Konjunktur und Analysen
Konjunktur in Nord Westfalen – Frühjahr 2026
Die wirtschaftlichen Folgen des Nahost-Konflikts und die weiterhin schwierigen Standortbedingungen machen sich zunehmend auch in Nord-Westfalen bemerkbar. Im Frühjahr 2026 trübt sich das Wirtschaftsklima wieder ein – die wichtigsten Ergebnisse hier im Konjunkturbericht.
- IHK-Wirtschaftsklima stärker belastet
- Aktuelle Geschäftslage
- Geschäftsaussichten und Konjunkturrisiken
- Export
- Investitionen
- Beschäftigung
- Im Fokus: Finanzlage und Finanzierungssituation
- Fazit: Welche Forderungen an die Politik ergeben sich daraus?
- Welche Methodik steht hinter dem Konjunkturbericht?
- Was ist der IHK-Konjunkturbericht?
- Konjunktur im Ruhrgebiet
- Noch mehr Konjunktur
IHK-Wirtschaftsklima stärker belastet
Nachdem sich die Konjunktur zu Beginn dieses Jahres nach drei wachstumsschwachen Jahren zwar ohne Schwung aber zumindest stabil gezeigt hat, ist mit dem aktuellen Nahost-Konflikt eine zusätzliche Belastung für die Wirtschaft hinzugekommen. Steigende Preise, Lieferkettenprobleme und wachsende Unsicherheiten erhöhen den Druck. Je länger dieser neue Konflikt andauert, desto größer dürften die wirtschaftlichen Folgeschäden sein.
Die aktuelle Geschäftslage ist über alle Branchen betrachtet auf dem Niveau des Jahresbeginns geblieben. Doch mit dem neuerlichen Energiepreisschock blicken die Unternehmen jetzt wieder erheblich pessimistischer auf die kommenden Monate. Die sich andeutende vorsichtige Erholung dürfte demnach wieder ins Stocken geraten.
In der Gesamtschau sinkt der IHK-Konjunkturklimaindikator von 100 Punkten zu Jahresbeginn auf den Stand von 92 Punkten und entfernt sich deutlich vom langjährigen Durchschnitt (10 Jahre: 107). Angesichts erheblich gestiegener Risiken und unverändert schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen tendiert die Konjunktur in Nord-Westfalen flächendeckend nach unten. Der Abstand zwischen den Teilregionen Münsterland (Konjunkturklimaindikator: 100) und Emscher-Lippe-Region bleibt groß (Konjunkturklimaindikator: 73).
Aktuelle Geschäftslage
Die Lage in der Wirtschaft war bereits vor Ausbruch des Nahost-Konflikts schwierig. Doch immerhin gab es seit Anfang 2026 Anzeichen einer schwachen Erholung. Nach Berechnungen des Statistischen Bundesamts ist das deutsche Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal 2026 um etwa 0,3 Prozent gewachsen – ein positives, aber noch sehr begrenztes Signal. In diesem Jahr sollte es nach diesem Auftakt den einschlägigen Konjunkturprognosen zufolge eigentlich wieder bergauf gehen können, getragen vor allem durch staatliche Milliardenausgaben zur Modernisierung der Infrastruktur und für Verteidigung.
Nach den aktuellen Umfrageergebnissen sieht es in der Gesamtbetrachtung eher nach einer weiter anhaltenden Stagnation aus. Das Lageurteil verharrt nunmehr das fünfte Mal in Folge auf konstantem Niveau. Jeweils rund ein Viertel der Unternehmen berichtet von guten oder schlechten Geschäften. Der Anteil der Negativ-Urteile liegt seit dem Herbst 2024 kontinuierlich bei rund 25 Prozent und damit deutlich höher als in früheren Umfragen.
Weiterhin schwach läuft seit einigen Jahren die Industriekonjunktur – zumindest hat sich in Nord-Westfalen die Lage in der Industrie aber nicht weiter verschlechtert. Der Lagesaldo (aus positiven und negativen Beurteilungen) hat sich von minus 18 auf minus sechs Punkte positiv entwickelt. Ob der Abwärtstrend gestoppt werden kann, scheint angesichts der neuen Belastungen eher unwahrscheinlich. Nach wie vor überwiegen die negativen Lageurteile. Mehr als jedes vierte Unternehmen (28 Prozent) ist mit seinen Geschäften nicht zufrieden.
