kreativwirtschaft

Der Sound der Arbeit

Die Musikerin Brita Rehsöft hat die Geräusche in Handwerksbetrieben aufgenommen und daraus ein Musikstück und einen Film gemacht.
Wenn Arbeitsmaschinen Musik machen, klingt das ungefähr so: Der Vibrationsstampfer gibt den Takt an, die Fräsmaschine groovt, die Wäschetrommel plätschert, der Nadelstichdrucker rattert, die Handkreissäge kreischt. Diesen Sound der Arbeit hat Brita Rehsöft mit ihrem Projekt HÖRBAR-SOUNDS@WORK eingefangen. Die Musikerin engagiert sich im Netzwerk Kreative MV, dem Landesverband Kultur- und Kreativwirtschaft in Mecklenburg-Vorpommern.
Für ihr aktuelles Projekt hat sie, ausgestattet mit Handy und Aufnahmegerät, 2024 insgesamt 16 Unternehmen besucht, darunter Entsorgungsbetriebe, eine Autosattlerei, eine Wäscherei, eine Feinbäckerei, eine Autowerkstatt, eine Schmiede und viele mehr. Die Maschinen und Gerätschaften, die in den Betrieben im Einsatz sind, bestimmen den Rhythmus, aus dem sie ihr besonderes Musikstück arrangiert hat.

Wertschätzung für werktätige Arbeit

Brita Rehsöft verbindet in ihrer Arbeit als freiberufliche Künstlerin die Disziplinen Lehren, Singen, Komponieren, Filmen und Performance. Das aktuelle Projekt verbindet all das. Denn aus der Arbeit mit den Unternehmen ist nicht nur ein Musikstück, sondern auch ein Film entstanden.
Ich möchte den Bezug zur werktätigen Arbeit nicht verlieren.
„Die Idee, sich den Handwerksbetrieben auf diese Art künstlerisch zu nähern, war schon seit längerer Zeit in meinem Kopf. Als Musikerin reizte es mich einfach enorm, die Rhythmen und Sounds, die überall vorkommen, in einem künstlerischen Projekt zu verweben“, berichtet Brita Rehsöft.
Zudem ist das Projekt auch eine Annäherung an die Arbeiter in ihrer Familie, sagt die Künstlerin, die im mecklenburgischen Schönberg aufgewachsen ist. „Meine Großeltern waren Bauern, meine Oma hat Wäsche gemangelt. Ich möchte den Bezug zur werktätigen Arbeit nicht verlieren. Mit Menschen aus anderen Arbeitsleben zusammenzukommen, Wertschätzung für ihre Arbeit zeigen und offen für alles sein.“

Arbeiter bringen eigene Ideen ein

Und so startete sie im Juli 2024 ihre Tour durch die verschiedenen Betriebe. Die Ausflüge in die Produktion waren nicht nur für die Musikerin, sondern auch für die Arbeiter eine neue und manchmal auch spezielle Erfahrung. So habe sie auch eine gewisse Skepsis gespürt, als sie mit ihrem Aufnahmegerät neben den Arbeitsplätzen stand.
„Es war für einige Menschen komisch, dass jemand denkt, dass sich an seinem Arbeitsplatz etwas Interessantes zeigen kann. Viele meinten zu mir: ,Hier gibt‘s doch nichts zu hören‘“. Aber irgendwann hätten die Arbeiter vergessen, dass sie überhaupt da war und sich ihren Arbeiten gewidmet und seien so von allein in ihren gewohnten Rhythmus gekommen.
Eine Frau stehten einem Mischpult. Schräg hinter ihr ist eine Beamer-Leinwand aufgebaut.
Die Musikerin Brita Rehsöft möchte mit ihrem Projekt auch ihre Wertschätzung für werktätige Arbeit einfangen. © Sonja Filitz
So ging es auch Arno Ullrich in der Tischlerei Christoph Weiß. Der Azubi im dritten Lehrjahr erzählt, dass die Situation für ihn nach einigen Minuten in Ordnung war. Und, dass er durch diese Aufnahmen noch mal Geräusche in der Werkstatt wahrgenommen hat, die ihm vorher nicht aufgefallen waren. „Dass im Hintergrund ständig eine Uhr tickt, hatte ich bis dahin gar nicht gehört.“ Nun ist die Uhr auch Teil des Films.
„Ich habe es häufig erlebt, dass die Arbeiter durch mich den Sound ihrer Maschinen neu entdeckt haben“, sagt Brita Rehsöft. „Manche ließen sich darauf ein und kamen selbst auf die Idee, noch andere Maschinen anzuschalten.“

Projektgrundlage für Bildungsstätten

Insgesamt 16 Stunden Audioaufnahmen und mehr als 300 Filmschnipsel sind dabei entstanden. Daraus einen 50-minütigen Film zu schneiden, sei die größte Herausforderung gewesen, sagt Brita Rehsöft. Sehr oft habe sie die Aufnahmen angehört, um dann die Idee für Rhythmus und Sound der Komposition zu bekommen. Gemeinsam mit dem Tonmeister Thomas Reifner ist schließlich der Film HÖRBAR-SOUNDS@WORK entstanden.
Die Filmperformance ist nun kombinierbar mit Stimm- und Soundworkshops an ungewöhnlichen Orten, für Auszubildende, Technische Hochschulen und anderen Bildungsstätten. Arbeitsorte wie Mühlen, Wasserwerke, Fabrikhallen, Speicher, Tischlereien, Schmieden oder Schlossereien seien willkommene Spielplätze dafür, sagt die Künstlerin. „Grenzgänge und Begegnungen sind sehr erwünscht.“