Umfrageergebnisse Tourismuskonjunktur

Euphorie des Sommers erloschen, Zukunft ungewiss

Potsdam, 3. November 2020 – Einen Sommer wie in diesem Jahr hat die Tourismusbranche in Brandenburg noch nicht erlebt. Der Lockdown zur Eindämmung des COVID-19-Virus im Frühjahr führte zu Nachfragerückgängen von 42,5 Prozent bei den Übernachtungen und 50,5 Prozent bei den Ankünften im Vergleich zum Vorjahr. Das ergab die Umfrage zur Tourismuskonjunktur der IHK Potsdam, die vom 7. September bis 2. Oktober 2020 stattfand. Bereits im Frühjahr fiel der Geschäftsklimaindex (GKI)* für das Beherbergungsgewerbe auf ein historisches Tief von 10,8 Punkten. Die Herbstbefragung ergab einen wieder ansteigenden GKI mit 79,1 Punkten. Der gleiche Wert im Vorjahr lag bei 123,4 Punkten.
Beherbergungsgewerbe: Angst vor dem erneuten Lockdown hat sich bewahrheitet
Die IHK-Befragung im September bestätigte die positiven Auswirkungen der weltweiten Reisebeschränkungen nach Aufhebung des ersten Lockdowns auf den Tourismus in Deutschland und damit auch auf das Brandenburger Gastgewerbe. Alle Reisegebiete in Westbrandenburg meldeten wieder steigende Übernachtungszahlen. Dafür brach der Umsatz mit Geschäftsreisenden fast komplett ein. Die Hotels beklagen zusätzliche Umsatzverluste aufgrund ausbleibender Tagungen. Auch die Absagen von Klassenfahrten machten sich bemerkbar.
Demzufolge verbuchen nur 37 Prozent der märkischen Unternehmen eine gute Geschäftslage. Im Vergleichszeitraum 2019 waren es etwa 70 Prozent. In den kommenden Monaten erwarten mehr als die Hälfte der befragten Unternehmen eine schlechtere Geschäftsentwicklung. Die Furcht vor einem zweiten Lockdown, der nun eingetreten ist, ist in den Umfrageergebnissen im September schon eindeutig zu erkennen.
Gastronomiegewerbe: starke Umsatzeinbrüche
Die aktuelle Geschäftslage wird von 39,1 Prozent der befragten Unternehmen als schlecht eingeschätzt. Das ist eine Verschlechterung um 33,2 Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die erneuten Lockdown-Einschränkungen drohen die Konjunkturkurve weiter fallen zu lassen.
Waren bei den Beherbergungsbetrieben die Aussichten nach Beendigung des ersten Lockdowns zunächst optimistisch, halten sich die Erwartungen bei Gastronomiebetrieben auch nach dem Wiederanfahren der Wirtschaft zurück. Sowohl die Absagen von Familienfeiern als auch die Reduzierung der Kapazitäten aufgrund des einzuhaltenden Mindestabstandes führen zu hohen Umsatzverlusten. Die Umsätze des Sommers helfen normalerweise die konjunkturell schwächere Nebensaison zu überbrücken. Im bisherigen Jahresverlauf sank der reale Umsatz im brandenburgischen Gastgewerbe allerdings im Vergleich zum Vorjahr um fast 30 Prozent (Amt für Statistik Berlin-Brandenburg), was die Rücklagen weiter schrumpfen lässt. Die fehlenden Einnahmen aus dem Frühjahr können nicht aufgeholt werden.
Der bevorstehende Winter, beginnend mit dem erneuten Lockdown, verlangt von den Unternehmen hohes Durchhaltevermögen. Generell zählt das Gastgewerbe nicht zu den Branchen mit hohen Umsätzen. Hinzu kommt, dass der durchschnittliche Umsatz pro Jahr in Brandenburg mit 274.000 Euro deutlich geringer ist als im bundesdeutschen Schnitt (313.000 Euro). Die Innenfinanzierungskraft eines gastgewerblichen Betriebes in Brandenburg liegt fast 19.000 Euro unter dem Bundesdurchschnitt. Sowohl Investitionstätigkeiten, mögliche Inhabergehälter als auch weitere strategische Maßnahmen müssen mit einem Cash-Flow von rund 38.000 Euro pro Jahr finanziert werden. Im Bundesdurchschnitt stehen hierfür knapp 57.000 Euro zur Verfügung (Gastgewerbestudie Brandenburg 2019).