Ähnlich sieht es im Handel aus. Erneut dürfte hier die Konsumzurückhaltung der Verbraucher zu Buche schlagen. In dieser Branche ist auch der Anteil der zufriedenen Stimmen besonders gering. Der Lagesaldo liegt mit minus zehn Punkten unter dem Durchschnitt aller Branchen. Am günstigsten fällt, wie so oft, das Lageurteil im Dienstleistungssektor aus – getrieben unter anderem von Unternehmen, die Lösungen im Bereich der Künstlichen Intelligenz entwickeln.
Geschäftsaussichten und Konjunkturrisiken
Die wirtschaftlichen Folgen des Nahost-Konflikts werden hierzulande unmittelbar sichtbar bei den Energiepreisen. Die globale Verknappung von Gas und Öl trifft Wirtschaft wie Verbraucher. Das wurde schon an der Zapfsäule sichtbar mit einem starken Anstieg von Benzin- und Dieselpreisen – nach und nach verteuern sich auch andere Produkte, da die Hersteller die höheren Kosten an ihre Kunden weitergeben müssen.
Aber auch die Lieferketten geraten unter Druck. Über die blockierte Straße von Hormus fließen normalerweise weitere wichtige Vorprodukte, zum Beispiel für die Halbleiter- oder Medizintechnik. Dort können ebenfalls Engpässe entstehen. Höhere Energiepreise treiben darüber hinaus die allgemeine Inflation, was zu sinkenden Realeinkommen führen und sich letztendlich in schwächerem Konsum niederschlagen kann.
Somit sind die Energie- und Rohstoffpreise derzeit das zentrale Konjunkturrisiko in Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region. Drei von vier Unternehmen (72 Prozent der Befragten, Industrie und Bauwirtschaft 86 Prozent) geben dies an.
Hinzu kommen nach wie vor ungelösten Probleme: Die Unzufriedenheit mit den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen ist nicht kleiner geworden (61 Prozent der Nennungen). Hinzu kommen hohe Arbeitskosten (57 Prozent der Nennungen) und schwache Nachfrage beziehungsweise Auftragslage (Inland: 57 Prozent, Ausland: 35 Prozent).
Die Unternehmensunsicherheit steigt und Zuversicht für die nächsten Monate kommt kaum auf. Fast jedes dritte Unternehmen (29 Prozent) rechnet mit einer wirtschaftlichen Verschlechterung in den nächsten Monaten. Gleichzeitig sind die Konjunkturoptimisten deutlich in der Minderheit: Lediglich 15 Prozent gehen von wirtschaftlicher Erholung aus.
Mit anhaltender Stagnation rechnen mehr als die Hälfte der Befragten (56 Prozent). Insbesondere unter den Händlern haben sich die wirtschaftlichen Perspektiven deutlich eingetrübt, 38 Prozent erwarten schlechtere Geschäfte.
Export
Nach den Zollschocks wirkt nun der Nahost-Konflikt als zusätzliche Bremse für den Exportsektor, wobei indirekte Effekte über die Weltwirtschaft entscheidend sind. Schwächeres globales Wachstum und geringere Exportnachfrage dämpfen das Geschäft. Entsprechend wurde die DIHK-Exportprognose 2026 deutlich nach unten korrigiert: Statt des ursprünglich erwarteten Exportwachstums von einem Prozent rechnet die Deutsche Industrie- und Handelskammer (DIHK) nun mit einer Stagnation im deutschen Außenhandel.
Die drohende Exportstagnation dürfte auch für Nordrhein-Westfalen als exportintensives Bundesland spürbare Folgen haben. Eine solche Entwicklung ist für ein Land, dessen wirtschaftliche Stärke traditionell auf dem Außenhandel beruht beziehungsweise davon abhängig ist, eine ernste Warnung.
Die Außenhandelsschwäche zeigt sich deutlich im nord-westfälischen Exportsaldo: Die Ergebnisse liegen in den letzten Umfragen regelmäßig im negativen Bereich. Aktuell rechnen nur 12 Prozent der nord-westfälischen Exporteure mit Besserung, 26 Prozent erwarten geringere Exporte.
