IHK-Jahresbericht 2025
Nr. 6792086
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Person hält Getreide in der Hand und lässt es vor großen Silos und roten LKWs durch die Finger rieseln.

Wettbewerbsfähigkeit stärken: Investitionsbedingungen

Die Unternehmen der Region haben derzeit überwiegend das Investieren eingestellt oder auf das Nötigste beschränkt. Ohne Investitionen heute gibt es jedoch kein Wirtschaftswachstum morgen. Die Prognosen hinsichtlich des Potentialwachstums der nächsten Jahre zeichnen diesen fortgesetzten Stagnationstrend bereits jetzt ab. Um diesen Teufelskreis zu verlassen, gilt es bei den Hemmnissen anzusetzen: hohe, standortbedingte Kosten, langwierige Genehmigungsverfahren und erhebliche Planungsunsicherheiten machen Investitionen zunehmend unattraktiv. Auch ist die Steuerbelastung neuer Investitionsprojekte im internationalen Vergleich zu hoch.

Neujahrsempfang: Deutschland braucht neue Wettbewerbsfähigkeit

Beim Neujahresempfang der IHK Halle-Dessau am 15. Januar 2025 diskutierten mehr als 500 Gäste aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Verwaltung und Medien vor allem darüber, wie Deutschland zur Wettbewerbsfähigkeit zurückkehren kann.
Während der Debatte im Anhaltischen Theater (Dessau-Roßlau) kamen dafür auf Basis verschiedener Perspektiven zur aktuellen Wirtschaftslage mögliche Lösungen auf den Tisch. IHK-Präsident Sascha Gläßer setzte den Ton und verwies darauf, dass Deutschland die Lösung seiner Probleme selbst in der Hand habe.
Den Fokus legte er dabei auf besonders drängende Probleme, wie hohe Energiepreise, Fachkräftemangel und Bürokratie. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff hob die Bedeutung stabiler Industriearbeitsplätze hervor, während Bundesaußenminister a.D., Sigmar Gabriel den Blick auf die globale Wirtschaft richtete. Hier sei eine starke deutsche und europäische Position wichtiger denn je.
In der folgenden Podiumsdiskussion plädierten Prof. Dr. Dr. h.c. Clemens Fuest, Dr. Susanne Gaschke und Prof. Dr. Thomas Brockmeier für Reformen, um das Investitionsklima zu verbessern und bürokratische Hürden abzubauen. Sascha Gläßer lud anschließend ein, das IHK Jahresthema 2025 “Wettbewerbsfähigkeit stärken” aktiv zu begleiten und sich einzumischen.

Im Interview: Wir haben die Pflicht, uns einzumischen!

Rund um den Jahreswechsel 2024/2025 war die Stimmung der deutschen Wirtschaft auf einem neuen Tiefpunkt angekommen. Der ifo-Geschäftsklimaindex sank auf den niedrigsten Wert seit der Corona-Rezession 2020.
IHK-Präsident Sascha Gläßer war trotzdem weit davon entfernt, den Kopf in den Sand zu stecken. In Interviews zeichnete er ein Bild davon, wie Deutschland seine Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen könne. Sein Befund:
Die Schwäche der deutschen Wirtschaft ist chronisch geworden. Wenn wir unseren Wohlstand erhalten wollen, kann es nicht so bleiben wie es ist. Nehmen Sie etwa die Chemieindustrie, das Herzstück der Wirtschaft in Sachsen-Anhalt: Infolge der Energiekrise ohnehin in schwerem Fahrwasser, kommen ja auch weitere Belastungsfaktoren mit der überbordenden Bürokratie und den viel zu hohen Unternehmenssteuern hinzu. Nicht zu vergessen ist die politische Unsicherheit angesichts des Regierungswechsels.
Gläßer machte aber auch deutlich:
Viele Unternehmer trotzen diesen Turbulenzen mit Anpassungsstrategien, treiben den Umbau voran und versuchen, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden. Diese Haltung und das damit verbundene sichtbare Übernehmen von Verantwortung nötigt mir Respekt ab und macht Mut.
Sascha Gläßers Credo: Wir haben die Pflicht, uns einzumischen!

