Zivil-militärische Zusammenarbeit
Unternehmen und Gesamtverteidigung
Verteidigungsfähigkeit ist keine rein militärische Aufgabe. Deutschland ist auf leistungsfähige Verkehrswege, funktionierende Energie- und Kommunikationsnetze, stabile Lieferketten, industrielle Kapazitäten und zahlreiche zivile Dienstleistungen angewiesen. Wirtschaft und Staat müssen deshalb enger zusammenspielen.
Der Operationsplan Deutschland
Der Operationsplan Deutschland, kurz OPLAN DEU, ist ein wesentliches militärisches Element der deutschen Gesamtverteidigung. Er beschreibt, wie die zentralen militärischen Aufgaben der Landes- und Bündnisverteidigung in Deutschland mit staatlichen und zivilen Unterstützungsleistungen verbunden werden. Dabei betrachtet der Plan unterschiedliche Eskalationsstufen von der hybriden Bedrohungslage bis zum Krisen- und Verteidigungsfall.
Eine besondere Bedeutung hat Deutschlands geografische Lage in der Mitte Europas. Im Bündnisfall muss die Bundesrepublik als Drehscheibe der NATO die Verlegung und Versorgung eigener und verbündeter Streitkräfte ermöglichen. Nach den öffentlich zugänglichen Planungen könnten innerhalb von sechs Monaten bis zu 800.000 alliierte Soldatinnen und Soldaten sowie 200.000 Fahrzeuge durch Deutschland bewegt werden. Dafür werden unter anderem Transport- und Umschlagkapazitäten, Unterbringung, Verpflegung, Kraftstoffe, Instandhaltung und medizinische Versorgung benötigt. Viele dieser Leistungen können nur gemeinsam mit zivilen und gewerblichen Partnern erbracht werden.
Der OPLAN DEU ist im Detail geheim und wird kontinuierlich weiterentwickelt. Er ist kein öffentliches Pflichtenheft für Unternehmen und regelt auch nicht sämtliche Bereiche der zivilen Verteidigung oder den allgemeinen Schutz Kritischer Infrastrukturen. Konkrete Bedarfe der Bundeswehr werden je nach Leistung und Situation über Vereinbarungen, Rahmen- oder Vorhalteverträge sowie weitere rechtliche Grundlagen abgesichert.
Wirtschaft als Teil der Gesamtverteidigung
Die Bedarfe reichen weit über die klassische Verteidigungsindustrie hinaus. Für die Funktionsfähigkeit und Versorgung der Streitkräfte sind Leistungen aus zahlreichen Wirtschaftsbereichen erforderlich:
- Transport und Logistik: Verlegung, Umschlag, Lagerung und Versorgung
- Energie und Kommunikation: Strom, Kraftstoffe, Telekommunikation und digitale Infrastruktur
- Bau und Versorgung: Gebäude, Verkehrswege, Unterbringung, Lebensmittel und Gesundheitsleistungen
- Industrie und Handwerk: Komponenten, Werkstoffe, Ersatzteile, Maschinen, Wartung und Instandsetzung
- Dienstleistungen: technische, logistische und weitere spezialisierte Unterstützungsleistungen
Entscheidend ist dabei nicht nur, dass Kapazitäten vorhanden sind. Sie müssen im Bedarfsfall verlässlich verfügbar, skalierbar und auch unter erschwerten Bedingungen aufrechterhalten werden können. Gesamtverteidigung betrifft deshalb Unternehmen unterschiedlichster Branchen, insbesondere auch solche, die sich bislang nicht mit Defence beschäftigt haben.
Europäische Lieferketten und Handlungsfähigkeit stärken
Verteidigungsfähigkeit hängt zunehmend davon ab, ob benötigte Technologien, Materialien, Komponenten und Produktionskapazitäten innerhalb Europas und des Bündnisses verfügbar sind. Die NATO setzt deshalb verstärkt auf widerstandsfähige und diversifizierte Lieferketten, zusätzliche Produktionskapazitäten, gemeinsame Standards und eine engere industrielle Zusammenarbeit.
Gleichzeitig verfolgt die Europäische Union das Ziel, kritische Abhängigkeiten zu reduzieren, gemeinsame Beschaffung auszubauen und die europäische industrielle Basis zu stärken. Dabei geht es nicht um eine Abkehr von der transatlantischen Zusammenarbeit. Mehr europäische Handlungsfähigkeit stärkt vielmehr die NATO, wenn europäische Partner einen größeren Teil der notwendigen industriellen, technologischen und logistischen Fähigkeiten selbst bereitstellen können.
Für Unternehmen entstehen daraus neue Anforderungen, aber auch Kooperationsmöglichkeiten entlang europäischer Wertschöpfungsketten. Lieferfähigkeit, alternative Bezugsquellen, interoperable Lösungen und grenzüberschreitende Partnerschaften gewinnen weiter an Bedeutung.
Was bedeutet das für Unternehmen?
Nicht jedes Unternehmen wird unmittelbar für die Bundeswehr tätig. Dennoch lohnt sich die Prüfung, ob eigene Produkte, Dienstleistungen oder Kapazitäten für Versorgung, Mobilität, Infrastruktur oder industrielle Leistungsfähigkeit relevant sein könnten. Ebenso wichtig ist die Frage, wie belastbar eigene Lieferketten sind, ob Kapazitäten kurzfristig ausgeweitet werden können und wo kritische Abhängigkeiten von einzelnen Lieferanten oder Drittstaaten bestehen.
Informationen zum konkreten Einstieg in den Markt, zu Ausschreibungen und Lieferantenbeziehungen finden Sie unter Marktzugang, Beschaffung und Lieferketten. Wie Unternehmen ihre eigene Widerstandsfähigkeit stärken können, erläutert die Seite Wirtschaftsschutz und Krisenvorsorge.