Investitionen
Zudem steigt mit den geopolitischen Risiken die Unternehmensunsicherheit – und das bremst Investitionen. Unternehmen verschieben oder streichen Projekte, solange die Rahmenbedingungen unklar sind. Die Investitionsdynamik bleibt in Nord-Westfalen gering und hat sich aktuell nochmals vermindert. Jedes dritte Unternehmen will das Investitionsbudget in den nächsten Monaten weiter zurückfahren. Der Anteil der Betriebe, die ihr Budget aufstocken wollen, ist seit dem Jahresbeginn von 27 Prozent auf nunmehr 22 Prozent gesunken.
Neben Ersatzbeschaffungen (69 Prozent) stehen bei den Investitionsmotiven auch Rationalisierungen klar im Fokus (38 Prozent), insbesondere in der Industrie (52 Prozent). Produktinnovation als zukunftsorientiertes Motiv wird von 30 Prozent der Betriebe angegeben, bei den unternehmensnahen Dienstleistern sind es erfreulicherweise sogar 50 Prozent.
Die anhaltende Investitionsschwäche zeigt einmal mehr, wie wichtig es ist, zentrale Strukturreformen voranzubringen.
Beschäftigung
Lange Zeit konnten sich die Beschäftigtenzahlen gut sehen lassen, doch auch damit ist es jetzt wohl vorbei – zumindest in Teilen der Wirtschaft. Bei den Industriebeschäftigten ist es im vergangenen Jahr weiter bergab gegangen: Von September 2022 bis September 2025 hat Nord-Westfalen 8.400 Industrie-Arbeitsplätze verloren (Münsterland -3,7 Prozent, Emscher-Lippe -5,9 Prozent). Insgesamt ist die Beschäftigung im letzten Jahr (Stand September 2025) gegenüber dem Vorjahr um 0,2 Prozent gestiegen. Das bedeutet einen Zuwachs um 2.500 Arbeitskräfte (von 1.016.500 auf 1.019.000).
Insgesamt entstehen weiterhin wenige neue Stellen. In der aktuellen Umfrage gibt ein Viertel der Betriebe an, den Personalstand in den kommenden Monaten verringern zu müssen. Bei den Großbetrieben sind es sogar 35 Prozent – und die Auswirkungen unter Umständen entsprechend gravierender. Auch im Handel muss mit Arbeitsplatzabbau gerechnet werden. Demgegenüber stehen lediglich 14 Prozent der Unternehmen, die ihre Beschäftigtenzahl aufstocken wollen.
Im Fokus: Finanzlage und Finanzierungssituation
Regelmäßig werden die Unternehmen in Nord-Westfalen ergänzend zu ihrer finanziellen Situation befragt. Noch bleibt der Unternehmenssektor insgesamt widerstandsfähig. Für die Mehrheit ist die Lage unproblematisch (54 Prozent) – allerdings mit deutlichen Unterschieden zwischen den Branchen (Industrie 62, Handel 46 Prozent). Doch der Anteil („unproblematisch“) wird von Mal zu Mal kleiner: Vor gut vier Jahren, Anfang des Jahres 2022, lag der Anteil noch bei 82 Prozent.
Die Ertragslage steht unter dem Eindruck der Krisen der letzten Jahre. Sie hat sich im Zuge der schwachen Konjunktur und des hohen Kostendrucks verschlechtert (Quelle: Deutsche Bundesbank).
Die Unternehmensinsolvenzen sind gestiegen: Im Jahr 2025 erreichten die Zahlen den höchsten Stand seit 2015. Sowohl deutschlandweit als auch in Nord-Westfalen. Hier lag die Zahl bei zuletzt fast 1.000 Insolvenzen (Quelle: IT.NRW). Dies spiegelt sich auch in den aktuell in der Umfrage benannten Finanzproblemen: Bei jedem fünften Unternehmen sind Liquiditätsengpässe (21 Prozent) und eine Verringerung des Eigenkapitals (19 Prozent) ein Problem.
Grundsätzlich bleibt die Finanzstruktur vieler Unternehmen solide aufgestellt. Eigenkapitalquoten und Liquidität sind relativ hoch. Insgesamt haben sich die Eigenkapitalquoten im Mittelstand in den vergangenen Krisenjahren überraschend positiv entwickelt. Der Anteil eigenkapitalschwacher Unternehmen sinkt, während immer mehr Betriebe eine hohe Eigenkapitalquote aufweisen (Eigenkapitalquote über 30 Prozent). Gleichzeitig ist der Anteil eigenkapitalschwacher Unternehmen mit weniger als 10 Prozent Eigenkapital zurückgegangen.