Wahldialog: Schnelles Handeln der Bundespolitik gefragt

Was in der öffentlichen Debatte vor der Bundestagswahl oft zu kurz kam, beim IHK-Wahldialog am 13. Februar 2025 im Mitteldeutschen Druck- und Verlagshaus Halle stand die Frage danach im Mittelpunkt: Auswege aus der Wirtschaftskrise.
© IHK Halle-Dessau/Uwe Köhn
Grundlage für die Diskussion waren die von der IHK-Vollversammlung am 20. Januar 2025 beschlossenen Positionen zur Bundestagswahl. An Thementischen zu Bildung, Bürokratieabbau, Energie und Klima, Fachkräfte, Infrastruktur, Internationales sowie Technologie und Innovation diskutierten die Kandidaten Christoph Bernstiel (CDU), Janina Böttger (Die Linke), Dr. Marcus Faber (FDP), Martin Kröber (SPD), Catalina Möwes (Volt), Steffi Lemke (Bündnis 90/Die Grünen), Martin Reichardt (AfD) und Claudia Wittig (BSW) mit ca. 100 Unternehmern aus der Region.
IHK-Vizepräsident Jörg Schlichting wollte etwa als einer von acht Themenpaten von den Politikern wissen, was ihre ersten drei Maßnahmen in diesem Politikfeld wären, wenn sie in Verantwortung gelangen. Prioritäten in der Bildungspolitik wurden ebenso leidenschaftlich diskutiert wie bei der Infrastruktursanierung. Landeten die Kandidaten bei Floskeln, wurde engagiert nachgefragt und nachgehakt.
Nicht nur für IHK-Präsident Sascha Gläser ein Format mit Zukunft: Haltungen und Motivationen wurden im Gespräch deutlicher, wenn auch nicht immer nachvollziehbarer. Probleme aus dem Unternehmensalltag kamen ohne Umwege auf den Tisch.
Inzwischen sind Janina Böttger, Martin Kröber, Steffi Lemke und Martin Reichardt in den 21. Deutschen Bundestag gewählt. Sie begleitete angesichts der komplizierten Wirtschaftslage vor allem eine Botschaft: Regierungsverantwortung ist dieses Mal nicht mit einer Schonfrist von 100 Tagen verbunden. Die neue Bundesregierung müsse Weichen für eine Wettbewerbsfähigkeit als Grundlage zukünftigen Wachstum stellen. Nur so ließe sich der Wohlstand in Deutschland sichern.

Saalemühle Alsleben: Wettbewerbsfähigkeit leidet unter bürokratischen Hürden

Woran scheitern Investitionen zur Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit in Deutschland? Oft an Bürokratie. Das erlebt auch Anja Twietmeyer, Prokuristin der Saalemühle in Alsleben. Die Saalemühle setzt auf nachhaltige Produkte, Energieeffizienz, kontinuierliche Ausbildung von neuen Arbeitskräften und unterstützt über eigene Blühflächen sogar den Erhalt der Artenvielfalt.
Trotz dieser vielen positiven Faktoren und einer dynamischen Entwicklung fühlt sich das Unternehmen bei geplanten Betriebserweiterungen häufig ausgebremst. Ursache sind die oft schleppende und unplanbare Genehmigungspraxis von Behörden, etwa bei nötigen Anträgen zur Änderung bestehender Bebauungspläne.
Im Extremfall können sich Genehmigungsverfahren hier bis zu zehn Jahren hinziehen. Solche bürokratischen Hürden hindern nicht nur die Mühlengruppe daran, notwendige Investitionen zu tätigen und ihre Wettbewerbsfähigkeit auszubauen. Mehr dazu im Interview mit Anja Twietmeyer (nicht barrierefrei, PDF-Datei · 5958 KB) “Weniger reden, mehr machen!” im IHK Magazin Mitteldeutsche Wirtschaft MiWi auf Seite 14.
Hier etwas zu ändern, darauf drängt das IHK-Jahresthema 2025 “Wettbewerbskraft stärken”: im Rahmen der Kampagne begleitet die IHK einen Neustart in Deutschland und arbeitet aktiv daran mit, dass Rahmenbedingungen Wettbewerbsfähigkeit ermöglichen und nicht länger behindern.

Unternehmer aus ganz Deutschland: Mittelstandsausschuss der Deutschen Industrie- und Handelskammer vor Ort

Am 26. und 27. Juni 2025 tagte der DIHK-Mittelstandsausschuss in Halle (Saale). Erstmalig überhaupt im Osten des Landes. IHK-Präsident Sascha Gläßer stellte Stärken und Bedarfe der Wirtschaft der Region vor.
Gruppe von Personen steht vor einem historischen weißen Gebäude und hört einer Person zu, die spricht.
© IHK Halle-Dessau/Uwe Köhn
Prof. Reint E. Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), erklärte, wie Deutschland angesichts von Fachkräftemangel und Wachstumsschwäche zu mehr Produktivität gezwungen ist.
Auch Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Sven Schulze nahm sich Zeit für einen offenen Austausch. Die Mitglieder des Ausschusses werteten das als starkes Zeichen für die Bedeutung des Mittelstands in der Landespolitik.
Vorher hatten die Unternehmer aus ganz Deutschland bereits einen führenden Hersteller von Ultraschalltechnologie und die Leopoldina – Nationale Akademie der Wissenschaften besucht. Der Vor-Ort-Termin kam auf Betreiben von Jörg Schlichting, selbst Mitglied des DIHK-Mittelstandsausschusses und Vizepräsident der IHK Halle-Dessau, zustande.