Fehlende Netzabdeckung und Geschwindigkeit
Auf die Zusatzfrage „Welche Hemmnisse sehen Sie für Ihr Unternehmen bei der Digitalisierung?“ nannten 56,2 Prozent der Firmen die mangelnde Netzabdeckung und Internetgeschwindigkeit als größtes Hemmnis – ein Dauerbrenner im Flächenland. Danach folgen die Höhe des Investitionsbedarfs (39,5 %) und die notwendige Qualifizierung der Beschäftigten (36,3%).
Reisebüros: Reiseverkauf fast komplett eingebrochen
Brandenburgs Reiseunternehmen befinden sich in einer schweren Krise. Aufgrund der weltweiten Reisebeschränkungen seit dem Frühjahr wurden so gut wie keine Reisen mehr verkauft. Eine weitere finanzielle Belastung waren die Provisionsrückzahlungen an die Touristikkonzerne. Allerdings hat die Krise den Verbrauchern die Vorteile einer Buchung im Reisebüro gezeigt. Die vorsichtige Öffnung des europäischen Reisemarktes im Sommer brachte den Firmen zwar eine leichte Erholung. Doch der Verlust des Verkaufs von gut nachgefragten Reisen, wie z.B. Kreuzfahrten und Fernreisen, bedeutet für 72,7 Prozent der befragten Unternehmen eine anhaltend schlechte wirtschaftliche Lage. Das Segment „Auslandsreisen“ wird von rund 55 Prozent als Risiko eingeschätzt. Jedes zweite märkische Reiseunternehmen erwartet schlechte Geschäfte mit Blick auf die anstehende Wintersaison. Die neuesten Reisebeschränkungen innerhalb Deutschlands und Europas, die die Branche weiter zurückwerfen, sind dabei noch unberücksichtigt.
Auch die Reisebüros wurden zu Trends und Hemmnissen im Bereich der Digitalisierung befragt. Dabei stach im Reisegewerbe die Höhe des Investitionsbedarfs als größtes Hemmnis heraus (39,5 Prozent). Hier ist finanzielle Unterstützung erforderlich, damit die Unternehmen bei Einführung von digitalem Know-How und mordernster Hardware im globalen Wettbewerb nicht abgehängt werden.

* Der Geschäftsklimaindex ist das geometrische Mittel der Salden aus positiven und negativen Einschätzungen der aktuellen und der erwarteten Geschäftslage (neutral=100).

Mehr zur Tourismuskonjunkturumfrage

Zweimal im Jahr werden Unternehmen des Gast- und Reisegewerbes um die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage in ihrem Unternehmen und zu ihren Erwartungen für die kommende Saison befragt. Dabei handelt es sich um Unternehmen, die im Gastgewerbe, also um Hotels, Gasthöfe, Ferienhäuser, Zimmervermittlungen, Restaurants, Caterer und sonstige Verpflegungsdienstleister, oder im Reisegewerbe, unter anderem Reiserveranstalter, Reisebüros und Omnisbusunternehmen, tätig sind.
Die aus der Umfrage gewonnen wichtigen Informationen zur aktuellen wirtschaftlichen Situation liefern ein reelles Abbild der Tourismuswirtschaft. Die Beurteilung der aktuellen Geschäftssituation, aber auch die Meinungen zu Sonderthemen bilden eine gute, wirksame Basis für die Interessenvertretung der regionalen Wirtschaft gegenüber der Politik und Verwaltung.