Nach Einschätzung von Creditreform ist diese Entwicklung kein Ausdruck steigender Gewinne, sondern spiegelt die Zurückhaltung der Unternehmen bei Investitionen. Bankkredite, etwa zur Erweiterung des Anlagevermögens, wurden seltener nachgefragt oder nicht verlängert. Entsprechend ist die Eigenkapitalquote gestiegen.
Fazit: Welche Forderungen an die Politik ergeben sich daraus?
Reformvorschläge IHK/DIHK
Pressemeldung der IHK Nord Westfalen vom 6. Mai 2026 “Wirtschaft fordert weitere mutige Reformen”
Pressemeldung der DIHK vom 13. Mai 2026 “Umfassendes Reformpaket notwendig”
#StandortUpgrade2026: Reformfelder für eine stärkere Wirtschaft
Welche Methodik steht hinter dem Konjunkturbericht?
Die Befragung fand im Zeitraum vom 15. April 2026 bis zum 8. Mai 2026 statt, von 600 repräsentativ befragten Unternehmen aus allen Wirtschaftsbereichen in Industrie, Handel und Dienstleistungen haben 260 geantwortet. Die IHK Nord Westfalen nutzt in ihrer Konjunkturumfrage übliche Verfahren der Marktforschung. Aus der Grundgesamtheit der gewerblichen Wirtschaft zieht die IHK eine repräsentative Auswahl von Unternehmen („geschichtete Stichprobe“). Dabei erfolgt die Selektion der Unternehmen spiegelbildlich zur Wirtschaftsstruktur im IHK-Bezirk (nach Branchen, Teilräumen und Unternehmensgrößenklassen). Die Konjunkturumfragen sind Panelerhebungen. Das heißt, dass weitestgehend derselbe Kreis von Unternehmen in regelmäßigen Abständen befragt wird. Die Verwendung eines Panels hat den Vorteil, dass eine Änderung der Konjunktureinschätzung eindeutig auf eine andere Urteilsbildung zurückzuführen ist und nicht auf eine zufällig andere Zusammensetzung der Stichprobe. Das Fragenprogramm der Konjunkturumfragen ist speziell darauf ausgerichtet, diejenigen Größen abzufragen, die ein möglichst gutes Stimmungsbild der konjunkturellen Situation liefern. Der konstante Kernfragenkatalog erfasst Geschäftslage, Geschäftsaussichten, Konjunkturrisiken, Exporterwartungen, Investitions- und Beschäftigungsplanungen. Konjunkturindikatoren aus Umfragedaten sind für die Diagnose der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung von großer Bedeutung. Schließlich nehmen ökonomische Verhaltensweisen der Unternehmer – zum Beispiel ihre Ausgaben für Investitionen oder ihre Personalentwicklungsstrategien – selbst ganz entscheidenden Einfluss oder aber sie reagieren auf neue konjunkturelle Impulse.Was ist der IHK-Konjunkturbericht?
Die IHK Nord Westfalen befragt regelmäßig eine repräsentative Auswahl ihrer Mitgliedsunternehmen zur wirtschaftlichen Lage und zu ihren Erwartungen. Die Ergebnisse münden in den Konjunkturbericht der IHK Nord Westfalen. Er liefert die einzige umfassende Gesamtdarstellung der konjunkturellen Entwicklung der Region. Insbesondere durch den langfristigen Vergleich der wesentlichen Umfrageergebnisse erhält die IHK Nord Westfalen ein wichtiges Instrument zur Konjunktureinschätzung – grafisch präsentiert durch den IHK-Konjunkturklimaindikator. Darüber hinaus fließen die Ergebnisse in den bundesweiten Konjunkturbericht der DIHK, der auch vom Sachverständigenrat berücksichtigt wird. Auf Basis der Antworten von rund 23.000 Unternehmen bündelt die DIHK die Konjunkturdaten aller Industrie- und Handelskammern im Bundesgebiet.
Konjunktur im Ruhrgebiet
Gemeinsam mit den Industrie- und Handelskammern des Ruhrgebiets (IHK Mittleres Ruhrgebiet, IHK Dortmund, IHK Duisburg, IHK Essen) veröffentlicht die IHK Nord Westfalen zweimal im Jahr den konjunkturellen Bericht für das Ruhrgebiet. Im Jahr 2026 geschieht dies federführend durch die IHK Dortmund.
